Unser Problem mit Köln

Deutschland will nach den Kölner Vorfällen kriminelle Ausländer schneller ausweisen. Das ist ein schlechtes Zeichen für die Schweiz. Weder die Migrationsfrage noch sexuelle Gewalt dürfen in diesem Zerrspiegel reflektiert werden.

Sexuelle Gewalt? Flüchtlingsdebatte? Die Politik hat massiven Aufholbedarf – aber das darf nicht im demagogischen Zerrspiegel der Kölner Vorfälle geschehen.

(Bild: Darien Sanchez / iStock)

Deutschland will nach den Kölner Vorfällen kriminelle Ausländer schneller ausweisen. Das ist ein schlechtes Zeichen für die Schweiz. Weder die Migrationsfrage noch sexuelle Gewalt dürfen in diesem Zerrspiegel reflektiert werden.

Wir haben da ein Problem. Das Problem heisst Köln. Also, genau genommen heisst das Problem eigentlich gar nicht Köln. Es heisst Sexismus, Gewalt, Migration, Flüchtlingspolitik, Polarisierung, Isolation.

Na gut, noch genauer genommen haben wir da nicht nur ein Problem. Wir haben ein ganzes Pulverfass davon. Hausgemacht, beste Qualität. Köln war nur der Funke.

Dass sexuelle Gewalt zum Thema wird, ist richtig. Dass Frauen sich äussern, dass die zur Normalität gewordenen Anzeigen an die Öffentlichkeit gelangen. Das ist überfällig. Aber der Zeitpunkt ist unendlich falsch.

Es ist lächerlich, das alles gleichzeitig diskutieren zu wollen.

Denn Köln zeigt vor allem eines: unsere heillose Überforderung. Unsere Überforderung im Umgang mit sexueller Gewalt und unsere Überforderung mit der Frage der Migration im 21. Jahrhundert. 

Köln ist der schlechtmöglichste Anlass zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt, um Sexismus, Gewalt und die europäische Flüchtlingspolitik zu diskutieren. Mal abgesehen davon, dass es lächerlich ist, das alles gleichzeitig diskutieren zu wollen. Also entwirren wir.

Am Dienstag teilte der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD) mit, dass Deutschland Frauen vor sexualisierter Gewalt mittels Gesetzesverschärfung besser schützen wolle. Am Dienstag aber teilte die deutsche Bundesregierung auch mit, dass kriminelle Ausländer künftig schneller ausgewiesen werden sollen.

Die deutsche Reaktion ist ein schlechtes Zeichen für die Schweiz.

Es ist die direkte Reaktion auf Köln, wo an Silvester am Hauptbahnhof zahlreiche sexuelle Belästigungen durch ausländische Personen stattgefunden haben. Bislang kommen laut den Ermittlern hauptsächlich Männer aus Nordafrika als Täter in Frage.

Die deutsche Reaktion zur schnelleren Ausschaffung ist ein schlechtes Zeichen für die Schweiz. Am 28. Februar stimmen wir über die Durchsetzungsinitiative ab, die äusserst radikal fordert, dass Ausländer selbst bei Bagatellfällen sofort und automatisch auszuschaffen seien. Die Initiative ist so extrem, dass alle grossen Parteien sie ablehnen. Von ihnen kämpft mit der SVP nur die Erfinderin der Initiative für ein Ja.

Im hiesigen Abstimmungskampf wird Köln kaum eine wesentliche Rolle spielen. Dafür ist die deutsche Stadt am Rhein dann doch zu weit weg. Köln muss das aber auch nicht.

Denn die Botschaft von Sexismus, Gewalt und Fremdenhass ist stark genug: Kriminelle Ausländer begrabschen unsere Töchter und die lokalen Sicherheitskräfte erscheinen machtlos.

Wir haben da also ein Problem. Aber das Problem heisst gar nicht Köln.

Sexismus, Gewalt, Migration. Die Mischung ist perfekt. So perfekt, dass ein Funke wie Köln Herz und Verstand ebenfalls explodieren lässt.

Die Leidtragenden? Die Migranten, über deren Köpfen sich der diffuse Generalverdacht der Kriminalisierung erhärtet. Die Gesellschaft, die der Radikalisierung durch ihre eigenen Besitzstandsängste zum Opfer fällt. Und die Opfer von sexueller Gewalt, deren langjährige Anliegen Populisten nun instrumentalisieren.

Wir haben da also ein Problem und das heisst nicht Köln. Unser vordergründiges, eigenes Problem heisst Durchsetzungsinitiative und reitet auf einer Welle der Radikalisierung. Dabei geht es vor allem ums Durchsetzen machtpolitischer und isolationistischer Interessen. Mit ernsthafter Migrationspolitik oder einem aktiven Beitrag zur Flüchtlingsfrage hat das so wenig zu tun wie mit dem Kampf gegen sexuelle Gewalt.

Besser, wenn die Kölner Silvesternacht nicht als Stichwortgeber für Migrationspolitik hinhalten muss. Oder für eine längst überfällige Debatte über sexuelle Gewalt. Was in Köln passiert ist, ist widerlich und menschenverachtend. Doch genau so verachtend ist es, wenn wir unsere drängenden Probleme jetzt im Zerrspiegel dieses Vorfalls betrachten und uns selbst radikalisieren lassen.

Konversation

  1. @Gina Meier: Der Arzt kann dem Patienten nur helfen, indem er ihn als Individuum ansieht und zu diesem speziellen Menschen seine Diagnose stellt und gerade nicht aufgrund verallgemeinernder Vorurteile.
    Aber danke für das Argument.

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  2. @Esther
    Logik ist weder kalt noch warm sie ist neutral. Das wäre in vielen Bereichen wichtig. Ein Arzt entscheidet nicht mag ich den Patienten, er hilft einfach.

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  3. @Gina Meier:
    Das Schönste und erschreckendste am Menschen ist, dass man ihn mit kalter Logik nie verstehen wird. Logisch sind nur Konstrukte, die wir uns durch Reduktion von Komplexitäten basteln, logisch sind nur diese allereinfachsten „Wahrheiten“, welche Ideologen und Extremisten aller Lager so sehr mögen, weil es keine Zweifel gibt und keine Verunsicherung.
    Kriege können mit Logik begründet werden. Liebe nicht.
    Trotzdem weiss ich, was ich lieber als Grundlage des Zusammenlebens habe, auch wenn’s manchmal furchtbar anstrengend ist.

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  4. @s chrötli
    Glücklicherweise auch ausserhalb meines stillen Kämmerleins. Nennt man Meinungsfreiheit. Scheint neben Logik heutzutage ein rares Gut zu sein.

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  5. @gina meier

    in Ihrem stillen kämmerlein dürfen Sie doch so viel glauben und so wenig wissen, wie immer es Ihnen beliebt. von mir aus auch, dass sich der globus ums rütli dreht und die islamisten grad den mond klauen – sei’s drum.
    wenn Sie damit allerdings Ihr coming out untermauern, kann’s passieren, dass andere anderes zu wissen glauben. und ich glaube zb zu wissen, dass man glauben nicht gegen glauben aufrechnen sollte oder im namen der religion begangene untaten gegen untaten.

    das ist dann irgendwie aufklärung, okay?

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  6. @ s chrötli, bestimmt ist ihnen aufgefallen dass es seit dem Mittelalter eine Entwicklung gab. Aufklärung, Trennung Kirche und Stast etc…. Wohingegen der extremistische Islam eben keine Reformation durchgemacht hat.
    Und zu den Kreuzzügen, Ursache des ersten Kreuzzuges war dass man das von den Arabern (islamische Expansion) eingenommen Gebiete zurückgewinnen wollte. Der Bevölkerung erginge nicht anders als den Ungläubigen heute im Islamischen Staat. Geschichte und Tatsachen, wenn Sie das umschreiben wollen wenden Sie sich an andere Stellen.

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  7. @gina meier

    bestimmt ist Ihnen auch sofort aufgefallen, dass ja da die inquisition noch fehlt – jene wunderbar christlich-klerikale zeit, wo die menschen noch aktiv zum glauben ermuntert wurden … mittels ans kreuz flechten, ertränken und so glatte sachen – vielleicht erinnert Sie das ja an was bestimmtes?
    jaja, auch das christlich-fundamentale maul-tier macht «scharr, I-AH»

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  8. @gina meier

    bitte hören Sie auf mit diesen grundfalschen einseitigen schuldzuweisungen.
    immerhin gab’s mal die kreuzzüge und ähnliche spässchen … der klerus war stets munter dabei, wenn’s was zu kolonialisieren gab. mitunter wurde mal südamerika in portuguisische/spanische territorien halbiert eingesegnet. die übrigen kolonialmächte befassten sich mit der restwelt.
    der rein säkulare staat ist eine späte blüte der christlichen einflussbereiche – und vermutlich ist’s schierer zufall, dass weder hitler noch mussolini je heilig gesprochen wurden.
    die relgion hat bei der befriedung kaum je eine rolle gespielt – konträr jedoch massiv.

    «urbs et gorbs» & «intsch ala»

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  9. @ Sandro Monti. Lesen Sie mal den Koran oder besser noch die «Sharia für Nicht-Muslime» von Dr. Bill Warner., wenn Sie 1600 Jahre Geschichte der Islamische Expansion nicht überzeugt. Mohammed selbst hat ja immer wieder Kriege/Feldzüge gegen die Ungläubigen geführt und wie wir sehen, tun das Teile seiner Anhänger bis Heute sprichwort Islamischer Staat. Vielleicht darf man auch bei aller Toleranz nicht vergessen, dass es meist gar keine Mehrheit braucht um Angst und Schrecken zu Verbreiten, um Demokratien in Diktaturen zu verwandeln.

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  10. @ Toni Lötscher:
    Kinder! Jede Menge Kinder!
    Davon haben wir hier in Mitteleuropa grossen Mangel.

    Ich glaube aber nicht, dass eine Religion Krieg per se produziert. Selbst beim Benzin brauchts noch ein Zündfunken dazu.
    Kriege ist Sache des Menchen, Menschen lassen sich halt zum Krieg verführen. Dann gibt es eine ganze Menge Leute, die am Krieg verdienen, zum Beispiel auch damals die eidgenössischen Landvögte, indem sie die alpentälischen Bauernsöhne als Söldner an diverse Könige verhökerten.
    …oder die RUAG, die auch keine Spielzeugwaffen verkauft ans Ausland, – sondern echte! Die Schweizer Handgranaten sollen ja echt gut sein….

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