«Ich kann es einfach» – Rudy Kink ist Drummer, Roadie und Label-Chef

Wenn er mal wieder in Basel ist, spielt er meist auch hier. Denn seit Rudy Kink seine Handwerkerkarriere an den Nagel gehängt hat, lebt er als Dienstleister für Musiker und Drummer seiner Band.

Der Drummer von Sons of Morpheus gibt auch auf Tour mit anderen Bands den Takt an.

Egal, in welcher Stadt Rudy Kink den Tourbus verlässt: Seine struppige Mähne bändigen weder Wind noch Wetter noch die enge Schlafkoje des Nightliners. Unkaputtbar scheint auch das Grinsen darunter. Vielleicht ist es auch die Freude, nach kurzen Nächten on the road mal wieder in Basel zu stoppen. Kink ist seit Ende 2017 im Tour-Team von Zeal & Ardor.

«Ich schaue, dass die Shows stattfinden», umreisst er kurz seine Job-Description: Guitar-Tech, Drum-Roadie, Monitor-Mixer, Stage-Chef in Personalunion. Dazu kommen die Aufgaben als Tour-Manager neben der Bühne – oder vor dem Bus. Darum blinzelt er nach dem Aufwachen nur kurz in die Sonne, setzt die dunkle Brille auf und beginnt, Gepäck und Technik-Equipment aus den unteren Ladeluken des Nightliners auf das Trottoir zu zerren.

Bereit zum Zupacken

Vom Øl- zum Öl-Behälter: der stilecht mit Gaffer-Tape gebündelte Pitcher-Stapel.

Als die Band peu à peu aus den Schlafkojen in die Mittagssonne stolpert, trennt Kink längst die dreckige von der frischen Wäsche. Daneben stapelt er fein säuberlich eine ansehnliche Zahl Plastik-Pitcher. Die leeren Bier-Eimerchen entlocken den Musikern ein Stöhnen – leidvolle Erinnerungslaute an die Tour-Abschlussfeier am Hellfest, 10’000 Besucher feierten während des Konzerts mit der Band. Sie scheinen danach auf jeden Fan einzeln getrunken zu haben. Sprüche fallen, während Kink trocken kommentiert: «Die Pitcher sind perfekt für den Ölwechsel am Bandvan.» In zwei Tagen rollt er wieder mit dem kleineren Mobil los, als Drummer seiner eigenen Band, den Sons of Morpheus.

Doch erst muss alles Material in den Luftschutzkeller-Proberaum im 2. UG. Auch als meistgebuchter Newcomer der europäischen Sommerfestivals proben Zeal & Ardor in der Schweiz zu unterirdischen Konditionen. Alle packen nach Kräften an. Am meisten Energie hat klar Kink. Seine Körperhaltung ist typisch für Roadies. Was bei Fussballern die O-Beine, sind bei ihnen die Oberkörper: die Ellbogen leicht angewinkelt, wirken die Arme allzeit bereit zum Zupacken.

Ist der Bus leer, kommt der Hänger dran.

Als Bus und Anhänger endlich entleert und alle mit Umarmung verabschiedet sind, bietet ein Kaffee am Petersplatz Entspannung und Zeit für ein Gespräch, zumindest kurz. «Um fünf will ich meine Frau von der Arbeit abholen», setzt Kink den Rahmen. Das wirkt nach dem ersten Living-the-wild-life-on-the-road-Eindruck überraschend bürgerlich. «Die Hochzeit war nur aus Freude!», erklärt Kink die Beweggründe. Weiter will er darauf nicht eingehen.

Heimspiel im Z7

Lieber spricht er über das Fuzz Jam Festival am Samstag, das er im Z7 organisiert. Zum zweiten Mal präsentiert er dort fünf Bands von Stoner Rock bis Doom, «die das Fuzz-Pedal durchdrücken, bis es richtig geil klingt». Ihn selbst wird neben der Organisation auch der Drummer-Job bei den Sons of Morpheus beschäftigen – bis der Schweiss die Mähne zum Erliegen bringt. Die Tage davor ist das Trio auf Tour. Geht das vor so einem grossen Anlass? «Ach, dort wird schon alles klappen», winkt Kink ab und lehnt sich locker zurück. Er kennt die Beteiligten. Veranstaltungen im Z7 sind eine Art Heimspiel.

Nochmals alles Material zählen, ob nichts fehlt, bevor der Nightliner wieder abdüst.

Die Konzerthalle war eine Art Basis für Kink, als er 2015 seine Leidenschaft für Bands und Musik zum Beruf gemacht hat. Einen Übertitel für all seine Jobs gibt es nicht. Dementsprechend auch keine geregelte Ausbildung. «Ich kann es einfach», nennt er grinsend seine Qualifikation. Genauer wäre wohl: Er macht es einfach. Schon von klein auf: «Mein erstes Festival organisierte ich mit neun Jahren.» Auf Nachfrage relativiert Kink, dass er bei dem Festival in der damaligen Nachbarschaft in Binningen dann doch nur die Lichttechnik bediente. Kurz darauf startete er die erste Band, «The Ikosaeders – wie der 20-seitige Würfel.»

Er organisierte weiter Festivals und baute Bühnen – erst für «ein Crew-Shirt und einen Gratis-Eintritt», später auch für Geld. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nach der Schule aber als Anlage- und Apparatebauer. Schnell war er Bau-, Werkstatt-, dann Abteilungsleiter. «Erst wollte ich wohl auch dort Karriere machen», erinnert er sich und schüttelt das struppige Haupt.

Parallel zum 100-Prozent-Job gründete er das Label Sixteentimes Music und baute ein Studio. «Da kein Label The Ikosaeders wollte, bauten wir halt alles selber auf», so Kink. Die Band löste sich dennoch auf. Geblieben sind nicht nur «ein paar Hundert CDs» und das Label – auch sein Künstlername stammt aus jener Zeit. «Aus Verzweiflung», so Kink. Denn eigentlich heisst Rudy Brunner: «Aber bei Auslandtelefonaten buchstabierst du dich damit dumm und dämlich.»

Der Stil spielt keine Rolle

International ausgerichtet war bald auch der Fokus seiner Bands: Folk, Ska, Pop, Hip-Hop, Soul und natürlich Rock, vor allem die schwereren Varianten – das musikalische Spektrum seiner Formationen ist schneller aufgezählt als alle Namen. «Ich versuchte viele Jahre, etwas zu reissen. Der Stil war mir egal. Es muss mich nur flashen, sonst spiele ich nicht.» 2015 stieg er dann bei den Sons of Morpheus ein.

Ein Song vom aktuellen «Nemesis»-Album der Sons of Morpheus

Im selben Jahr hatte er auch definitiv genug davon, alle Leidenschaft in Ferien und Überzeit-Kompensationen reinzuquetschen. «Ich zog einen Strich, kündigte meine Stelle, meldete mich als Einzelfirma für Banddienstleistungen an und lancierte das Label mit weiteren Leuten neu.» Das hiess anfangs beissen. «Zum Glück konnte ich viel im Z7 arbeiten. Aber ich musste zusätzlich jeden Job an jedem Event annehmen und auch Plakatieren, um mich über Wasser halten zu können.»

Heute gehören drei Studios zu Sixteentimes Music. Die Firma brachte schon über 20 Platten raus, und Kink organisierte für seine Bands mehrere Touren. Geld verdient aber keiner der sechs Beteiligten, obwohl Kink geschätzte 160 Stunden pro Monat investiert. «Im Musikbusiness lernt man im Aufbau zu beissen. Darum entsteht in dieser Kultursparte so viel mehr als etwa im Theater, wo ohne Geld nix entsteht.»

«In Basel ist in den letzten Jahren ein professionelles Umfeld für Musikschaffende entstanden.»

Im Vergleich mit anderen Ländern und Kultursparten hat die Schweiz für Kink ein extremes Finanzierungsdefizit, was heimische Musik als Kulturgut betrifft. «Mit den Brosamen der Basler Bandförderung sind wir aber sogar Vorreiter», beendet Kink das kurze Klagen. Agieren liegt ihm mehr als Lamentieren. Und mittlerweile verdient er seinen Lebensunterhalt mit seinen Events und der Arbeit für andere Bands: «In Basel ist in den letzten Jahren ein professionelles Umfeld für Musikschaffende entstanden.»

Ein Zugpferd wie Zeal & Ardor sorgt dabei nicht nur für Arbeit, sondern auch für die gesellschaftliche Akzeptanz. Kink: «Vorher kannte mein Umfeld die Bands kaum, für die ich arbeite. Ich musste ständig erklären, wie viel Organisation und Büez dahinterstecken.» Dann erklärt er lachend: «Nun ist es umgekehrt: Über diese Band berichten die Medien. Plötzlich fragen die Leute nicht mehr nach der Arbeit, wollen aber sonst ganz viel wissen!»

Prioritäten setzen ist alles

Basel hat für Kink noch einige Bands mit internationalem Niveau. «Die Szene lebt und ist gesund, quer durch die Stil-Sparten.» Seine grösste Sorge sind derzeit überprofessionalisierte junge Bands. «Die klopfen schon nach der ersten Probe an, wollen Management und Label. Dabei sollen die einfach loslegen und probieren.» Sein Label wird derzeit überrollt von «gigantisch» vielen Anfragen. Nicht nur aus Basel: «Allein aus Spanien kommen pro Monat zehn Anfragen.»

Mit Schwung aus dem Bus und ab an die Arbeit. 

Wird ihm die Vielzahl an Jobs nie zu stressig? Kink winkt ab: «Wirklich gestresst werde ich nur, wenn ich verarscht werde. Oder wenn es bei akutem Tonausfall am Konzert nach Wechsel von Kabel und Kanal noch immer nicht klingt.» Und wie lange kann er noch alle Bands und Jobs parallel koordinieren? «Da musst du einfach klare Prioritäten setzen und ehrlich kommunizieren.» Manchmal kann man es gar verbinden, etwa wenn er am Fuzz Jam mit den Sons of Morpheus auftritt.

Dann relativiert er, dass es bisher mit «ganz viel Glück» noch keine grosse Terminkollision zwischen den weitläufigen Touren von Zeal & Ardor und den gut 80 Konzerten der Sons of Morpheus pro Jahr gegeben habe. Und weil er dieses Jahr wohl nur knapp 50 Nächte in Basel ist, muss er bei aller Gemütlichkeit am Tisch dann auch schon los, damit es noch für eine Dusche reicht, bevor er seine Frau von der Arbeit abholt.

Samstag, 30. Juni, 16 Uhr, Z7 Pratteln, Fuzz Jam mit Deville (SE), Slabdragger (UK), Samavayo (DE), Sons of Morpheus (BS), Bronco (SH)

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