Luca Piazzalonga will mit Blödsinn die Gesellschaft befreien

Er ist unter anderem Grafiker, Künstler, Booker und linksautonomer Aktivist. Luca Piazzalongas Haltung jedoch ist immer dieselbe: Do it yourself und Mittelfinger.

Noch ein, zwei Handgriffe, und Baphomet ist parat.

Dämon Baphomet röchelt nach Luft und muss dringend mal. «Einen Versuch noch, okay?», sagt Luca Piazzalonga. Er setzt drei Fackeln in Brand und dreht die Nebelmaschine auf Vollgas. «Wir brauchen noch mehr Rauch. Also, Licht aus.» Dann klickt die Kamera, flasht der Blitz, bis die Fackeln nur noch schwach glimmen. «Pause!» – Baphomet will rauchen.

Wir stehen in einer engen, ziemlich abgeranzten Wohnung. Ein unfassbar hässliches Möbel aus Wurzelholz nimmt viel zu viel Platz ein. Das letzte bisschen Luft zum Atmen haben Fackeln und Nebelmaschine geraubt. Piazzalonga dreht der Dämonendarstellerin eine Zigarette und grinst über das ganze Gesicht. Er ist in seinem Element.

Zwischen Künstler und linksautonomem Aktivist

Das Fotoshooting soll Bilder liefern für Tales of Doom, eine monatliche Doom-Metal-Konzertreihe, die Piazzalonga zusammen mit dem brasilianischen Comic-Künstler Koostella im «Hirscheneck» durchführt. Dafür wird der «Hirschi»-Keller jeweils aufwendig hergerichtet und als dunkle Gruft dekoriert. Nebst Konzerten gibt es auch Rituale – wie Bong rauchen mit Baphomet.

Piazzalonga ist 23 Jahre alt und ein bisschen alles zwischen Grafiker, Künstler, Booker, DJ, Veranstalter, Magazinherausgeber, Ritualmeister und linksautonomem Aktivist. Mit seiner mobilen Siebdruckwerkstatt verziert er an Festivals die T-Shirts und Jacken der Konzertbesucher, das nächste Mal beim Czar-Fest 2018 in der Kaserne (11./12. Mai).

Sobald die Gitarren härter, die Schlagzeuge schneller und die Gepflogenheiten vor der Bühne rauer werden, taucht er irgendwo auf, der Kopf mit Vollbart und ewiglangen Dreadlocks. Piazzalonga ist aus der Basler Alternativszene kaum wegzudenken. Er gehört auch zu den Herausgebern des Fanzines Overdrive, das seine neueste Ausgabe ebenfalls anlässlich des Czar-Fests präsentiert und die Afterparty zum Festival schmeisst.

«Die Gesellschaft ist so eng geworden. Blödsinn wirkt befreiend», sagt der 23-jährige Künstler Luca Piazzalonga.

Eigentlich ist alles, was Piazzalonga anfasst, Untergrund. Doch Zufall und Internet sei Dank, kommt er hin und wieder zu grösseren Auftritten. Beim erfolgreichsten jüngsten Basler Musikexport Zeal & Ardor reist er mit, um hartgesottenen Fans mit einem selbstgebauten Eisen das Bandlogo in die Haut zu brennen. «Ich habe Manuel Gagneux (Kopf von Zeal & Ardor) damals für seinen ersten Auftritt in der Schwarzen Erle online gebucht. Erst als wir uns dort begegnet sind, haben wir festgestellt, dass wir uns aus der Off-Bar kennen.»

Aus der Irritation Kunst schaffen

So kam es, dass Piazzalonga Bühnenausstattung und Logo für Zeal & Ardor kreierte, noch bevor die Band international zum Überflieger wurde und schliesslich vergangenen Februar an den Swiss Music Awards das biedere Cüplitreffen der Schweizer Popschickeria mit Punkattitüde, Mittelfinger und Ankerbier aufmischte. Mitten in der Meute Piazzalonga: «Ich stosse Menschen gerne vor den Kopf. Aus dieser Irritation entsteht etwas, damit kann ich als Künstler arbeiten.»

Einmal, während der Art Basel, inszenierte er im Loch (im Hirschi-Keller) eine Kunstperformance. Er bemalte vor Publikum Leinwände mit seiner eigenen Kacke und beantwortete dabei in ernstem Ton die Fragen der Zuschauer.

Nonsens und Kunst, für Piazzalonga sind die Grenzen fliessend. «In unserer Gesellschaft ist es sehr eng geworden. Blödsinn wirkt befreiend.» Als «Militante Elefanten Befreiungsfront» belud er einen Kleinlaster mit einer halben Tonne Essiggurken und fuhr diesen mit vermummten Mitaktivisten einen halben Tag lang durch Basel, um die Elefanten zu befreien – ergo die Gurken auf der Strasse zu verteilen und durchs Megaphon Parolen zu skandieren wie, «jeder Cheeseburger enthält mindestens fünf Prozent Elefant!».

Erwartungsgemäss tauchte die Polizei auf und wollte wissen, ob das eine Demo sei, und wenn ja, wofür. Piazzalonga liess sich erst auf das Gespräch ein, als die Polizisten bereit waren, die Gurken Elefanten zu nennen. «Wenn ich solche Situationen schaffe, will ich meine Rolle nicht verlassen. Das würde den Moment zerstören.»

«Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann
setze ich das auch um.»

Der öffentliche Raum ist seine liebste Bühne für Interventionen, auch politischer Aktivismus kann kreativ sein. Als Antwort auf den rabiaten Polizeieinsatz gegen die sogenannte Papptelleraktion auf dem Messeplatz baute Piazzalonga zusammen mit anderen Aktivisten einen Panzer und rollte damit während der Art auf das Messegelände. «Das war viel aufwendiger als gedacht, ich musste ewig recherchieren und viel Material besorgen. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, setze ich das auch um.»

DIY-Haltung zum Trotz, Piazzalongas Performances sind sorgfältig inszeniert.

Seine ersten Schritte in Aktivismus und Kunst machte Piazzalonga gleichzeitig. Beides gehört für ihn zusammen, er nutzt künstlerische Mittel für ernstgemeinte politische Aktionen. «Ich bin in Binningen aufgewachsen, in der Nähe des ehemaligen Schiessplatzes Allschwiler Wald. Als dieser besetzt wurde, ging ich dort vorbei. Mir hat diese wilde, ungesteuerte Kreativität gefallen. Ich fühlte mich sofort wohl dort.» Später war er auch bei der als «Gegen-Favela» bekannt gewordenen Aktion während der Art 2013 aktiv.

In die Kunst wuchs er hinein, als er bei seiner ehemaligen Freundin wohnte. Ihre Mutter war Grafikerin und Piazzalonga absolvierte bei ihr ein Praktikum. Mit dem anschliessenden Vorkurs an der Kunstgewerbeschule  endete allerdings seine formelle Ausbildung. Von da an hiess es: DIY (do it yourself).

Baphomet will beschwört werden

«Ich arbeitete immer nach dem Prinzip: Wenn ich etwas nicht weiss, finde ich eben jemanden, der es mir erklärt. Für den Panzer musste ich beispielsweise schweissen. Ein Kumpel hat mir die Grundtechnik gezeigt, den Rest habe ich mir selbst beigebracht.» Sein Geld verdient er heute als freischaffender Grafiker und mit seiner Siebdruckbude. Hauptsächlich entwirft er Logos, Plattencover, Poster, Flyer und T-Shirts für Bands. Ein grosser Teil seiner Arbeit dreht sich um die Musik, selber in einer Band zu musizieren, dazu kam es bisher nicht. «Ich spiele Piccolo bei den alten Stainlemer, das wärs auch schon», sagt Piazzalonga.

Zurück beim Fotoshooting in der abgeranzten Wohnung: Baphomet will beschwört werden. Was wäre ein Dämon ohne treue Gefolgschaft? Also gehen Piazzalonga und sein Kollege Koostella in die Knie. Sie geben alles: werfen die Hände andächtig in die rauchgeschwängerte Luft, ihre Gesichtszüge in spiritueller Entrücktheit.

Bald ist die Fotografin zufrieden. Baphomet darf sich endlich aus der engen Gasmaske schälen und den ausgetrockneten Gips vom Oberkörper waschen. Piazzalonga reisst die Fenster auf. «Ah, das war geil. Holt jemand Bier?»

Luca Piazzalonga ist mit seiner mobilen Siebdruck-Werkstatt am Czar-Fest präsent:
Freitag, 11. und Samstag 12. Mai, jeweils ab 18:30, Kaserne Basel.

Baphomet hält Audienz, seine treuen Jünger Luca Piazzalonga und Koostella (links) unterwerfen sich.

Konversation

  1. Auch von mir aus gesehen ein Fall für die Klinik. Die Wände hier sind mir viel zu weiss – etwas Kunst an den Wänden würde mir gefallen – immer her mit der Kacke !

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  2. Aha – die eigene Kacke an die Leinwand schmieren ist Blödsinn und gar Kreativ ? Von mir aus gesehen ein Fall für die Klinik !

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