«Wenn ich etwas will, dann schaffe ich das» – der Weg von der Backstube ins Personalbüro

Mit 15 wollte Sabrina Pietropaolo einfach weg von der Schule. Sie lernte Confiseurin und kam irgendwann darauf, dass sie gern mehr mit Menschen zu tun hätte. Heute betreut sie als Bereichsleiterin im Personalwesen selber Lernende.

«Ich habe meine Passion gefunden», sagt Sabrina Pietropaolo. Vorgezeichnet war der Weg dorthin aber nicht. 

Sabrina Pietropaolo ist eine Kämpferin. Das ist ihr wichtig, sie betont es immer wieder: Die 38-Jährige mit den kurzen schwarzen Haaren und den blauen Augen ist sichtlich stolz auf ihren beruflichen Weg, der sie aus der Confiserie in die Berufsbildung führte. «Wenn ich etwas will, dann schaffe ich das auch.» Auch diesen Satz wiederholt die Birsfelderin immer wieder. Pietropaolo macht klar: Sie weiss, was sie will.

Dabei begann ihr beruflicher Weg, wie der von so vielen Jugendlichen, mit Unsicherheit. Sabrina Pietropaolo war 15 Jahre alt und wusste nicht so genau, was sie werden wollte. Nur eines war sicher: «Ich will weg von der Schule.» Sie war klein, ein wenig schüchtern. «Da konnten die anderen gut ein bisschen draufdrücken.» Sie hatte genug von den Hänseleien.

Eigentlich wollte sie damals Kindergärtnerin werden, doch sie erfüllte die Anforderungen für die Ausbildung nicht. Aber sie buk gern, lernte von ihrer Mama, wie man eine Schwarzwäldertorte macht, probierte Desserts aus, wenn Besuch kam, und zeichnete gern. Deshalb beschloss sie, eine Lehre als Konditorin und Confiseurin zu machen. «Dort konnte ich meine kreative Ader ausleben.»

Pietropaolo fand eine Lehrstelle in einer grossen Bäckerei – aber erst für das Jahr darauf. Also legte sie noch ein Übergangsjahr in der kaufmännischen Vorbereitungsschule ein. Ein guter Entscheid: «Ich repetierte den Stoff der Sek noch einmal, das half mir später in der Berufsschule.»

Wenn die anderen Mitarbeitenden um sechs Uhr früh gingen, putzte Pietropaolo noch die Backstube.

Die Lehre war hart, der Umgangston so wie in vielen Gastrobetrieben: rau. Der Lehrmeister schimpfte viel und lobte wenig. Jeden Tag fuhr die Jugendliche morgens vor vier Uhr mit dem Fahrrad von Riehen, wo sie damals wohnte, nach Basel in die Backstube. Am Freitag begann die Schicht um Mitternacht und dauerte bis am Morgen. Wenn der Rest der Mitarbeitenden um sechs Uhr früh ging, putzte Pietropaolo noch die Backstube.

Die erste Neuorientierung

Aber die Ausbildung war sehr gut: Pietropaolo durfte vieles ausprobieren und machte einen guten Lehrabschluss – praktisch und theoretisch gehörte sie zu den Besseren ihres Jahrgangs. Der Chef sagte: «Siehst du jetzt, weshalb ich dich so gepusht habe? Ich wollte, dass du Erfolg hast.»

Danach arbeitete Pietropaolo eine Weile in einer anderen Backstube, doch sie kündigte bald. Wegen des rauen Umgangstons und der Arbeitszeiten – von vier Uhr morgens bis 14 Uhr. Um Geld zu verdienen, arbeitete sie eine Weile temporär für ein Montage-Unternehmen und begann, sich fürs Kaufmännische zu interessieren.

Ein guter Freund von ihr sagte zu ihr: «Komm doch in meine Firma, ich brauche eine Sales Assistant, eine Verkäuferin.» Kurz darauf erledigte Pietropaolo für die Firma Bestellungen aus der italienisch- und französischsprachigen Schweiz.

Diese Stelle war ein Glücksgriff mit Vitamin B. «Dank meinem Freund fand ich den Weg ins Kaufmännische», sagt Pietropaolo rückblickend. Ausserdem gefiel es ihr, italienisch und französisch sprechen zu können. Ihr Vater ist Italiener, sie ist zweisprachig aufgewachsen und lernt spielend leicht neue Sprachen.

Nach drei Jahren kündigte sie die Stelle und reiste durch Südamerika. Es war auch eine Reise ins Innere, eine Zeit, um nachzudenken: Wo möchte ich hin? Wie soll es beruflich weitergehen?

Die Antworten darauf fand Pietropaolo unter anderem in Peru. Sie machte mit einer Reisegruppe eine viertägige Wanderung nach Machu Picchu, die Ruinenstadt der Inka. Als sie Stufe für Stufe die steile Steintreppe hochstieg, lernte sie zwei Sachen. Erstens: Schweizer sind die besseren Wanderer.

«Ich strampelte und lernte schwimmen. Und es hat solchen Spass gemacht.»

Die Holländer und Engländer hatten 15 Paar Socken in ihren riesigen Rucksäcken und mochten das Gewicht kaum tragen. Pietropaolo unterstützte sie, zog sie mit, motivierte sie und spornte sie an. Diese Helferrolle gefiel ihr. So gelangte sie zur zweiten Erkenntnis, und die betraf ihre berufliche Zukunft: «Ich muss etwas mit Menschen machen.»

Wieder in der Schweiz besuchte Pietropaolo eine Berufsberatung und fasste ein Ziel: eine Stelle im kaufmännischen Bereich, bei der sie sich zur Sachbearbeiterin Personal weiterbilden könnte. Ein Transportunternehmen in Basel stellte sie ein. Am Anfang fühlte sie sich ins kalte Wasser geworfen. «Doch ich strampelte und lernte schwimmen. Und es hat solchen Spass gemacht.»

Nach der eidgenössischen Personalfachprüfung wechselte Pietropaolo für fünf Jahre als Personalassistentin in eine orthopädische Klinik, bis diese reorganisierte und ihre Stelle gestrichen wurde. Ein guter Moment für eine Reise nach Neuseeland.

Schon unterwegs schrieb sie Bewerbungen und trat, zurück in Basel, eine Stelle bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) als Bereichsleiterin im HR an. Sie bildete sich laufend weiter und ist heute Berufsbildungsverantwortliche in den UPK. Sie rekrutiert etwa Betriebsinformatiker, Koch- und KV-Lernende für die Klinik und plant und begleitet deren Lehrzeit. «Ich habe meine Passion gefunden», sagt sie.

Die Zukunft

Sabrina Pietropaolo ist ein Vorzeigebeispiel dafür, dass man mit der Berufslehre weiterkommt. Der Basler Gewerbeverband hat der TagesWoche den Kontakt zu ihr vermittelt. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, die Berufslehre bei der Bevölkerung beliebter zu machen – die Wirtschaft sucht verzweifelt guten Nachwuchs. Doch bei den Schülern und ihren Eltern kommt die Botschaft nicht an, wie die aktuelle Diskussion über die Gymnasialquote zeigt.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/berufsberater-lars-hering-gymischueler-sind-oft-planlos-nach-der-matura/

Für Sabrina Pietropaolo ist der Fall klar: «Es braucht beides.» Sie sagt «ihren» Jugendlichen jeweils: «Macht eine Lehre. Dort lernt ihr richtig schaffen – und es braucht nicht nur Akademiker, sondern auch Handwerker.»

Nun steht Sabrina Pietropaolo wieder vor einem neuen Schritt im Leben: Im Spätsommer erwartet sie mit ihrem Partner ein Kind. «Ein grosser Wunsch geht in Erfüllung.» Erst einmal will sie einfach Mama sein. Im Frühling 2019 möchte sie dann wieder einsteigen, am liebsten zu 40 bis 60 Prozent im Bereich Berufsbildung, Coaching oder Integration von Jugendlichen. Für sie ist klar: Sie wird wieder alles geben, dass es klappt.

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