Der Libanon ächzt unter der Last der syrischen Flüchtlinge

Die schwersten Schneestürme seit zehn Jahren haben gezeigt, wie prekär die Lage der 1,6 Millionen Flüchtlinge im Libanon ist. Viele leben in wilden Camps. Sie sind eine immense Belastung für Ressourcen und Infrastruktur eines Landes, dessen politische Stabilität im Gefolge der Syrienkrise bereits arg angeschlagen ist.

Wie Pilze schiessen im Bekaa-Tal die wilden Lager syrischer Flüchtlinge aus dem Boden, 850 sind es bereits.

(Bild: Astrid Frefel)

Die schwersten Schneestürme seit zehn Jahren haben gezeigt, wie prekär die Lage der 1,6 Millionen Flüchtlinge im Libanon ist. Viele leben in wilden Camps. Sie sind eine immense Belastung für Ressourcen und Infrastruktur eines Landes, dessen politische Stabilität im Gefolge der Syrienkrise bereits arg angeschlagen ist.

«Der Tod wäre besser als das Leben hier», sagt Um Ahmed verbittert. Die alte Frau mit einem kranken Bein sitzt mit einigen Nachbarn auf einem Teppich am Strassenrand. «Ich habe kein Geld für Medikamente und eine richtige ärztliche Behandlung. Es reicht gerade fürs Essen», klagt sie. Auf dem Acker hinter der sitzenden Runde reiht sich Zelt an Zelt.

Um Ahmed und ihre Nachbarn leben nahe der Stadt Zahle im Bekaa-Tal, das sich der syrischen Grenze entlang zieht. Seit sie vor drei Jahren vor den Kämpfen aus Aleppo geflohen sind, sind die 16 Quadratmeter eines Zeltes ihr Zuhause. Den Libanon und nicht die nahe gelegene Türkei haben sie gewählt, weil er ein arabisches Land ist. Und weil die Leute wie sie seien.

Die meisten Häuser zu Hause sind inzwischen zerstört, erzählen drei Brüder, die in Syrien einst stolze Bauern gewesen sind. Hier sind sie zum Nichtstun verdammt. 70 Prozent der Männer hätten keine Arbeit. Wenn sie könnten, würden sie lieber heute als morgen nach Syrien zurück, sagt Mohammed, der Älteste von ihnen.

850 wilde Camps im Bekaa-Tal

Ein paar Steinwürfe weiter versucht sich Marwa an einer uralten, elektrischen Nähmaschine. Im Schatten ihres Zeltes liegt noch der letzte Rest Eis von den heftigsten Schneestürmen seit zehn Jahren. Marwa möchte lernen, wie sie wenigstens für sich und ihre sechs Kinder die Kleider nähen kann. Ihre Kinder muss sie alleine versorgen. Ihr Mann lebt mit seinen zwei andern Frauen und deren Kinder noch in Syrien. Auf der andern Strassenseite sitzt Randa. Ihr Mann gehört zu den 30 Prozent, die eine Arbeit haben. Er verdiente schon vor dem Krieg sein Geld in einem libanesischen Restaurant. Beim Ausbruch der Kämpfe vor vier Jahren hat er seine junge Frau sowie die inzwischen acht Kinder hier in Sicherheit gebracht.

Wer keine feste Stelle hat, der versucht sein Glück jeden Tag in Zahle auf dem Märtyrer-Platz. Dutzende junge Männer bieten sich als Taglöhner an. Manchen, etwa dem Maler mit seinem verspritzten Hemd, sieht man gleich an, wofür sie sich eigenen.

Die Zustände nach den heftigen Schneestürmen und Regengüssen im Januar waren unbeschreiblich. Öfen und Decken mussten genügen, um die schlimmsten Tage zu überstehen.

Wie Pilze sind im Bekaa-Tal die wilden Camps auf Ackerland, in Garagen oder alten Fabriken aus dem Boden geschossen. Es sind inzwischen bereits 850 Stück, in denen 150’000 Menschen leben. Der Libanon verbietet nach wie vor die Errichtung permanenter Flüchtlingslager. Die Geschichte der Palästinenser, die auch nach Jahrzehnten immer noch im Zedernland leben, soll sich nicht wiederholen.

Die improvisierten Unterkünfte bieten wenig Schutz. Besonders gefährlich sind sie, wenn Feuer ausbricht. An vielen Orten haben die Eigentümer zudem verboten, dass der Boden befestigt oder Entwässerungsrohre gelegt werden. Die Zustände nach den heftigen Schneestürmen und Regengüssen im Januar waren deshalb unbeschreiblich. Öfen und Decken mussten genügen, um die schlimmsten Tage zu überstehen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte mit einem speziellen Winterhilfeprogramm versucht, die Zelte so wintertauglich wie möglich zu machen. Dennoch sind Dutzende unter der Last des Schnees zusammengebrochen.

Hilfe für libanesische Gemeinden

Etwa 1000 neue Flüchtlinge hat das UNHCR-Zentrum in Zahle – eines von vieren landesweit – bis jetzt täglich neu registriert. In den letzten Tagen ist diese Zahl auf 100 gesunken, vor allem weil der Libanon eine Visumspflicht für Syrer eingeführt hat. Bis Ende Januar hatten sich 1,155 Millionen Syrer registrieren lassen, davon etwa 80 Prozent Kinder und Frauen.

Insgesamt halten sich aber in dem kleinen Land mit nur 4 Millionen Einwohnern mindestens 1,6 Millionen Menschen auf, die vor dem Krieg im Nachbarland geflüchtet sind. Das ist eine gewaltige Belastung für Ressourcen wie Wasser und Strom, aber auch für Krankenhäuser, Schulen und die Müllabfuhr. Vom neusten Programm gingen deshalb 30 Prozent des Geldes an die libanesischen Gemeinden, erklärt Lisa Abou Khaled vom UNHCR-Center in Zahle.

Eine ganz besondere Herausforderung sind die Schulen. Ziel der Hilfsorganisationen für 2015 ist es, 150’000 syrische Kinder in den öffentlichen Schulen unterzubringen, etwa mit zusätzlichen Doppelschichten. Das ist aber immer noch nur ein Drittel von 450’000 syrischen Kinder im Schulalter. Und die sind bereits heute mehr als die 350’000 libanesischen Kinder, die eine öffentliche Schule besuchen. Auch Marwas Kinder tummeln sich den ganzen Tag vor dem Zelt. Die Schule sei viel zu weit weg, sagt sie achselzuckend.

Die Hilfsbereitschaft der Einheimischen ist gross, aber je länger die Krise dauert, je mehr stösst auch private Hilfsbereitschaft an ihre Grenze.

Die Libanesen seien sehr gut zu den Flüchtlingen, betonen die drei Bauern aus der Umgebung von Aleppo ausdrücklich. Tatsächlich ist die Hilfsbereitschaft der Einheimischen gross, aber je länger die Krise dauert, je mehr stösst auch private Hilfsbereitschaft an ihre Grenze und die kritischen Stimmen mehren sich.

In der Hauptstadt Beirut gibt es inzwischen Bettler an jeder Strassenecke. «Die Flüchtlinge sollen auf dem Land bleiben», sagt ein Einheimischer, dessen Geschäft darunter leidet, dass die arabischen Touristen seit dem Ausbruch der Syrienkrise praktisch ausbleiben. «Hier in Beirut nehmen sie uns die Arbeit weg – und am meisten stört mich die grassierende Prostitution.»

Neben solchen Problemen ist es ist ein offenes Geheimnis, dass es unter den syrischen Flüchtlingen auch viele Sympathisanten der extremistischen al-Nusra-Front gibt, die gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad kämpft. Vor dem Hintergrund der instabilen politischen Lage im Libanon sei das eine tickende Zeitbombe, warnt der Kolumnist einer der grossen Tageszeitungen in Beirut. 

Konversation

  1. Es ist brutal und – wieder – können wir nichts machen. Heimlich ist da mein Wunsch nach einer Superpolizei der UNO, die inkompetente Regierungen Halt zurufen, damit solche „ewige“ Kriege aufhören und die Bevölkerung nicht mehr leidet. Diese Polizei gibt es aber nicht. Vielleicht gut so, weil es keine Menschen gibt, die mit solcher Macht umgehen können?

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Lieber Herr Westdijk,

      wir, verstanden als Einzelpersonen, können vielleicht nicht sehr viel machen. Insbesondere unser Einfluss auf den Konflikt ist äusserst begrenzt. Das wir aber gar nichts machen können, finde ich nicht. Hinsichtlich der ablaufenden grössten Flüchtlingskatastrophe seit dem 2. Weltkrieg gibt es verschiedene sinnvolle Projekte denen auch der Einzelne zuarbeiten kann.

      Bspw. sammelt der hiesige Verein http://www.strickwaerme.ch Selbstgestricktes, um den Kindern in den Flüchtlingslagern etwas Wärme zu spenden.

      Solidarité sans frontières fordert ein Kontingent von 100’000 syrischen Flüchtlingen aufzunehmen, was eine substantielle Hilfe von Seiten der Schweiz bedeuten würde.

      Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel