Eine Welt mit anderen Regeln

Verstreut über ganz Europa leben 300 Menschen die Utopie, dass es weder Hierarchien noch Lohnarbeit braucht. Und zwar in der Kooperative Longo maï. Sie feiert nun ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung in Basel. Eröffnet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten heute Abend. Andreas Schwab stellt sein neues Buch «Longo maï – Pioniere einer gelebten Utopie» vor.

Der Longo-maï-Hof Montois liegt ausserhalb des jurassischen Dorfes Undervelier – unmittelbar oberhalb des Teiches, dessen Wasser die eigene Kraftwerkturbine antreibt. (Bild: Basile Bornand)

Verstreut über ganz Europa leben 300 Menschen die Utopie, dass es weder Hierarchien noch Lohnarbeit braucht. Und zwar in der Kooperative Longo maï. Sie feiert nun ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung in Basel.

Fragt man Leute unter 45 Jahren, ob sie Longo maï kennen, schütteln sie verständnislos den Kopf. Ältere aber sagen: «Ja, da war doch was – Aussteiger mit Schafen, ein bisschen sektenmässig, und es gab irgendwann einen Riesenknatsch.» Mit dieser Feststellung konfrontiert, sagt Hannes ­Reiser: «Wir machen weniger Schlagzeilen als auch schon. Aber es gibt unsere Gemeinschaft nun seit 40 Jahren. Wir wachsen und sind für Junge attraktiver als auch schon.»

Hannes Reiser (60) ist eines der Gründungsmitglieder von Longo maï, er wohnt und arbeitet mit anderen Mitgliedern der Kooperative im Longo-maï-Haus in der Basler St. Johanns-Vorstadt. Eine grosse WG mit geräu­miger Gemeinschaftsküche, Versammlungsraum und Schlafzimmern.

Obwohl von Anfang an dabei und mit wichtigen administrativen Aufgaben betreut, hat Reiser keine hierarchische Funktion inne. Denn es gibt keine «Chefs» bei Longo maï. Dafür gibt es Versammlungen, Gespräche, Diskussionen, aus denen Entscheide wachsen. Über neue Projekte, landwirtschaftliche oder asylpolitische etwa, auch über Anschaffungen, Aus- und Weiterbildungen von Mitgliedern und vieles andere mehr bis hin zu ganz elementaren und persönlichen Begehrlichkeiten der Einzelnen wie etwa neue Kleider oder die Finanzierung einer Reise.

Privates, Arbeit und Politik

Auch das ist Longo maï: Wer hier arbeitet, erhält keinen Lohn. Was erwirtschaftet wird oder was an Spenden eingeht – und das sind europaweit gegen zwei Millionen Franken – fliesst in eine gemeinsame Kasse. An wöchentlichen Budgetsitzungen besprechen die Mitglieder, wie dieses Geld verwendet wird, welche Anschaffungen in den einzelnen Kooperativen notwendig sind, was für politische Aktionen unterstützt werden sollen, welche Ausgaben für einzelne Mitglieder bewilligt werden können. «Seit 40 Jahren versuchen wir, die Idee umzusetzen, dass es keine Trennung zwischen Privatem, Arbeit und Politik gibt», sagt Reiser.

Eine Utopie, die in den 1970er-Jahren in linken Kreisen weitverbreitet war, vielerorts auch für kurze Zeit praktiziert wurde, nachhaltig aber wohl nur bei Longo maï Bestand hatte. Für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist eine solche Lebensform unvorstellbar, weckt Misstrauen und wird abgetan mit dem Urteil, die Bewegung habe etwas Sektenhaftes. Hannes Reiser kennt diese Urteile. Er mag sie eigentlich gar nicht kommentieren.

Eine solche Lebensform weckt bei vielen Leuten Misstrauen.

Zehn Longo-maï-Kooperativen gibt es heute, mit Ausnahme des Standorts in Basel, dem Verwaltungs- und Sammelzentrum, ist überall die landwirtschaftliche Produktion die Basis. Fünf Kooperativen liegen in Frankreich, vor allem im Süden, je eine in Deutschland, Österreich, der Ukraine und in der Schweiz – im jurassischen Undervelier.

Dorthin fahren wir, biegen eingangs des Dorfes in eine Betonstrasse ab und parkieren nach 800 Metern auf dem Gut Montois neben ein paar anderen Autos. Ein hagerer Mann in schlichten und unverwüstlichen Arbeitskleidern sortiert neben der Stras­se gepflückte Äpfel. Es ist Raymond Gétaz (60), auch er Longo-maï-Mitglied der ersten Stunde. Er hat sein Soziologiestudium vor 40 Jahren aufgegeben, um sich der praktischen Arbeit in der Landwirtschaft und der Kooperative zu widmen.

Bauern und Schreiben

Raymond Gétaz will uns das Gut Montois zusammen mit seinem Gefährten Claude Braun (50) zeigen. Gétaz ist in erster Linie als Bauer aktiv und pflegt daneben mit grosser Hingabe seine Bienenstöcke. Braun hilft auf dem Hof mit, wo immer es nötig ist, sitzt aber häufig im weiträumigen und mit zahlreichen Computern ausgestatteten Büroraum im Dachstock und verfasst Schriften – etwa die Biografie über den Flüchtlingskaplan Cornelius Koch, der mit seinem Einsatz für Asylsuchende anfangs der 1990er-Jahre die Behörden der Schweiz bis hinauf zum Bundesrat auf Trab gehalten hat.

Gétaz bittet um etwas Geduld, denn gerne würden auch die drei Frauen aus der Ukraine auf den Rundgang mitkommen, die eben erst auf dem Hof angekommen sind und einige Tage bleiben werden. Sie sind in ihrer Heimat in Flüchtlingslagern aktiv, in denen menschenunwürdige Zustände herrschen sollen. Sie wollen in der Schweiz Netzwerke knüpfen, dank denen sie in ­ukrainischen Lagern die Situation für Asylsuchende verbessern können.

«Netzwerk» ist ein zentraler Begriff in der Arbeit der Longo-maï-Kooperativen. Das «Netzwerk Schweiz–Transkarpatien/Ukraine» (NeSTU) etwa, bei dem aus der Schweiz sowohl staat­liche Stellen als auch Nichtregierungs­organisationen mitmachen, fördert nicht nur die Zusammenarbeit und den Austausch in Flüchtlingsangelegen­heiten, sondern auch in der Forst- und Landwirtschaft, in der Bildung, in der Kultur oder im Tourismus. Longo maï engagiert sich im NeSTU in all diesen Bereichen, arbeitet mit lokalen Stellen und Behörden zusammen, und Gétaz erläutert das mit einer Leidenschaft und Eloquenz, dass der angesagte Rundgang über Feld und Hof in weite Ferne zu rücken scheint.

Doch dann treten die drei Ukrainerinnen aus dem Hof, blinzeln in die Sonne und nähern sich. Ihre äusserst urbane Aufmachung steht im kecken Gegensatz zur währschaft bäuerlichen Kleidung der jungen und älteren Menschen, die auf dem Hof Montois arbeiten. Aber die Frauen scheinen interessiert zu sein an dem, was Gétaz und Braun zu bieten haben. An der Geschichte des Hofes zum Beispiel, den Longo maï 1986 als Ruine gekauft und aufgebaut hat, so dass nun zwischen zehn und zwanzig Leute darin leben können. Sonnenenergie und Holz heizen das Haus im Winter.

Kleinkraftwerk mit Überschuss

Gétaz führt uns zur Schafherde, in der seit Kurzem auch Milchschafe ­leben. Wir schauen die Ställe an, die Pferde, die Vorratsräume, Maschinenlager, den riesigen, gepflegten ­Gemüsegarten. Die Bienenhäuser. Technisch hochinteressant ist das Wasserkraftwerk, das die «Longos» 1996 gebaut haben: Aus dem Bach unterhalb des Hofes leiten sie das Wasser in einen künstlichen Teich, von wo aus es die Turbine antreibt. «Wir produzieren 100 000 Kilowattstunden. 70 000 davon verkaufen wir», sagt Gétaz. Nicht nur in der Ernährung, auch bei der Energie sind sie hier Selbstversorger.

Auch im örtlichen Fussballclub sorgt Longo maï für Verstärkung.

Unten im Tal sind die Häuser Underveliers zu sehen. «Was für einen Kontakt pflegt ihr mit der lokalen Bevölkerung?», frage ich. «Ach», sagt Braun, «natürlich sind wir mit unserer Lebensweise ein bisschen Aussenseiter. Aber Raymond und ich waren im Gemeinderat, in den Schulbehörden, haben uns für den Erhalt der Dorfschule eingesetzt.» Die Leute schätzten es, dass sie aus dem verfallenen Hof wieder etwas aufgebaut haben, sie seien voll des Lobes über die gepflegten Felder und Gärten – und auch im örtlichen Fussballclub würden sie für Verstärkung sorgen. Und, davon sind Gétaz und Braun überzeugt: Ihr Einsatz, auf lokale Ressourcen zu setzen und so der ­ Globalisierung Widerstand zu leisten, werde anerkannt. Nicht nur im Dorf, sondern auch zunehmend in urbanen Kreisen.

Ein Thema, das sie beschäftigt, ist der anstehende Generationenwechsel. Nicht nur auf Montois bei Undervelier, sondern auch in anderen Koopera­tiven und auf den interkooperativen Versammlungen, die jährlich zwei Mal stattfinden und wo sich Vertreter aus allen Betrieben Europas einfinden.

Hier auf Montois leben neben fünf gestandenen «Longos» fünf bis sechs Jüngere, darunter ein Paar mit zwei Kleinkindern. Das gibt immer wieder Diskussionen – über Grundsätzliches wie etwa politische Aktionen, wo die Jungen radikaler denken als die gelassener gewordenen Älteren. Oder über Alltägliches wie den lauten Ghettoblaster in der Küche. «Es wird in den nächsten Jahren sehr viele Veränderungen geben, die Übergabe von Verantwortung dürfte ihre Auswirkungen haben», sagt Braun.

«Selbstverwaltung, Debatten, Gleich­heit – das sind Werte, die bei uns Jungen wieder mehr gelten als auch schon», sagt der Jugendliche Simon, der erst seit kurzem auf Montois ist. Er verkehrte während seiner Koch- und später Zimmermannslehrjahre in der alter­nativen Berner Szene, war schon in anderen selbstverwalteten Betrieben und möchte in Zukunft in einer Longo-maï-Kooperative arbeiten. Aber er weiss: Die Nachfrage nach Plätzen ist gross, es können nicht alle Interessierten aufgenommen werden. «Wir müssen zurückhaltend sein», sagt Claude Braun, «sonst wächst uns das Ganze über den Kopf.»

Wie alles begann

Das sagt – zurück im Longo-maï-Haus in der Basler St. Johanns-Vorstadt – auch Hannes Reiser. Damals, 1979, als es in der Organisation zum grossen Knatsch kam, als die bürgerliche und die linke Presse in der Schweiz und in Frankreich über Longo maï herzogen, die Organisation als ausbeuterische Sekte mit Gurus beschimpften, welche auf Kosten der anderen in Saus und Braus lebten – damals stand die Zukunft des Projekts tatsächlich auf dem Spiel. Beinahe wäre Longo maï an seinem Erfolg zerbrochen.

Reiser blendet ganz zurück zum ­Anfang. Nach den Unruhen von 1968 haben sich nicht nur die Studenten zu revolutionären Zirkeln zusammen­getan und linke Parteien wie etwa die Poch gegründet. Auch Lehrlinge schlossen sich zu oppositionellen Gruppen zusammen – etwa der Hydra, die vor allem in Basel, Schaffhausen, ­Zürich und Bern ihre Mitglieder rekrutierte.

Neben politischen Aktionen gegen Entlassungen von Arbeitern oder Betriebsschliessungen, neben dem Einsatz für die chilenischen Flücht­linge diskutierten die Aktivisten in ihren Kommunen und WGs die Perspektiven einer neuen und gerechten Welt. Doch es wurde mühsam, so Hannes Reiser, immer nur zu debattieren. «Wir wollten handeln und unsere Ideen umsetzen.»

Der Verkauf eines Hauses im Basler Gundeli, das einer der Aktivisten geerbt hatte, ermöglichte den Erwerb ­eines 300-Hektaren-Guts im südfranzösischen Limans, in einer wirtschaftlich verlassenen Randregion, wo «die erdrückenden Konsum- und Profitinteressen weniger mächtig waren», wie Reiser sagt.

Von dort aus wuchs das Projekt Longo maï (provenzalisch: «Es möge ewig währen») und breitete sich grenzüberschreitend und schnell aus. Die Bewegung genoss grosse Sympathien. Selbstverwaltung entsprach dem damaligen Zeitgeist, und viele Menschen unterstützten das Projekt mit Spenden.

Unter Beschuss

«Über 100 000 Spender zahlten Beiträge, wir waren völlig überfordert von dieser Welle. Um die Adressen zu verwalten, kauften wir in den USA einen der ersten, unglaublich grossen Computer, er füllte ein ganzes Zimmer aus. Trotzdem wuchs uns alles über den Kopf», erinnert sich Reiser. Nicht nur, was die Adressverwaltung betraf: Auch das Geld wurde unkontrolliert ausgegeben. Es gab Streit, er wurde an die Öffentlichkeit getragen, und die darauffolgende Medienkampagne brachte Longo maï an den Rand des Abgrunds.

«Wir schafften die Kurve, besannen uns auf unsere Kernaufgaben und brauchten mehr als zehn Jahre, um die Schulden abzuzahlen.» Seither ist Wachstum nicht mehr oberstes Ziel bei Longo maï.

Den Zustrom junger Leute in den Kooperativen, vor allem in Frankreich und Deutschland, hält Reiser zwar für erfreulich, er weiss aber auch, dass er Probleme mit sich bringen kann. Er hat denn auch eine Arbeit ­verfasst, in der er nachweist, dass selbstverwaltete Betriebe, die schnell wachsen – wie etwa der frühere Studentenreisedienst SSR, Mobility oder auch Transa – bald zu ganz normalen profitorientierten Betrieben wurden. Und das wäre das Letzte, was Longo maï will.

Ein neues Buch und eine Ausstellung
«40 Jahre Longo maï – die Utopie der Widerspenstigen» heisst die Ausstellung im Ackermannshof in der St. Johanns-Vorstadt 19, in der vom 19. Oktober bis 2. November die Geschichte der Kooperativen gezeigt wird.
Am 17. Oktober, um 19.00 Uhr, stellt Andreas Schwab in der Buchhandlung Narrenschiff sein neues Buch «Longo maï – Pioniere einer gelebten Utopie» im Gespräch mit Mitgliedern der Kooperative vor.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 11.10.13

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