Basler Bevölkerung steigt rapide, aber Mieterverband will weniger verdichten

Bis 2040 könnte die Basler Bevölkerung auf 250’000 Personen anwachsen. Die Regierung will deshalb mehr Platz für Wohnungen schaffen, doch der Mieterverband wehrt sich dagegen.

Verdichtung in extremis: Würden die Basler Hochhäuser auf engem Raum beieinanderstehen, sähe die Stadt etwa so aus.

Beat Leuthardt ist sauer, wieder einmal. Denn die Regierung tut nicht das, was sich Leuthardt vorstellt – zum wiederholten Mal. Seit die Stimmbevölkerung am 10. Juni vier Wohninitiativen annahm, erachtet der Co-Geschäftsleiter des Mieterverbandes einiges, was die Regierung tut, als Missachtung des Volkswillens.

Sein neuester Aufreger: die Änderung des Zonenplans. Die Regierung hat darin definiert, wo Hauseigentümer höher bauen dürfen und wo neuer Wohnraum entstehen soll. 2000 Wohnungen sollen mit dem neuen Zonenplan dazukommen, schrieb die Regierung vor Kurzem.

Nun legt der Mieterverband eine Kollektiv-Einsprache gegen die Zonenplanrevision ein. Laut Leuthardt sei die Änderung nicht mit der angenommenen Initiative zum Schutz bestehenden Wohnraumes vereinbar. Zu viel ist ihm von «Verdichtung» und «Abreissen» die Rede.

Sanft verdichten

«Hans-Peter Wessels hätte den Ratschlag zur Zonenplanrevision nie in den Gesamtregierungsrat bringen dürfen», moniert Leuthardt. Vielmehr müsste sich der Baudirektor nach der letzten Abstimmung fragen: Welches Wachstum wollen wir? Und wie wollen wir das baulich umsetzen?

Die 15 gleich lautenden Einsprachen sind wohl nicht mehr als ein Hilfeschrei, bevor die politische Debatte im Grossen Rat startet. Denn der Mieterverband richtet die Kollektiv-Einsprache ans kantonale Planungsamt – kaum denkbar, dass dieses darauf eingeht und die Revision zurückzieht.

Leuthardt betont, der Mieterverband sei nicht per se gegen Verdichtung. Wichtig sei nur, dass dabei die Bevölkerung mitreden könne und die Verdichtung «sanft» stattfinde. Das sagt Leuthardt auch im Hinblick darauf, dass die Bevölkerung in den nächsten Jahren wohl stark wächst. Das Statistische Amt veröffentlichte am Donnerstagmorgen drei Bevölkerungsszenarien für die nächsten 22 Jahre:

  • Im tiefen Szenario sinkt die Bevölkerung leicht, nämlich dann, wenn in den beiden nächsten Jahrzehnten keine Zuwanderer zuziehen und einige Ausländer die Stadt verlassen. Die Basler Bevölkerung beträgt in diesem Szenario im Jahr 2040 9000 Einwohner weniger.
  • Das mittlere Szenario geht von einem Bevölkerungswachstum von 20 Prozent aus, also 19’000 Einwohner mehr als heute.
  • Das hohe Szenario rechnet mit 50’000 Einwohnern mehr in den nächsten 22 Jahren. Die meisten neuen Einwohner sind dabei zwischen 20 und 64 Jahren alt.

Das Statistische Amt schreibt, das mittlere Szenario sei für den Kanton das Referenzszenario, also jenes, auf das er sich bei zukünftigen Planungen bezieht. In den letzten Jahren trafen jeweils die Zahlen des hohen Szenarios ein, was zum Beispiel die Schulraumplanung an ihre Grenzen brachte.

Was allen Szenarien gemein ist: Der Altersquotient steigt. Das heisst, es leben 2040 verhältnismässig mehr alte und weniger junge Erwachsene in der Stadt als heute.

Das wird auch Folgen für den Wohnungsmarkt haben. Denn bekannt ist, dass ältere Einwohner im Durchschnitt mehr Wohnraum beanspruchen als junge.

Konversation

  1. Der Anziehungspunkt Basel gehört nach wie vor zu einer sog. AAA-City: Arme, Alte, Ausländer etc.etc. (…..selbstverständlich gibt es auch viele reiche Alte und reiche Ausländer etc.) Mit solchem Wissen muss man planen und bauen. Hochhäuser sind eben u.a. sehr gut geeignet, diese Bevölkerungsschichten mit günstigem Wohnraum und den benötigten Liften zu versorgen. Ausserdem hat man eine gute Aussicht. Ich bin also für massives Verdichten in Basel (v.a. dem Rhein entlang) ohne Wenn und Aber.

    Danke Empfehlen (3 ) Antworten
  2. Es steht, dass ältere Mieter im Schnitt mehr Platz beanspruchen. Dem ist nicht zwingend so, denn wenn die Kinder mal flügge werden kommt man durchaus mit weniger Platz aus.
    Mitbürger gehobeneren Alters haben aber die Mittel sich eine besser gelegene, schönere und damit teurere Wohnung leisten zu können. Objekte in diesem Segment sind meist auch etwas grösser.

    Danke Empfehlen (3 ) Antworten
  3. Wenn allen Mieterinnen und Mietern einer Siedlung im Zuge von Abbrüchen oder Sanierungen gekündet wird, stellt dies für den grössten Teil der betroffenen Menschen eine schwere Härte dar. Dies gilt vor allem für die wirtschaftlich schwächeren Glieder der Bevölkerung. Denn sie gelten als risikobelastet. Als Folge davon finden viele von ihnen höchstens noch zu teure Wohnungen. Darum müssen Reihenkündigungen ganzer Liegenschaften unbedingt vermieden werden. Die notwendige Verdichtung muss über Areale erfolgen, welche durch Umdispositionen der Wirtschaft frei werden, zum Beispiel im Lysbüchel. Bei bestehenden Bauten sind oft ohne Abbruch und Vertreibung zusätzliche Stockwerke möglich. Zur Überwindung der besonderen Wohnungsnot der schwächeren Bevölkerung drängt sich zudem die Erweiterung des gemeinnützigen Wohnungsbaus auf. Dies alles bildet ein wesentliches Anliegen der vier Initiativen, die am 10. Juni 2018 im Kanton Basel-Stadt angenommen wurden, insbesondere der Initiative Wohnen ohne Angst vor Vertreibung und der Initiative Recht auf Wohnen.
    Jürg Meyer, Grossrat SP

    Danke Empfehlen (4 ) Antworten
    1. @Jürg Meyer

      Soviel zur Theorie und zur Erläuterung der Initiativ-Anliegen…

      Das war aber nicht das Thema dieses Beitrages. Die Frage ist, wie und in welchem Umfang zusätzlicher Wohnraum mittel- bis langfristig für NeuzuzügerInnen bereitgestellt werden kann. Ist dies mit der Entwicklung der Areale – Lysbüchel, Wolf, Klybeck, Rosental – abschliessend möglich? Dazu braucht es verbindliche Vorgaben.

      Zudem: Die Lebensdauer einer Liegenschaft ist nicht unendlich. Bauten aus den 70er- und 80er-Jahren sind sanierungsbedürftig und/oder müssen energietechnisch nachgerüstet werden. Wann ist der Point of no Return erreicht? Gibt es die Rückbauoption noch, oder wie interpretieren die Initianten die Initiative «Recht auf Wohnen«?

      Das Szenario geht von einem Bevölkerungszuwachs von 19’000 EinwohnerInnen bis 2040 aus.

      Danke Empfehlen (3 ) Antworten
  4. Dass öffentliche Partizipation in der urbanen Planung auf Widerstand stösst, ist keinesfalls eine neue Erkenntnis. Die Bau- und Immobilienbranche wünschen sich demokratische Mitsprache keinesfalls, und auch von der Seite der Planer wird gerne manipulativ verschwiegen, welche Ideen welche Folgen zeitigen werden. Auch Anwürfe wie ‚Heimatschutz‘ verweigern sich dem eigentlichen – und auch verständlichen – Anliegen, dass die divergenten Interessenlagen in einer öffentlicher Debatte eigentlich ohne Angst erörtert werden sollen. Aber oft kann man schon an der Sprachwahl ablesen, wie das Argumentarium sich eine Notwendigkeit andichtet („Die Zahlen sagen dies und daran kann man nicht vorbei“), und ganz krude auf Drohgebärden und Diffamierungen setzt, um seine Ziele zu erreichen. Stadtplanung ist eine komplexe Angelegenheit, aber man sie als derart dargestellt auch vor einer Einflussnahme verstecken.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  5. Klar muss Beat Leuthardt sauer reagieren. Gehört zu seinem Jobprofil und ist er seinem Klientel schuldig. Aber zur Klärung: Die Mieterschutzinitiative will die Rechte der MieterInnen verbessern, hat aber zum Bevölkerungswachstum der Stadt bei der Abstimmung keine explizite Aussage gemacht worden. Also will uns Beat Leuthardt lauthals seine Interpretation aufdrängen. Soweit ist das sein gutes Recht. Leuthardt macht aber wohlweisslich keine Aussage, wie er den Zuwachs der Wohnbevölkerung steuern will. Will er proaktiv den Zuwachs der städtischen Bevölkerung bremsen? Eine Wachstumsquote einführen? Den Wohnungsbau bewusst mit endlos Auflagen drosseln? Mit seiner Strategie, so er überhaupt eine hat, will er aber offensichtlich stark regulierend eingreifen. Das könnte auch Auswirkungen auf die Ausgestaltung und Konzentration der Arbeitsplätze in der Stadt haben. Bietet die Industrie – allen voran die Pharma – weniger Arbeitsplätze im städtischen Raum, werden konsequenterweise weniger Menschen in die Stadt ziehen wollen. Das würde mittelfristig auf die Prosperität der Stadt drücken. Was sich konkret auch auf die Steuereinnahmen auswirken würde. Naheliegender aber, sowohl Arbeitsplätze, wie Wohnsiedlungen werden sich in die Agglo verlagert. Investoren aller Schattierungen werden ausweichen. Damit wird der Druck auf die MieterInnen verlagert, die Mietpreise werden im Gegenzug in der Agglo steigen. Die Stadt wird sich von dieser Entwicklung aber nicht abkoppeln können, weil parallel der Pendlerverkehr zunehmen wird. Sollte das mittlere Szenario – mit einem Wachstum von 19’000 EinwohnerInnen bis 2040 – eintreffen, wird sich ein Grossteil der zukünftigen Bevölkerung in der Agglo ansiedeln. Oder hat Beat Leuthardt dafür eine Alternative?

    Es ist klar, dass die Interessenlage divergierend ist. Die jetzige städtische Bevölkerung möchte den Status Quo möglichst lange erhalten. Ballenbergisierung des urbanen Raums, durch städtischen Heimatschutz, das würde vielen gefallen. Rural ist das neue urban! Daher will Leuthardt seinem Klientel eine «sanfte Verdichtung« schmackhaft machen. Er sagt aber nicht für wieviele Menschen ein solches Szenario funktionieren würde. Vermutlich könnten nur Wenige von der entsprechenden Verknappung profitieren. Auf der anderen Seite stehen die Ansprüche der Menschen welche sich neu in der Stadt ansiedeln möchten, ArbeitsmigrantInnen, StudentInnen, etc.. Sie sind darauf angewiesen, dass neue Wohnungen entstehen. Mit einer natürlichen Fluktuation ist dies aber nicht zu erreichen, also müssen in grossen Massabe neue Wohnungen auf den Markt. Die neuen Transformationsareale werden einen Teil des Bedarfs abdecken können: 19’000 neue EinwohnerInnen nach einem mittleren Szenario bis 2040. Da wird wohl zwangsläufig verdichtet, auch höher, gebaut werden müssen. Auch Rückbau wird man nicht ausschliessen können.

    Danke Empfehlen (5 ) Antworten
  6. Vor 10 Jahren sah das Ganze noch ganz anderes aus. Für Basel-Stadt ging das Bundesamt für Statistik 2007 in allen 3 Szenarien von einer rückläufigen Anzahl Haushalte bis im Jahr 2030 aus. Damals lag man offensichtlich komplett falsch… Ob man heute richtig liegt, das wird sich erst in Zukunft zeigen….

    Bevölkerungsszenarien können sich also rasch ändern, aber der Bau von Wohnraum braucht viel Zeit. Von der ersten Idee bis zur Fertigstellung von neuem Wohnraum vergehen viele Jahre. Wohnpolitik braucht also Weitsicht und eine gesamtheitliche Planung statt Aktivismus.

    Daher fordert die FDP im Vernehmlassungsentwurf des neuen Parteiprogramms, dass die zahlreichen Transformationsareale in ihrer Gesamtheit koordiniert und entwickelt werden.

    Danke Empfehlen (4 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (8)

Nächster Artikel