«Das kritische Denken bleibt auf der Strecke»

Eine Milliarde Euro der EU für die Uni Lausanne, 100 Millionen von der UBS für die Uni Zürich: ETH-Professor Michael Hagner sieht in der Ökonomisierung des Forschungsbetriebs eine grosse Gefahr. Er plädiert für «radikal ehrliche» Wissenschaften.

Professor Michael Hagner, Wissenschaftsforschung ETH Zuerich (Bild: Mara Truog)

Eine Milliarde Euro der EU für die Uni Lausanne, 100 Millionen von der UBS für die Uni Zürich: ETH-Professor Michael Hagner sieht in der Ökonomisierung des Forschungsbetriebs eine grosse Gefahr. Er plädiert für «radikal ehrliche» Wissenschaften.

Gehört zur Demokratie die Wissenschaft wie selbstverständlich dazu? Und umgekehrt: Braucht erfolgreiche Wissenschaft den demokratischen Staat unbedingt? Diesen Fragen stellt sich Michael Hagner in einem neuen Sammelband, den der ETH-Professor für Wissenschafts­forschung kürzlich herausgegeben hat. Wir haben ihn ­gefragt, wo die Gefahren eines zunehmend profit­orientierten Forschungsbetriebs liegen und was dieser mit dem Aufschwung von Kreationisten und Leugnern des Klimawandels zu tun hat. Und auch, warum er verlangt, dass Bürgerinnen und Bürger Einfluss auf die Forschung nehmen sollten – gerade, wenn es um die zukünftige Entwicklung der Biomedizin geht.

Michael Hagner, Sie leben und lehren seit rund zehn Jahren in Zürich. In einer NZZ-Glosse ­haben Sie einmal geschrieben, dass Sie sich den Umgang in der Schweiz so direkt vorgestellt ­hatten wie die Demokratie: dass Konflikte offen ausgetragen würden und Argumente ungeschönt auf den Tisch kämen. Was sich als Trugschluss herausstellte.

Ich hatte tatsächlich die naive Vorstellung, dass ­direkte Demokratie auch bedeutet, Kontroversen öffentlich auszutragen. Ich dachte, zur ­direkten Demokratie gehöre eine entwickelte Diskussionskultur. Irrtum. Ich habe gelernt, dass in der Schweiz oft ganz andere Strategien der Problembewältigung verfolgt werden. In manchen Situationen finde ich das überzeugend, in anderen würde ich mir wünschen, dass die Debatten­kultur leidenschaftlicher und intellektuell auf einem ­höheren Niveau wäre.

Warum müssen Wissenschaft und Demokratie zusammen ­gedacht werden?

Der historische Grund liegt darin, dass der Aufstieg der beiden seit dem 19. Jahrhundert vielfältig miteinander verknüpft ist. Es kommt zu einer Art Bündnis zwischen Wissenschaft und Demokratie: ­Demokratische Staaten leisten sich Universitäten, um das Bildungs- und Ausbildungsniveau in der Gesellschaft zu erhöhen. Sie erlauben den Universitäten grosse Freiheiten in Forschung und Lehre und dürfen dafür erwarten, dass die Universität Menschen in die Gesellschaft entlässt, die ein bestimmtes Know-how haben, zum Teil aber auch über Orientierungswissen verfügen, das zwar keinen messbaren Nutzen hat, aber für die Kultur und die Zivilisiertheit eines Staates unabdingbar ist.

Warum benötigt ein demokratischer Staat die Wissenschaft?

In den Wissenschaften kann man gewisse Tugenden lernen, insbesondere kritisches Denken. Das heisst, nicht den einfachen Weg zu gehen, nicht zu glauben, dass man schnell und un­mittelbar Zugang zur Wahrheit hat. Also das Gegenteil von dem, was mit Stammtischgerede, Demagogie und Fundamentalismus verbunden ist. Auch Demokratien werden aber genau davon immer ­wieder unter Druck gesetzt, und ­deswegen bin ich der Überzeugung, dass in ­unserer Welt eine funktionierende Demokratie ohne ein differenziertes Bildungssystem, das von Geschichte, Archäologie und ­Philosophie bis hin zu Mathematik und Physik reicht, nicht möglich ist.

Historisch gesehen gehören Wissenschaft und Demo­kratie nicht zwingend zueinander. Andererseits war dieses Bündnis insbesondere während des ­Kalten Krieges ausgeprägt.

Wissenschaft gedeiht auch unter nicht-demokratischen Verhältnissen. Frankreich war vor 1789 eine absolutistische Monarchie und hat doch herausragende Wissenschaftler hervor­gebracht. Heutzutage wird in einem diktatorischen Land wie China viel Geld in die Wissenschaften gepumpt und dementsprechend produktive, ­interessante Forschung gemacht. Die Wissenschaften sind nicht um jeden Preis auf Demokratie angewiesen. Im 20. Jahrhundert, als die westlichen Demokratien sich diktatorischen ­Regimen wie dem Sowjetstalinismus, dem Nationalsozialismus und dem ­Faschismus gegenübersahen, wurde aus guten Gründen das Argument ­aufgestellt, dass die Wissenschaften in einer Demokratie am besten gedeihen können. Diese These ist, wie man heute weiss, historisch nicht ganz richtig, denn es gab auch in der stalini­stischen Sowjetunion und in Hitlers Nazi-Deutschland vorzügliche Forschung. Allerdings wurden in ­diesen Diktaturen auch ganze Forschungsbereiche verunglimpft und trockengelegt. Dementsprechend war das Bündnis zwischen Wissenschaft und Demokratie nie ­enger als zu ­Zeiten des Kalten Krieges.

Was hat sich mit dem Fall der Berliner Mauer geändert?

Bis 1989 war die Devise im Westen: Wir brauchen die Wissenschaft, um militärisch, ökonomisch, medizinisch und technologisch auf der Höhe zu sein, gleichzeitig halten wir aber auch das Ideal einer nur der Erkenntnis ­dienenden Wissenschaft hoch, um ­unsere kulturelle Überlegenheit gegenüber dem Osten zu demonstrieren. Es gehörte zum Selbstverständnis west­licher Demokratien, sich Wissenschaft ebenso zu leisten wie Museen. Nach 1989 hat sich das Gleichgewicht zwischen einem ideellen und einem materiellen Aspekt der Wissenschaften klar zugunsten des Letzteren verschoben. Die Universität wird als Produktionsstätte verstanden, und ihre Ware heisst Wissen. Dadurch ist auch die Verbindung von Wissenschaft und ­Demokratie porös geworden.

Die Ökonomisierung der Wis­sen­schaften hat dazu geführt, dass Forscher ihre Projekte vollmundig anpreisen und verkaufen müssen.

Man kann es allenthalben beobachten: Wenn Wissenschaftler gezwungen werden, zur Darstellung ihrer Forschungen auf Mechanismen des Showbusiness und auf ökonomische Strategien wie Produktmanagement und Marketing zurückzugreifen, darf sich niemand wundern, wenn das irgendwann Effekte auf die Forschung selbst hat. Es werden Abkürzungen genommen, das kritische Denken bleibt auf der Strecke, und es wird eine stromlinienförmige Forschung favorisiert, mit der man dem Geldgeber zu gefallen versucht. Das ist eine grosse Gefahr.

Daneben erleben Kreationisten und Leugner des Klimawandels einen Aufschwung.

Das ist ein etwas anderer Problemkreis, weil deren Aufschwung zumindest in den USA Bestandteil des politischen Rechtsrucks ist. Die aktuellen Formen und Mechanismen des Fundamentalismus lassen sich an Kreationisten und Leugnern des Klimawandels ziemlich gut studieren. Dennoch sind diese Entwicklungen nicht losgelöst von den Wissenschaften zu betrachten, weil diese selbst vielfach in politische, ökonomische und ideologische Zusammenhänge verwoben sind. Unter dieser Prämisse kann ich die Berechnungen und Voraussagen der Klimaforschung noch so überzeugend finden, Faktum ist, dass sie sich auf einen politischen Kampf mit den Reaktionären und den Gleichgültigen eingelassen hat, und da wird eben nach den Spielregeln der Politik und des Marketings agiert, nicht nach denen der Wissenschaft. 

Beim Kreationismus sieht es etwas anders aus. Das Hauptproblem auf Seiten der Evolutionsbiologie scheint mir zu sein, dass sie in den letzten 25 Jahren viel zu grosse Versprechungen im Hinblick auf eine biologische Erklärung der Kultur, der Künste und überhaupt des menschlichen Geistes gemacht hat. Das schaukelt sich wiederum mit dem Blödsinn, den die Kreationisten vertreten, in einer ganz unguten Weise hoch. Das heisst nicht, dass ich auf einer epistemologischen Ebene die Evolutionsbiologie und den Kreationismus auf Augenhöhe sehe, im Gegenteil, aber es ist einfach so: je grossmäuliger die Evolutionisten in der Öffentlichkeit behaupten, den Generalschlüssel zum Verständnis aller kulturellen Phänomene zu haben, desto leichter fällt es ihren Gegnern, den Eindruck zu erwecken, dass wir es hier mit rivalisierenden Theorien zu tun haben, die auf einer Ebene verhandelt werden. Insofern sind einige Protagonisten der Evolutionsbiologie an der gegenwärtigen Situation nicht schuldlos.

Es geht um die Frage der Vermittlung. Die Wissenschaft soll nicht länger im Elfenbeinturm stattfinden – die Einmischung aber ist schwierig.

Es ist für Wissenschaftler sehr schwer auszuhalten, in der Öffentlichkeit zu sagen: Wir wissen es nicht genau. Oder: Wir können uns hier auf keine definitiven Ergebnisse festlegen; was wir anbieten können, ist nur eine Teil­antwort, und auch die ist nur vorläufig. Das wäre ehrlich. Das hört aber kein Politiker und Steuerzahler gern, weil so viel Geld investiert wird.

Was können Demokratie und Wissenschaft in diesem Zusammenhang füreinander bedeuten?

Ich plädiere für einen neuen sozialen Kontrakt zwischen den beiden, der seitens der demokratischen Politik erstens auf einer grösseren Toleranz gegenüber den Ambivalenzen, Vorläufigkeiten und Schwachpunkten der Wissenschaften basiert. Zweitens geht es um die Bereitschaft mündiger demokratischer Bürger, sich ernsthafter und nachhaltiger in bestimmte wissenschaftliche Problemstellungen einzuarbeiten und dann auch einzumischen. Vonseiten der Wissenschaften würde ich erwarten, dass sie eine radikale Ehrlichkeit entwickeln im Umgang mit dem, was möglich ist, was unmöglich ist, und wo man gar nicht genau weiss, was möglich ist. Aber mit dieser Einstellung bekommt man kein EU-Flagship …

… wie das an der ETH Lausanne angesiedelte Human Brain Project, das von der EU mit einer Milliarde Euro unterstützt wird.

Das hat gewiss nicht nach dem Prinzip funktioniert, wie ich mir Wissenschaft im öffentlichen Raum vorstelle. Es hat funktioniert nach den oben schon genannten Mechanismen von Produktmanagement, Branding und dem suggestiven Bezaubern von Entscheidungsträgern.

Sie sehen die Verquickung von Wissenschaft und Wirtschaft, von Profit und Forschung als problematisch?

Damit ich nicht missverstanden ­werde: Ich würde den Kollegen in Lausanne gar keinen Vorwurf ­machen wollen. Sie spielen ein Spiel mit, das mindestens ebenso sehr ökonomischen und politischen ­Zielen dient wie wissenschaftlichen. Darauf kann man sich einlassen, darf sich dann aber nicht wundern, wenn man nicht mehr nach den Regeln behandelt wird, die die Wissenschaften sich einst selbst auferlegt haben und nach denen sie einigermassen gut funktionieren.

Die UBS hat letztes Jahr die Uni Zürich mit rund 100 Millionen Franken gesponsert. Damit ­finanziert sie fünf Lehrstühle und ein eigenes Forschungs­zentrum.

Wenn die UBS dieses Geld einem Fachbereich gegeben hätte, der ihren eigenen Interessen ganz fern liegt, sagen wir der theoretischen Physik oder den Geschichtswissenschaften, dann würde ich mich als Erster vor dieser Generosität verneigen. Ein üppig ausgestattetes, autonomes ­In­stitut wie etwa das Committee on Social Thought an der University of Chicago würde sich auch in der Schweiz gut machen. Aber daran denkt die UBS natürlich im Traum nicht. Und insofern verstehe ich diejenigen, die die erwähnte Donation mit Argwohn und Sorge betrachten.

Teil des von Ihnen geforderten neuen Sozialkontrakts soll sein, dass der Bürger mitbestimmen kann, was in der Wissenschaft passiert. Insbesondere, was die Biomedizin betrifft.

Überall kann man lesen, dass die sogenannte personalisierte Medizin nur funktioniert, wenn die biologischen Bürger zu Datenspendern ­werden. Da es sich hierbei nicht um Versuchs­tiere wie Drosophila-Fliegen oder Mäuse handelt, sondern eben um Menschen, stellen sich einige Fragen: Welche ­Daten willst du preisgeben? Wer soll was mit diesen Daten anfangen? Wie zuverlässig sind die Schlussfolge­rungen, die aus diesen Daten gezogen werden? Das darf nicht einer Ex­pertengruppe überlassen werden, hier müssen die Bürger ein Mitspracherecht haben. Es wäre für mich undenkbar, dass in einer ­Demokratie solche Daten willkürlich oder in politischer, kommerzieller, ­militärischer, geheimdienstlicher oder polizeilicher Hinsicht genutzt werden. Dann wären wir in einer alles kontrollierenden Diktatur angekommen, und das wollen wir hoffentlich nicht.

Und der Bürger soll auch da­rüber urteilen können, was inhaltlich geforscht wird. Soll zum Beispiel Intelligenzforschung ­betrieben oder soll die Neurowissenschaft unterstützt ­werden, die über Gehirn-Scans das menschliche Leben als bio­logisch determiniert darstellt?

Der Gedanke war ein etwas anderer. Ich bin grundsätzlich dagegen, dass Forschung verboten wird, sofern sie nicht die von einer Gesellschaft de­finierten Schranken überschreitet. Die Frage ist eher die: ob in einer Demokratie Bürger mit ihren Steuergeldern eine Forschung bezahlen ­sollen, die nach historischen Er­fahrungen dazu dient, das soziale Gleichgewicht in Unruhe zu bringen. Was wäre zum Beispiel mit einem molekularbiologisch-gentechnologischen Verschnitt eugenischer Fragestellungen? Soll diese Forschung mit Steuern finanziert werden? Ich habe keine dezidierte Antwort darauf, meine aber, dass so etwas zur Diskussion gestellt werden muss.

Die Vermittlung grösserer ­Zusammenhänge funktioniert Ihrer Meinung nach nicht mehr zufriedenstellend. Das habe mit dem Medienwechsel vom Buch zum Internet zu tun. Ist der digitale Zugang zu Wissen nicht gerade ein besonders geeignetes Instrument, die Komplexität der Zeit zu begreifen?

Ich kann mir das nur als einen Stufenprozess vorstellen. Es ist mir völlig klar, dass nicht jeder im Detail die ­Bücher des Wirtschaftshistorikers Philip Mirowski oder des Wissen­schafts­soziologen Donald Mac­Kenzie studieren kann, um die Zusammenhänge von Wissenschaft, Wirtschaftsentwicklung und Finanzmarkt zu ­begreifen. Das ist schlicht zu komplex. Ich halte aber ein stufenweises Herunterbrechen der Erkenntnisse, die in diesen Büchern durch jahre­lange Forschung gewonnen wurden, für möglich, ohne dass es zu starken Simplifizierungen kommt. Im Prinzip könnte der digitale Zugang zum ­Wissen hier von Vorteil sein, aber ­leider gibt es da ein gravierendes ­Mentalitätsproblem: Viele der­jenigen, die im Netz unterwegs sind und irrtümlich glauben, relevantes Wissen von sich zu geben, haben nicht das geringste Bewusstsein dafür, dass es ­essentiell notwendig ist, dass ­einige Leute sich jahrelang mit einem Thema beschäftigen und dann ein 500-Seiten-Buch veröffentlichen, das schwer zu lesen ist, aber fundamentale Erkenntnisse enthält. Wenn das in den Geisteswissenschaften nicht mehr möglich ist, haben wir verloren. Und ich habe im Moment den Eindruck, dass darüber weder in der Politik noch in der Blog-Szene und bei den Internet-Aficionados hinreichend Klarheit besteht.

Michael Hagner Michael Hagner (53) studierte in Berlin Medizin und Philo­sophie und habilitierte sich 1994 in Medizingeschichte. Seit 2003 ist er Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Zu den Veröffentlichungen des Mitglieds des Zentrums Geschichte des Wissens in Zürich gehört die Hirn-Trilogie «Homo cerebralis» (1997), «Geniale Gehirne» (2004), «Der Geist bei der Arbeit» (2006) sowie «Der Hauslehrer» (2010). 2008 wurde Hagner mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (deren Mitglied er auch ist) ausgezeichnet. Letzten Herbst ist von ihm der Sammelband «Wissenschaft und Demokratie» bei Suhrkamp erschienen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 01.03.13

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