Geht raus ans Licht!

Die (für viele) arbeitsfreien Ostertage kommen gerade recht, um einfach mal zu schlafen. «Halt!», sagt der Schlafforscher Christian Cajochen: Auch an Ostern sollte man raus ans Licht gehen.

Rausgehen oder schlafen? Oder beides? Beides! (Bild: Hansjörg Walter)

Die (für viele) arbeitsfreien Ostertage kommen gerade recht, um einfach mal zu schlafen. «Halt!», sagt der Schlafforscher Christian Cajochen: Auch an Ostern sollte man raus ans Licht gehen. Politikern rät er, Entscheidungen nicht nachts zu treffen. Ausserdem spricht er über «Schlaf-Machos».

Als Leiter der Abteilung Chronobiologie (Wissenschaft der Lebensrhythmen) der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel  weiss Biologe Christian Cajochen (48), wie wichtig genug Schlaf für den Menschen ist. Er weiss aber auch das Gegenteil: Zu viel schlafen bringt nichts. Wichtig ist genug Licht. Vor allem jetzt, wo der Frühling eigentlich da ist – wenn auch nur heimlich.

Herr Cajochen, sind Sie müde?

Extrem. Und jetzt fragen Sie mich bestimmt, ob der Lichtmangel schuld ist.

Genau.

Inzwischen kann man das nicht mehr so sagen, da es morgens ja wieder früh hell ist. Eigentlich die ideale Voraussetzung, um problemlos früh aufzustehen. Es liegt eher am Frust der Leute über den langen Winter, dass sie so müde oder etwas missgelaunt sind. Das wiederum führt dazu, dass sie weniger raus gehen – und sich entsprechend weniger am Licht aufhalten, obwohl dieses vorhanden wäre.

Wenn einem der Körper aber klar durchgibt, dass er müde ist – dann kann das doch nicht nur psychisch sein?

Es ist psychisch und physisch. Jemand kann sich aufraffen, hinaus zu gehen, obwohl er sich müde fühlt. Jedem tut es gut, sich eine Stunde draussen aufzuhalten – egal, wie schlecht das Wetter ist. Das Problem ist jedoch: Es ist zwar schon hell, es sollte Frühling sein, doch das Wetter spielt nicht mit, der blaue Himmel versteckt sich und es ist kalt. Das macht lethargisch.

Auch für die Ostertage sieht die Wetterprognose schlecht aus: Erst am Montag soll sich die Sonne wenigstens ein bisschen zeigen. Es klingt aber ganz so, als würden Sie den Leuten trotzdem abraten, Ostern zu verschlafen?

Genau, denn das Licht draussen ist trotz Kälte bereits genug hell, um eine aktivierende Wirkung auszulösen.

Für Menschen im Winterschlaf-Modus kommt die Umstellung auf die Sommerzeit in der Nacht auf Sonntag erschwerend dazu. Soll man die verlorene Stunde Schlaf nachholen? Geht das überhaupt?

Die Zeitumstellung führt zu einem Mini-Jetlag. Es dauert ein bis zwei Tage, bis sich der Körper an den neuen Rhythmus gewöhnt hat. Und: Ja, diese Stunde kann man nachholen. Ein Nickerchen am Sonntag genügt. Das ist keine grosse Sache.

Kann man Schlaf generell kompensieren?

Ja. Wenn jemand beispielsweise unter der Woche zu wenig geschlafen hat, kann er den Schlaf am Wochenende nachholen. Wobei es nicht nur auf die Dauer des Schlafes ankommt, sondern auch auf die Tiefe.

Sollte man sich zwingen, immer gleich viel zu schlafen und nicht nachgeben, wenn der Körper nach mehr Schlaf schreit? 

Der Körper will Regelmässigkeit. Und er ist darauf eingestellt, tagsüber wach zu sein und nachts zu schlafen. Das ist reine Biologie. Der Körper bereitet sich bereits drei Stunden, bevor der Wecker klingelt, auf das Aufwachen vor. Um diesen Prozess nicht zu durchbrechen, ist eine gewisse Regelmässigkeit wichtig. Menschen, die Schicht arbeiten, haben oft Schlafstörungen, weil sie diese Regelmässigkeit nicht einhalten können. Im schlimmsten Fall führt das zu Depressionen.

Warum sind die Schlafbedürfnisse der Menschen so verschieden?

Das ist eine schwierige Frage. In unserer Abteilung versuchen wir, Antworten zu finden. Es gibt eine interessante Laborstudie von einem meiner Kollegen in den USA, in der Lang- und Kurzschläfer zwei Wochen machen konnten, was sie wollten. Sie konnten lesen, essen – oder auch schlafen, wann es ihnen passte. Verblüffenderweise schliefen am Ende der zwei Wochen beide Gruppen im Schnitt 8,2 Stunden – diejenigen, die davor zehn Stunden schliefen und die, die mit fünf Stunden auskamen.

Es gibt also gar keine unterschiedlichen Schlafbedürfnisse?

Ich denke schon, dass es biologisch bedingte Unterschiede gibt. Doch der Mensch eigent sich sein Schlafverhalten auch an. Er meint, dass fünf Stunden Schlaf genug sind – oder umgekehrt. Es ist also auch eine «Schlaf-Charakter-Frage». Wobei Langschläfer sicher nicht faul sind, obwohl sie in unseren Breitengraden manchmal dafür gehalten werden. Der sogenannte «Schlaf-Macho», ein «Kurzschlaf-Bluffer», ist bei kognitiven Leistungsaufgaben nicht besser als der «Otto-Normal-Schläfer».

Im Zusammenhang mit den oft nachts getroffenen Entscheiden zur Eurokrise hat ein Schlafforscher in der TV-Sendung «Hart aber fair» einen Zusammenhang hergestellt zwischen Übermüdung und schlechten Entscheidungen. Sollten sich die Minister besser tagsüber treffen?

Unbedingt! Wobei nicht nur die Übermüdung an und für sich, sondern auch die Tageszeit eine Rolle spielt. Untersuchungen zeigen, dass der Mensch tendenziell morgens zwischen 4 und 5 Uhr am unglücklichsten ist. Keine besonders gute Voraussetzung, wichtige Entscheidungen genau dann zu treffen. Das sollte man lieber auf die Mittagszeit verschieben.

Warum? Sind Menschen um 12 Uhr glücklich?

Glücklicher als zwischen 4 und 5 Uhr jedenfalls. Hinzu kommt, dass die Reaktionszeit so früh am Morgen verzögert ist – egal, wie lange jemand davor geschlafen hat.

Was sollen wir nun also tun, um nach Ostern nicht mehr so müde zu sein?

Auch bei Regen und Kälte etwas unternehmen! Raffen Sie sich auf, suchen Sie die Ostereier draussen – im hoffentlich bis dann geschmolzenen Schnee.

Die Zeitumstellung ist in der Nacht auf Sonntag um 2 Uhr.

Und: Der Schlafforscher selber schläft im Schnitt nur 7 Stunden, leider, wie er sagt.

Konversation

  1. Prediger geben vor, „die Menschen“ zu kennen, wie sie sind, wie sie ticken. Politiker tun es oft und gern. In beiden Fällen geht es meist um Anmassung, und um Suggestion. Manche Biologen tun es innerhalb gewisser Grenzen aus gutem Grund, nämlich wenn es um grundlegende Merkmale und Prinzipien geht. Wenn sie es darüber hinaus tun, zeigen sie bloss, wie sie selber ticken, nämlich einfach. Das ist beileibe nicht untypisch für Biologen, sowenig wie für Nichtbiologen. In ihrer Aussen- wie Innenwelt weichen Lebewesen, beispielsweise Menschen, voneinander ab, daher auch in den vielfältigsten Verhaltensweisen. Nur deshalb ist fortgesetztes Leben auf diesem Planeten möglich. Wenn zwei harmonieren ist das unter Menschen schon viel. Grössere Gruppen funktionieren nur dank individueller Verhaltensunterschiede. Dass Menschen sich beispielsweise nicht bloss in der Schlafdauer unterscheiden, sondern auch darin, wann sie schlafen und allenfalls wie verteilt, wissen alle, insbesondere wenn sie sich schon in andern Breitengraden aufgehalten haben. Abgesehen vom Osterwetter spielen gesellschaftliche Zwänge und Gepflogenheiten eine Rolle, anderseits ändern die Bedürfnisse mit der Jahreszeit und dem Lebensalter, der Lebenssituation, dem Gesundheitszustand, der Arbeit. Verhalten grundsätzlich als Abweichung von einem hypothetischen Normverhalten zu verstehen, scheint mir wenig sinnvoll. Und wer kann über die angebliche Erkenntnis, dass der Mensch zwischen 4 und 5 Uhr tendenziell am unglücklich sei, mehr als lachen? Wann trifft der Mensch die besten Entscheidungen? Hunger oder Sattheit beeinflussen die persönliche Stimmung, als Zufriedenheit oder Gereiztheit etwa. Wie sich das auf die Qualität von Entscheidungen – im angesprochenen Fall ginge es ausserdem mehr um das Durchsetzen von längst festgelegten Positionen – auswirken könnte, dies zu ergründen wäre komplexer, als der Schlafforscher suggeriert. Und dass Müdigkeit guten Entscheidungen nicht förderlich ist, ist allgemein bekannt. Nützlich ist immerhin die akademische Erinnerung, dass Osterspaziergänge den Stadtmenschen bei jeder Witterung gut tun. Dazu ist es jetzt höchste Zeit.

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