Genmanipulation ohne Grenzen: Eine neue Technologie lässt Science-Fiction alt aussehen

Genforscher haben eine neue Technologie entdeckt, die ihnen alles ermöglicht, was man sich bei Genmanipulationen vorstellen kann. Das schreit nach ethischen Regeln. Doch diese werden im globalen Wettbewerb kaum durchzusetzen sein.

Neues Werkzeug für Biotechnologen: Die «Gen-Schere» wird grosse Veränderungen bringen.

(Bild: iStock/Sergey Nivens)

Genforscher haben eine neue Technologie entdeckt, die ihnen alles ermöglicht, was man sich bei Genmanipulationen vorstellen kann. Das schreit nach ethischen Regeln. Doch diese werden im globalen Wettbewerb kaum durchzusetzen sein.

So etwas geht wohl nur in Basel. Anderthalb Stunden lang wird über eine tatsächlich umwälzende neue Technologie diskutiert, im Schlusswort findet sogar ein Branchenvertreter die Entwicklung «ein wenig unheimlich» – und es kommt keine einzige kritische Frage. Beziehungsweise es wird kaum Raum gelassen für solche Voten aus dem Publikum. Lieber wechselt man zum Apéro. Aber von vorn. 

Bei der Veranstaltung «Wirtschaft und Wissenschaft im Dialog» der Handelskammer beider Basel (HKBB) stand am Montagabend das Thema «CRISPR/Cas9 – Revolution in der Medizin und in den Pflanzenwissenschaften» auf dem Programm. Eine «Revolution»? Das liest man oft, wenn es um eine neue Technologie geht. Für einmal ist das leicht abgenutzte Wort aber wirklich nicht fehl am Platz. 

Plötzlich sind Science-Fiction-Dinge möglich!

Schon lange üben sich Biotechnologen in «genetic engineering», bei dem mittels molekular-biologischer Techniken die genetische Ausstattung eines Organismus manipuliert werden soll. Bis jetzt hatten die Biotechnologen bloss nicht die richtigen Werkzeuge zur Hand, um fast wie Mechaniker im Erbgut herumzuschrauben und gezielt Teile zu optimieren. Die bisherigen Methoden waren vergleichsweise brachial und dazu unverhältnismässig teuer. Noch vor nicht einmal zehn Jahren kostete ein einziges solches halbwegs funktionierendes Gen-Tool 25’000 Franken, erinnert sich Markus Affolter. Er arbeitet am Biozentrum der Uni Basel und sprach als erster Redner über CRISPR/Cas9 in der Grundlagenforschung.

Die sogenannte Gen-Schere CRISPR/Cas9 kann Teile der DNA präzise und schnell verändern, ausschalten oder durch andere Genabschnitten ersetzen. Die Methode, die auf natürlich vorkommende biochemische Vorgänge im Immunsystem von Bakterien zurückgeht, wurde 2012 durch eine Arbeitsgruppe um Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna entdeckt. 2015 erklärte die Fachzeitschrift «Science» CRISPR/Cas9 zum Breakthrough of the Year. Tatsächlich dürfte es sich um eine der umwälzendsten Neuerungen handeln, die es in den Life Sciences je gegeben hat. Kein Wunder ist um die potenzielle Milliardentechnologie unlängst ein erbitterter Patentstreit entbrannt.

Damals war «genetic engineering» eher noch ein Versprechen. Mit CRISPR/Cas9 wird dieses tatsächlich eingelöst, und zwar auf so simple, kostengünstige und effiziente Weise, dass selbst Experten nur das Staunen bleibt. «Fast täglich werden neue Anwendungsmöglichkeiten publiziert», sagte Affolter. Es gehe so schnell, dass man fast nicht nachkomme. Mit der heutigen Technologie «kann man eigentlich alles machen». Bloss: Will man das auch?

Jetzt, da alle biotechnologischen Wunschträume plötzlich wahr geworden sind, werden auch all die ethischen Fragen rund um die Gentechnologie mit einem Mal sehr konkret: Wollen wir den genetischen Code wirklich nach Belieben neu schreiben können? Wollen wir Gendefekte im lebenden Organismus flicken, als ginge es um einen Bänderriss? Wollen wir Tiere oder sogar uns selbst genetisch optimieren? 

Wir könnten uns zum Beispiel eine Aids-Resistenz verpassen. Dinge anstellen, die nach Science-Fiction klingen. Zumindest theoretisch. Und die HKBB diskutiert ganz unaufgeregt über «die Genschere CRISPR/Cas9 und deren Bedeutung für den Life-Sciences-Standort Basel». Zur Bedeutung für Basel kam man an dem Abend nicht wirklich. Für lokalökonomische Betrachtungen ist die Umwälzung, die da im Gange ist, schlicht zu grundlegend.

Im Moment würden die Gentherapie-Möglichkeiten noch in Tiermodellen erprobt, «aber natürlich mit dem Gedanken, das relativ schnell auch beim Menschen anzuwenden».

Der zweite Redner, Rolf Zeller vom Departement für Biomedizin der Universität Basel, hielt einen Vortrag zum Thema «CRISPR/Cas9 in der Gentherapie – Hoffnungen, Chancen und Bedenken». Seine Gruppe habe vor etwa zweieinhalb Jahren die gesamte genetische Forschung gestoppt, um auf die neue Methode umzustellen. Während früher nur mit den klassischen, genetisch leicht zugänglichen Tiermodellen (Maus, Zebrafisch etc.) gearbeitet wurde, seien die Möglichkeiten nun fast unbegrenzt.

Schweine, Hühner, aber auch Affen – mit CRISPR/Cas9 kann mit jedem Organismus experimentiert werden, wobei vor allem in Asien die Forschung mit Affen vorwärtsgetrieben wird. Im Moment würden die Gentherapie-Möglichkeiten noch in Tiermodellen erprobt, «aber natürlich mit dem Gedanken, das relativ schnell auch beim Menschen anzuwenden», so Zeller.

Zum Thema Affen hatte in der Schlussrunde dann auch Karin Blumer, Kommunikationschefin Wissenschaft bei Novartis, eine irritierende Anekdote beizusteuern: Ausgerechnet an einer Konferenz, auf der sich Spitzenforscher aus der ganzen Welt der Diskussion stellten, ob es Zeit für ein CRISPR/Cas9-Moratorium sei, habe sie ein chinesischer Forscher angesprochen, der gern mit Novartis kollaboriert hätte. Im Frischdrauflos-Jargon der chinesischen Wissenschaft klingt das dann so: «Tell me the gene, I gonna ‹crispr› you the monkey.» Diese Entwicklung mache ihr schon etwas Sorge, sagte Blumer. Es wäre besser, würde diese Forschung bei uns passieren, wo tierethisch klarere Regeln gelten würden als in China.

Für die Ethik wirds eng

Und das ist eben die Krux: die Ethik in Zeiten der Globalisierung. Und notabene des globalen Wettbewerbs, gerade in den Biowissenschaften. Was CRISPR/Cas9 nämlich wirklich beispiellos (und ja: unheimlich) macht, ist eher eine weltpolitische als eine technologische Neuheit: CRISPR/Cas9 ist die erste umstrittene Technologie, bei welcher der Westen nicht allein die Fäden in der Hand hat. Auffällig viele der CRISPR/Cas9-Entdeckungen kommen aus China, wo die ethischen Rahmenbedingungen ganz andere seien. So heisst es jedenfalls immer, das wäre jedoch zu diskutieren. Klar ist nur, dass dort die forschungspolitischen Prämissen ganz andere sind: Aufholen ist die Devise, ethisches Kleinklein kann da schon mal vernachlässigt werden.

Wir können den Chinesen ethische Rahmenbedingungen nicht vorschreiben, findet Zeller. Können wir nicht? Oder meinte da der Forscher vielleicht: Wollen wir auch gar nicht! Wir hätten ja selbst gern mehr Freiheiten? Droht da so etwas wie ein negativer Ethikwettbewerb: wenn es die Chinesen tun, warum sollten wir nicht auch?

Ja, Fragen hätte es genug gegeben. Aber dafür war am Montagabend halt zu wenig Zeit, auch weil der Grüne-Gentech-Proponent Ueli Grossniklaus als dritter Redner noch die Gelegenheit bekommen hatte, die Hightech-Landwirtschaft wieder einmal als (einzige) Lösung für die Ernährungsmisere anzupreisen – und auf eine Gesetzesänderung zu pochen, die CRISPR/Cas9 aus dem restriktiven Rahmen der genveränderten Organismen (GVO) herauslösen würde. Auch hier: keine Nachfragen.

«Von manchen Sachen sollten wir die Finger lassen.»


Markus Affolter, Biozentrum Uni Basel

Wer in der Schlussrunde genau hinhörte, dem fiel die offensichtliche Uneinigkeit unter den Podiumsteilnehmenden auf, was den Regulationsbedarf betraf. Auf der einen Seite wurde für eine Selbstregulation der Wissenschaft plädiert, die da ohnehin viel schneller reagiere als die Gesellschaft und die Politik. (Aber: Warum haben denn gerade die Gründerinnen der Technologie an die Gesellschaft appelliert, sich die CRISPR/Cas9-Auswirkungen klarzumachen und Rahmenbedingungen zu setzen?) Auf der anderen Seite kam das Eingeständnis, dass ganz klar Diskussionsbedarf auf internationaler Ebene bestehe.

Und von Affolter kam schliesslich das unumwundene Votum, dass wir «von einigen Diskussionen bereits erlöst» seien – dass die Entwicklung demnach schneller vonstatten geht als die ethische Einordnung: «Wir werden Sachen hier nicht machen, die andernorts schon gemacht werden.» Affolter plädierte ausserdem dafür, dass die Wirtschaftlichkeit nicht an oberster Stelle stehen sollte und wir «von manchen Sachen die Finger lassen» sollten.

Ein Steilpass. Aber die Moderatorin Esther Keller mochte nicht nachhaken und kam lieber noch einmal auf die Chancen der Technologie zu sprechen. Ein halbherziger Versuch, die Gesprächsrunde zu öffnen, ein Schlusswort, das den Geist in der Flasche beschwor, und dann war fertig. Und das Publikum offensichtlich ein wenig baff.

War es beeindruckt oder verängstigt? Man hätte es wirklich gerne gehört. 

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