Nach 67 Jahren rausgeworfen

Heute öffnet die Kunstmesse Art für das Publikum die Tore. Zum letzten Mal mit dabei ist die Crew des Milchhändlerverbandes mit ihren Verpflegungsständen «Milk & More». Die Messe wirft sie nach 67-jähriger Zusammenarbeit raus, obwohl alle rundum mit dem Angebot zufrieden waren.

Nach 67 Jahren ist Schluss: Die Messe wirft die Crew des Verpflegungsstandes «Milk & More» raus. (Bild: Stefan Bohrer)

Die Kunstmesse Art öffnet für das Publikum die Tore. Zum letzten Mal mit dabei ist die Crew des Milchhändlerverbandes mit ihren Verpflegungsständen «Milk & More». Die Messe wirft sie nach 67-jähriger Zusammenarbeit raus, obwohl alle rundum mit dem Angebot zufrieden waren.

Die Urkunde hängt nur noch ein paar Tage: Auf dieser dankt die Messe dem Milchhändlerverband Basel und Umgebung für fünfzig Jahre Treue. «Für diese Treue gebührt Dank und Anerkennung.» Unterschrieben vom Verwaltungsratspräsident und CEO, der damals noch Direktionspräsident hiess. Das war 1996. Doch jetzt ist es vorbei mit dieser Treue: statt Dank und Anerkennung gab es von der Messe die Kündigung. Nach 67-jähriger Zusammenarbeit.

Das wollten die Milchhändler, die mit zwei Ständen «Milk & More» jedes Jahr Tausende von Messebesuchern verpflegen, nicht auf sich sitzen lassen. Sie haben deshalb die von der Messe per 31. Dezember 2012 ausgesprochene Kündigung angefochten, in der Hoffnung, damit ein letztes Druckmittel in die Hand zu bekommen.

Die Kündigung bekamen alle

Hintergrund ist die Verpflichtung der Münchner Cateringfirma Käfer. Die von der Messe ausgewählte Verpflegungsfirma mit erlesenen Preisen, scheint denn auch hervorragend zur Glitzerwelt der Vorzeigemesse Baselworld zu passen. International standardisierte Verpflegung für ein internationales Publikum. Die deutsche Firma hat längst einen Basler Ableger gegründet: Käfer Schweiz. Offenbar konnte die Firma aber in Basel noch nicht so recht Fuss fassen. Denn als deren Adresse ist auch vier Jahre nach der Gründung im Handelsregister immer noch eine c/o-Adresse bei einem Basler Anwaltsbüro eingetragen.

Käfer Schweiz übernahm von der Messe im Jahr 2011 den Auftrag für das Catering auf dem Messe- und Kongressplatz Basel. Um die Effizienz und Qualität der Messegastronomie zu steigern, sei diese einem einzigen professionellen Partner übertragen worden, so die Messe. Statt der früher zahlreichen kleinen Unternehmen, Vereinen und Genossenschaften gebe es damit nur noch einen Ansprechpartner, «was die Abstimmung der Angebote auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Messen beziehungsweise Kunden wesentlich vereinfacht.» Allen anderen Gastronomiebetreibern schickte die Messe die Kündigung, etwa dem Grottino Ticinese und eben auch dem Milchhändlerverband.

Der Messe lag offenbar nichts an den Milchhändlern

Nachdem ihnen die Messe gekündet hatte, versuchten die Milchhändler mit dem neuen Chef auf dem Platz, der Firma Käfer, zu verhandeln und baten um einen Untermietvertrag. Gemäss Walo Zimmermann, Vorstandsmitglied des Milchhändlerverbandes, folgten zahlreiche Gespräche mit der Messeleitung und der Firma Käfer. Ohne Ergebnis. Der Geschäfsführer der Firma Käfer habe jedoch mehrfach durchblicken lassen, dass die Messe einem Untermietvertrag im Wege stehe, deshalb seien ihm die Hände gebunden.

Diese Darstellung bestreitet die Firma Käfer: Ein Untermietvertrag sei mit dem Milchhändlerverband «in keiner Weise konkret besprochen worden.» Es gebe dazu auch keine schriftliche Korrespondenz. Käfer habe vielmehr mit der Messe Schweiz einen Vertrag abgeschlossen, in welchem nur zwei künftige Untermieter «thematisiert» wurden: Gastronomie Eiche und Backwarenspezialist Wacker & Schwob, nicht aber die Milchhändler. Der Messe lag offensichtlich wenig an einer weiteren Zusammenarbeit mit diesem, sonst hätte sie dies im Vertrag mit Käfer genauso festhalten können.

Nach 67 Jahren Zusammenarbeit traf man sich vor der Schlichtungsstelle

Einen Tag vor dem Gerichtstermin schlossen die Messe und die Milchhändler doch noch einen Vergleich. Die Milchhändler akzeptierten die definitive Kündigung sechs Monate nach dem eigentlichen Termin auf Ende Juni 2013. Als Gegenleistung sicherte die Messe den Milchhändlern schriftlich zu, dass sie einem Untermietvertrag zwischen ihnen und Käfer Schweiz zustimmen würde.

Die Milchhändler feierten schon die Kehrtwende der Messe. Schliesslich hatte die Firma Käfer immer signalisiert, die Messe wolle keine weiteren Unterverträge zulassen. Doch war die Zusicherung der MCH nicht einmal das Papier wert, auf welchem der Vergleich festgehalten wurde. Denn in Tat und Wahrheit hatte die Messe damit gar kein Zugeständnis gemacht, sondern nur bestätigt, was sowieso im Vertrag mit Käfer stand: «Käfer Schweiz ist aufgrund des Vertrags berechtigt Untermietverträge mit anderen Restaurant-Betreibern abzuschliessen. Der Entscheid über den Abschluss von Untermietverträgen liegt bei der Käfer Schweiz AG», schreibt die Messe in einer Stellungnahme der TagesWoche.

Doch Käfer Schweiz beschied dem Präsidenten des Milchhändlerverbandes und ehemaligen FC-Basel-Spieler, Alex Wirth, die Milchhändler hätten mit der Anfechtung der Kündigung die Übernahme der Infrastruktur durch Käfer um sechs Monate verzögert. Käfer habe deshalb bereits einen «erheblichen Umsatzverlust zu verzeichnen.» Deswegen komme ein Untermietvertrag nicht in Frage.

Abgekartetes Spiel?

«Das war von Anfang an ein abgekartetes Spiel», sagt Walo Zimmermann vom Milchhändlerverband. Mit ihren beiden Ständen erzielten die Milchhändler ein paar Hunderttausend Franken Umsatz pro Jahr, Käfer hingegen habe Millionen in die Messeverpflegung investiert. Zimmermann war stolz, frisch vor Ort hergestellte Produkte zu einem «fairen Preis-, Leistungsverhältnis» anbieten zu können. Das kleinste Sandwich kostete bei ihm zum Beispiel 4 Franken 50. Käfer bietet an der diesjährigen Art Sandwiches für mehr als das Doppelte an und ein Chäschüechli kostet 8.50, eine Kalbsbratwurst 10.50. Gegenüber der TagesWoche bekräftigte Käfer Schweiz, dass man die beiden Stände von «Milk & More» weiter betreiben und damit das Gesamtangebot mit einer «bunten Palette an Schweizer Produkten im Selfservice abrunden wolle» – allerdings ohne den Milchhändlerverband.

Walo Zimmermann und seinem Team bleibt jetzt nur noch, sich während der Art von ihrer Kundschaft zu verabschieden. «Für uns ist es deshalb besonders bitter, weil wir nichts falsch gemacht haben. Im Gegenteil: Besucher und Aussteller verteilten uns Bestnoten. Da tut es weh, wenn man nach einer so langen und guten Zeit trotzdem rausgeworfen wird.»

Konversation

  1. Die Zeiten ändern sich, nichts bleibt wie es ist. Das macht auch vor dem Milchhändlerverband, der immerhin 67 Jahre an der Messe das Monopol hatte, nicht halt. Die Zeiten ändern sich auch dahingehend, dass Milch, in Bezug auf gesunde Ernährung, schon lange ein Mythos ist. Viele Menschen verzichten schon lange auf Produkte mit tierischem Eiweiss, seis Milch, Butter, Käse, Joghurt oder Fleisch. So entspricht halt ein Stand mit Namen ‚Milk & More‘ für viele nicht mehr dem Zeitgeist und wirkt vor allem altgebacken und einseitig. Vielleicht hat der Milchhändlerverband auch den Zeitpunkt verschlafen, sich neuen Trends anzupassen – schwierig, wenn man natürlich alles aufs gleiche Pferd – bzw. Kuh – setzen muss.

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  2. Die Käfer sind ja nach dem Fuss fassen bei der Messe auch im dazugehörigen Musicaltheater eingeschwebt. Und wie! Man hatte zu Beginn den Eindruck, die Elite aus München wolle uns Provinzlern endlich mal zeigen, wie man Catering betreibt. Die Stange Bier kletterte auf CHF 6.00, der Kaffee wurde auch um die Hälfte teurer, dafür das Personal um denselben Faktor unfreundlicher. Mittlerweile hat man sich aneinander gewöhnt, die Preise bleiben hoch und die Umsätze tiefer also zuvor, der Angestelltenrabatt ist ebenso passé.

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  3. Sehr viele Jahre war ich gerne Besucher der verschiedenen Messen in Basel. Ausser die BaselWorld, diese Veranstaltung war und ist mir als ‚common man‘ zu elitär und auch zu teuer. Wenn ich jetzt die Vorgänge um den Milchhändlerverband lese, dann werde ich etwas ungehalten. Wohlgemerkt, es gäbe noch andere Ausdrücke… Ich werde keine Messe mehr in Basel besuchen. Ein ‚Bretzelsandwich‘ aus München für CHF 8.50 (achtfünfzig). Das zahle ich schlicht und einfach nicht!

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  4. Das Angebot von Käfer lässt sich grob vereinfacht so ausdrücken: Du bekommst einen Teller in die Hand gedrückt, wofür du vorher das Doppelte wie gewöhnlich bezahltest, und stellst mir Verärgerung fest, dass die drei, vier Bissen nie diesen Preis wert waren. Aber du hast trotzdem einen Käfer Teller in der Hand! Und wenn Du den Salat ohne diese Rahmsause haben willst, dann wirst du dazu noch angeschnauzt, dass sei nämlich alles aufeinander abgestimmt.

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  5. Werden die Käfer-Brötchen und Edel-Würste im Bidonville auf dem Messeplatz angeboten? Ist das Kunst? Recycling? Eine elitäre Kunstverkaufsveranstaltung findet das wohl echt cool, überteuerte Verpflegung in nachgemachten Bretter- und Wellblechbuden zu verscherbeln. Do kommt bestimmt ein äusserst wohliges Gefühl auf.

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  6. liebe „Messe Schweiz“, ich als Basler Bürger welcher für den Kredit zum Umbau mit JA gestimmt hat, ich fühle mich jedoch langsam aber sicher „über den Tisch gezogen“. Die Messe sollte doch auch für das lokale Gewerbe da sein ….. Versprechungen vor den Abstimmungen sind scheinbar das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind.
    Ich hoffe jedoch der Basler Bürger hat in Zukunft ein besseres Langzeitgedächtnis.

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