Neustart – so will die Chemiefirma Cabb endlich die Pannenserie hinter sich lassen

Neustart nach Pannenserie. Dank neuem Management sollen bei der Chemiefirma Cabb in Pratteln das Sicherheitsbewusstsein und die Betriebskultur verbessert werden.

Hat neu die Verantwortung: Christine Sutter. Sie kennt die neue 55-Millionen-Anlage in- und auswendig, betreute sie doch das Projekt.

(Bild: Matthias Oppliger)

Neustart nach Pannenserie. Dank neuem Management sollen bei der Chemiefirma Cabb in Pratteln das Sicherheitsbewusstsein und die Betriebskultur verbessert werden.

Eigentlich hätte der heutige Tag für die Prattler Chemiefirma Cabb ein Feiertag werden sollen. Der deutsche Konzern wollte in Schweizerhalle seine neueste und modernste Produktionsanlage einweihen. Ein 55-Millionen-Projekt sollte gebührlich und in Anwesenheit der lokalen Politprominenz der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Stattdessen musste die eigens aus Deutschland angereiste Führungsriege in einem Konferenzzimmer im Hotel Courtyard Basel in Pratteln vor den Medien zu Kreuze kriechen. Es liess sich nicht länger wegdiskutieren: Die Cabb in Pratteln hat ein Sicherheitsproblem.

Eine unglaubliche Serie von Gas-Austritten und anderen sogenannten «Ereignissen» hat dies deutlich gemacht. Alleine in diesem Jahr ist es zu fünf solchen Vorfällen gekommen, zwei davon im Zusammenhang mit der neuen Elektrolyseanlage. Die Staatsanwaltschaft Baselland hat deswegen bereits eine Strafuntersuchung eröffnet.

Das sieht auch Cabb-Chef Peter Vanacker ein: «Ich möchte mich im Namen des Unternehmens bei unseren Nachbarn und der Prattler Bevölkerung für die wiederholten Stoffaustritte entschuldigen.» Jeder Vorfall sei einer zu viel, «auch wenn die einzelnen Ereignisse für sich gesehen eigentlich nicht dramatisch waren». Ganz generell habe es im Werk in Pratteln jedoch an Sicherheitsbewusstsein gemangelt.

Vanacker verspricht deshalb einen «Neuanfang für den Standort Pratteln». Konkret bedeutet das:

Personelle Veränderungen

  • Der bisherige Standortleiter Robert Dahinden muss gehen. Diese Entscheidung sei «im gegenseitigen Einvernehmen» getroffen worden, hält Vanacker fest. An seine Stelle tritt interimistisch Thomas Eizenhöfer, Mitglied der Konzernleitung.
  • Auch der Betriebsleiter der sogenannten Monoanlagen, Dietmar Faber, in dessen Bereich die Vorfälle stattgefunden haben, muss das Unternehmen verlassen. Seine Nachfolgerin heisst Christine Sutter, sie war als Projektleiterin für die neu eingeweihte Elektrolyseanlage zuständig.

Organisatorische Veränderungen

  • Neben dem Produktionsteam kümmert sich bei der Cabb ein Gruppe von Betriebsingenieuren um die Wartung und Überwachung der Anlagen. Dieses Ingenieurteam war bisher jedoch dem Produktionsleiter unterstellt, konnte also nicht vollends unabhängig operieren. Neu berichten die Ingenieure direkt an die Standortleitung in Pratteln und befinden sich damit auf der gleichen Hierarchiestufe wie der Produktionsleiter. Davon verspricht sich das Unternehmen eine «kritischere Betrachtung von Anlagen und Prozessen».

Mehr Kontrollen

  • Eine Sicherheits-Taskforce unter der Leitung des globalen Sicherheits- und Qualitätsbeauftragten Uwe Herfet will die Vorfälle genauestens untersuchen und aufklären. Ausserdem durchleuchtet die Taskforce sämtliche Anlagen und Prozesse am Standort Pratteln.
  • Unterstützt wird die Taskforce bei dieser umfassenden technischen Überprüfung von einer externen Schweizer Engineering-Beratung.

Weitere Investitionen

  • Neben der frisch eingeweihten Elektrolyseanlage für 55 Millionen versprechen die Cabb-Chefs noch weitere Investitionen. «Wir werden in den nächsten zwei Jahren noch weitere 60 Millionen Franken in diesen Standort investieren», sagt CEO Vanacker.

Artikelgeschichte

23.11.16, 17 Uhr: Der Text wurde inhaltlich leicht angepasst. Die Betriebsingenieure berichten neu nicht in die Zentrale nach Deutschland, sondern an die Standortleitung in Pratteln.

Konversation

  1. Als ehemaliger in verantwortlicher Funktion habe ich schon 2010 mein Arbeitsvertrag fristlos von einem auf den anderen Tag gekündigt, weil aus meiner Sicht die Arbeits- sondern auch die Sicherheit für Anwohner und Umwelt nicht mehr gegeben war.
    Es geht grundsätzlich nicht darum wieviel in Sicherheit investiert wird bzw. wurde, es geht darum wieviel für eine Unterhalt der solche Anlage mit deren Gefahren bereitgestellt wird. Wenn hier jede grössere Reparatur erst durch unentliche Sachbearbeitungsstelle läuft, wenn eigene Werkstätten des Profit wegen ausgelagert werden, ist eine Gefahrenquelle programmiert.
    Das dies nicht so ist wird verschwiegen. Es nützt nichts wieder unnötiges in externe Beraterfirmen auszugeben. Hab ich alles schon mitgemacht. Es muss bis in die oberste Chefetage in die Köpfe gehen, mit was für Stoffen hier gehandhabt wird. Es hört sich schön an, mit einer neuen Anlage an diesem doch heiklen Standort, nun in der Lage zu sein, doppelt so viel herzustellt. Personen welche dazu nun noch das Problem in den Grenzgänger sehen, die die Arbeit, welche kein Schweizer ausführen will, haben den Ablauf in der Wirtschaft nicht verstanden. Es geht doch hier nur um Profit der Aktionäre.
    Wenn ein Standortverantwortlicher freiwillig den Rücktritt anbietet bzw. auch vollzieht, gibt Einblick auf dessen Meinung zur bestehenden Sicherheit.

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  2. Ein paar Bauernopfer und weiter gehts. Hauptsache die Behörden in BL schlafen weiter.
    Ganz entlarvend dann dies: Die Betriebsingenieure sollen also dierekt der deutschen Zentrale – wo alle Abzocker sitzen – Bericht erstatten; die «kritischere Betrachtung von Anlagen und Prozessen» wird wohl eher noch das Risiko einer ganz grossen Schweinerei steigern, bei der dann auch die Behörden vor Ort nicht mehr wegschauen könnten und es nicht mehr mit einem zivilen Hotel für die Herren getan ist.

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    1. Leider hat sich im Bericht ein kleiner Fehler eingeschlichen. Die Betriebsingenieure berichten künftig nicht in die Zentrale nach Deutschland, sondern an den Standortverantwortlichen vor Ort.

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    2. Besten Dank, aber das beruhigt mich bei dieser Firma überhaupt nicht. Die Gewinne fliessen weiterhin ab, wahrscheinlich ohne nationale Rückstellungen (ein bischen analog „Swiss“…).
      Ausserdem: Weiss jemand wieviele kleinere Vorfälle nicht öffentlich wurden ???

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    3. Die Strafuntersuchung läuft trotzdem. Als Aussenstehende müssen wir ein Stück weit darauf vertrauen, dass die Reorganisation den gewünschten Nutzen bringt. Aus der Ferne betrachtet begrüsse ich, dass das Wartungsteam dem Produktionsleiter gleichgestellt wird. Am Ende hängt es nun tatsächlich am Standortleiter, wie gut das funktioniert und es ist auch klar, dass diese Person in jedem Fall auf dem Verliererposten steht. Sie kann es eigentlich nur falsch machen. Entweder entscheidet sie sich für einen Anlagenstillstand mehr zu Gunsten einer Revision und damit gegen einen möglichen Gewinn. Oder sie entscheidet sich für den Gewinn und nimmt wissentlich in Kauf, dass es möglicherweise zu einer Betriebsstörung kommen kann, weil die Wartung vernachlässigt wurde.
      Man kann nur hoffen, dass die beiden neuen Ex-Mitarbeiter gute Anwälte haben. Denn am Ende sind sie es, die die Ausführungsverantwortung vor Ort tragen und nicht die Konzernleitung.

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