Pino Bertelli: «Die Stadt erweitert sich – und hinterlässt eine Wüste»

Kritischer Stadtbetrachter, Situationist und Schüler von Pier Paolo Pasolini: Der italienische Strassenfotograf Pino Bertelli weilte kürzlich in Basel. Dabei hielt er mit der Kamera seine Blicke auf die Stadt fest – und ging mit ihr hart ins Gericht.

«Ein sterbender Ort, der weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat»: Bei Orten wie dem Gewerbeareal Lysbüchel möchte der italienische Fotograf weder der Nostalgie noch der Neubau-Euphorie verfallen.

(Bild: Pino Bertelli)

Kritischer Stadtbetrachter, Situationist und Schüler von Pier Paolo Pasolini: Der italienische Strassenfotograf Pino Bertelli weilte kürzlich in Basel. Dabei hielt er mit der Kamera seine Blicke auf die Stadt fest – und ging mit ihr hart ins Gericht.

Mit dem Béret auf dem Kopf und einer Toscano-Zigarre im Mundwinkel geht er ans Werk. Selbst wenn diese längst heruntergeraucht ist, bleibt sie zwischen die Lippen geklemmt. Zu Pino Bertellis Markenzeichen gehört nicht nur das. «Wenn ich herumreise, nehme ich stets einen Stadtplan von Berlin mit», sagt der 73-jährige Fotograf und Filmemacher. Ob in New York oder Istanbul – es ist immer dieselbe Karte. Mit einer Ausnahme: Sobald er tatsächlich in Berlin weilt, hat er einen Plan von Rom im Rucksack.

Wir treffen uns im St. Johann an einem kalten Wintermorgen im Schneegestöber. Schon bald wird klar, dass hier kein Wohlfühl-Rundgang beginnt: Charmant sind die Charakterisierungen der Bauten nämlich nicht. Bei den Voltahäusern lässt Pino Bertelli – wie in so manchen Städten – kein gutes Haar an der zeitgenössischen Architektur. Wie er feststellt, werden die Fenster dunkler, die Zimmerhöhen tiefer. «Man drückt die Leute nach unten», meint er. Gleichzeitig müssten die Stadtbewohner immer mehr den Hals recken, was ihm bereits beim Anblick des dominanten Roche-Turms nicht entgangen ist.



Seine erste Kamera bekam er als Teenager vom Regisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini geschenkt. Seither ist Pino Bertelli überzeugt, dass die Strasse die wahre Fotografenschule ist.

Seine erste Kamera bekam er als Teenager vom Regisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini geschenkt. Seither ist Pino Bertelli überzeugt, dass die Strasse die wahre Fotografenschule ist. (Bild: Michel Schultheiss)

Hinter den Volta-West-Bauten präsentiert sich ein anderes Bild. Bertelli blickt in Richtung Gewerbeareal Lysbüchel, auf dem ein neuer Stadtteil entstehen soll. «Ein sterbender Ort, der weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat», meint er kühl. Besonders ins Auge stechen ihm auch die spitzen grünen Spielgeräte im Innenhof der Voltahäuser. Wie immer spricht er in Rätseln: «Dass die ausgerechnet die Form von Pfeilen haben, will etwas heissen», sagt er schmunzelnd und sieht darin quasi ein Denkmal dafür, dass die Städte an den Bedürfnissen der Menschen vorbeizielen.

Eine Begegnung machte ihn zum Stadt-Beobachter

«Fotografie lernt man nicht in der Schule, sondern auf der Strasse». Diese Lektion hat ihm in jungen Jahren kein Geringerer als der legendäre Regisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini erteilt. 1958 kam es zu einer Begegnung mit dem italienischen Intellektuellen in Livorno. Der damals 15-jährige Bertelli lud Pasolini zu sich nach Hause ein – die Eltern kochten sogleich Spaghetti mit Sardellen für den Gast. Am nächsten Tag fand Pino Bertelli eine Überraschung vor: Pasolini überreichte ihm eine Kamera als Dankeschön. Inspiriert von den Ansichten des Dichters begann der Jugendliche daraufhin, den Wandel in seiner toskanischen Heimatstadt Piombino festzuhalten. Weitere Kameras folgten: Später war Bertelli auch in Tschernobyl, im Irak und in Burkina Faso als Fotograf unterwegs.

«Man drückt die Leute nach unten», findet Pino Bertelli im Hinblick auf die Beschaffenheit der Wohnungen. Gleichzeitig schiessen die Städte in die Höhe. 

«Man drückt die Leute nach unten», findet Pino Bertelli im Hinblick auf die Beschaffenheit der Wohnungen. Gleichzeitig schiessen die Städte in die Höhe.  (Bild: Pino Bertelli)

Bertelli hat ein Auge für die Details: Ein Graffito auf den Fassaden des Voltacenters fällt ihm auf – «Freiheit». Was ihn interessiert, ist aber viel mehr ein wackliger grüner Strich darunter. Manche Fotografen störten sich am Unvollkommenen – doch genau das suche er: «Das lässt Interpretationen zu». So reisst er die Fassade des Coop am Vogesenplatz aus dem Kontext, was ihr einen ganz anderen Schliff gibt. Typisch ist der Kniff des «Détournement» – eine unerwartete Verfremdung des Bildmotivs.

Die Stadt als Warenabfertigung

Hier klingt die «Situationistische Internationale» nach für die er sich als Jugendlicher begeisterte. Die Kritik an der «Gesellschaft des Spektakels» nach Guy Debord, also an der Inszenierung falscher Bedürfnisse, schimmert somit bei Pino Bertelli deutlich durch: Der Warencharakter der Städte für einen Menschen, der in erster Linie als Konsument gesehen wird, ist eine Idee, die er genauso mit sich führt wie die Karte von Berlin. Das gilt auch für die Fotografie. Eine pointierte Meinung hat er daher auch zu Selfies und zum Narzissmus in den Social Media: «Das ist keine Fotografie, sondern Schizophrenie», meint er lachend. In seinen Augen wird der Mensch selbst in Bildern talentierter Fotografen zu sehr als Ware präsentiert.

Auf der Suche nach dem Unvollkommenen: «Das lässt Interpretationen zu», erklärt Bertelli sein Interesse für diesen wackligen Strich in der sterilen Umgebung des Vogesenplatz.

Auf der Suche nach dem Unvollkommenen: «Das lässt Interpretationen zu», erklärt Bertelli sein Interesse für diesen wackligen Strich in der sterilen Umgebung des Vogesenplatz. (Bild: Pino Bertelli)

Daher will er auch in seinen Personenporträts Gegensteuer geben. «Ein Arbeiter sollte wie ein König fotografiert werden, ein König hingegen wie ein Arbeiter», erklärt er. Fotografinnen wie Diane Arbus und Tina Modotti, die es schafften, einfache Leute würdevoll zu porträtieren, gehören dabei zu seinen Vorbildern. Dies kam etwa bei seiner Porträtserie mit verschiedenen Menschen am Arbeitsplatz in der Toskana zum Tragen. Dabei weiss er aus eigener Erfahrung, was etwa der Fabrikalltag bedeutet: Bertelli arbeitete in jungen Jahren selbst in den Stahlwerken von Piombino.

Auf geht’s in Richtung Voltaplatz. «Die Fantasie der Kinder braucht kein Eisen, sondern Licht», sagt er mit einem Blick auf den Robi-Spielplatz. Er nennt Beispiele situationistischer Architektur, bei der das Licht eine zentrale Rolle spielt, etwa beim Künstler Constant. Dieses Bedürfnis komme aber in den Städten viel zu kurz. Er blickt auf die leeren Schaufenster beim Volta-Ost-Gebäude und den eingezäunten Novartis-Campus. «Eine Stadt erweitert sich und hinterlässt eine Wüste», sagt er in einem pessimistischen Ton. Dabei gehe es nicht so sehr um einen Raum für die Menschen, als darum, Spuren der Macht zu hinterlassen.

Ohne Coop-Logo ändert sich das Ambiente: Verfremdungen sind ein fester Bestandteil der situationistischen Fotografie.

Ohne Coop-Logo ändert sich das Ambiente: Verfremdungen sind ein fester Bestandteil der situationistischen Fotografie. (Bild: Pino Bertelli)

«Ich bin kein Nostalgiker»

Von der Dreirosenbrücke aus schaut er auf Basel: Das neue Biozentrum drücke im Stadtbild das St. Johanns-Tor herunter. Der Blick ist auf den Kontrast zwischen dem Matthäusquartier mit Baerwart-Schulhaus und Josephskirche und auf das Klybeck-Industrieareal gerichtet. Bertelli fallen die weichen Formen auf der einen Seite der Dreirosenbrücke auf, die sich von den harten Konturen der anderen Seite unterscheiden. Das Rathaus gefalle ihm auch – es behalte immerhin noch etwas von der örtlichen Kultur.

Dabei drängt sich dann doch die Frage auf: Idealisiert Pino Bertelli hier die Vergangenheit? Wurden die heute unter Denkmalschutz stehenden Gebäude denn nicht einst auch als Machtsymbole gebaut? Bertelli stimmt eher Letzterem zu: «Ich bin keineswegs ein Nostalgiker». Gewiss sei auch die Altstadt voller Machtsymbole der damaligen gesellschaftlichen Elite. «Doch dagegen gab es zumindest eine Revolte».

Heute seien hingegen vielerorts sowohl die Dächer wie auch die Proteste abgeflacht: Wie schon sein Vorbild Pier Paolo Pasolini feststellte, gehe es mit den Städten in Richtung Homogenisierung.

«Dass die Spielgeräte ausgerechnet die Form von Pfeilen haben, will etwas heissen»: Bertelli trifft bei seinen Stadtspaziergängen auf aus seiner Sicht aggressive Formen, die eigentlich nicht zu den Menschen passen.

«Dass die Spielgeräte ausgerechnet die Form von Pfeilen haben, will etwas heissen»: Bertelli trifft bei seinen Stadtspaziergängen auf aus seiner Sicht aggressive Formen, die eigentlich nicht zu den Menschen passen. (Bild: Pino Bertelli)

Die «Bienenhäuser» des Erlenmatt-Quartiers

Ganz nach dem Prinzip der «Psychogeographie» gehe die Wirkung der Stadtstruktur nicht folgenlos an den Menschen vorbei. So auch bei den Neubauten im Erlenmatt-Quartier, die Endstation der «Dérive», dem situationistischen Erkunden einer Stadt durch zielloses Umherschweifen. Pino Bertelli mustert im Vergleich die Altbau- Häuserzeile am Riehenring: Jedes Haus sei dort ein bisschen anders – Unterschiede machten schliesslich die Menschen aus. Im Vergleich sieht er auf dem ehemaligen NT-Areal lauter «Bienenhäuser», die auf Anonymität getrimmt seien. In vielen Städten sieht er das gleiche Problem. «In Basel fällt mir aber besonders auf, wie das als neues Lebensmodell angepriesen wird». Dabei sehe er eine Kopie der Wohnblöcke der Nachkriegszeit. Nun komme das aber in einer teuren Verpackung zurück. Bertelli zündet sich eine neue Zigarre an und zieht sein Fazit: «Das ist also alter Wein aus neuen Schläuchen».

Der in Basel und Syrakus lebende Fotograf Alberto Sipione zeigt zurzeit eine Hommage an die Fotografie von Pino Bertelli: Unter dem Titel «Umbau – zwischen Erinnerung und Entfremdung» ist seine Ausstellung mit Ansichten zur Basler Stadtentwicklung noch bis am 11. Februar im Restaurant Hirscheneck zu sehen.

Konversation

  1. Gewiss, die „Dérive“ als Kunstform der Fotografie ist sehr reizvoll. Neben den Farben und Formen der Ausschnitte, die den Kontext verwischen, ergibt eine solche Sammlung ein spannendes zeitgenössisches Archiv für den später geborenen Betrachter.

    Die Hoheit der Diskussion über Orte und Unorte sollte der Fotograf, der eigentlich nur den Status Quo dokumentiert, anstatt die Bauten tatsächlich zu konzipieren, finanzieren und zu bauen, tunlichst den besser geeigneten Architekten überlassen. Wir haben mit HdM doch erfahrene Gestalter auf diesem Gebiet.

    Dem Bürger mag die „Röstiraffel“ gefallen oder nicht. Die Aussagen eines Fotografen gehen ihm aber wahrscheinlich am A. vorbei. Denn wohl fühlen tut er sich vorallem in den eigenen vier Wänden. Den Rest nimmt er höchstens verzerrt durch ÖV, Auto und Velo wahr und holt sich die „Schönheit“ der urbanen Umwelt in seinen Ferien rund um den Globus.

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    1. Es wäre eben genau die Aufgabe und das Ziel, dass man sich in der eigenen Stadt wohl fühlt und dafür nicht rund um den Globus fliegen muss…

      Die Konzeption und das Bauen sollten die „Bürger“ tatsächlich den ausgebildeten Leuten überlassen, die Diskussion darüber muss aber unbedingt auf allen Ebenen stattfinden. Denn anders als in sonstigen gestalterischen Bereichen kann mann sich der Architektur nicht entziehen. Und deswegen ist jede Dokumentation und/aber auch jeder Kommentar wichtig. Diese Arbeit ist beides.

      Des weiteren sucht das Gesamtwerk von HdM tatsächlich seinesgleichen, aber die Einzelwerke sind zum Teil umstritten, auch in der Architekturszene.

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  2. Dies utilitaristischen Kisten, die schon zu ihrer Zeit der Funktion so aussehen, wie Berlin oder Hamburg ausgebombt, d.h. ihr eigenes Ruinentum schon in ihrer Existenz vorwegnehmen, dazu Unorte, die man als „Kinderspielplatz“ nur noch Schönreden kann, das muss Auswirkungen auf die Menschen haben, ja leider ist es ja schon Ausdruck eines Menschenverständnis, nicht als Citoyen, sondern als potentieller Shopper.
    Oder, um es einfach zu sagen, die Wirtschaftlichkeit als Ausrede stiehlt die Lebensqualität und degradiert den Bewohner zum Konsumenten.

    Brauchen wir noch Krieg? Nee, wir bauen uns unsere Ruinen schon selber!
    … und bewohnen sie anschliessend auch noch!

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  3. Wo er recht hat, da hat er recht! Die fotografische Kritik an der Bebauung der Stadt muss vor allem eines können: zeigen, was zu sehen ist. Die visuelle Gesicht einer Stadt ist gewiss nur eine ihrer Seiten, aber deren Charakter lässt sich sehr gut daraus ablesen. Die Details an den Häusern sind heutzutage so grobschlächtiger Art, dass sie einem wehtun. Aber sie genügen den Investoren. Das sagt einem genug.

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