Schnitzeljagd durch Basler Märchen und Mythen

Das Buch «Basels Verborgene Geschichten» will Kinder von nah und fern den Zauber der Altstadt spüren lassen. Die TagesWoche war bei einem Rundgang mit Autorin Jeanne Darling und einem Rudel Kinder dabei.

Die Schulklasse auf der Pirsch durch Basels Altstadt.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Das Buch «Basels Verborgene Geschichten» will Kinder von nah und fern den Zauber der Altstadt spüren lassen. Die TagesWoche war bei einem Rundgang mit Autorin Jeanne Darling und einem Rudel Kinder dabei.

Gerade noch pressten die Schulkinder gebannt ihr Ohr an den versteckten Brunnen in der Gerbergasse, um dem Grollen des Basilisken zu lauschen. Schon preschen sie ins Gässlein hoch, auf der Suche nach den letzten Resten des Gerber-Bottichs – nächste Station auf den Spuren von Basels Stadtlegenden. 

Die Lehrerinnen rufen zur Ordnung. Doch selbst ein Gentleman-Professor wie Indiana Jones hat dafür kein Ohr, wenn er im Feld Fährte aufgenommen hat.



Basilisk Brunnen an versteckter Ecke in der Gerbergasse. 

Basilisk-Brunnen an versteckter Ecke in der Gerbergasse.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Fussgängerzone der Innenstadt birgt zum Kinderglück weniger Gefahren als die Schauplätze des Actionfilms. Doch auch hier finden sie eine abenteuerliche Mischung aus Mythen und historisch belegter Geschichte: Basilisken, Geister am Spalenberg oder Ritterturniere auf dem Marktplatz – «Basels Verborgene Geschichten» bietet alles, was das Märchenherz begehrt.

Dazu Interaktives wie Malanleitungen für Basilisken und Wappen, Fun Facts und Rätsel. Viele davon kann man nur lösen, wenn man mit dem Buch in der Hand durch die Innenstadt wetzt, von Schauplatz zu Schauplatz – ein legendärer Lehrgang.




Das Buch «Basels verborgene Geschichten» gibt es zweisprachig. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Denn die Autorin Jeanne Darling ist nicht einfach Basels neue Trudi Gerster, sie war Lehrerin mit Abschluss an der renommierten Harvard University. Als sie Anfang der 90er-Jahre aus den USA nach Basel zog, gründete sie die Swiss British School of Basel und kümmerte sich dort um die Vorschulkinder.

Die zweifache Mutter suchte Mittel und Wege, wie sie ihren eigenen und den Schulkindern aus aller Welt die neue Heimat näherbringen konnte. «Viele Expats bekommen nichts mit von der Geschichte der Stadt. Sie wohnen ausserhalb und kommen höchstens zum Flanieren an Wochenenden in die Altstadt, weil sie so schön ist. Für die Kinder ist das aber langweilig.»



Mehr Teacher als Märchentante - Jeanne Darling bringt Kinder von nah und fern Basler näher.

Mehr Teacher als Märchentante – Jeanne Darling bringt Kinder von nah und fern Basler näher. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Deshalb streift Darling seit 25 Jahren regelmässig mit Schulklassen durch Basel, auch nach ihrer Pensionierung. «Doch wollte ich das irgendwann in andere Hände geben und suchte ein Buch, wo zumindest die Geschichten überliefert sind, fand aber nichts.» Auch nicht in Deutsch.

Nun drückt sie den Kindern zu Beginn der Tour am Barfüsserplatz druckfrische Exemplare ihres eigenen Buchs in die Hand. In Deutsch und Englisch – je nach Gusto der 10- bis 12-jährigen Schüler, die zweisprachig unterrichtet werden. Finanziert wurden die 48 reich illustrierten Seiten vor allem von Privatschulen und via Crowdfunding.




Zu Beginn der Tour bekommt jedes Kind ein Buch. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Expats vermitteln Stadtgeschichte – ein spannendes Projekt im lokalpatriotischen Basel. Und als Bebbi in der Truppe, aufgewachsen mit den wunderbaren Dialekt-Märchen von Peter Baumgartner, fragt man sich beim Start, welche Facts Darling besser dem Fährimaa erzählen soll.

Wohl keine. Vielmehr erfährt man selbst ein paar neue Details, blickt im Schülergeschwader mal wieder durch neugierige Kinderaugen auf Bekanntes und freut sich, wenn sich Strassenschilder, Streetart und Stadthistorie mischen.



Street Art trifft auf Geschichte: Wobei Künstler wie Banksy auch für Legende und Mythos stehen.

Street Art trifft auf Geschichte an der Schneidergasse. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Kinder selbst sind im Abenteuermodus. Die Märchen haben sie in der Schule schon gehört. Bei den Schauplätzen schiessen die Finger hoch, weil die Neugier noch lange nicht befriedigt ist. Darunter Spezifisches zu Basilisk und Basler Dybli, aber auch Fragen wie: «Kann man hier Brunnenwasser trinken?».



Bevor die Häuser nummeriert wurden orientierten sich die Leute am Spalenberg am weltweit einzigen Kirschbaum der zugleich blüht und Früchte trägt.

Bevor die Häuser nummeriert wurden, orientierten sich die Leute am Spalenberg am weltweit einzigen Kirschbaum, der zugleich blüht und Früchte trägt. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Der Rundgang führt von den alten Gewerbegassen zum weltweit einzigen Kirschbaum, der zugleich blüht und Früchte trägt, und zum Schwan am Nadelberg. Dazwischen testen die Kinder im schmalsten Gässlein der Stadt, ob sie mit gestreckten Armen reinpassen, entdecken ein Museum en miniature, erfahren, wie die Sonnenuhr an der Peterskirche funktioniert und wie das Totengässlein zum Namen kam.

Sind alle Fragen beantwortet, nennt Darling das Merkmal des nächsten Stops und auf welcher Seite des Buches sie ihn finden – schon wetzen die Kinder weiter.



Die Kinder messen sich im Pfeffergässlein.

Die Kinder messen sich im Pfeffergässlein. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Beim Stopp am Basler-Dybli-Briefkasten meint ein Bube anerkennend: «Der Zeichner hat Skills.» Die hat Jooce Garrett – von dem die Buchillustrationen stammen – schon lange nicht mehr genutzt. «Als ich pensioniert wurde, malte ich mit Wasserfarbe, nun musste es digital gehen.» Den Geschmack der Kinder hat er damit getroffen.



Das Buch wirft Fragen auf - rein aus weiterer Neugier.

Das Buch regt zum Fragen an. Jooce Garrett (hinten links) hat es illustriert. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Genauso wie Darling. Vor der Statue des römischen Feldherrn Lucius Munatius Plancus im Rathaus zeigt sie erstmal auf dessen rote Unterhose. So hören ihr die Kinder auch beim historischen Exkurs interessiert zu.

Gut 90 Minuten dauerte der Rundgang. Darling hat ihn schon vielen Schulen angeboten. Von öffentlicher Seite kam bisher kein Feedback, ein paar Private sind schon länger dabei und haben ihr Buchprojekt unterstützt. Darling hofft, dass sie mit der deutschen Ausgabe mehr Leute erreicht. Mit dem Buch in der Hand braucht man für die Tour keinen Guide. Lohnen tut sich das nicht nur als Integrationsprojekt für Expatkinder.



Shauna kannte bisher mehr von Irlands Leprechaun als den Geistern ihrer neuen Heimat

Shauna wusste bisher mehr über Irlands Leprechaun als über die Geister ihrer neuen Heimat. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Augen von Shauna aus Irland leuchten. Sie hätte gerne noch mehr gehört. Über fünf Jahre lebt ihre Familie nun in Basel. Die Sagen aus Irland sind ihr aber näher als die Geschichten ihrer neuen Heimat.



Valentino und Nils (v.l) sind zwar hier geboren, fanden Basel aber langweilig.

Valentino (l.) und Nils sind zwar hier geboren, fanden Basel bislang aber langweilig. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Dem Basler Nils, der in der Swiss British School of Basel unterrichtet wird, geht es wie seinem deutschen Freund Valentino. Beide sind sie hier geboren, interessieren sich aber mehr für Indien, Russland oder andere, exotischere Destinationen als die Schweiz.

Am Ende des Rundgangs sagen beide unisono: «Basel ist gar nicht so langweilig, wie wir immer dachten.»
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«Basels Verborgene Geschichten/Basel’s Hidden Stories» – Ein Erlebnisbuch für Kinder, Bergli Verlag.

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