Selig machende Qualen

Schlafmanko, Rückenweh, Blasen an Händen und Füssen. Warum tun Fasnächtler sich das an? Es ist der typische Basler Masochismus. Eine Abrechnung mit der Basler Fasnacht.

Basler Fasnacht: Wir Masochisten (Bild: Illustration: Domo Löw)

Basels Fasnacht ist voller «Hyylgschichte». Einige davon gehen mehr auf den Geist als ans Gemüt.

Ob Lyrik oder Prosa: Was bis und mit heute über unsere Basler Fasnacht doziert, einfach nur ge­schrieben oder – von maskierter Muse beseelt – gedichtet wurde, geht auf keine Kuhhaut oder vielmehr auf kein Kalbfell, das gut betuchte Tradi­tionalisten auch im Kunststoffzeitalter auf ihre Trom­meln spannen lassen. Und kein in Basel aufgewachsener Jour­nalist wird sich je dazu durchringen, seine auf ge­sellschaftskritische Distanz eingeschliffene Feder einzusetzen, wenn es darum geht, das Narrentreiben in seiner eruptiven Urgewalt zu beschreiben.

Nein, ein Morgestraich hat «hailloos heerlig» (höchstens etwas kalt) zu sein, Schnitzelbängg und Zeedel «wie allewyyl e Spitzejoorgang» (in dieser Stadt hats statt Proleten glatt hunderttausend Stadt-Poeten), der Cortège, der anderswo ein simpler Umzug wäre, besticht einmal mehr durch «ainzigartigi (allenfalls im Stau minim verzögerte) Inszenierige vo grossartige Sujet-Yyfäll». Kurz: Die Basler Fasnacht ist und bleibt für uns das, was sie immer schon war, ­s Maximum! Für Pendler und über den U-Abo-Bereich hinaus Zugereiste hat als Zeichen tief empfundener Dankbarkeit das Gleiche zu gelten, wobei der Begriff «Maximum» neben dem auf der Gasse gratis Gebotenen sicher auch noch das umfasst, was in den Beizen für das dort Servierte eingefordert wird.

Puritanische Rituale und grenzenlose Lust

Narzisstische Fasnachtsseligkeit mit anschlies­sendem Katzenjammer in Ehren. Volles Verständnis für die alle Jahre wieder heimlich unter der Larve vergossene Soll-Träne. Mitgefühl für den Totentanz, der den Mummenschanz angeblich auf Schritt und Tritt ­begleitet. Verständnis für die allfasnächtliche Pflichtromanze, die (versteht sich ja wohl von selbst) in Unschuld und Keuschheit endet. Ein Loblied auf die drey scheenschte Dääg in fröhlich ausgelassener Ge­sellschaft. Auf den Morgestraich mit seinem ge­wal­tigen Beginn. Auf das ergreifende Spiel eines Schyssdräggziigli im mitternächtlich einsamen Gässchen. Auf den Ändstraich in Melancholie und Erschöpfung. Auf den Bummel mit all seinen Überraschungen. Auf die Vorfreude bis zum nächsten Jahr.

Mag ja alles seine Berechtigung haben mit der alljährlichen nahezu kritiklosen Hommage an unsere Basler Fasnacht. Mit ihrer Einzigartigkeit, ihrer einmaligen Mischung von puritanisch zelebriertem Ritual und grenzenloser Lust. Mit der Erfahrung von bald 51 aktiv ausgelebten Fasnachtsjahrgängen in den zunehmend spröder gewordenen Knochen kann es jedoch ohne Reue und schon gar nicht aus Angst vor Fest- oder vielmehr Nestbeschmutzung gestanden werden: Rundum vergolden lässt sich ein solches Spektakel nicht, das allen Beteiligten hohen Einsatz abfordert, nicht selten an die Grenzen persönlicher Belastbarkeit führt und dadurch zum idealen Nährboden für zwischenmenschliche Spannungen wird.

Wer das ­alles klaglos und erst noch wiederholt auf sich nimmt, muss entweder ein Ausbund von Duldsamkeit und Selbstmotivation sein oder – was in dieser Stadt fast naheliegender scheint – ein ziemlicher Masochist.

Wohl verstanden: Dieser Zustand der totalen Einbindung in ein fast schon totalitär anmutendes System beginnt nicht erst kurz vor, sondern vielmehr kurz nach der Fasnacht, der Zeit nämlich, in welcher die offiziell beim Comité angemeldeten «Einheiten» von demselbigen ihre Subvention ausbezahlt erhalten. Diese Subvention, die als Zustupf und Anerkennung für den (freiwillig) erbrachten Aufwand unter einer (freiwillig) anerkannten Dachorganisation zu verstehen ist, bemisst sich nach dem öffentlich nicht einsehbaren Modus eines Gremiums, das sich ohne jede demokratische Legitimation je nach Bedarf aus sich selbst heraus erneuert und seine Chargen und Tantiemen verteilt.

Den Aktiven scheint das im Grunde völlig egal zu sein. Auch wenn man längst nicht mit allem ein­verstanden ist, was das Fasnachts-Comité in seiner (freiwillig) auferlegten Sorge um das Wohl der Fasnacht zuweilen beschliesst, so nimmt man dessen Entscheide in der Regel gleichwohl gelassen, etwa nach dem Motto: «Solang die Gleen is pinggtlig zaale – bruuchts (no) kaini freye Wale …». Ein typisches Zeichen für pragmatischen Masochismus. Aber auch für Vernunft.

Schon kurz nach der Fasnacht wird im hoch anzurechnenden (und durchaus freiwilligen) Bestreben, das musikalische Niveau über die reine Zufälligkeit hinaus zu steigern, auch wieder mit den (nicht ganz freiwilligen) Übungsstunden für Pfeifer und Tambouren begonnen. Um die Motivation anzustacheln, wird das Repertoire um einen neuen Marsch erweitert. Immerhin (mehrheitlich freiwillig) wird dabei ein besonders schwierig zu spielendes und erst noch auswendig zu lernendes Stück gewählt, an dem sich das Spiel dann Woche für Woche fluchend die Finger und die Handgelenke verrenkt. «Wemmer ebbis Lyychters mieche – wäre mer kai dummi Sieche …» Maso lässt grüssen.

Tambourenprimat und Primadonna-Gehabe

Ebenfalls durchs ganze Jahr hindurch ergeben sich zwischen Pfeifern und Pfeifern, Pfeifern und Tambouren sowie Tambouren und Tambouren regel­mässig auch hitzige Diskussionen über Temposchwankungen, nicht gepfiffene Halbtöne, verpasste Einsätze, Tambourenprimat und Primadonna-Ge­habe. Diese Dissonanzen führen ebenso regelmässig zu Einzelaustritten, frühzeitigen Wechseln zur Alten Garde oder gar zu gruppenweisem Exodus und Neugründungen.

Absolut zwingend ist das alles nicht, höchstens mehr oder minder freiwillig. Als masochistisch kann man diesen Mechanismus aber durchaus bezeichnen. Drum merke: «Au bi liberaalschter Haltig – bruuchts emool e Cliquespaltig …»

Als eine unerschöpfliche Quelle wahrhaft leiden-schaftlicher Auseinandersetzung unter Freunden ist auch die Wahl des Sujets nicht zu unterschätzen. Wenn es darum geht, vermeintlicher Befindlichkeit spitzfindigsten Ausdruck zu verleihen, scheint fast jedes Mittel recht, einzelglattistische Gedankenakrobatik als gruppengenerierte Genialität zu deklarieren. Und so liest sich denn das unter unsäglichen Wehen (freiwillig) gekreisste Sujet im «Rädäbäng», dem zuweilen mehr in Kauderwelsch als Baseldytsch formulierten Fasnachtsführer, in etwa so: «Juppaidii und hoschehoo – das Joor simmer Domino.» Oder gar noch pointierter: «Der Blocher wird emänd, dä Lappi, dangg em Somm no Basler Stapi.» Masochismus in R(h)einkultur kann man da nur sagen.

Vielfach (und das völlig freiwillig) werden auch heute noch Larven in Eigenregie kaschiert, bemalt und angepasst. Für Amateure kann dieses Freizeitvergnügen bis in die Notfallabteilung eines Spitals führen. Vor allem beim Anpassen und Ausschneiden der Larven, denn die dafür verwendeten Messer sind grausam scharf. «Wie gligglig, ass de voll und ganz e Maa bisch – waisch erscht, wenn au der Duume wiider dra isch …» Ein Sch(m)erz, der noch nach Jahren jede Stammtischrunde beeindruckt.

Exerzieren in den Langen Erlen – autsch!

Ein masochistisches Schlüsselerlebnis widerfährt auch demjenigen, der sich (freiwillig) schon rund vier Wochen vor der Fasnacht in den Langen Erlen mit Gleichgesinnten zu einer sogenannten Marschübung einfindet. Vordergründig geht es hier um den Beweis von Taktfestigkeit und Gleichschrittvermögen im Gruppenverbund, einer Abart des jedem Rekruten (unfreiwillig) geläufigen Exerzierens auf dem Kasernenplatz. In Tat und Wahrheit jedoch sind diese Nacht-und-Nebel-Aktionen nicht etwa erfunden worden, um dem flotten Spiel den letzten Schliff zu verpassen. Sie dienen in erster Linie der körperlichen Befriedigung der verschiedenen Akteure, indem sie Pfeiferinnen und Pfeifern die Möglichkeit verschaffen, das heisse Gefühl eiskaltsteifer Finger schon vor der dreitägigen Durchhalteübung zu erleben.

Tambouren und Tambeusen jedoch sollen sich darauf einstimmen können, ihre Achselpartien, Wirbelsäulen und Kniegelenke in gnadenlosem Härtetest für die kommenden Alpenetappen im «Massiv central» zwischen Spalen-, Münster, Nadel- und Heuberg zu quälen. Hoch klingt das Lied des tapferen Freiwilligencorps, dessen Refrain jedem aktiven Narren in Fleisch und Blut übergegangen ist: «En ächte Basler, dasch kai Mischt – isch iiberzigte Masochischt …»

Natürlich sind auch die Geschichten über die unzähligen ebenso zarten wie blütenreinen Liebesbande nicht völlig frei erfunden, die an der Fasnacht geknüpft und fünf Minuten vor dem Ändstraich blutenden Herzens jedoch unwiderruflich (und freiwillig) wieder gekappt wurden. Sie entsprechen mindestens 0,0001 Promille aller amourösen Episoden, die sich unter dem seicht stimulierenden Einfluss ­eines «La Côte»-Restpostens im Rahmen eines Marschhaltes zu später Stunde ergaben. Zumindest in diesem Punkt hält sich die Zahl der Masochisten respektive -istinnen also in Grenzen. An der Summe der echten und sehr viel lebens­naheren Heulgeschichten ändert dies allerdings nichts. Sich einen passenden Reim darauf zu machen, sei den Leserinnen und Lesern selbst über­lassen. Ein gewisses Flair für das Masochistische ­immer vorausgesetzt. Freiwillig tut man solches in der Regel kaum.

Wäre die Basler Fasnacht eine Veranstaltung, zu der man als aktiver Fasnächtler verpflichtet und zwangskostümiert werden könnte, um den Anteil an ausländischen Besuchern über die Hotelbetten von Zürich bis Bünzen hinaus zu steigern, dann wim­melte es mit jeder Garantie von Dienstverweigerern. Kaum einer würde derartige Strapazen auf sich ­nehmen, nicht einmal gegen Bezahlung. Und der ­Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg wäre wohl ausschliesslich mit Klagen aus dem Kanton Basel-Stadt überhäuft.

Das Geheimnis, das hinter der Faszination und dem Erfolg der Basler Fasnacht steckt, heisst in allererster Linie Freiwilligkeit – auch wenn ihre Grenzen manchmal etwas gar verschwommen scheinen. Erst danach folgt der mit dem frivolen Mummenschanz ver­knüpfte, zeitlich eng limitierte Freiraum im Verbund mit dem obrigkeitlich gnädig tolerierten Recht zur Aufmüpfigkeit. Freiwilligkeit ist eine grossartige ­Tugend, die zu unglaublichen Höchstleistungen ­befähigt. Die Amateure über ihre normale Leistungsgrenze hinaus beflügelt. Die nie geahntes Talent weckt. Und nie gelebte ­Gefühle. Sehnsucht zum Beispiel.

Das ist grossartig. Fiktive Heulgeschichten braucht man da gar nicht erst zu erfinden. Sie er­geben sich an den drey scheenschte Dääg von selbst – sogar für Nicht-Masochisten. S Maximum!

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 24.02.12

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