Sie erforscht das reale Leben

Charlotte Braun hatte nie Probleme, mit ihren umweltepidemiologischen Erkenntnissen Gehör zu finden. Denn sie gehen uns alle an.

Keine Antwort ohne Vorbehalt: Charlotte Braun kennt die Gefahr der Vereinnahmung ihrer Forschungen, darum spricht sie nur über Dinge, die sie belegen kann. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Charlotte Braun hatte nie Probleme, mit ihren umweltepidemiologischen Erkenntnissen Gehör zu finden. Denn sie gehen uns alle an.

Charlotte Braun wird oft um Rat gebeten, von besorgten Eltern, von ratsuchenden Umweltgremien, von recherchierenden Journalisten. Sie kann diesen Wunsch nach eindeutigen Antworten gut nachvollziehen, schliesslich fand die Umweltepidemiologin einst selbst deswegen zu ihrer Berufung: Braun war soeben Mutter geworden und machte sich zunehmend Gedanken darüber, was die verschmutzte Luft für die Gesundheit ihrer Kinder zu bedeuten hat.

E&H Basel
Rund 1800 Wissenschaftler aus der ganzen Welt werden nächste Woche in Basel erwartet. Die «Environment & Health Basel» ist die bisher grösste Fachkonferenz zum Thema Umweltepidemiologie und dauert vom 19. bis zum 23. August. Die Tagungen finden im Kongresszentrum beim Messeplatz statt.Die Umweltepidemiologie untersucht die Auswirkungen von Umweltbelastungen auf die menschliche Gesundheit.Veranstalterin der Konferenz ist das in Basel beheimatete Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut, wo Charlotte Braun als Forscherin tätig ist.

Die TagesWoche unterhält eine Medienpartnerschaft mit der «Environment & Health Basel».

Nachdem sie die einschlägige Literatur aus der Bibliothek erfolglos durchforstet hatte, gelangte sie an das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel. «Ich war der Meinung, dass dringend auf diesem Gebiet geforscht werden müsse», erzählt Braun. Worauf ihr angeboten wurde, doch selbst an einem solchen Forschungsprojekt zu arbeiten. Und so wurde Braun, die zuvor an einem Spital gearbeitet hatte, zur Forscherin in einem aufstrebenden Bereich der Wissenschaft, der Umweltepidemiologie.

Dieses Fach befasst sich mit Umweltbelastungen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen. Ein Thema, das hierzulande grosse Aufmerksamkeit erfuhr, als eines Tages der Rhein rot gefärbt war und die Schulkinder zu Hause bleiben mussten. Mit den Nachwirkungen des Schweizerhalle-Unfalls befasste sich Braun in einer frühen Publikation.

Die berühmten «Bauernhofstudien»

Weitaus höhere Wellen schlugen aber die Befunde ihrer sogenannten Bauernhofstudien, worin sie die Anfälligkeit von Bauernkindern auf Allergien untersuchte. Man hätte annehmen können, dass diese Kinder besonders häufig an Allergien wie etwa Heuschnupfen leiden, da sie ungleich mehr Staub, Tierhaaren und Blütenpollen ausgesetzt sind als andere Kinder. Gross war dann die Überraschung, als die Resultate das Gegenteil zeigten: Bauernkinder leiden deutlich seltener unter Allergien.

Die Wissenschaft sieht sich oft mit dem Vorwurf der Unnahbarkeit konfrontiert oder sie muss sich rechtfertigen, was ihre Arbeit mit dem echten Leben zu tun habe. Braun hatte dieses Problem nie, mit ihren Befunden stiess sie immer auf offene Ohren. «Das liegt daran, dass wir das reale Leben untersuchen», lautet ihre Erklärung. Schliesslich sei sie bei der Sammlung ihrer Daten auf die Mithilfe der betroffenen Menschen vor Ort angewiesen. Die Staub- und Milchproben für die Bauernhofstudien beispielsweise wurden damals von den Familien selbst gesammelt, erklärt Braun.

Vereinnahmung durch Politik

Dass die Umweltepidemiologie an Ansehen und Beachtung gewonnen hat, zeigt sich für Charlotte Braun auch anderswo: «Als ich 1989 zum ersten Mal einen Fachkongress zu diesem Thema besucht habe, waren da vielleicht knapp 100 Teilnehmer.» Nächste Woche – wenige Monate bevor Braun in Pension geht – zur «Environment and Health» (siehe Box) in Basel werden hingegen rund 1700 Wissenschaftler erwartet.

Wer sich mit einem derart populären Forschungsgegenstand befasst, droht von Politik und anderen Interessensgruppen vereinnahmt zu werden. Braun hat akzeptiert, dass ihre Befunde nach der Publikation in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. «Mein Credo ist deshalb, nur Dinge zu sagen, die ich mit meinen Forschungsergebnissen zu hundert Prozent belegen kann.» Dazu gehöre dann jeweils auch die Einschränkung, dass es sich nur um vorläufige und meist nicht allgemeingültige Erkenntnisse handle. «Manchmal muss ich die Leute enttäuschen, die bei mir nach einfachen und vorbehaltslos geltenden Antworten suchen», sagt Braun.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 16.08.13

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