Tamedia greift durch: Anwesenheitslisten und Kündigungsdrohungen

Weitere Eskalation im Kampf um den Erhalt von Stellen beim grössten Schweizer Medienkonzern: Die Zürcher Tamedia drohte ihren streikenden Journalisten mit sofortiger Entlassung.

Der Arbeitgeber Tamedia schaut genau hin, wer streikt, und wer nicht.

Wer in der Romandie eine Tageszeitung – egal, ob gedruckt oder online – liest, unterstützt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Produkt aus dem Hause Tamedia. Der Zürcher Konzern beherrscht mit «24heures», «Le Matin», «Le Matin Dimanche», «20 Minutes» und «Tribune de Genève» längst den Medienmarkt in der Westschweiz.

Seit Dienstag, 16 Uhr, streiken die Redaktionen der Bezahlzeitungen. 88 Prozent der Angestellten haben für einen Streik gestimmt. Deshalb erschienen die Zeitungen heute auffällig dünn. Die Journalistinnen und Journalisten protestieren mit dem Streik gegen die vergangene Woche definitiv beschlossene Einstellung der gedruckten Ausgabe von «Le Matin» und weitere Sparmassnahmen, die zu über 40 Entlassungen führen sollen.

Monatelange Verhandlungen waren dem Entscheid vorangegangen. Doch Tamedia habe sich nicht bewegt, argumentiert die Gewerkschaft Syndicom.

Nur die Gratiszeitung schreibt weiter

Die einzige gedruckte Tamedia-Zeitung aus der Romandie, die am Mittwoch in normalem Umfang erschien, war die Gratiszeitung «20 Minutes». Das ist kein Zufall. Die Mitarbeiter von «20 Minutes» gehören organisatorisch nicht zur Tamedia-Redaktion in der Westschweiz, sondern zum Bereich Werbung und Pendlermedien, der von Zürich aus gemanagt wird.

Der Streik hat auf der Redaktion der Gratiszeitung aber viel zu reden gegeben, wie die TagesWoche erfahren hat. «Aus Zürich kam die klare Weisung: Wer streikt, fliegt raus», sagt ein Journalist zur TagesWoche. Bei einer internen Abstimmung, in der es darum gegangen war, sich dem Streik anzuschliessen, habe dann bloss ein Viertel der Belegschaft von «20 Minutes» für einen Streik gestimmt.

«Wir diskutieren solche Themen in einer externen Chat-App», sagt der Journalist weiter. Das Vertrauen zum Arbeitgeber sei nicht gross. «Die Chefs gehen heute durch alle Büros in der Westschweiz und machen an jedem Arbeitsplatz Anwesenheitskontrolle», beschreibt der Angestellte die Szene.

Tamedia bestätigt Kontroll-Liste

«Das wurde so explizit nicht gesagt», antwortet Mediensprecher Patrick Matthey auf die Frage der TagesWoche, ob es zutreffe, dass Journalistinnen und Journalisten von «20 Minutes» mit sofortiger Kündigung gedroht wurde. Es sei aber «zentral», dass der Streik zu Ende gehe.

Matthey bestätigt allerdings, dass Tamedia-Mitarbeitern per E-Mail mit Entlassung gedroht wurde, wie «Watson» berichtete. «Heute Morgen ging an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein E-Mail, in dem die Möglichkeit einer Kündigung durch Tamedia dargelegt wird, falls weiter gestreikt wird», so Matthey. Konkret hiess es in der E-Mail:

«A défaut, Tamedia sera en droit de résilier pour justes motifs (avec effet immédiat) les contrats de travail des employés grévistes, à savoir que ces derniers ne bénéficieront ni de leur délai de préavis contractuel, ni d’une quelconque prestation qui découlerait d’un potentiel plan social futur.»

Kurz: Die Firma Tamedia teilt mit, dass sie sich im Recht sehe, jedem Streikenden per sofort zu kündigen – ohne irgendwelchen vertraglichen Verpflichtungen (etwa Kündigungsfristen etc.) nachkommen zu müssen.*

Patrick Matthey bestätigt zudem, dass Tamedia die Streikenden genau überwacht. Es wird genau protokolliert, wer arbeitet und wer nicht. Matthey: «Es trifft zu, dass die Mitglieder der Chefredaktionen schauen, wer arbeitet und wer streikt. Wir haben ja gesagt, dass die Angestellten zur Arbeit zurückkehren sollen.»

Harte Linien

Tamedia sei in den Verhandlungen sehr weit gegangen, habe immer alle Vorschläge und Angebote geprüft. «Man kann nicht sagen, wir hätten das nicht getan. Unsere Linie ist hart, aber der Streik ist brutal», so Matthey. Er fügt an, man würde gerne wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. «Nicht Tamedia, sondern die Streikenden gingen aus diesem Prozess hinaus», so der Konzernsprecher.

Damit sind die Fronten im Arbeitskampf, der noch bis Donnerstagnacht, 24 Uhr, dauern soll, verhärtet. Aus Sicht der Streikenden und der Gewerkschaften war es der Verlag, der den Verhandlungstisch verliess, als er in Sachen Entlassungen sowie wegen der Einstellung von «Le Matin» nicht habe mit sich reden lassen. Der Streik sei nicht zuletzt deshalb gerechtfertigt, weil die Firma das Gespräch verweigere.

Laues Lüftchen aus der Deutschschweiz

Die Gewerkschaft Syndicom hat mittlerweile eine Online-Petition lanciert, die Tamedia auffordert, von den Kündigungen bei «Le Matin» abzusehen. Ausserdem verlangen sie vom Konzern, seine «soziale Verantwortung als einer der grössten Schweizer Arbeitgeber wahrzunehmen». Tamedia sei finanziell genügend gut aufgestellt, um auf die Kündigungen und den Leistungsabbau in der Romandie zu verzichten.

Wer von schreibenden Kollegen aus der Deutschschweiz Solidaritäs-Streiks erwartet – angesichts angekündigter und versuchter Entlassungen durchaus vorstellbar – wird enttäuscht. Es gibt zwar ein Protestschreiben der Personalkommission an die Adresse der Konzernleitung. Doch mit echtem Widerstand ist kaum zu rechnen. «Diese Redaktion ist tot», sagt eine «Tagesanzeiger»-Journalistin zur TagesWoche. «Hier wurde längst ein System von ‹teile und herrsche› eingeführt, es gibt keinen Kampfgeist mehr.»

Minimaler Journalismus, maximale Rendite

Man kann die Tatsache, dass die Tamedia-Gratiszeitung in der Romandie die einzige Streikbrecherin ist, durchaus als sinnbildlich für die Schweizer Medienlandschaft bezeichnen. Mit der Pendlerzeitung generiert Tamedia mit minimalen Investitionen in Journalismus ein Maximum an Rendite. Seit Jahren, auf Papier und online.

Pietro Supino, Verleger, VR-Präsident und Leiter des publizistischen Ausschusses von Tamedia in Personalunion, betont zwar gerne, dass «die Qualität unserer journalistischen Angebote» im Zentrum stehe. Ja, dass gerade die regionalen Bezahlzeitungen von Tamedia das «Rückgrat der demokratischen Meinungsbildung in der föderalistischen Schweiz» bildeten.

Das angeblich so zentrale Rückgrat würde der Konzern (Gewinn 2017: 170,2 Millionen Franken) allerdings niemals mit dem Verdienst aus weniger zentralen Bereichen querfinanzieren. Selbst wenn er damit nicht nur Arbeitsplätze, sondern gleich noch den Meinungsbildungsprozess in der föderalistischen Schweiz retten könnte.

* Update von Mittwoch, 4. Juli, 17.23 Uhr: Laut Informationen von SRF-«Rundschau»-Reporter Marc Meschenmoser wird der Streik der Tamedia-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter bis Donnerstagmittag, 12.00 Uhr, fortgesetzt. Tamedia habe die Kündigungsdrohungen zurückgenommen und sei zu weiteren Verhandlungen bereit.

Konversation

  1. Die „TAMEDIA“ führt sich in der Romandie wie der schlimmste Kolonialist und Turbokapitalist auf. Die Herren aus Zürich haben die Schweiz als mehrsprachiges demokratisches Land aus den Augen verloren. Sie selber haben mit der Einführung der Gratiszeitungen „20 Minuten“ und „20 minutes“ den seriösen Zeitungen in der Eidgenossenschaft das Grab geschaufelt. Die Werbeeinnahmen brechen weg.

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