Tschüss Condomeria, du gabst uns das richtige Kondom und den passenden Sexratschlag

Der Internethandel für Vibratoren und andere Sex-Toys boomt, doch dabei bleibt die Beratung auf der Strecke. Und nach 27 Jahren auch die Basler Condomeria.

Sie gibt ihre Basler Condomeria ungern auf, Geschäftsführerin Erika Knoll. Die Filiale in Zürich bleibt offen.

(Bild: Eleni Kougionis)

Der Internethandel für Vibratoren und andere Sex-Toys boomt, doch dabei bleibt die Beratung auf der Strecke. Und nach 27 Jahren auch die Basler Condomeria.

Ein pinker Penis steht im Schaufenster, daneben eine Schachtel mit Marshmallows, Schleckstängel und Nudeln, allesamt in Penisform. Und Stöffchen so dünn, dass sie den Namen «Unterhose» nicht ausfüllen. Ein Mann radelt den Rheinsprung hoch, die Auslage würdigt er keines Blickes – er hat sie bestimmt schon oft gesehen, wie fast jeder, der in Basel wohnt. Die Condomeria gehört zu Basel wie die Pfalz auf den Rheinsprung.

Doch Ende Juni ist fertig mit Schaufenstergucken, nach 27 Jahren macht die Condomeria zu, das Geschäft läuft nicht mehr. Bevor es zu spät ist, öffnen wir noch einmal die grüne Holztür und betreten die Condomeria. Im schmalen Raum stehen Erika Knoll und Dominique Zimmermann, erstere Geschäftsführerin, letztere Mitarbeiterin und Sexualpädagogin. Seit Jahren beraten sie Frauen und Männer bei der Auswahl des richtigen Kondoms, des passenden Vibrators oder geben Ratschläge bei Schwierigkeiten im Bett. 

Wir sind im Bett sprachlos wie eh und je

«Wir leben in einer paradoxen Zeit», sagt Zimmermann. «Wir denken, wir wüssten alles über Sex und seien so offen und frei wie nie. Dabei sind wir so sprachlos und unaufgeklärt wie früher.» So redet alle Welt über den Womanizer, einen Vibrator, der die Klitoris mit Druckwellen stimuliert (Knoll: «Super, um sich schnell einen runterzuholen»), doch kaum eine Frau kennt ihren Beckenboden, die Muskeln, die den Urin in der Blase halten und den Orgasmus möglich machen.

Nach der Schwangerschaft sind die Muskeln oft überdehnt, die Frauen verlieren Urin beim Niesen und spüren nur noch wenig beim Sex. Im Gegenzug weiss kaum ein Mann, dass sein Hormonhaushalt massgeblich dafür verantwortlich ist, ob er eine Erektion kriegen kann oder nicht. 

Zu diesem Unwissen kommt ein Leistungsethos, der nicht nur für Job und Fitnessstudio, sondern selbstverständlich auch fürs Bett gilt: «Halbguter Sex ist nicht akzeptabel», sagt Zimmermann. Jeder muss ein super Liebhaber sein, jede will multiple Orgasmen haben und dabei aussehen wie aus dem Ei gepellt. «Diese Ansprüche machen es schwierig, zufrieden zu sein mit dem Sex.»

Der Kapitalismus, wieder

Das alles habe mit dem Kapitalismus zu tun, sagt Zimmermann: «In einer Gesellschaft, in der Leistung alles ist, wird selbst die Liebe der Marktlogik unterworfen.» Wir suchen unsere Lover auf Tinder, unsere Ehemänner und -frauen auf Elitepartner, und wenn die erste Rammelphase in der Beziehung leider vorbei ist, schauen wir nach neuen Konsumobjekten, um unser Sexleben reizvoll zu erhalten, zum Beispiel Sexspielzeug. 

Das ist durchaus gesellschaftsfähig: Dildos oder Analplugs sind kein Nischenprodukt mehr, sondern immer mehr normaler Bestandteil der Sexualität. Sogar der «Tagesanzeiger online» oder das Internetfernsehportal Wilmaa schalten Werbungen für Vibratoren, vor ein paar Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. 

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. «Paare, die offen sind, etwas Neues auszuprobieren, haben eine grössere Chance, zusammenzubleiben», sagt Zimmermann.

Preisdumping im Internet

Nur: Die Condomeria profitiert nicht von diesem Trend. Das liegt einerseits daran, dass die Leute aus der Region ihre Kondome und Vibratoren gerne in Deutschland kaufen, um Geld zu sparen. Andererseits am Boom des Online-Handels: In den letzten Jahren sind mehrere neue Online-Händler entstanden, die Toys zu tieferen Preisen anbieten.

Diese Online-Anbieter verfolgen eine ähnliche Strategie wie die Condomeria: ästhetisches, reduziertes Design und eine sachliche Sprache. Dildos sind schwarz, silbern oder transparent, dazu gibt es auf der Seite kurze Stichworte zur Funktionsweise und den Vorteilen des Gerätes. Das erinnert so gar nicht an die schmuddeligen Sexshops mit ihren Pornopostern aus den 80er-Jahren und hat Vorteile: Man spricht auch Frauen an und braucht keine Altersbeschränkung.



Die Condomeria in Basel muss Ende Juni 2017 schliessen.

In einem solch schmucken Sexshop fühlen sich auch Frauen wohl. (Bild: Eleni Kougionis)

Für die Online-Firmen geht die Strategie auf: Das Geschäft «ist explodiert», schreibt Simon Jacquier, Co-Gründer der Verkaufsseite «KissKiss» der TagesWoche. Im Jahr 2016 habe die Firma fast zehn Millionen Franken umgesetzt. Und bei Amorana liegt der Umsatz bereits im zweistelligen Millionenbereich, er steige seit der Gründung im Jahr 2014 jährlich um 50 Prozent, hiess es erst gerade in der «Bilanz».

Chemotherapie zerstört den Sex

Doch eins können die Portale nicht leisten: die persönliche Beratung. Und die wäre, aller Liberalisierung zum Trotz, immer noch nötig, ein Spielzeug alleine macht noch keinen guten Sex. «Kürzlich kam ein Paar in die Condomeria», sagt Knoll, «es hatte einen Vibrator im Internet gekauft, er war viel zu gross und laut wie ein Rasenmäher. Das zeigt, dass es uns noch braucht. Wir fragen unsere Kundinnen und Kunden zuerst genau nach ihren Bedürfnissen, bevor wir ihnen einen Vibrator empfehlen.»



Die Condomeria in Basel muss Ende Juni 2017 schliessen.

Ein Vibrator allein macht noch keinen guten Orgasmus. (Bild: Eleni Kougionis)

Knoll berät aber auch bei handfesten Problemen. So kommen immer wieder Frauen zu ihr, die an Krebs erkrankt sind. Die Chemotherapie trocknet die Schleimhäute aus, auch die vaginalen. Zudem kann eine Strahlentherapie dazu führen, dass sich die Scheidenmuskeln verkrampfen oder die Haut vernarbt. «Es gibt Frauen, die nicht mal mehr einen kleinen Finger reinbekommen», sagt Knoll. Davor werde kaum eine Patientin gewarnt. «Wenn sie Glück hat, hat sie eine gute Frauenärztin, die mitdenkt, aber im Normalfall merkt die Patientin erst, was los ist, wenn sie wieder gesund ist und mit ihrem Partner intim werden möchte.»

Da gibt es nur eins: «Die Vagina ausweiten.» Knoll empfiehlt ihren Kundinnen dafür ein spezielles Dilatoren-Set und ein gutes Gleitmittel. «Man beginnt mit einem kleinen Dildo, weitet die Scheide ein bisschen, nimmt einen grösseren und so weiter.»

Mit Kondomen fing alles an

Da kommt eine Kundin durch die grüne Tür in den kleinen Laden und unterbricht das Gespräch. Sie fragt nach einem Femidom, ein Kondom für die Frau. Zimmermann nimmt eines aus der Packung und erklärt, wie man es anwendet. Mit Kondomen hat alles angefangen, in der Condomeria. Das war 1989, als Aids die Schweiz in Panik versetzte, und die Leute noch nicht wussten, wie man sich schützt. «Es gab Menschen, die glaubten, dass man sich mit Küssen ansteckt», sagt Knoll. Die Condomeria klärte auf.  

Heute wissen wir über Aids Bescheid, dafür sind Krankheiten wie Tripper, Chlamydien oder Syphilis wieder auf dem Vormarsch. Umso besser, dass Kondome ein kleines Revival erleben: Viele Mädchen und junge Frauen sind nicht mehr bereit, die Pille zu nehmen und sich mit Hormonen vollzupumpen. So landen die Jugendlichen in der Condomeria und lernen, wie man ein Kondom benutzt.

Die Auswahl ist riesig: Es hat grosse, kleine, dünne, dicke («sehr gut für Analsex»), geschmacksneutrale («nicht so penetrant wie die herkömmlichen Latexkondome»), Kondome mit Fruchtgeschmack und und und.



Die Condomeria in Basel muss Ende Juni 2017 schliessen.

Fruchtig, dick und in der richtigen Grösse: Wer das richtige Kondom wählt, hat mehr vom Sex. (Bild: Eleni Kougionis)

Ist das alles nötig? 

Oh ja: «Das richtige Kondom macht einen riesen Unterschied», sagt Knoll. Erst mal wegen des Schutzes. Ist der Gummi zu eng oder zu weit, kann er kaputt gehen. Aber auch der Komfort leidet, «ist das Kondom zu eng, schnürt es die Nerven an der Eichel ab und betäubt das Gefühl».

Sie habe Kunden zwischen 40 und 50 Jahren, die jahrelang kein Kondom mehr benutzt hätten und jetzt wieder dazu gezwungen seien. «Die fluchen, wie schlecht der Sex sei. Dann sage ich: Nur, wenn du das falsche Kondom benutzt. Das ist für die ein richtiges Aha-Erlebnis.» Auch für die Frauen gibt es einen Unterschied. «Wer einmal das Kondom ausprobiert hat, das Körperwärme überträgt, weiss, wovon ich rede». 

Auch hier geht es offenbar nicht ohne Aufklärung.

Eine weitere Kundin kommt herein, kauft eine Packung Penispasta und verschwindet wieder. Dann noch eine, sie ist auf der Suche nach einem Geschenk. «Seit die Leute wissen, dass wir zumachen, rennen sie uns den Laden ein», sagt Knoll. «Wenn sie das nur schon früher getan hätten.» 

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