Warum gibt es keine alkoholfreien Restaurants mehr? Die Antwort

Ein Leser oder eine Leserin wollte wissen: Warum gibt es kaum mehr alkoholfreie Restaurants wie Tea-Rooms in Basel? Wir sind der Frage nachgegangen.

Im Rahmen unserer Rubrik «Stadtgespräch» hat uns folgende Frage erreicht:

«Vor einigen Jahrzehnten gab es noch eine Vielzahl alkoholfreier Freiräume in Form von Kaffeehallen, Tea-Rooms, Cafés, alkoholfreien Gaststätten oder Dancings. Diese kulturelle Vielfalt des Basler Gastro- und Soziallebens verschwand still und leise und wich dem kommerziellen gastronomischen Einheitsbrei. Wie kam es zu dieser Verarmung?»

Wir haben die Frage mit zwei Experten diskutiert: Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband und Markus Meury vom Verein Sucht Schweiz. Das Fazit vorneweg: Es gab zwar in den letzten 30 Jahren eine Veränderung des Trinkverhaltens, aber es gibt heutzutage nicht zwingend weniger Restaurationsbetriebe ohne Alkohol.

Wenn man durch Basel flaniert, ist zwar offensichtlich: Ein Tea-Room zu finden, das kein Bier ausschenkt, ist nicht so einfach. Einer der Gründe: Früher brauchten Wirte eine Extra-Bewilligung, um Alkohol auszuschenken, schuld war die sogenannte «Bedürfnisklausel».

Es lag im Ermessen des Kantons, einzuschätzen, ob in der Bevölkerung ein «Bedürfnis für Alkohol» an diesem Standort bestehe. Im Jahr 1995 wurde die Klausel abgeschafft, heute kann ein Wirt selber entscheiden, ob er Alkohol ausschenkt oder nicht.

Stadtgespräch ist ein aktuelles Projekt, in dem die Leserinnen und Leser uns Anregungen geben, worüber wir schreiben sollen. Im Sinne von: Leser fragen, wir recherchieren. 

Wir haben in einem Testlauf 30 konkrete Fragen erhalten und 6 davon ausgewählt. Moment: Was ist mit den anderen 24 Fragen, werden die einfach gekübelt?Ja, das lässt sich leider nicht vermeiden. Wir sagen Ihnen gerne, weshalb. Lesen Sie hier, wie das alles vonstatten geht.

Das Verschwinden der Tea-Rooms hat laut Maurus Ebneter vom Wirteverband Basel-Stadt aber auch gesellschaftliche Gründe. Lange Zeit waren Bars oder Bierhallen Männern vorbehalten, für Frauen ziemte es sich nicht, alleine etwas trinken zu gehen. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffneten zunehmend Kaffeehäuser und Konditoreiwirtschaften in den Städten und ab den 1920er-Jahren kamen die Tea-Rooms dazu. Das kam den Frauen entgegen: «Wenn sie einen Verehrer trafen, aber ihren Ruf bewahren wollten, gingen sie in ein Tea-Room und tranken eine heisse Schokolade», sagt Ebneter.

Hallo Emanzipation, tschüss Tea-Room

Dann kamen die 68er-Bewegung und die Emanzipation und mit ihnen die Frauen in die Bars – die Tea-Rooms verstaubten ein wenig. Allerdings bedeutet das nicht, dass es keine alkoholfreien Restaurants mehr gibt. «In den letzten 20 Jahren haben viele Cafés, Coffeeshops und Schnellverpflegungsbetriebe wie Starbucks oder Burger King eröffnet», sagt Ebneter, «dort spielt Alkohol keine oder höchstens eine Nebenrolle.»

Das bestätigt auch eine Verbandsumfrage im Branchenspiegel von Gastro Suisse. Sehr viele Schweizer Wirte setzten auf andere Einnahmequellen als den Alkohol: Im Jahr 2015 machten fast 80 Prozent der Restaurants mindestens 70 Prozent ihres Umsatzes mit Essen oder alkoholfreien Getränken.

Der Alkoholkonsum sinkt 

Stellt sich die Frage: Ist es wichtig, dass es Cafés oder Restaurants ohne Alkohol gibt?

Aus Sicht der Prävention laute die Antwort «Ja», sagt Markus Meury von Sucht Schweiz. Er denkt dabei vor allem an ehemalige Alkoholiker. «Für sie ist es einfacher, wenn sie an Orte gehen können, an denen sie nicht ständig in Versuchung geführt werden.»

Allerdings gilt es zu bedenken: Der Alkoholkonsum hat in der Schweiz in den vergangenen Jahren stetig abgenommen, wie die Zahlen von Sucht Schweiz zeigen. 1971 bis 1975 tranken die Schweizer im Schnitt elf Liter Alkohol pro Jahr. 2015 waren es nur noch 8 Liter pro Jahr. 

(Bild: Grafik: Sucht Schweiz)

Selten viel statt täglich wenig

Auch das Trinkverhalten hat sich verändert. Früher tranken die Menschen regelmässig wenig, etwa das berühmte Glas Wein zum Mittagessen. Heute trinken sie nicht mehr täglich, sondern aus speziellem Anlass, etwa im Ausgang oder an einer Party, dann jedoch einige Gläser. «Das ist nicht besser oder schlechter», sagt Meury, «jedes Trinkverhalten birgt Vor- und Nachteile.»

Die da wären: Wenn man regelmässig wenig trinkt, besteht das Risiko, dass der Alkoholkonsum in Krisen zunimmt. Beispielsweise nach der Pensionierung. «Einige Menschen geraten dann in ein Loch und füllen die Leere mit mehr Alkohol.» Das kann sich zur Sucht entwickeln.

Auch wenn man unregelmässig viel trinkt, geht man Risiken ein. «Leute, die in der Jugend rauschtrinken, trinken auch im Erwachsenenalter häufiger und grössere Mengen», sagt Meury. Damit schadet man seiner Gesundheit und läuft eher Gefahr zu verunfallen.

Das Fazit: Es gibt sie noch, die alkoholfreien Restaurants, und die Leute trinken heute sogar weniger als vor 40 Jahren. Aber eine Frage unseres Lesers oder unserer Leserin müssen wir unbeantwortet lassen, und zwar die nach dem «gastronomischen Einheitsbrei»: Können alkoholfreie Fastfood-Restaurants und Cafés die Atmosphäre der früheren Tea-Rooms ersetzen?

Kommende Woche folgt die Antwort auf Frage 2. Die nächste «Stadtgespräch»-Runde starten wir nach der Beantwortung der eingegangen Fragen aus Runde 1. Sie haben also noch etwas Zeit zum Nachdenken! Ihre Story-Inputs und Ideen nehmen wir selbstverständlich auch sonst entgegen. Sie erreichen uns wie immer per E-Mail unter redaktion@tageswoche.ch.

Konversation

  1. „Wenn man regelmässig wenig trinkt, besteht das Risiko, dass der Alkoholkonsum in Krisen zunimmt.“ Das heisst also, wenn ich moderat trinke, ist das nicht gut?

    Und wenn ich nach der Pensionierung zur Flasche greife, ist das auf mein bisheriges korrektes Trinken zurückzuführen?

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  2. Pensionierung als „Krise“?

    Jetzt verstehe ich auch, warum wir volksfürsorglich länger arbeiten sollen: Je später der Lebensabend, desto moderater das Trinkverhalten (schliesslich nimmt mit zunehmenden Alter die Leistungsfähigkeit ab).

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  3. Also bitte – Burger King und Starbucks? Im Ernst? Durch die Recherche sollte es doch möglich sein einzelne Lokale zu benennen wo’s wirklich um „die Sache“ geht (Tee, Kaffee, Angebot an alkoholfreier Getränke in einer stimmungsvollen Bar, wenn ich die Frage korrekt verstanden habe) und nicht bloss um etwas grundlegend anderes (Fast Food/Internationaler Grosskaffeeverkäufer) wo wegen Marktabsprachen/gesetzeswegen kaum/kein Alkohol verkauft wird. Da ich keine Teehäuser aufsuche, kann ich aber leider auch nicht weiterhelfen…

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  4. Warum ist das schade? Ich sehe in der Stadt keinen „gastronomischen Einheitsbrei“. Gerade in der letzten Jahren sind in der Stadt sehr unterschiedliche Lokale aufgegangen. Zusammen mit den bereits Bestehenden sollte es doch für jeden etwas dabeihaben.

    Da ich aus einer anderen Generation stamme als Sie, Georg: Könnten Sie definieren, was einen Tea Room ausmacht, was er für Sie bedeutet und was genau Sie vermissen? Desgleichen beim von Ihnen genannten „Herrencafé“. Es würde mich echt interessieren.

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  5. Die Abnahme des Alkoholkonsum korreliert mit dem Aufstieg der SVP. Wir sollten uns vielleicht die Welt wieder schöner saufen. Oder noch besser: «In den letzten 20 Jahren haben viele Cafés, Coffeeshops…» Coffeeshops? Habe ich da was verpasst? Das wäre ja eine sehr erfreuliche Entwicklung der Basler Gastroszene!

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  6. „Das Tea-Room“ war früher natürlich der Bienenstock der „lebenslangen Jumpfern“ und der Heiratsschwindler.

    Später dann griff dieses Lebensgefühl auf die Gesellschaft über und sie verhängte das allgemeine Rauchverbot in Beizen.

    Seither sind die Jumpfern überall unter sich (und die Männer rauchen am Rheinbord).

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  7. Für mich als Alkoholmuffel ist eins der wichtigsten Qualitätskriterien, wie viele und welche alkoholfreien Getränke ein Lokal im Angebot hat. Spitzenreiter dabei für mich die Cargo-Bar mit ihren saisonalen Frucht/Tee/etcetera-Drinks. Lokale, die nur die üblichen Zuckerwässerli aus der Flasche anbieten, kriegen von mir null Punkte.

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  8. Es ist die gemütliche polsteratmosphäre, die mir fehlt. Das wiener kafeehausartige.

    Die Entwicklung per se ist nicht schade, es ist differenzierter geworden. Ich denke da an das Saint-Louis z.B.

    Schiesser ist noch eines der letzten solchen Kaffeehäuser. Pellmont fehlt mir auch. 1-2 mehr in der Innenstadt fände ich nicht schlecht. Es muss nicht jedes Kaffee oder Beizli so sein.

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