Wir Heuchler!

Wir blicken auf das Jahr zurück. Die Schliessung der Buch- und Kaffeebar Nasobem im Gundeli hab Anlass zu einer Diskussion um Doppelmoral: Immer wenn bekannt wird, dass ein Geschäft wie das Nasobem zumacht, sterben wir einen kleinen Tod. Und merken dann, wie inkonsequent unser Leben geworden ist.

Einhellig klagen wir über die Missstände auf dieser Welt. Aber sind wir wirklich unschuldig? (Bild: Hans-Jörg Walter)

Immer wenn bekannt wird, dass ein Geschäft wie aktuell der Buchladen Nasobem zumacht, sterben wir einen kleinen Tod. Und merken dann, wie inkonsequent unser Leben geworden ist.

«Der Laden sah von aussen so toll aus, ich wollte schon lange mal reinschauen …»

Als vergangene Woche das Ende der Buch- und Kaffeebar Nasobem bekannt wurde, erschütterte eine kleine aber heftige Welle des Bedauerns die lokalen Twitter- und Facebook-Acounts. Die Trauer über das Ende des Ladens war gross. Und sie ist auch ein wenig verlogen.

Das Problem im Fall des Nasobem war die Differenz zwischen Wahrnehmung und Umsatz. Es steckte viel Herzblut in diesem Geschäft an der Basler Frobenstrasse. Und es passte mit seinem urbanen Ansatz in das Selbstbild des ökologiebewussten, rot-grün wählenden Stadt-Szenis. Nur: Wenn dieser Szeni, wenn also wir, in der Stadt sind und rasch ein Buch brauchen, liegt ein Thalia näher. Und der Griff zur Computertastatur sowieso.

Unsere Mitschuld

Die Geschichte, sie wiederholt sich. Gross war auch die Trauer, als das Musikgeschäft Roxy am Rümelinsplatz vor vier Jahren den Laden dichtmachte – oder, noch früher, das Restaurant «Atlantis» am Klosterberg die Livekonzerte aufgab.

Wie immer tragen all jene, die laut lamentieren, Mitschuld am Untergang. Es reicht nicht, nostalgisch zu sein. Ein Betrieb muss ständig unterstützt werden. Und wer von uns hat in den letzten Jahren Bücher oder Musik ausschliesslich in charmanten, spezialisierten Läden gekauft? Eben.

Unsere Inkonsequenz beschränkt sich aber nicht nur auf unser Konsumverhalten. Das Ganze geht tiefer. Die SP Zürich sucht im Moment einen Praktikanten oder eine Praktikantin für die Geschäftsstelle und zahlt für eine 80-Prozent-Anstellung 1280 Franken. Wahrscheinlich darf der Praktikant dann bei der Mindestlohn-Kampagne mithelfen.

Wenn wir ungefiltert ehrlich wären, würden wir nicht nur das Ende des Nasobem bedauern. Sondern auch uns selber.

Auch schön schräg das Bild, das sich am 1. Mai bot: Junge Aktivisten wehrten sich lauthals gegen zu tiefe Löhne und Ausbeuter-Systeme – und trugen dabei billige Hipster-Jeans aus Bangladesch.

Apropos Bangladesch: Wer war nicht bestürzt darüber, wie dieses verlotterte Haus tausende von Billigarbeitern unter sich begraben hat? Bereits heute verdrängen wir diesen Unfall wieder. Wäre ja noch schöner, wenn uns bei jeder Anprobe im Zara oder H&M auch ein schlechtes Gewissen überzöge.

Wenn wir ungefiltert ehrlich wären, würden wir also nicht nur das Ende eines Geschäfts wie das Nasobem bedauern. Sondern auch uns selber. Denn sagen wir es offen: Wir sind Heuchler.

Unsere Doppelmoral

Wir wünschen uns ein bunt durchmischtes Stadt- und Landbild, beklagen den Imperialismus der Ketten, Discounter und Grossisten. Und schleichen uns dennoch bei diesen hinein und wühlen in den Rabattkisten.

Wir lassen uns beim Fachhändler beraten. Und googeln danach im Internet die Preise des Versandhandels.

Wir sind bestürzt über die Zustände bei einem chinesischen Apple-Zulieferer – und tun unsere Bestürzung via Facebook kund, iPhone sei Dank.

Ja, wir sind Heuchler. Wir sind geizig. Und wir leben nicht konsequent. Nicht weil ein konsequentes Leben nicht möglich wäre. Sondern weil es unbequem, anstrengend, nicht lustig und sauteuer wäre. Stattdessen rühmen wir uns, die Heuchelei wenigstens zu erkennen. Und sind in diesem Punkt, für einmal, ziemlich konsequent.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Konversation

  1. Die Hoffnung, die bleibt, ist, dass mehr Menschen auf Qualität anstatt Quantität und Preis setzen. Was will man mehr sagen? Will man schimpfen? Aber dann ist man erst recht ein Heuchler. Denn Inkonsequent sind alle. Auch die, die am Vollmundigsten auftreten.

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  2. Den Laden „Nasobem“ in Basel kenne ich nicht. Aber es geht ja ums Prinzip. „Wir“ sind Heuchler? Aber nein. Ich ganz bestimmt nicht. Ich kaufe, was mir gefällt, was mir schmeckt und vor allem, was ich mir leisten kann. Ob im Inland oder im Ausland. Fairtrade? Was soll dieser Begriff? Sind nun plötzlich alle Waren unethisch und moralisch in verwerflicher Manier hergestellt worden, welche dieses Label nicht auf sich vereinigen? Was soll ich tun, wenn Menschen in Bangladesch oder China schlecht bezahlt oder sogar ausgebeutet werden, was ich ja nicht selber nachprüfen kann. Wobei „ausgebeutet“ wohl kaum in objektivierbaren Kriterien zu fassen ist. Soll ich nun bei jeder Ware, die ich kaufe genau abklären, woher sie kommt, ob sie womöglich von „ausgebeuteten“ Menschen produziert worden ist? Soll ich generell nichts mehr kaufen, was in Bangladesch, Indien oder China fabriziert worden ist. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich solche Dinge kaufe, auch wenn ich weiss, dass es diesen Menschen nicht besser geht, wenn ich diese Dinge nicht kaufe? Menschen sollten vorsichtig sein, andere oder sich selber als Heuchler zu bezeichnen. Vor allem sollten selbstgerechte Moralisten anderen nicht Fehlverhalten vorwerfen, nur um die eigenen Unzulänglichkeiten zu mildern.

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  3. Das Umweltbewusstsein hat ca. 20 Jahre gebraucht, bis es genug Gewicht für die Durchsetzung politischer Regeln erhalten hat.
    Ihr seid die Vorboten einer neuen Bewegung, die das globale Sozialbewusstsein in die Gesellschaft einführen wird.

    …gut so!

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  4. Dies ist bei weitem nicht der erste Artikel, bei welchem die Schuld Einiger kumpelhaft auf alle ausgedehnt werden soll.

    Im Zuge der Finanzkrise hiess es etwa des öfteren:“Wir haben doch damals alle gezockt.“ Dagegen verwehre ich mich vehement. Ich, genauso wie viele andere, taten das nicht. Und das nicht weil wir pleite gewesen wären, sondern weil wir bereits in den Neunzigern den Bezug zur Realität nicht völlig verloren haben; weil schon dann klar war, dass dieses System nicht nachhaltig war.

    Bezüglich des Klimas: „Wir alle fahren halt gerne mit dem dicken Auto in die Stadt.“ Ich benutze, genauso wie viele andere, das Velo. Nicht weil kein Pkw verfügbar ist, sondern weil auch hier klar ist, dass es nicht nachhaltig ist, mit dem S.U.V. zum Supermarkt zu kurven um Milch und Brot zu holen.

    Die Liste könnte man noch lange weiterführen. Der Punkt ist aber, dass viele Menschen sich an vielem was in unserem Wirtschaftssystem unsinnig ist nicht oder viel weniger beteiligen. Es kommt halt eben massiv darauf an, ob jemand im Jahr 20’000km oder 1000km im Auto unterwegs ist. Ob jemand drei günstige Shirts kauft oder deren dreissig. Ob jemand täglich zwei mal Fleisch isst, oder einmal in der Woche.

    Das eine ist ein völlig unkontrolliert und ungehemmter Konsummensch, das andere ein einigermassen moderater Bürger. Es gibt nicht nur totaler Konsum oder vollständiger Verzicht, nicht nur 100% oder 0%, sondern eine Vielzahl von Abstufungen. Und weil das so ist entscheidet man nicht einmal generell ob man eine Shopping-Queen oder ein Eremit sein will, sondern formt mit jeder Kaufentscheidung sein Profil.

    Um diese vielen einzelnen Kaufentscheidungen klug treffen zu können braucht es ein transparentes System. Keiner sieht einem T-Shirt an wie es produziert wurde. Kein einzelner Konsument durchblickt bei einem Smartphone aus welcher Mine das darin verbaute Coltan kommt. Deshalb ist die Abschiebung der Verantwortung auf den Einzelnen völlig unsinnig. Das Wirtschaftssystem ist so komplex, dass ein Einzelner das unmöglich für alle Produkte durchblicken kann. Gefragt sind also die Medien, der Staat und nicht zuletzt die Unternehmen, welche die umfassendste Informationslage über ihre Produkte haben und selber am besten entscheiden können wie sie produzieren wollen.

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  5. Schlechter Versuch. Da ist jemand offenbar noch nicht über die „Spiegel!-Phase“ hinausgekommen. Jä nu. Wir wohl der Einfluss der alten Schlampe TINA sein. Da sich die TaWo glaubs eher nervt ab zu viel HickHack (*heuchel?*), klinke ich mich jetzt mal aus der Diskussion aus. Wiederschauen

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  6. @Walter – egal welches „dein Milieu“ ist, es scheint ein sehr verbittertes zu sein und mein Post scheint – deiner Reaktion zufolge – ziemlich gut auf dich zuzutreffen.

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  7. Woher sie nun wieder wissen wollen, welche Gedanken ich mir mache und wie ich handle!? Wenn sie dann mal ihre Gewissensprobleme im Griff haben, können sie an ihrer Arroganz und Ignoranz arbeiten…

    Gedanken zählen gar nichts, nur das Handeln zählt. Es wär mal interessant, eine Studie darüber zu erstellen, ob die Bürgerlichen oder die Weltverbesserer ökologischer leben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Gruppe, welche sich nicht den ganzen Tag rühmen muss, weil sie die Glühsparlampe eine Minute im Monat früher abstellt, im Balkonkistchen Petersilie anpflanzt und nicht denkt, dass scheisshässliche Schlabber-Hosen automatisch ökologisch hergestellt sind, besser abschneidet. Meine linken Hipster-Kollegen im Umfeld sind zumindest immer die ersten, die SOFORT die neusten Iphones und IPads haben, jedes Jahr monatelang in der Weltgeschichte rumfliegen etc.

    Tschüss, sie Heuchler!

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  8. Zusammenfassend, wir beide tun das exakt selbe, Sie sprechen sich jedoch eine moralische Überlegenheit zu, weil sie sich ein gutes Gewissen einreden?

    Mich stört es nicht im geringsten, wenn Leute stockgrün sind, auf Dinge verzichten etc. – das ist ihre Entscheidung. Mich stört jedoch, wenn genau solch inkonsequente Personen wie sie, mir dann vorschreiben möchten, wie ich zu leben habe (Fleischverbot an Uni, Verbot gewisser Autos, 100’000 Umverteilungsgebühren, 2000-Watt-Gesellschaft etc.)!

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  9. … hat mir aus dem Herzen gesprochen. Denn er sagt, wir stehen in der Verantwortung. Aber nicht nur deshalb, sondern weil er sagt „Wir“, das heisst Du und ich, und uns alle, jeden einzelnen, kritisiert und sein Verhalten hinterfragt. Das ist heute extrem unpopulär. Wer Reaktionen herausfordert, die in den heute gängigen Persil-Abwehren „Schuldzuweisung“ und „Moralisierung“ und „Pauschal“ gipfeln, hat meistens den interessanten Punkt getroffen. Ich lese den Kommentar aber als Aufforderung nach der Weisheit des „Ausser man tut es“. Als Aufruf, der eigenen Faulheit und Indifferenz weniger Terrain zuzubilligen. Dem Nachzugehen, was ich ja eigentlich (eben eigentlich … ) für gut und wichtig halte. Und auf der anderen Seite nochmals befragen, ob ich denn alles für gut und wichtig halte, von dem „alle“ sagen, es sei so „gut“ und so „wichtig“.

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