Zürcher Kalkbreite: Wie im Dorf – aber in der Stadt

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Ein Blick nach Zürich zeigt: Auch utopische Wohnformen können wahr werden. Wie etwa auf dem Kalkbreite-Areal, wo seit einem halben Jahr 256 Bewohner zusammenleben.

6350 Quadratmeter umfasst das Areal der Kalkbreite. Unter dem Innenhof sind ein Tramdepot und Gewerberäume eingeschlossen. (Bild: Jonas Landolt)

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Ein Blick nach Zürich zeigt: Auch utopische Wohnformen können wahr werden. Wie etwa auf dem Kalkbreite-Areal, wo seit einem halben Jahr 256 Bewohner zusammenleben.

Erst war es reine Utopie, seit rund einem halben Jahr ist es in Zürich Realität: ein gemeinschaftliches Wohnprojekt im Riesenformat. Keine simple Wohngenossenschaft, sondern eine Wohngesellschaft mit eigenem Gewerbe, eigener Wohnform, eigenen Vorstellungen.

Die Utopie nennen sie in Zürich «Kalki»: die Kurzform des Kalkbreite-Areals im Kreis 4. Dort entstand in den letzten Jahren jene utopische Wohn- und Gewerbegenossenschaft. Im August 2014 ist der Letzte der 256 Bewohner eingezogen.

Von der Tramhaltestelle Kalkbreite führt eine breite Treppe auf den grossflächigen Innenhof. Kreisförmige Kiesbeete, kahle Bäume und ein Kinderspielplatz werden von vierstöckigen Neubauten eingekreist. Darin befinden sich mehrere Gross-WGs, Familien- oder Clusterwohnungen. Letzteres sind Einzelzimmer mit einer kleinen Kochnische, einem Bad und zusätzlichen Gemeinschaftsräumen wie etwa einer Grossküche für die Mietergruppen.

Das Gebäude ist nach dem Minergie-Eco-Standard gebaut, auf dem Dach stehen Fotovoltaik-Anlagen, und statt mit Autos sind die Bewohner ausschliesslich und vorschriftsgemäss mit dem Velo unterwegs. Denn wichtig ist der Genossenschaft Kalkbreite nebst dem Gemeinschaftssinn auch der ökologische Aspekt, orientiert an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft. Kein Auto zu besitzen, war Voraussetzung für den Einzug.



Fred Frohofer auf der Dachterrasse, wo auch Regenwasser aufgefangen wird. Die Bewohner der Kalkbreite wollen bewusst nachhaltig leben.

Fred Frohofer auf der Dachterrasse, wo auch Regenwasser aufgefangen wird. Die Bewohner der Kalkbreite wollen bewusst nachhaltig leben. (Bild: Jonas Landolt)

32 Quadratmeter sind die Norm

Das Konzept der Kalkbreite sei eine Antwort auf grundlegende gesellschaftliche Probleme, sagt der Bewohner Fred Frohofer: 51 Jahre alt, die Haare kurz geschoren, schwarze Jeans, schwarzer Mantel, bunter Schal. Frohofer redet schnell, zuweilen aufgeregt und springt zwischen den Gedanken hin und her. Mit gesellschaftlichen Problemen meine er etwa die Verkehrsbelastung, den damit einhergehenden Ressourcenverbrauch oder die Wohnungsnot.

Letztere ist auch in Basel ein Problem. Ein Faktor: Der einzelne Stadtbewohner beansprucht immer mehr Wohnfläche.

Genau dem wollen die Kalkbreite-Genossenschaftler entgegenwirken. Im Durchschnitt stehen jedem Bewohner 32 Quadratmeter Privatwohnfläche zur Verfügung, weitere 800 Quadratmeter sind für Gemeinschaftsräume reserviert. Und diese könnten unterschiedlicher nicht sein: ein Fitnessraum, ein Meditationsraum, ein Näh- und Bügelzimmer oder eine Sauna gehören etwa dazu. Was in die Räume kommt, handeln die Bewohner jährlich neu aus, und auch sonst werden die Entscheidungen per Konsensverfahren in monatlichen Sitzungen getroffen.



Das Areal ist auch für das Quartier geöffnet, täglich kommen viele neugierige Besucher vorbei.

Das Areal ist auch für das Quartier geöffnet, täglich kommen viele neugierige Besucher vorbei. (Bild: Jonas Landolt)

Fred Frohofer hat sich eine der Clusterwohnungen ausgesucht. Sein Zimmer ist mehreckig, die kahlen Betonwände und die schlichte Einrichtung fallen auf: ein Bett, ein Tisch, ein Büchergestell. Von der Fensterfront aus kann er auf die Besucherströme im Innenhof blicken. «Manchmal komme ich mir vor wie im Zoo», sagt er.

Denn Teile der Siedlung sind der Öffentlichkeit zugänglich. Dazu gehören nebst dem Innenhof auch die integrierten Gewerberäume. Etwa ein Geburtshaus, eine Kita, vier Restaurants und Bars, ein Bioladen oder das Kino «Houdini», wo kürzlich ein Brand ausbrach.

Wichtig ist der soziale Mix

Auch das gehört zum Konzept der Genossenschaft: 60 Prozent des Areals sind Wohnbereich, 40 Prozent werden vom Gewerbe beansprucht. Würden die Bewohner auch in der Siedlung arbeiten, müssten sie sich eigentlich nicht mehr vom Fleck bewegen.

Dieser Punkt bringt das Konzept auch in die Kritik. Bereits fiel in Zürich der Spruch von einem «grünen Ghetto», in dem die Menschen abgeschottet vom Rest der Gesellschaft vor sich hin leben.

«Ach, es gibt immer Neider», meint Frohofer dazu. Ausserdem sieht er nichts Schlechtes darin, im Gegenteil: «Alles, was man braucht, ist in Pantoffeldistanz erreichbar. Es ist quasi wie ein Dorf in der Stadt.» So lege man kürzere Wegstrecken zurück, und das heisse eben weniger Ressourcenverbrauch. Zudem verstärke die Verdichtung aller Lebensbereiche das Gemeinschaftsleben.



In der Kalkbreite-Siedlung gibt es keine Parkpätze, dafür Raum für 350 Fahrräder.

In der Kalkbreite-Siedlung gibt es keine Parkpätze, dafür Raum für 350 Fahrräder. (Bild: Jonas Landolt)

Aber alle Bewohner in einen Topf werfen, das könne man nicht, sagt Frohofer. Die Genossenschaftler trafen die Auswahl der Bewohner durch eine eigens geschaffene Vermietungskommission aus Leuten, die selber nicht in der Kalkbreite wohnen. Dabei sollten die Mieterinnen und Mieter den Querschnitt der Schweizer Bevölkerung abbilden.

Demnach sei die Zusammensetzung bewusst sozial durchmischt: Junge Studenten, eine eritreische Familie oder auch einkommensschwache Personen haben ihren Platz. Um interne Vermögensunterschiede abzufedern, wurde ein Solidaritätsfonds eingerichtet, der bei Notlagen einen Teil der Miete trägt.

Grundsätzlich sind die Wohnungen jedoch bezahlbar. Ein Zimmer in einer Gross-WG ist ab 600 Franken, eine Clusterwohnung ab 800 Franken zu haben.

Weitere Projekte entstehen

Die Siedlung auf dem Kalkbreite-Areal ist nur eines von mehreren Projekten in Zürich, die auf dem gleichen Grundgedanken fussen. In den letzten zehn Jahren entstanden zum Beispiel verschiedene Siedlungen des Kraftwerk 1 oder das Hunzikerareal, wo bis im Mai 1300 Menschen einziehen sollen.

Auch die Genossenschaft Kalkbreite hat bereits ein weiteres Projekt geplant: Hallenwohnen im Zollhaus. Hier sollen bis zu 27 Personen in einem 600 Quadratmeter grossen Raum mit überdurchschnittlicher Deckenhöhe wohnen.



Fred Frohofer lebt in der Kalkbreite, engagiert sich jedoch bereits für ein neues Wohnprojekt in der Stadt.

Fred Frohofer lebt in der Kalkbreite, engagiert sich jedoch bereits für ein neues Wohnprojekt in der Stadt. (Bild: Jonas Landolt)

Fred Frohofer will noch weiter gehen. Er ist im Vorstand des 2009 gegründeten Vereins Neustart Schweiz, der sich für sogenannte multifunktionale Nachbarschaften einsetzt. Diese sind vergleichbar mit dem Kalkbreite-Konzept, nur noch radikaler. Rund 500 Leute leben darin und betreiben eine Infrastruktur zur Deckung des täglichen Bedarfs. So sollen sie etwa über ein Lebensmitteldepot verfügen, in dem Erzeugnisse aus solidarischer Landwirtschaft gelagert werden. «Wie ein Hotelbetrieb, bei dem die Gäste mitarbeiten», erklärt Frohofer.

Mit dem Projekt NeNa1 will der Verein Neustart Schweiz eine solche Nachbarschaft in Zürich schaffen. Während die Initianten bereits eine klare Vorstellung davon besitzen, ist der Standort für die Umsetzung noch nicht entschieden.

War Zürich in dieser Hinsicht bislang noch einsamer Vorreiter, wird bald auch Bern mit der Genossenschaft Warmbächli nachziehen. Auf der ehemaligen Kehrrichtverbrennungsanlage im Holligen-Quartier soll eine Gemeinschaftssiedlung für 250 Personen entstehen.

Nachahmer-Projekte in Basel geplant

Und Basel? Die hiesige Regionalgruppe von Neustart Schweiz will ein ähnliches Projekt wie das NeNa1 realisieren, genannt LeNa. Dabei liebäugelt die dafür gegründete Genossenschaft mit dem Areal des alten Felix-Platter-Spitals, einen Antrag haben sie bereits gestellt. Auch die Klybeck-Genossenschaft hofft darauf, beim BASF-Areal eine Siedlung im Stil der Kalkbreite zu errichten.

Die Projekte haben gute Chancen, verwirklicht zu werden. Die neue Wohnbewegung wird zunehmend ernst genommen und auch von der Politik gutgeheissen. Eine blosse Hippie-Utopie sind die gemeinschaftlichen Wohnformen heute nicht mehr.

Konversation

  1. @Piet Westdijk
    Ich habe mich intensiv mit dem Grundeinkommen (das meinen Sie doch, oder?) auseinandergesetzt, und finde es grundsätzlich spannend, bin aber mit vielen Ausgansgspositionen nicht unbedingt einverstanden.

    Die Vorstellung einer solchen Erschütterung der marktwirtschaftlichen und dadurch auch sozialen Verhältnisse, beflügelt mich (was dann so alles möglich wäre und komplett neu durchdacht werden müsste..), die Motivation dazu sehe ich aber eher im Fokus auf das persönliche Wohl im Kontext der Konkurrenz und Wettbewerbsfähigkeit.
    Das stört mich, vor allem in überversorgten Regionen (ich spreche bewusst nicht vom Konstrukt „Staat“) muss irgendwann der Fokus vom Ego auf das Gemeinwohl springen, erst recht bei solchen Ideen.

    Danke übrigens für Ihren konstruktiven Kommentar, obwohl ich hier polternd Position bezogen habe.

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  2. @C. Meury: Ich denke es wird schwierig mit Ihnen den Dialog zu finden. Da muss ich schon mal eigene Vorurteile, welche sie doch teilweise Bestätigen mit ihrem Urteil -vor allem in Abschnitt 3&4- unter den Teppich kehren.

    Was danach bleibt? Die Frage, wer braucht Sie? den Vordenker?

    Wer braucht eine Stadtentwicklung die -aus ihrer Perspektive- DEN Kompromiss zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden, der Wirtschaft und der Bevölkerung und anderen Interessen sucht?
    Wer profitiert den von diesem Kompromiss? Wer, im möglichst bequemen Jetzt? Wer, in möglichst weiterhin -für mich- bequemer Zukunft?
    Wo fliesst den DER heilige resultierende Profit hin? An wie vielen Ecken und Enden muss rationalisiert werden, wie viele Menschen müssen weichen um DAS Leuchtturmprojekt, DEN Standortfaktor, die Profilierung der „Erfolgreichen“ weiterzutreiben…
    Das alles wird dann als „Fortschritt“ bezeichnet und DER braucht Sie.

    Das alles ist teil einer Stadt „Entwicklung“ wie sie heute betrieben wird. Das alles unterliegt einer Verwertungslogik (ja, auch die Bevölkerung). Ja und das alles ist dann Kapitalismus und DER braucht Sie auch dringend.

    Selbstgemachte Probleme löse ich nicht, sondern prangere sie in der kollektiven „damit können wir die Welt retten“-Stimmung an, um dann mit den wirklich Unflexiblen (Die Kalkbreite ist eben nicht da für diese Menschen, sie ist da um die Träume der Mittelschicht mit finanziellen Möglichkeiten zu erfüllen). Lösungen zu suchen.

    Die Stadt soll nicht durch grossflächige Planung entwickelt werden. Sie soll sich entwickeln, durch die Bewohnenden, ihr Leben miteinander und die Bedürfnisse die daraus entstehen.
    Und das nenne ich dann auch noch nicht DIE Utopie, sondern einfach eine etwas fairere Ausgangslage.

    Und ich denke Antikapitalismus sowie Hierarchie-Kritik ist dabei für Zukunfts- und Gesellschaftsfähige Entwicklungen notwendig.

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  3. Bemerkenswertes Projekt!
    Ich lebe in Kassel in einem engagierten Wohnprojekte, berate und coache Wohnprojekte, erlebe jedoch auch selten so große Projekte mit solch engagiert wirkender Struktur.
    Derartige Wohnormen, die Kooperation, Kommunikation sowie soziale und ökologische Verträglichkeit besonders wertschätzen, entstehen mehr und mehr und ich halte das für eine sehr gute Entwicklung.

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  4. So würde ich nie und nimmer wohnen wollen! Sieht ja aus wie ein Hotel, Spital oder sowas…! Wie in der Erlenmatt… Warum baut man keine schönen Stadthäuser mehr? Zu ineffizient? „Es rändiert nid?“…nicht Familienfreundlich?? Mannnnn

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  5. Et cetera: Ein WG-Zimmer für 600.-, sowie eine Clusterwohnung für 800.- in Zürich sind SEHR günstig.

    Piet Westdijk: Die Sozialhilfe in Basel zahlt bis 700.- exkl. Nebenkosten, also Total etwa 800.- bis 1000.-. In dieser Preisklasse gibt es jede Woche ein paar Wohnungsinserate, allerdings etwa das fünfzigfache an Interessenten – und das pro Wohnung! Hier sieht man, wie ignorant die Verantwortlichen der Stadt Basel sind.

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  6. züri ist ein teures pflaster – auch was die durchschnittlichen mieten betrifft. (aber auch die durchschnittslöhne)
    keine ahnung, ob die wohnunterstützung entsprechend höher ist?
    es schliesst sich überhaupt nicht aus, dass sich gezielte – effektiv günstigst-mögliche – modelle entwickeln lassen (die schraube dreht eh anderswo!).
    ohne zynismus: auch container/wohnwagen/hausboote können lebensqualität ermöglichen – zumindest für mich planerisch überhaupt nicht ausgeschlossen.

    und natürlich: der grundlohn für alle nach westdijks vorschlag wäre eh am redlichsten/ehrlichsten – rein ökonomisch kein bisschen widersinnig. die rückverteilung muss sowieso zwangsläufig stattfinden, sonst kollabiert’s global.
    vorderhand buttert die eu (d.h. via steuern) – irgendwann sollte derlei von den privaten milliardenhaufen zurückfliessen.
    das wird dauern – darum erst die machbaren projekte, mit machbarer unterstützung (abstimmungen in eigener sache!)

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  7. Schon sieht das aus.
    Aber wo sind die Terassen? Eine Wohnung ohne Terasse verliert viel an Wert.
    Weiter: Diese tollen Projekte sehen meist nichts vor für Menschen die auf den unteren Skala der Einkommen sind.
    Jemand mit Ergänzungsleistungen wird mit höchstens 1100 Fr. unterstützt, Fürsorgeabhängige noch weniger.
    Jede alte Wohnung die abgerissen wird, macht die Situation für diese Menschen noch schwieriger.

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  8. @Christoph Meury: Sie sehen doch auch, das dieses von uns beiden gelobte Projekt nicht alles löst, und darum bei gewissen Leuten wie Hausbesetzern Ärger auslöst. Es braucht noch billigere Wohnungen, weswegen ich – ich weiß, vielleicht etwas langweilig – wieder mit dem Grundlohn komme. Sie sind darauf nicht eingegangen. Könnte dies eine Lösung sein, eine Utopie die Eutopie werden könnte?

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    1. @Piet Westdijk: Wie gesagt das Wohnprojekt Kalkbreite muss nicht alle Probleme lösen, aber es ist ein Versuch in die richtige Richtung. Andere Projekte können diesem Projekt folgen. Da wir über eine relative Wohnungsnot in Basel diskutieren, geht es darum Wohnmodelle zu untersuchen, welche günstiger funktionieren und trotzdem ein gerütteltes Mass an Wohn- und Lebensqualität generieren.

      Ich diskutiere in diesem Zusammenhang nicht den Grundlohn. Abgesehen davon glaube ich auch nicht an solche Lösungen.

      Im Weiteren geht es mir darum auch Wohnungen und Wohnmodelle für Menschen mit tiefen Einkommen zu fordern. Wer apriori gratis wohnen will, ist vermutlich definitiv im falschen Land. Er oder sie verkennt die realen Bodenpreise, welche in Basel zu Buche schlagen. Bodenpreise, welche irgendwann & irgendwer bezahlen muss.

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  9. Ich hätte schon noch eine Utopie, die will bloss hier wohl keiner:
    Der Austritt der Nordwestschweiz oder von Basel aus der Schweiz, bzw. dem bodenspekulativen Anteil des Landes. Dann würde die S-Bahn nämlich bald bis Altkirch fahren.
    Dann könnte die Roche auch geldsparender flacher bauen und es wäre genug Boden da auch für die Leute, die halt nicht so betucht sind: Die würden dann etwas ausserhalb, dafür ruhiger leben.

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