Hugo Jaeggi: Ein Nachruf auf den Dokumentaristen der Vergänglichkeit

Der Schweizer Fotograf Hugo Jaeggi ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Seine Weggefährten erinnern sich an einen geschätzten Lehrmeister und seine Bilder verweisen die Gesellschaft auf ihre gern ausgeblendeten Ränder.

«Ich fühle mich privilegiert, ich hatte ein reichhaltiges Leben», sagte Hugo Jaeggi in einem Interview mit der TagesWoche. Das war vor fünf Jahren. Der bekannte Fotograf zeigte gerade eine Auswahl seiner Werke im  Ausstellungsraum Bellevue in Basel: eindrückliche Zeugnisse seines Schaffens in Schwarzweiss, berührende, manchmal auch humorvolle und stets hingebungsvolle Porträts von Menschen am Rande der Gesellschaft. «Wo andere am Abend ins Kino gingen, trieb es mich in die Mostwirtschaft, wo Schnaps aus grossen Gläsern getrunken wurde», sagte er im Interview.

Dass er 2013 sein «reichhaltiges Leben» in der Vergangenheitsform darstellte, war natürlich noch verfrüht. Jaeggi blieb aktiv. Am Donnerstag, 23. August, ist er nun in seinem Heim in Burg im Leimental seinem Krebsleiden erlegen. Sein Werk aber, das sich in die Arbeiten der ganz grossen Schweizer Fotografen einreiht, wird weiter bestehen. Sein Nachlass wird von der Fotostiftung Schweiz verwaltet.

Die hier gezeigte Auswahl an Bildern offenbart, wie präzise und überlegt, wie kunstvoll und empathisch Jäggis fotografischer Blick auf die Welt war, die er oft in Begleitung des mit ihm befreundeten Journalisten Peter Jäggi mit grosser Neugierde durchschweifte und beobachtete. Mit einem Blick, der zu einem wesentlichen Teil auf Menschen fokussiert war, die wir allenfalls versteckt aus den Augenwinkeln beobachten: Randständige, Alkoholiker, Leprakranke und Aids-Infizierte. Jaeggi bildete sie mit einer entlarvenden Direktheit ab, ohne jeglichen Voyeurismus, aber mit einem hohen Mass an Empathie.

Im TagesWoche-Interview von 2013 bezeichnete er sich gewissermassen als Dokumentaristen der Vergänglichkeit:

Solche Bilder führen oftmals die eigene Sterblichkeit vor Augen. Was sehen Sie in solchen Szenerien: das Leben oder den Tod?

Weniger den Tod, eher eine Art Vergänglichkeit. Die möchte ich festhalten.

Ist das ein Trieb, ein Drang?

Eine Faszination.

Der Lehrmeister

Der gebürtige Solothurner Hugo Jaeggi führte von 1960 bis 1974 ein eigenes Fotogeschäft in Basel und hat auch als Lehrer Spuren hinterlassen. Wir haben zwei bekannte Basler Fotografen, die bei Jaeggi in der Lehre waren, um kurze Erinnerungsstücke gebeten.

Roland Schmid erinnert sich gern an seinen Lehrmeister, dem er sich auch als Freund sehr nahe fühlte und den er als kompetenten Kritiker schätzte:

«Wenn ich ihm Bilder zeigte, umkreiste er diese, zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch in die Luft, die Zigarette wanderte vom linken in den rechten Mundwinkel, dann zurück. Er schaute mir in die Augen, versuchte nette Worte zu finden. Ein weiterer Zug am Glimmstengel. Dann sauste der Hammer der gnadenlosen Kritik auf mich nieder.»

Weiter schreibt Schmid über seinen verstorbenen Lehrmeister:

«Hugo war getrieben von Neugier. Sein Blick grub sich regelrecht in sein Gegenüber ein, voller Interesse an dessen Schicksal. Hartnäckig. Das wurde aber nie unangenehm. So vermochte er dem Menschen fotografisch sehr nahe zu kommen, bis in die tiefste Intimität. Es ist faszinierend, was für ein Spektrum sein Werk abdeckt. In den 1950er-Jahren, noch stark verhaftet im Stil eines Werner Bischof, entwickelt er langsam seine eigene Bildsprache, immer stark dem Menschen, dem vermeintlich Abnormen zugewandt. Der Tod war immer ein grosses Thema. Behinderungen. Auch Auffälligkeiten jeglicher Art. Und Unauffälligkeiten, die er aufs Tiefste ergründete. Von Hugo habe ich viel gelernt, vor allem das genaue Schauen, das Arbeiten mit wenigen Mitteln und die Hartnäckigkeit, an einem Thema dranzubleiben.»

Auch Daniel Spehr war ein Schüler Jaeggis:

«Hugo war für mich ein unorthodoxer Lehrmeister, der mit empfindsamer Neugierde die Nähe zum Menschen gesucht hat, oft mit Schalk und Humor, aber immer mit ungefilterter Ehrlichkeit. Ein präziser, aber unaufdringlicher Beobachter, der wie selbstverständlich Realität und Traum in eine Fotografie komponieren konnte, sich aber immer wieder auch selbstkritisch mit seinen Arbeiten auseinandersetzte.»

https://tageswoche.ch/kultur/hugo-es-wird-der-mensch-sein/

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