Klingentaler öffnen Tür und Mund

Am Wochenende feiert das Atelierhaus Klingental sein 50-jähriges Bestehen. Mit dem Jubiläum kommt auch der langsame Abschied: Ab 2018 soll es die Ateliers nicht mehr in dieser Form geben. Was halten die Künstler davon?

Trotz geplantem baldigen Abschied frohen Mutes: Corsin Fontana, Marius Rappo, Werner von Mutzenbecher, Aldo Solari und Jan Hostettler. (Bild: Alex Preobrajenski)

Am Wochenende feiert das Atelierhaus Klingental sein 50-jähriges Bestehen. Mit dem Jubiläum kommt auch der langsame Abschied: Ab 2018 soll es die Ateliers nicht mehr in dieser Form geben. Was halten die Künstler davon? Ein Blick hinter die Klingental-Mauern.

Es war 1964 und die Künstlerin Mary Vieira suchte einen Atelierplatz in Basel. Sie hörte sich um und bekam schliesslich einen Tipp vom damaligen Denkmalpfleger Fritz Lauber: Das Militär würde bald das Kasernenareal mitten in der Stadt aufgeben und hätte Räume, die sich zur anderweitigen Nutzung hervorragend eigneten. Also bewarb sich Vieira und bekam vom Kreiskommandanten Oberst Albert Wellauer ein provisorisches Atelier im Kirchenflügel der Kaserne zugesprochen.

Der Rest ist Geschichte: Es wurde eine Kommission für Künstlerateliers gegründet, und ab 1966 zogen weitere Künstler ein, bildeten eine Atelier-Genossenschaft und belebten die ehemalige Kirche. Sie renovierten die heruntergekommenen Räume auf eigene Kosten und richteten rund 30 Ateliers ein. Man wollte den Künstlern einen Arbeitsraum in der Stadt ermöglichen und schloss sich unter anderem mit der Christoph Merian Stiftung, dem Allgemeinen Consumverein und dem Kanton Basel-Stadt zusammen. Eine «uneigennützige Zusammenarbeit von Idealisten, Künstlern und Behörden» sei das gewesen, schrieb der heutige Präsident der Atelier-Genossenschaft Rolf Jucker im März 2012.

Bevormundung, Rausschmiss und unangebrachte Konditionen

Von dieser unproblematischen Zusammenarbeit ist heute nur noch wenig zu spüren: Nachdem der Kanton Basel-Stadt im April diesen Jahres bekannt gab, dass ab 2018 eine neue Vergabepraxis eingeführt werden soll, regte sich Protest unter den Künstlern. Der Kanton hatte beschlossen, im Rahmen des neuen Gesamtkonzeptes für das Kasernenareal die Genossenschaft aufzulösen, die Mietverträge der jetzigen Künstler in der Klingental-Kirche zu kündigen und die Mietzinse der 33 Ateliers zu erhöhen. 



«Künstler ist man bis zum Tod.»: Atelier von Corsin Fontana.

«Künstler ist man bis zum Tod.»: Atelier von Corsin Fontana. (Bild: Alex Preobrajenski)

Das stiess den ansässigen Künstlerinnen und Künstlern sauer auf: Obwohl Jucker im Vorfeld noch sagte, es sei kein Protest zu erwarten, wehrten sich die Künstler an einer Anhörung im Mai, sprachen von Bevormundung, Rausschmiss und unangebrachten Konditionen. Danach war es lange Zeit wieder ruhig um das Atelierhaus. Haben sich die Künstler mit dem Verdikt abgefunden?

«Natürlich nicht!», meint Marius Rappo, den wir zusammen mit Corsin Fontana, Werner von Mutzenbecher, Aldo Solari und Jan Hostettler im gemütlichen «Stüssihof», dem Aufenthaltsraum im Atelierhaus treffen. Für die fünf Künstler, die teilweise schon sehr lange ihr Atelier in der Klingental-Kirche haben – Corsin Fontana ist gar seit den Anfängen mit dabei –, sind die angestrebten Konditionen eine Zumutung.

Werner von Mutzenbecher bewirbt sich um das Atelier von Werner von Mutzenbecher

«Ich witzle schon, dass ich mich um mein eigenes Atelier werde bewerben müssen», sagt Künstler Werner von Mutzenbecher mit einem Lachen, und trotz heiterem Gemüt ist der ernste Unterton in seiner Stimme nicht zu überhören. Wenn der Kanton Ende 2017 durchgreift, heisst es auch für den 77-Jährigen: Sachen packen und raus aus der Klingental-Kirche. Zwar darf er sich danach wieder für ein Atelier bewerben – ob er es bekommt, ist jedoch ungewiss. Und er müsste nach fünf Jahren wieder ausziehen.



«Wieso ein seit langer Zeit gut funktionierendes Haus einfach zerstören?»: Atelier von Marius Rappo.

«Wieso ein seit langer Zeit gut funktionierendes Haus einfach zerstören?»: Atelier von Marius Rappo. (Bild: Alex Preobrajenski)


Dieses Fünfjahresmodell ist vor allem für die älteren Mieter ein grosses Problem. Ältere Kunstschaffende würden sich kaum bewerben, sagte Künstlerin Kathrin Bohrer an einer Sitzung im Frühjahr. Das angestrebte Turnuskonzept sei für Künstler einfach zu instabil. Damit sei die vom Kanton angestrebte Durchmischung illusorisch, es würden sich nur Künstler bewerben, die auch nach fünf Jahren wieder umziehen könnten.

Künstler ist man bis zum Tod

«Das Problem ist die Wahrnehmung unseres Berufes», erklärt von Mutzenbecher. Der Beruf des Künstlers werde wie jeder andere Beruf behandelt: Mit 40, spätestens 50 Jahren, ist man etabliert, ab 65 pensioniert. Dass diese Haltung nur auf die wenigsten Künstler zutrifft, scheine den Behörden egal zu sein. «Sie vergessen, dass man als Künstler bis zum Tod Künstler ist», meint auch Corsin Fontana. Die Grenze sei dann eben nicht 65, sondern eher 85.

Auch Aldo Solari sieht in der angestrebten Durchmischung ein Problem: «Versuche mal mit 70 einen Atelierplatz zu finden. Wenn du in dem Alter etwas suchst, dann wird dir gesagt: ‹Geh doch irgendwo ein bisschen spazieren.› Da hast du keine Chance.» Nicht nur das Alter wäre dann ein Problem, sondern auch die gewohnte Arbeitsweise: «Die ältere Generation ist es nicht gewohnt, wie die heutigen jungen Künstler zu arbeiten. Die machen eine Intervention, bohren ein paar Löcher in die Wand und verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Für uns ist das unmöglich, besonders nach all dieser Zeit, in der man uns in Ruhe gelassen hat.»



«Versuch mal, mit 70 ein Atelier zu finden!»: Aldo Solaris' Atelierraum.

«Versuch mal, mit 70 ein Atelier zu finden!»: Aldo Solaris‘ Atelierraum. (Bild: Alex Preobrajenski)

50 Jahre Selbstverwaltung

Genau hier liegt die Herausforderung, für beide Seiten: Abgesehen von Brandschutzmassnahmen, welche der Staat verordnet und auch vorgenommen hat, sind die Mieter seit 50 Jahren selbst für das Gebäude verantwortlich. Sie warten die Räume, führen Grossreinigungen durch und legen bei Reparaturen selbst Hand an. Nach 50 Jahren Selbstorganisation interveniert jetzt die Stadt und will umkrempeln.

Das sei ihr Recht, meint Ateliermieter Marius Rappo. Allerdings sei es für viele Künstler im Haus eine Zumutung, nach 50 Jahren künstlerischer Arbeit am und im Haus einfach rauskommandiert zu werden: «Wieso ein seit langer Zeit gut funktionierendes Haus einfach zerstören? Das verstehe ich nicht.» 

Die Jungen sehen es ähnlich

Und was meint Jan Hostettler, der Jüngste der Gruppe, zu den Plänen des Kantons? «Für mich ist es ein Glück, überhaupt ein Atelier zu haben.» Das Verhältnis zu den älteren Künstlern im Haus sei sehr gut. «Klar muss man erst mit dem Haus als bestehendes Gefäss zurechtkommen. Aber der Zusammenhalt ist stark.» Es sei das Umfeld, so Hostettler, dem man die lange Unabhängigkeit der Genossenschaft anmerke. So etwas in fünf Jahren hinzukriegen, sei unmöglich.



Im obersten Geschoss der Kirche teilen sich Franziska Baumgartner, Martin Chramosta und Jan Hostettler (im Bild) einen grossen Atelierraum.

Im obersten Geschoss der Kirche teilen sich Franziska Baumgartner, Martin Chramosta und Jan Hostettler (im Bild) einen grossen Atelierraum. (Bild: Alex Preobrajenski)

Für Hostettler liegt die Lösung im Kompromiss: «Man muss sich der Qualitäten dieses Ortes bewusst werden und einen Weg finden, der die Tatsache würdigt, dass hier seit 50 Jahren ein funktionierendes Atelierhaus besteht.» Vom angestrebten Fünfjahresmodell ist auch er nicht überzeugt. Obwohl er gern mehr Durchmischung hätte. Auch geschlechtermässig. Die anderen lachen. Tatsächlich gebe es weniger Frauen als Männer im Haus, das habe sich halt in den Jahren so ergeben.

Das letzte Wort in Sachen Atelierhaus Kaserne scheint noch nicht gesprochen, zumindest nicht vonseiten der Künstler. Ob sie wirklich Ende 2017 klanglos ihre Sachen packen werden oder ob es doch noch zu einem Kompromiss kommt, wird sich zeigen. Ihre 50-Jahre-Jubiläumsfeier lässt sich die Genossenschaft jedenfalls nicht nehmen: In der Kunsthalle stellen ab Samstag die zwei ältesten und die zwei jüngsten Künstler des Klingentals und der Alten Gewerbeschule aus. Hier scheint die Durchmischung schon einmal sehr gut zu funktionieren.

Konversation

  1. Wird man nicht: Selbstverwaltung ist aus staatlicher Sicht Gift.

    Keine Gremien, keine Kommissionen, keine Kommissionspräsidenten, keine Delegierten, keine Abteilungsleiter, keine Sachbearbeiter, keine politischen Konsultationsverfahren, keine Programmverantwortlichen, keine Bewilligungsverfahren, keine Budgetrunden, keine Stehapèros, keine feierlichen Einweihungen mit Presse, keine Programmverantwortlichen, keine Communiqués und keine künstlichen Leitungen.

    Selbstverwaltung «bespielt» den Ort ganz von alleine. Da kann etwas nicht stimmen.

    Stimmt.

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    1. die vielen verwalter dieser welt tun das, was sie können:
      den lebenssaft der paar kreativen anzapfen.

      grummel: es gibt nur die unart und die art

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