Stararchitekten plädieren: Rettet die «Blutwurst» beim Bahnhof SBB

Sie sind unheimlich und fremd. Aber trotzdem plädieren Basler Architekten in einer NZZ-Serie dafür, architektonische Machwerke der 1970er- und 1980er-Jahre vor dem Abbruch zu retten.

Weckt bei den Architekten Christ & Gantenbein nostalgische Sehnsüchte: Das Postreitergebäude aus den 1970er-Jahren beim Bahnhof SBB.

Dass Hochkonjunktur-Bauwerke der 1950er- und 1960er-Jahre ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen werden, kann man vielleicht nachvollziehen. Schwieriger sieht es bei Bauten der 1970er und 1980er aus: Machwerke des schlechten Geschmacks, bei denen ein weitum hörbares Aufatmen zu vernehmen ist, wenn die Nachricht eintrudelt, dass ihre Zeit bald abgelaufen sein wird.

Das gilt aber nicht für zeitgenössische Architekten, auch nicht für solche, die mit ihren aktuellen Bauten durchaus zu überzeugen vermögen. Die NZZ lässt sie nun in einer Artikelserie zu eben diesen Bauten zu Wort kommen.

Die gefeierten Kunst- und Landesmuseums-Erweiterer Emanuel Christ und Christoph Gantenbein setzen sich zum Beispiel für den Erhalt des rostroten Postreitergebäudes beim Bahnhof SBB ein, das in Architekturkreisen offenbar als «Blutwurst» bekannt ist. «Uns hat dieser aus heutiger Sicht geradezu heroische Infrastrukturbau stets gefallen», schreiben sie aus einer persönlich gefärbten Warte. Und sie plädieren dafür, den Bau der Architekten Suter & Suter als «Denkmal für den Geist der Siebzigerjahre» zu erhalten.

Der Basler Architekt Manuel Herz setzt sich für das Biozentrum ein. Aber nicht etwa für den Neubau, der ja bekanntlich für viel Ärger sorgt. Dieser sei ein unförmiger Nicht-Turm, der aber zu hoch sei, um nicht aufzufallen, so sein Verdikt. Herz legt sich vielmehr für den dem Abbruch geweihten Altbau von Burckhardt und Partner aus dem Jahr 1971 ins Zeug – «vielleicht nicht der allerallerschönste Bau aus den Siebzigerjahren, aber es ist ein sehr guter Bau mit tollen Details», schreibt er.

https://www.nzz.ch/feuilleton/christ-gantenbein-moechten-die-blutwurst-in-basel-in-eine-brummende-maschine-urbanen-lebens-verwandeln-ld.1383790
https://www.nzz.ch/feuilleton/manuel-herz-verhandelt-den-alt-und-neubau-des-biozentrums-der-universitaet-basel-ld.1382352

Konversation

  1. Ich kenne die detaillierten Zahlen nicht, aber solche Bauten aus diesem Zeitraum sind vom energetischen Standpunkt her katastrophal. Nun müssten grosse Sanierungsmassnahem in Angriff genommen werden, das rechnet sich kaum. Abgesehen von fehlenden Parkplätzen wäre es ein idealer Ort für einen Einkaufstempel.

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  2. Der Argumentation des lesenswerten Artikels in der NZZ kann ich bestens folgen. Mehr noch: Der Riegel schützt das lärm- und emissionsfreie Gleisfeld West, was der Funktionsweise der im Gundeli typischen Mantelbauweise entspricht.

    „Im Grunde braucht es nicht viel, und aus dem heute etwas stummen Riesenblock wird eine brummende Maschine urbanen Lebens“ schreiben sie. Stimmt auch. Die geplanten Hochhäuser wirken auf mich wie die Sargnägel eines in die ferne gerückten Herzstückes.

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  3. Schon erstaunlich, dass soviele Bauten aus den 70er Jahren nach nur etwa 45 Jahen abgebrochen werden sollen – etwa das Bruderholzspital, das Klinikum2 und eben das Biozentum sowie das Postgebäude am Bahnhof. Es stimmt, dass die Gebäude nicht alle so gefällig daher kommen. Zudem soll die Bauqualität in jener Zeit mangelhaft gewesen sein. Aber ich habe mich auch schon gefragt, ob die Architektur der 70er Jahre zum Teil nicht doch erhaltenswert sei. Denn jenes Jahrzehnt ist historisch nicht unwichtig, unsere Gesellschaft hat sich damals stark verändert. Neue Ideen setzten sich durch, die Begung von 1968 entfaltete ihre Wirkung in der Beite der Gesellschaft. Ein paar bauliche Zeugnisse jener Zeit stehen zu lassen, wäre vielleicht keine schlechte Idee.

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  4. Sentimentalität ist bei der Kackwurst einfach fehl am Platz.

    Das Biozentrum ist wunderschön.

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