Vom Bienenstock im Park zur Wurstplatte im Kirschgarten

An der Art wurden die ersten Promis gesichtet, die Art Unlimited ist neu ein bisschen limited und der Art Parcours schafft Räume für hintersinnige Kunsterlebnisse.

Ich wurde beim ersten Versuch, den Art Parcours zu absolvieren, so gnadenlos verregnet, dass wir den Rundgang frühzeitig abbrachen. Um ihn am Tag danach fortzusetzen – das lohnt sich dieses Jahr übrigens auch an Regentagen, weil nur wenige Werke unter freiem Himmel platziert sind.

Ich weiss, liebe Leserin, lieber Leser, Sie wollen jetzt etwas über die Promis wissen. Aber nix da. Zuerst kommt die Kunst, dann der Klatsch.

Eines der Werke unter freiem Himmel ist «Exomind (Deep Water)» von Pierre Huyghe im Terrassengarten der Allgemeinen Lesegesellschaft neben der Pfalz. Huyghe hat aus Beton eine menschengrosse weibliche Geisterfigur geschaffen, die zwischen Brennesseln in der verwilderten Gartenlandschaft kauert. So still und unbeweglich, dass sich auf ihrem Kopf ein flirrender Bienenstock gebildet hat.

Ein echter Bienenstock wohlgemerkt, der von einem Imker sorgsam gepflegt und bei Regen auch abgedeckt wird, wie die Aufsichtsperson beteuert.

Überraschende und durchdachte Begegnungen

Das ist eine der überraschenden, aber stets durchdacht inszenierten Begegnungen zwischen Kunst und Ausstellungsort an diesem Parcours. Im Kreuzgang des Münsters, in den man sich an Reisegruppen vorbeidrängen muss, stechen zwei schlanke, stilisierte Tänzerfiguren in Orange und Bordeauxrot ins Auge («Beverly» von Georg Herold). Und davor wird man durch Gesänge irritiert, die aus einer Dole kommen. Hannah Weinberger hat eine mysteriöse unterirdische Klangwelt geschaffen, die sich durch die ganze Rittergasse zieht und Dole für Dole an die Oberfläche tritt.

Im überdachten Innenhof des Bau- und Verkehrsdepartements drehen sich zwei elektrische schwarz lackierte Rodeo-Bullen in martialischem Tanz. Auf ihre Rücken hat die Künstlerin Nina Beier Kanister mit Babymilch-Pulver geschnallt – Tier und Milchpulver sind Sinnbild für die Verkünstlichung der Natur, was zum beherbergenden Departement doch ganz gut passt.

Der Parcours führt an Orte, die auch sonst öffentlich sind. Zum Beispiel ins Antikenmuseum, wo die Kunstwerke in Beziehung zu den Sammlungsobjekten gesetzt werden. Das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset hat einen mächtigen (künstlichen) Granit-Findling in den ersten Stock des Museums gezwängt. Und erklärt ihn auf einer Museumstafel zum «Stein als Waffe der Unzivilisierten im antiken Griechenland».

Im Untergeschoss hat der Bulgare Nedko Solakov an Vitrinen mit filigranen Artefakten aus dem antiken Orient schalkhafte Kommentare gekritzelt, die man aber erst nach einigem Suchen findet.

Orte, deren Besuch sich sowieso lohnt

Der Parcours führt auch an Orte, die zu besuchen sich – vielleicht nach langen Unterbrüchen – unbedingt wieder lohnt. So ins Haus zum Kirschgarten, das gleich drei Werke beherbergt. Im wunderschönen Gewölbekeller hat die in Berlin lebende Russin Marina Pinsky üppige Wurstplatten zwischen die dort normalerweise ausgestellten Fayencen platziert. Zusammen mit überdimensionierten Stich- und Wurfwaffen, die nach Originalen modelliert wurden, die an US-amerikanischen Flughäfen konfisziert wurden.

Im Pfarrhaus der Offenen Kirche Elisabethen trifft man dann auf einen der Höhepunkte des diesjährigen Parcours: Der Niederländer Mark Manders hat eine etwas heruntergekommene Wohnung im ersten Stock in ein verlassenes Künstleratelier umgewandelt: Die Fenster sind mit (selber gemachten) Zeitungen zugeklebt, die Böden mit Plastikplanen belegt. Und in den Räumen sind unfertige Tonskulpturen (in Wahrheit mit Kunststoff überzogene Bronzeplastiken) zu sehen, die zum Teil schon wieder zerfallen.

So trifft man zum Beispiel auf eine überlebensgrosse liegende Frauenskulptur mit fein gearbeitetem Kopf, aber mit nur einem grob modellierten Bein und ohne Arme. Es ist eine Arbeit, die gerade in dem Pfarrhaus, das auch Flüchtlingen zur Verfügung steht, sehr zum Nachdenken anregt.

Sam Gilliam an der Art und im Kunstmuseum

Nun aber noch ein kurzer Blick in die Muttermesse Art Basel. Die Art Unlimited, der Ableger für grossformatige Kunst, musste in das obere Stockwerk der Messehalle 1 ziehen, weil die untere Halle durch die stehen gelassenen Baselworld-Monsterbauten versperrt ist. Ganz so viel Raum wie unten ist nicht vorhanden, was sich vor allem bei einem Riesenwerk zeigt: Die ausladende Tribüne des bekannten französischen Streifenkünstlers Daniel Buren wirkt viel zu gross.

Sam Gilliam: «The Music of Color» im Kunstmuseum.

In der Art Unlimited, die sonst aber ansprechend kuratiert ist, kommt es unter anderem zu einer Begegnung, die es an der Art immer wieder zu beobachten gibt: Ein Raum ist vollgehängt mit bunten Leinwänden des afroamerikanischen Künstlers Sam Gilliam. Da hat die ausstellende Galerie das aktuelle Basler Museumsprogramm wohl ganz genau studiert. Denn das Kunstmuseum widmet dem in Europa noch weitgehend unbekannten Vertreter eines eigenständigen abstrakten Expressionismus eine grosse Ausstellung mit dem Titel «The Music of Color».

Und jetzt noch der Promi

Und jetzt endlich noch zur eigentlichen Art beziehungsweise zu den Promis. Gesichtet wurde, so wurde mir zumindest mitgeteilt, unter anderem Facebook-Vater Mark Zuckerberg. Vielleicht wollte er sich ein neues Bild für sein Büro kaufen, das ihm dabei hilft, seinen Laden endlich in datensichere Gefilde bringen zu können.

Kunstmuseum Basel: «The Music of Color» – Werke von Sam Gilliam. Bis 30. September 2018.

Konversation

Nächster Artikel