Warum die Basler Filmszene mehr Gelder will

Im Vergleich zu anderen Kantonen ist die regionale Filmförderung nicht mehr konkurrenzfähig. Mitte April entscheidet der Grosse Rat über ein neues Modell – eine Schicksalsabstimmung für die hiesige Szene.

Gibt der Basler Filmszene eine Stimme: Pascal Trächslin vom Verein balimage. (Bild: Marc Krebs)

Im Vergleich zu anderen Kantonen ist die regionale Filmförderung nicht mehr konkurrenzfähig. Mitte April entscheidet der Grosse Rat über ein neues Modell – eine Schicksalsabstimmung für die hiesige Szene.

Die regionale Filmszene, sie hat sich im Kleinbasel angesiedelt: Im Hafen arbeitet Dokumentarfilmer und Produzent Frank Matter, im Badischen Bahnhof empfängt uns Vadim Jendreyko und an der Clarastrasse Pascal Trächslin. Sie sind drei Mitglieder des 100-köpfigen Vereins balimage, der sich für die Basler Film und Medienkunst einsetzt. Seit Jahren arbeitet balimage daran, Filmschaffende zusammenzuführen und als Lobby stärker zu positionieren. Was ihnen mittlerweile gelungen ist: Denn Gespräche mit dem Basler Kulturchef Philippe Bischof und Regierungsrat Guy Morin zeigten, dass ihre Anliegen endlich auf offene Ohren stossen. Eine sinnvolle Filmförderung, so steht es auch im aktuellen Kulturleitbild, soll angestrebt werden.

Aufstockung der Filmförderung vorgesehen

Der Vorschlag, den die beiden Kantone BS und BL ausgearbeitet haben, sieht eine deutliche Aufstockung vor. 500’000 Franken stehen den Kantonen Basel-Stadt und Baselland heute zur Verfügung, künftig sollen es 2,75 Millionen sein. Ein Grossteil dieses Betrags wird dem Swisslos-Fonds entnommen werden, der kleinere Teil kommt aus dem Kredit für den bikantonalen Fachausschuss Audivision und Multimedia.

Konkret hiesse das, dass der städtische Kredit von heute 300’000 Franken verdreifacht würde auf 900’000 Franken, der Kredit des Kantons Baselland im selben Zug von 200’000 auf 350’000 Franken. Zu diesen neu 1,25 Millionen kämen 1,5 Millionen Swisslos-Fonds-Gelder. Für einmal scheint ein solcher kulturpolitischer Subventionsentscheid im Kanton Baselland nur Formsache. In Basel aber entscheidet der Basler Grosse Rat darüber, voraussichtlich Mitte April.

Dass es eng werden wird, zeigt die Beratung der Fachkommission des Grossen Rats. Mit 6:5, also nur einer Stimme mehr, riet die Bildungs- und Kulturkommission, den Vorschlag der Regierung anzunehmen. SP, GB, CVP, GLP stellten sich hinter das neue Fördermodell, während die Minderheit (FDP, LDP, SVP) zwar zugesteht, dass der Schweizer Film staatliche Unterstützung braucht. «Der Stadtkanton ist aber in anderen Kulturbereichen Spitze», zum Beispiel Museen, Musik und Tanz. Auch mit zusätzlichem Geld lasse sich Basel nicht zu einem Zentrum der Filmindustrie aufwerten, argumentieren die Gegner.

Das sieht Pascal Trächslin anders. Er ist Dreh- und Angelpunkt der hiesigen Filmszene, mit der Gründung des Vereins balimage und der Einführung des Basler Filmpreises Zoom hat er massgeblich dazu beigetragen, dass die Filmszene, die zwar nicht auf grossen Bühnen spielt und ebenso sichtbar ist wie andere Sparten, besser wahrgenommen wird.

Nur 0,5 Prozent des Kulturbudgets geht zum Film

Der Zeitpunkt ist günstig: Basler Filme feiern internationale Erfolge. Von einem Schattendasein kann nur in Bezug auf die Fördergelder die Rede sein, fliessen derzeit doch tatsächlich knapp 0,5 Prozent des Kulturbudgets in den Film. Was Lobbyisten wie Trächslin seit langem bedauern. «Wenn man bedenkt, wie viele erfolgreiche Filme von Baslern in der Schweiz für Gesprächsstoff gesorgt haben, so kann man nicht behaupten, dass es an Talenten fehlt. Wohl aber an den Förderstrukturen», sagt er. Und spielt auf die jüngsten Erfolge an: Frank Matters Film über den Alltag der Allschwiler Spitex («Von heute auf morgen»), Ramòn Gigers Vater-Sohn-Beziehung «Karma Shadub» oder Anna Thommens «Neuland», für das die Regisseurin eine Basler Integrationsklasse zwei Jahre lang begleitet hat. Ein Basler Film, der mittlerweile sogar an Festivals in Ruanda oder Finnland gezeigt worden ist.

Angesichts solcher internationaler Erfolge fragt sich, warum da die regionale Förderung überhaupt so bedeutend ist? «Weil die Finanzierung eines Filmprojekts oft in der Region beginnt – und die Beiträge der Kantone für eine von vier Säulen stehen, die bei der Finanzierung wesentlich sind: Kantone, Bund, SRF und Stiftungen – das sind die wichtigsten Geldgeber im Schweizer Film», erklärt Trächslin.

Basler Förderkonzept nicht konkurrenzfähig

Dass Kantone wie Zürich, Bern oder selbst das Tessin mehr Fördergelder vergeben und somit auch Basler Talente abwerben, ist der Basler Regierung bewusst geworden. «Das Basler Förderkonzept ist nicht mehr konkurrenzfähig im Hinblick auf die Förderung national und international durchsetzungsfähiger Produktionen», hat sie festgestellt.

Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur Basel-Stadt, sieht den Grund in der «sehr unbefriedigenden heutigen Situation». Interessante junge Regisseure und Regisseurinnen wie Anna Thommen, Ramòn Giger, Michael Koch oder Jeshua Dreyfus könnten nicht wirklich seriös aufgebaut werden. «Wir dürfen kulturpolitisch die Chance nicht verpassen, diese jungen Künstlerinnen und Künstler nachhaltig zu unterstützen, damit nicht wieder dasselbe passiert wie bei der älteren Generation, die abgewandert ist, weil die Rahmenbedingungen fürs Filmschaffen in Basel keine Existenz ermöglichen», sagt Bischof.

Zu dieser «älteren Generation» gehört auch Vadim Jendreyko, der mit Hercli Bundi zusammen die Produktionsfirma Mira Film gegründet hat. Beide sind noch voll im Schuss, um die 50, gehören zu den erfahrenen Filmemachern der Region. Mit Filmen wie «Die Frau mit den 5 Elefanten» konnten sie international Erfolge feiern. Dennoch sahen sie sich gezwungen, ihren Hauptsitz nach Zürich zu verlegen – weil die Fördergelder dort 18 Mal so hoch sind wie in Basel. In Zürich sind die Unterstützungsgelder aber auch an Bedingungen geknüpft: So müssen etwa die Subventionen wieder im Kanton investiert, Leute aus der Zürcher Filmszene beschäftigt werden. 

Drohender Brainbrain

So droht der Basler Filmszene künftig ein Braindrain, wenn das hiesige Fördermodell nicht der nationalen Realität angepasst wird. Deshalb orientierte man sich bei der Erarbeitung an bereits bestehenden und erfolgreichen Modellen. «Wir wollten ein Filmförderungsmodell, das mit der Bundespraxis und mit den anderen Förderregionen kompatibel ist, keine Insellösung», sagt Bischof dazu. «Es ist auch dieser Vergleich mit Zürich oder Bern, der uns bewusst gemacht hat, dass das Basler Filmschaffen viel schlechtere Bedingungen hat und nicht konkurrenzfähig produzieren kann.»

Angesichts der Tatsache, dass ein Spielfilm in der Schweiz durchschnittlich 2,2 Mio. Franken kostet, wird klar, wie bescheiden Basels Möglichkeiten im Moment sind: Die Höchstbeiträge für Produktionen liegen derzeit noch bei 50’000 Franken. Dies erlaube «keine wirkungsorientierte Förderung und vor allem kaum grössere Produktionen vor Ort», stellt die Regierung fest.

Was aber, wenn der Grosse Rat die beantragte Erhöhung ablehnt? Gibt es einen Plan B? Pascal Trächslin verneint. Das ausgearbeitete Fördermodell wäre Makulatur. Daher geht es für ihn zwingend darum, die skeptische Hälfte im Grossen Rat von der Notwendigkeit zu überzeugen. Zu diesem Zweck werden am 9. April ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien Anna Thommens Erfolgsfilm «Neuland» anschauen können – und danach mit der Filmszene ins Gespräch kommen.

«Mir ist wichtig, dass auch die bürgerlichen Politiker verstehen, warum heute kein professioneller Film ohne Fördergelder realisiert werden kann. Und dass das investierte Geld auch wieder in Basel ausgegeben wird, den Kameraleuten, Tontechnikern, sprich der regionalen Kreativwirtschaft zugute kommt.»

Der Entscheid, den der Grosse Rat fällen wird: Er ist in den Augen von Trächslin existentiell für viele Filmprofis und -zulieferer in der Region.

Konversation

  1. Wie wäre es, die Hälfte der 40 Millionen, die für die Oper vergeudet werden, für den Film umzuverteilen? Das wäre profitabler, würde mehr Menschen in und vorallem ausserhalb Basels erreichen und man könnte die grosse Bühne wenigstens temporär (Sommerpause) als Studio einrichten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Opern keine avantgardistischen Meisterwerke mehr sind, sondern eher museale Darstellungen vergangener Kunst. Beim Film müsste man dann geneu diese Pioniere fördern. Oper ist ein veraltetes, elitäres Medium. Ein Wechsel tut Not.

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