Was Jugendliche wollen

Was beschäftigt die Jugend von heute? Eine Ausstellung im BelleVue hat die Antworten. Keine Antworten von Erwachsenen – was die Sache umso schöner macht.

Was geht in ihren Köpfen vor? Die Ausstellung «eins:eins – Jugendliche in Basel» wagt eine Annäherung.

Was beschäftigt die Jugend von heute? Eine Ausstellung im BelleVue hat die Antworten. Keine Antworten von Erwachsenen – was die Sache umso schöner macht.

Die Jugend ist ein dankbares Thema. Ob in den Medien, bei der Credit Suisse oder im Museum – der Versuch der bereits entwachsenen Generation, ihre Nachfolger zu verstehen, zieht immer. Kein Wunder: Nichts interessiert uns mehr als wir selbst. Dass uns junge Menschen manchmal doch ganz schön merkwürdig einfahren, ist in dieser Hinsicht ein Pluspunkt: Sie sind uns nah und fern zugleich.

Hier knüpft auch die neue Ausstellung im BelleVue an: «eins:eins – Jugendliche in Basel» ist ein Projekt über Jugendliche und ihr Befinden. «Wir wollten von ihnen wissen, was für Wünsche sie haben, wie sie sich ihre Berufslaufbahn vorstellen, welche Rolle ihre Herkunft spielt und welche die Religion. Wir wollten wissen, wie sie sich ihr Leben vorstellen, welche Träume und Ängste sie haben und was für eine Welt sie sich wünschen», schreibt die Leiterin des Literaturhauses und der bald anstehenden BuchBasel Katrin Eckert im Vorwort der kleinen Publikation.

Schon etliche Male so gehört? Eben nicht. Denn wo der Blick sonst immer von aussen geworfen wird, kommt er dieses Mal direkt aus der Jugend heraus. Und zwar nicht wie üblich im Sinne von: «Jetzt lassen wir mal die Jugendlichen zu Wort kommen» und dann wird alles zur spannenden Story zurecht redigiert, sondern in enger Zusammenarbeit mit jungen Menschen, vom Motiv bis zum Text. 

Grosse Worte vor schwarzen Wänden

Ausgangspunkt war das norwegische Buchprojekt «Sea Change» (Englisch für «grundlegende Veränderung» oder «Umwälzung»), in dem junge Menschen in Europa nach der Finanzkrise 2008 befragt und porträtiert wurden, als Generation, die in einer Zeit grosser finanzieller und politischer Unsicherheit aufwächst. Unter den 13 beteiligten Ländern war die Schweiz damals nicht dabei. Ein Anlass, sich auch mal hierzulande umzuhören, nicht zuletzt weil sich die diesjährige BuchBasel unter anderem mit dem Thema «Europa» auseinandersetzt.

Also hörten sich Katrin Eckert und Regine Flury vom BelleVue um. Sie fanden 20 junge Frauen und Männer, die über ihre Pläne, Wünsche und Ängste sprachen – nicht mit den beiden Frauen, sondern mit anderen Jugendlichen: Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Leonhard trafen sich mit den 20 Protagonisten und verfassten die Porträts. Für die Fotografien sassen ebenfalls junge Menschen an den Schalthebeln: Auszubildende der Grafik Fachklasse der Schule für Gestaltung luden zum Fotoshooting und inszenierten die Jugendlichen vor schwarzen Wänden.

«Das war sehr mutig von ihnen», lacht Katrin Eckert über die Entscheidung, die jungen Menschen vor einer schwarzen Wand abzulichten. Mit dem Ergebnis ist sie aber mehr als zufrieden: Die Bilder strahlten eine Ernsthaftigkeit aus, die gut zum Thema passe. Eckert hat recht. Die Fotos haben etwas Mahnendes, das mit den bunten Gemütern der Abgebildeten kontrastiert und ihr Anliegen unterstreicht: Nehmt uns ernst. Ihre Träume und Ängste – das wird in der Ausstellung schnell klar – beziehen sich weniger auf die Zukunft als auf ihr unmittelbares Umfeld. Familie und Selbstbestimmung haben einen hohen Stellenwert, von finanzieller Not ist hingegen wenig zu spüren, wie eine kleine Auswahl und dazugehörende Textausschnitte zeigen:

Muhammed Baki Karahan, 17 Jahre




Während unseres Gesprächs schaut Baki immer wieder auf sein Smartphone. Ein ständiges Aufleuchten auf seinem Bild­schirm lässt ihn stets von dem, was er gerade erzählt, abschweifen und unterbricht unser Gespräch. Er scheint sozial verknüpft zu sein, sehr verknüpft. Dies bestätigt er. Neben seinen zwei älteren Schwestern und seinen Eltern sind Baki seine Freunde am wichtigs­ten: «Sie sind wertvoller als Gold, für sie würde ich alles tun. Ich habe mir meinen Freundeskreis gut ausgesucht, denn meine Mutter sagt immer: Deine Freunde sind dein Spiegelbild.»

Nadin Amgarten, 21 Jahre




Auf die Frage, was sie im Leben glücklich mache, antwortet Nadin mit einem Lächeln, so dass ihr Piercing am unteren linken Mundwinkel leicht nach oben springt: «Meine kleine Schwester.» Egal, wie schlecht der Tag war, wenn sie am Abend ihre 17-­jährige Schwester sieht und umarmen kann, ist alles wieder gut. Kaum hat sie das ausgesprochen, huscht ein Strahlen über Nadins sonst eher ernstes Gesicht. Allein der Gedanke an diese wichtige Person bewirkt viel. 

Seydina Anastasia, 18 Jahre




Seydina hat ein glückliches Leben, objek­tiv betrachtet: Sie lebt in der Schweiz, einem äusserst privilegierten Land, hat immer genug zu essen und geht in die Schule, um etwas zu lernen, das sie sehr interessiert und das sie gerne auch als Beruf verwirklichen möchte. Doch wie das so ist, stimmt objekti­ves und subjektives Glücklichsein nicht immer überein. So kann sich auch Seydina trotz ihrer aufrichtigsten Bemühungen nicht immer davon überzeugen, dass sie glücklich ist. Sie fühlt sich unvollständig, als würde etwas in ihr fehlen, etwas, das sie einfach noch nicht hat. Oder vielleicht hat sie es schon, kann es nur noch nicht realisieren, noch nicht erkennen. 

Roger Wenger, 22 Jahre




Als Roger vor vier Jahren noch das Gymnasium besuchte, spürte er, dass es einfach nicht mehr das Richtige war, nur die Schulbank zu drücken. Er musste sein Leben in die Hand nehmen. Er hat gelernt, was es heisst, zufrieden zu sein. «Jeder Mensch braucht etwas, das ihn antreibt; eine Beschäftigung, die ihn erfüllt und begeistert.» Die Entscheidung, die Schule abzubrechen, um dem nachzugehen, was er sich für sein Leben vorstellte, war in diesem Moment genau die richtige. Jetzt ist er angekommen. 

Marisa Hunziker, 17 Jahre




Am meisten stört Marisa an unserer Gesellschaft, dass die Menschen in Muster gezwängt werden und immer einem Ideal entsprechen müssen. Dabei gibt es kaum mehr Platz für neue Ideen und Lebensweisen. Auf die Frage, wie sie sich selbst in 10 oder 30 Jahren sieht, weiss sie spontan nichts zu sagen. Sie will erst abwarten, was die Zukunft und vor allem die bevorstehenden Reisen bringen. Was sie will, ist sie selbst sein: «Ich möchte einmal sagen können, ich bin mit dem, was ich gemacht, und mit den Entscheidungen, die ich getroffen habe, zufrieden.» 

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«eins:eins – Jugendliche in Basel», Vernissage: 24. Oktober 2015, BelleVue – Ort für Fotografie, Breisacherstrasse 50.

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