Wie Ernst Beyeler auf einen Schlag 100 Werke von Paul Klee kaufte

Die Fondation Beyeler zeigt in einer neuen Sonderausstellung Werke von Paul Klee. Diese spielten in Ernst Beyelers Karriere als Kunsthändler eine ganz besondere Rolle.

Paul Klee: «Boote in der Überflutung», 1937. (Bild: Robert Bayer)

Dem Spätwerk von Paul Klee war Ernst Beyeler besonders zugetan. Zum Beispiel dem Gemälde «Boote in der Überflutung». Die Boote sind auf dem Bild, das auf den ersten Blick wie eine abstrakte Ansammlung urtümlicher Zeichen wirkt, deutlich zu erkennen. Das Bild gehört zur Sammlung des Museums und ist in der Sonderausstellung «Klee – Die abstrakte Dimension» zu sehen – neben neun weiteren Klees aus der Sammlung und rund 100 Leihgaben aus wichtigen Museen und Privatsammlungen aus der ganzen Welt.

Klee ist neben Picasso einer der massgeblichen Künstler in der Sammlung Beyeler. Seine Werke prägten überdies Ernst Beyelers Karriere als Kunsthändler. Über 500 Klees gingen ab 1952 durch seine Hände.

Ein Klee-Deal ragt dabei besonders heraus. Es war im Jahr 1960: Der US-amerikanische Stahlmagnat und Kunstsammler David Thompson aus Pittsburgh wollte seine grosse Klee-Sammlung loswerden. 100 Werke aufs Mal. Weil der Verkauf der Werke an Schauspieler und Produzenten in Hollywood missriet, rief Thompson Beyeler an, bei dem er schon eingekauft hatte. Und Beyeler griff zu. Denn der gewiefte Kunsthändler hatte eine zündende Geschäftsidee im Hinterkopf.

Erfolgreich spekuliert

Thompson wollte als Anzahlung für seine Klees unbedingt Kandinskys «Improvisation 10» aus Beyelers Sammlung haben. Der Kunsthändler wollte das Werk aber auf keinen Fall hergeben. Schliesslich wurde man sich doch einig. Über den damaligen Kaufpreis ist nichts bekannt. Nur dass er Beyeler zwischenzeitlich an den Rand des Ruins trieb.

Aber der Kunsthändler hatte eine wenn auch spekulative, so letztlich doch zündende Idee: In Düsseldorf sollte die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gegründet und von der Regierung des Bundeslands mit für damalige Verhältnisse extrem viel Geld ausgestattet werden. Diese Mittel waren nötig, um in der Nachkriegszeit eine neue Sammlung der Moderne aufzubauen – unter anderem mit Werken von Paul Klee, der in Düsseldorf als Professor an der Akademie gewaltet hatte, bevor er von Nazis vertrieben wurde.

So kam Beyeler mit Nordrhein-Westfalen in Geschäft. Für 6,5 Millionen D-Mark verkaufte er 88 Werke von Klee und war fein raus. Zumal er einige prächtige Stücke wie eben die «Boote in der Überflutung» behalten konnte und auf einfache Weise einige unbedeutende Werke des überaus fleissigen Künstlers loswurde.

Eine Win-win-Situation also: Beyeler hatte ein gutes Geschäft gemacht, das Bundesland Nordrhein-Westfalen hatte «seinen» Klee wieder.

«Einige besonders schwache Arbeiten»

Nicht ganz. Denn der Gründungsdirektor des Düsseldorfer Museums, Werner Schmalenbach, war nicht ganz glücklich mit der Sammlung, die er 1962 übernehmen musste. In seinem sehr lesenswerten Buch «Die Lust auf das Bild» bemerkt er, dass er immer wieder versucht habe, «einige besonders schwache Arbeiten aus der Klee-Kollektion abzustossen», um das Gesamtniveau der Sammlung zu steigern. Dieser Wunsch blieb ihm aber verwehrt.

Schmalenbach konnte sich mit der Sammlung erst anfreunden, als er rund die Hälfte der Bilder und Zeichnungen von Klee ins Depot verbannen konnte – «zum ersten Mal ging ich beglückt durch die Räume», schreibt er. Und er bedauerte es sehr, dass diese nach seinem Rücktritt 1990 wieder ausgestellt wurden.

Die freundschaftliche Beziehung zwischen Schmalenbach, der in Basel aufgewachsen war und studiert hatte, und Beyeler wurde dadurch nicht getrübt. Der Basler Kunsthändler verhalf dem Museumsdirektor zu einigen herausragenden Werken, die dieser für den Aufbau der Sammlung benötigte, unter anderem auch einige bedeutende Klee. Einige davon sind nun für einige Wochen in der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen.

Fondation Beyeler: «Klee – Die abstrakte Dimension», 1. Oktober 2017 bis 21. Januar 2018.

Konversation

  1. Es gibt gar keine „schwachen Arbeiten“ von Paul Klee. Diese Zuschreibung greift nach meinen Beschäftigungen mit Klee zu kurz. Klees Hang zur Vereinfachung und manch extrem angesetztem Minimalismus im Werk führt dazu, dass Betrachter oft nicht auf Anhieb die versteckten Botschaften entschlüsseln können. Auch Beyeler und Schmalenbach haben nicht immer Klees Arbeiten richtig interpretiert oder verstanden. Das schmälert nicht deren Verdienst, uns diese Werke zugänglich zu machen. Bei dem Werk „Engel bringt das Gewünschte“/“Ein Genius serviert ein kleines Frühstück“(1915/1920) habe ich in meiner Publikation „Annäherung an Paul Klee“ (1987) deutlich machen könne, dass es manchmal 70 Jahre braucht, um ein Klee-Werk angemessen zu verstehen. Ich halte weder Beyeler noch Schmalenbach für tiefgreifende erhellende Klee-Interpreten, aber für herausragende Klee-Liebhaber. Das haben sie übrigens mit vielen Betrachtern gemeinsam, die heute ins Museum gehen und sich vom ersten Schein der magischen Bildwelt Klees verzaubern lassen. Das erklärt auch das Mysterium Klee: er bietet der emotionalen wie der geistigen Annäherung genug Raum. Ein jeder erobert sich seinen Klee. Dies Phänomen wird bleiben. Eine tiefere beschäftigung mit Paul Klee kann ich nur jedem ans Herz legen. Doch nur dem- oder derjenigen, der oder de sich auch die notwendige Zeit dafür erlaubt. Das sind nicht grad sehr viele. Herzlichst Georg Graf von Matuschka

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  2. Endlich auch mal eine kritische Betrachtung eines Künstlers. Ja, auch diese Halbgötter können „besonders schwache Arbeiten“ produzieren (danke an Werner Schmalenbach für diese Aussage). Also, liebe Kunsthaus-Besucher, immer schön kritisch bleiben und eine eigene Meinung bilden.

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