Am liebsten Selbstbedienung: Migros flirtet mit dem Medikamentenverkauf

Der Medikamentenmarkt ist ein Wachstumsmarkt. Seit 16 Jahren mischt Grossverteiler Coop mit Vitality im Apothekergeschäft mit. Jetzt hat auch Konkurrent Migros vor, in den Markt einzusteigen.

Gibt's bald Medikamente in den Einkaufskorb? Die Migros sähe das gerne.

(Bild: Montage: Hans-Jörg Walter)

Der Medikamentenmarkt ist ein Wachstumsmarkt. Seit 16 Jahren mischt Grossverteiler Coop mit Vitality im Apothekergeschäft mit. Jetzt hat auch Konkurrent Migros vor, in den Markt einzusteigen.

Der Gesundheitsmarkt ist eine Kampfzone: Die Medikamentenentwicklung boomt, die Verkaufszahlen steigen. Eine alternde und vor allem anspruchsvollere Gesellschaft will ihre Gesundheit erhalten. Da mischt Coop gerne mit: Seit rund 16 Jahren verkauft der Detailhändler neben Käse, Wein und Fussbällen in seinen hauseigenen Apotheken auch Paracetamol gegen die Apéro-bedingten Kopfschmerzen und Voltaren, um die Bänderzerrung nach dem allzu heftigen Viert-Liga-Training zu lindern.

Die Vitality-Kette von Coop ist ein Joint Venture mit Galenica, der grössten Apothekenkette der Schweiz. Die Läden trugen 2015 immerhin 166 Millionen Franken zum Gesamtumsatz des Konzerns von 26,9 Milliarden Franken bei. Galenica selbst verfügte 2015 über insgesamt 317 Apotheken in der Schweiz – 61 davon wurden über die Franchise «Vitality» zusammen mit Coop betrieben.

Dahinter steht Kalkül: Der Schweizer Medikamentenmarkt wächst, derzeit vor allem im hochpreisigen Sektor. Während der Markt in den Jahren 2013 und 2014 praktisch stagnierte, zog er vergangenes Jahr um 5,3 Prozent auf insgesamt rund 5,38 Milliarden Franken an. Gleichzeitig forciert der Bund weitere Preissenkungen auch bei den günstigen Medikamenten, wie Bundesrat Alain Berset am Freitag vor den Medien sagte.

Per Selbstbedienung im Supermarkt

Ein ansprechendes Volumen für Detailhändler – wäre da nicht die Gesetzgebung, die den Medikamentenverkauf reguliert. Doch mit der anstehenden Revision des Heilmittelgesetzes (HMG) macht der Bund den Markt für Detailhändler interessanter.

Und damit auch für die Migros. Bislang überliess der Detailgigant das Apothekengeschäft dem Konkurrenten Coop. «Das heisst jedoch nicht, dass die Migros nicht bestrebt ist, verstärkt in den Markt vorzudringen», antwortet Mediensprecherin Martina Bosshard auf Anfrage.

Migros formuliert aber einen ganz anderen Ansatz als Coop. Mit der Revision hoffe die Migros, dass neue Produktkategorien für die Grossverteiler zugänglich würden. «Die Migros-Kundinnen und Kunden sollen die Möglichkeit erhalten, unproblematische und selbstbedienungstaugliche Produkte im Supermarkt zu kaufen, wie dies im benachbarten Ausland bereits möglich ist», so Konzernsprecherin Bosshard.

Schliesslich ist ein Ziel der HMG-Revision, dass sich die breite Bevölkerung einfacher selbst mit Medikamenten versorgen können soll. Unter anderem dürfen die Apotheken dann verschreibungspflichtige Medikamente abgeben, für die vorher ein Gang zum Arzt angezeigt war.

Erleichterter Zugang, mehr Verkaufspotenzial

Der Markteinstieg ist allerdings mit Hürden verbunden. So erfordert der Medikamentenverkauf immer noch die Expertise von Apothekerinnen und Apothekern. Zudem ist der Markt zersplittert zwischen Apothekenketten wie Galenica und Benu-Apotheken sowie zwischen den klassischen selbstständigen Apotheken, die sich wiederum teils in Gruppierungen wie etwa mit dem Münchensteiner Label toppharm zusammenschliessen und teils gänzlich unabhängige KMU bleiben.

Nach Angaben des Apothekerdachverbands pharmaSuisse gab es Ende 2014 in der ganzen Schweiz 1764 Apotheken, wovon insgesamt 68 Prozent als unabhängig galten. Insgesamt beschäftigten sie 20’092 Apothekerinnen und Apotheker.

Und die Zahl wird steigen. Mit der Gesundheitsstrategie 2020 will der Bund die Rolle der Apotheker stärken und gleichzeitig die Medikamentenversorgung für die Konsumenten vereinfachen. Ein erleichterter Zugang zu Medikamenten bedeutet auch potenziell mehr Verkäufe – nicht nur für die Pharmafirmen, die den Markt beliefern, sondern auch für die Händler, die die Ware verkaufen.

Vorgesehen ist die Revision des Heilmittelgesetzes für 2017. Der Apothekerdachverband PharmaSuisse rechnet damit, dass eine markttaugliche Umsetzung mit allen nötigen Verordnungen erst ab 2019 realistisch ist.

Keine Goldgrube für Detailhandel – zumindest noch nicht

«Der Gesundheitsmarkt ist ein grosser Wachstumsmarkt, auch getrieben durch die soziodemographische Entwicklung der Bevölkerung», sagt Migros-Sprecherin Bosshard zur Strategie des Detailhändlers: «Damit einhergehend ist jedoch auch ein enormes Wachstum der Kosten, welches wiederum die Krankenkassenprämien jährlich ansteigen lässt.» Mit dem Markteinstieg ins Apotheken- und damit ins Medikamentengeschäft wolle die Migros dazu beitragen, «diese Kosten zu senken, indem sie eine verantwortungsvolle Selbstmedikation fördert.»

Grosse Worte für ein einfaches Verkaufskonzept: Wo die Nachfrage wächst, wird der Markteinstieg interessant. Eine Goldgrube für den Detailhandel ist das Medikamentengeschäft allerdings nicht, zumindest noch nicht. Denn so lange der Bund die Preise und damit den Verkauf von Medikamenten aller Couleur reguliert, bleibt das Geschäft mit den Heilmitteln zwar einträglich, aber noch in den Händen der Apothekerschaft und Ärzte – und nicht in den Händen der Detailhandelsspezialisten.

Artikelgeschichte

Präzisierung im Schlussabschnitt: So lange der Bund den gesamten Medikamentenverkauf reguliert (vorher: Spezialmedikamente bis Generika). 

Konversation

  1. Gesundheit ist, wenn man die Apotheke
    nicht benötigt.
    Habe ich Alk am Steuer oder gar Haschisch
    komme ich, ins sing sing Verfahren und bezahle
    2000 stutz versteckte Steuern.
    Habe ich Medis am Steuer und fahre ins Schaufenster
    geht dies unter Unfall. Seltsam.

    Danke Empfehlen (0 )
  2. „Denn so lange der Bund die Preise und damit den Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten und Generika reguliert, bleibt das Geschäft mit den Heilmitteln zwar einträglich, aber noch in den Händen der Apothekerschaft und Ärzte – und nicht in den Händen der Verkaufsspezialisten. “

    Was jetzt? Geht es der Migros um den Verkauf unproblematischer OTC oder um den Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten?

    Da werden im Artikel einige Dinge wild durchmixt.

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Danke für die Anmerkung. Der Schlussabschnitt war dahingehend unpräzise formuliert, der Bund reguliert den Medikamentenverkauf ja generell. Die Aussage gilt damit natürlich für rezeptpflichtige sowie für OTC-Medikamente (und Generika gibt es von beiden Sorten). Migros ist natürlich am OTC-Bereich interessiert.

      Danke Empfehlen (0 )
    2. Die Migros & Co sind nicht dumm:
      Der Verkauf von Homöopathie, Naturmedikamenten und kleineren Alltagsmedikamenten ist eher „Grabbelware“, die keine komplexe Beratung braucht. Das wird liebendgerne den Apotheken überlassen.
      Dass man dabei den Kleinbetrieben der Apotheken halt den auch weniger komplizierten markt eben dieser „Grabbelware“ und damit deren Gewinn wegnimmt, wird vergessen. In Apotheken ist es halt schon so, dass das eine das andere querfinanziert. Kosmetik ist lukrativ, benötigt wenig Beratung (ausser Schönheits- und Stilberatung) und ermöglicht einem Kleinbetrieb so finanziell etwas sorgenfreier zu existieren.
      Bei den teureren rezeptpflichtigen Medikamenten will auch die Firma und der Grossist noch mitverdienen. Das bleibt auch nicht soviel in der Kasse der Apotheke übrig.

      Das wäre die hinterhältige ganze Wahrheit der Geschichte….halt mal wieder nicht erzählt.

      Wenn dann das Apothekensterben losgeht, ist irgendwas völlig schief gelaufen!

      Danke Empfehlen (0 )
  3. „Insgesamt beschäftigten sie 20’092 Apothekerinnen und Apotheker.“

    Sind sie sich sicher, dass Pro Apotheke 20 ApothekerInnen arbeiten? Oder sind da nicht auch die Pharma-AssistentInnen miteinberechnet?
    Mich dünkt diese Zahl ein wenig hoch.

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Dummes Überschlagrechnen 🙂
      Gut, wenn man die vielen Teilzeitprozente nimmt, das reicht ja von 5% bis 100%, dann kann es wiederum stimmen. Danke 🙂

      Danke Empfehlen (0 )
  4. Schweden hat das Experiment Dafalgan im freien Verlauf gestoppt. Grund: ein massiver Anstieg von Hospitalisationen aufgrund Überdosierungen.

    Medikamente sind keine Smarties, welche man einfach so neben Kondomen und Haarfärbemittel kurz einpacken kann beim Wocheneinkauf.

    Wer haftet bei Überdosierungen und nicht-korrekter Anwendung, zum Beispiel bei Abgabe von Aspirin an unter 9-Jährige und sie dann eine schwere Nebenwirkung entfalten, da die Verabreichung von Aspirin an unter 12-Jährige verboten bzw. mit grossen Risiken verbunden ist?

    Wer haftet, wenn jemand unter Blutdrucksenkern ein NeoCitran nimmt und der Blutdruck dann entgleist?

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (8)

Nächster Artikel