Auf ewig beste Freunde – so bescheuert war der Wahlkampf

Bald ists vorbei: Am Sonntag findet der Basler Wahlkampf sein Ende und damit auch das würdelose Treiben der letzten Monate, das mit Politik nicht viel zu tun hatte. Ein kleiner Rückblick.

Unangenehm kumpelhaft: Kontrovers war an diesem Wahlkampf nur die Badehosenwahl (Baschi Dürr vor Lorenz Nägelin).

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Bald ists vorbei: Am Sonntag findet der Basler Wahlkampf sein Ende und damit auch das würdelose Treiben der letzten Monate, das mit Politik nicht viel zu tun hatte. Ein kleiner Rückblick.

Der Basler Wahlkampf begann mit einer Erscheinung. Eine, von der man erst glaubte, es handle sich um einen Fiebertraum, aus dem man jeden Moment erwachen würde. Doch er sass tatsächlich da im Konferenzzimmer des Teufelhofs, wo der Angriff auf die rot-grüne Regierung lanciert wurde. Mittendrin im bürgerlichen Club de Bâle, putzmunter und zufrieden bis unter die Nasenspitze: Lorenz Nägelin, SVP. 

Die erste Basler Allianz mit der SVP würde für einen Wahlkampf sorgen, den man so noch nie erlebt hat. Konnte man glauben. Unflätige Angriffe gegen Rot-Grün, gegen die gutmenschliche Verharmlosung ungezügelter Migration. Gegen das Verhätscheln dschihadistisch veranlagter Betbrüder. Gegen das Drangsalieren des Automobilisten. SVP-Sachen halt.

Im Windschatten des rechten Sausewinds hätte dann Compañero Conradin Cramer von der LDP nachgestichelt. Gut erzogen, präzis, scharfzüngig. Und Baschi Dürr, der Mann, der auf dem Weg in den Bundesrat noch einen Zwischenhalt als Stapi einlegen will, hätte sich das verträumte Präsidialdepartement vorgeknöpft und die gehätschelte Kulturszene.

Mei, hätte das gerumpelt in der Stadt, hätte das neu formierte bürgerliche Quartett losgelegt. Doch dann passierte das:

Hobedihopp! SVP-Mann Lorenz Nägelin entfernt sich dynamisch vom Tatort.

Auch eine Badehose kann ein Argument sein: bürgerlicher Rheinschwumm. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Und das:

Endlich Inhalte: Das bürgerliche Quartett fährt Velo. 

Endlich Inhalte: Das bürgerliche Quartett fährt Velo.  (Bild: PD)

Und der Longjogg, der Cocktailabend, der Rundlauf an der Pingpongplatte. Dinge, die auf ewig beste Freunde miteinander unternehmen, bevor sie anfangen, sich für Mädchen zu interessieren.

Wahlkampfauftakt, andere Seite der Stadt. Im Stellwerk am Bahnhof St. Johann sass der linke Fünfer an einer langen Tafel. Es war fürchterlich eng, für Fotografen und Schreiber blieb kaum Platz. Das passte zu dem, was dann passierte: Rot-grüne Regierungskandidaten, die nie die richtige Distanz fanden. Erst im Getümmel den SVPler Nägelin ein Kuckucksei schimpfen. Dann der Rückzug in die Sommerresidenz, herrschaftlich zurückgelehnt, die bürgerliche Strampelei verfolgen, in der Gewissheit, das Stimmvolk habe die Botschaft verstanden, den Rest würden schon die enormen eigenen Erfolge erledigen.

Vor allem Quark

Das Regierungsprogramm des bürgerlichen Quartetts behauptete endlich Substanz, brachte aber ein Dickicht an Leere, an Worthülsen und Managerquark. Und versprach, Basel würde unter neuer Direktion das AAA-Rating erhalten. Ob damit die Krankenkassenprämien sinken würden, Arbeitslose einen Job finden?

Kandidaten wurden abgeklopft. Nägelin allen voran. Der hatte auf sämtliche Fragen zwei Antworten. Bei SVP-Sachen: «Meine Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen.» Bei allen anderen Themen: «Ich habe Führungserfahrung.»

Der Grünen Elisabeth Ackermann wurde derweil gewahr, dass sie es im Wahlkampf mit echten Menschen zu tun haben würde. Dass sie mit ihnen sprechen muss und sie bestenfalls von sich überzeugt. Eine lästige Sache.

Selfies des aufrechten Jungs-Quartetts fluteten die Kanäle. Und die Linke?

Angriffig: Strassenwahlkampf der SP mit Ballons

Angriffig: Strassenwahlkampf der SP mit Ballons (Bild: SP Basel-Stadt)

So plätscherte der Sommer dahin, bequemte sich der Wahlkampf in den Frühherbst hinein. Dann der Weckruf: die Wahlumfrage von TagesWoche/«bz basel».

Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels würde nicht wiedergewählt. Der SP-Mann, Niederschläge gewohnt, reagierte professionell und steigerte die bereits beachtliche Frequenz an Spatenstichen und Feierlichkeiten zu Ehren neuer Stoppschilder oder Abfalleimer auf ein beispielloses Level.

Sicherheitsdirektor Baschi Dürr wurde von der Umfrage, die ihn nur knapp im Amt bestätigt sah, regelrecht gebodigt. Der FDPler lag hinter dem pseudoliberalen Erbprinzen Cramer zurück. Unterdessen, nach all den Enthüllungen zu Dienstwagen- und anderen Affären in seinem kleinen Reich, fragt sich der Mann, gegen welche kosmischen Gesetze er verstossen hat, dass gerade alles über ihm zusammenbricht.

LDP-Überflieger Cramer sass derweil in seinem Palais am Rheinufer und zermarterte sich den Kopf über der Frage, was das gemeine Volk nur an ihm findet.

Bei der FDP, die zurücklag, lagen die Nerven blank. Mit Fremdschämgehampel vor dem Rathaus wollte man die sinnfreie, aber erfolgreiche Aufmerksamkeitsjagd des Machtwechselquartetts imitieren. Unter Anleitung von Boxtrainer Angelo Gallina, der bei der SP abgeblitzt war und deshalb bei der FDP angeheuert hatte, strampelte man beim 1. Basler Bürokratielauf. Folgerichtig wurde die Partei in der zweiten Wahlumfrage noch deutlicher abgestraft.

Die SP, zu Tode erschrocken von der Umfrage, die Nägelin eine reale Wahlchance attestierte, griff zum bewährten Mittel: Telefonterror bei jedem, der den Fehler begangen hat, einen Kandidaten durch welchen unglücklichen Zufall auch immer persönlich zu kennen.

Wenn der Sozi zweimal klingelt: Die Basler SP macht Wahlkampf.

Wenn der Sozi zweimal klingelt: Die Basler SP macht Wahlkampf. (Bild: SP Basel-Stadt)

Und die Bewohner der Stadt freuten sich, wenn sie zwischen all den Wahlflyern auch mal eine Rechnung im Briefkasten entdeckten.

All das hat jetzt vorerst ein Ende. Am Sonntag wird gewählt. Die TagesWoche wird den ganzen Sonntag lang live berichten. Mit Resultaten, Videos, Kommentaren. Seriös, abgewogen, fundiert. Nicht so wie in dieser kleinen Wahlkampf-Revue. Aber das musste jetzt einfach raus.

PS. Martina Bernasconi, Grünliberale, meldet, Martina Bernasconi sei wieder mal vergessen gegangen. Da hat sie recht. Zu Frau Bernasconi, die mit einem Video, in dem sie eine Frau auf den Mund küsst, doch noch Beachtung fand, ist zu sagen: Was war denn das für ein beschämter, staubtrockener Schmutz. So geht «Damenkuss» (O-Ton GLP)!

Konversation

  1. „die Stadt als Lebensgemeinschaft von Bevölkerung, Pendlern, der Wirtschaft und dem Sozialen“
    Da darf aber wohl – so denn nicht einmal mehr die Realitätsverweigerung vorherrschen soll – schon darauf hingewiesen werden, dass es nicht die Bürgerlichen und Rechtsextremen sind und waren, die diese Lebensgemeinschaft durch Installation von Parallelgesellschaften untergraben haben. (Gut – die Rechtsextremen verstehen unter Lebensgemeinschaft so oder so etwas anderes. )
    Das despektierliche „Buben“ entspricht vielleicht einem Humorverständnis, das mir abgeht; aber ich schreibe auch nicht jedesmal „Mutti-fucking Huns“ wenn ich wieder mal denken muss, dass das germanisierte Europa von Berlin aus an die Wand gefahren wird…

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  2. „Die TagesWoche ist absolut unabhängig und deshalb – im Gegensatz zu anderen – auf keiner Parteilinie.“

    Was für eine Lüge, passt zum Artikel „«Alles wird manipuliert und zensiert» — Was denken Sie über die Medien?“

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  3. Wenn sich Feudalsysteme etablieren, dann etablieren sie sich immer über eine Religion.

    In unserem Fall heisst diese Religion „Wirtschaft“. Und weil sich bei uns jeder für einen Kardinal hält, wählt er halt seinen eigenen Papst. Und der wählt dann halt wieder seine eigenen Kardinäle und bestimmt seine eigenen Heiligen selbst.

    Und über all dem steht ein Gott: Das System.

    Und wehe dem, der sich „Gott“ verschliesst. Er ist es nicht wert, „gewählt“ zu werden.

    Urbi et Orbi.

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  4. Muss sicher richtig gut getan haben, alle Parteien zu kritisieren. Was ich erlebt habe und mir soeben von einer anderen Partei bestätigt wurde, ist, dass die Medien die Inhalte gar nicht transportieren wollen. Man wolle schliesslich keine Wahlkampfplattform bieten. Fein.
    Wieso berichten dann aber Journalisten über Rheinschwimmen, Pingpong, Bratwürste und Frauenküsse? Ignorieren Sie es einfach, Herr Beck. Und konzentrieren Sie sich auf die Lösungsvorschläge der Parteien zu den Problemen von Herr und Frau Basler.
    Wenn Inhalte statt Zirkus wiedergegeben wird, wird die Wahlbeteiligung mit Sicherheit auch wieder steigen.

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    1. Wahre Worte, Herr Ullmann. Genau so habe ich die Medien, gerade auch die TaWo, in diesem Wahlkampf erlebt. Einerseits ständigs „Emotionen“ und „Persönlichkeiten“ fordern und jedem Bullshit-Spektakel hinterherhecheln, andererseits jammern, der Wahlkampf sei inhaltsleer. Schwache Vorstellung.

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  5. Schon interessant, Herr Hürlimann aus Berlin möchte einen Wahlkampf der weniger ‚unreif‘ ist. Vor allem sollen sich Personen, die sich in der Vergangenheit juristisch und auch sonst wie bekämpft hätten nicht zusammen spannen. Sonst würden sich die Wähler angeekelt abwenden und dies sei – meint er – für die Demokratie in Basel-Stadt mittelfristig schädlich.

    Dazu zwei Punkte: Herr Hürlimann scheint mit Herrn Somm einig zu sein, dass ein Wahlkampf hier in SVP Manier geführt werden müsse. So dass es richtig knallt. Dummerweise wollen wir Basler dies nicht wirklich. Herr Somm hat dann in seiner Zeitung dem Herrn Dürr so richtig gezeigt wie man so was macht und alles mögliche ‚ans Tageslicht gezerrt‘ – mit einer Ausnahme alles so ziemlich irrelevant aber schlagzeilen-trächtig. Möglicherweise wird Herr Dürr deshalb abgewählt. Herr Somm wird in seiner Zeitung sagen, dass dies das Resultat eines faden Wahlkampfes sei.

    Der andere Punkt Herr Hürlimann: wenn ich nach Berlin schaue, dann wird mir echt übel. Da sitzen die beiden grossen (Volks) Parteien mehr oder weniger einträchtig auf der Regierungsbank und blicken genüsslich auf die Opposition, in der ehemalige SED Politiker eine tragende Rolle haben. Und draussen tobt der Mob der AfD. Da ist mir das farblose Quartett und das fast noch farblosere Quintett (und ein Mob namens Weber) doch einiges sympathischer.

    Und ich glaube, dass dies viel weniger schädlicher ist für unsere Demokratie als das was in Berlin oder in der Zeitung von Herrn Somm abgeht.

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  6. @ Christian Degen

    „Absolut unabhängig“ ist für meine Wahrnehmung einzig die WOZ. Sie gehört den MacherInnen. Auch wenn dort die NZZ und der Tagi fleissig inserieren, ist die WOZ weder von diesen, noch von MäzenInnen abhängig in ihrer Existenz. Dies zur Kenntnisnahme.

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