Basler Mediävistik-Koryphäe warnt: «Man sieht der Zertrümmerung von Fachbereichen tatenlos zu»

Er war 20 Jahre lang Professor am Deutschen Seminar. Jetzt protestiert Rüdiger Schnell mit deutlichen Worten gegen die in seinen Augen kopflose Abbau-Politik der Universität Basel.

Die Universität Basel stürze ohne klare Strategie ab, warnt Professor Rüdiger Schnell. (Bild: Nils Fisch)

Man hat die Probleme von weitem kommen sehen. Obwohl der Universitätsrat und das Rektorat den neuen Leistungsauftrag der Universität Basel im Juni 2017 als positiv vorstellten, war klar, dass Fächer und Stellen bedroht sind.

Trotzdem sitzt der Schock nun tief: Die Uni Basel besetzt die Professur für Mittelhochdeutsch nicht neu, wie SRF berichtete. Anstelle der traditionsreichen und angesehenen ordentlichen Professur gibt es nur noch eine befristete Assistenzprofessur. Spardruck.

Heftiger Protestbrief

Rüdiger Schnell, der sich von 1988 bis 2008 als Professor für deutsche Mediävistik an der Uni Basel einen Namen gemacht hatte, hat einen Protestbrief an die Adresse des Universitätsrats und das Rektorat der Universität geschrieben. «Wir protestieren gegen die unwürdige Herabstufung eines traditionsreichen und international renommierten Lehrstuhls», heisst es im offenen Brief.

Unterschrieben haben ihn nicht nur Forschende von Schweizer Unis, sondern auch von namhaften Universitäten wie Oxford, Würzburg, Amsterdam, Ithaca (Cornell), Heidelberg oder Cambridge – kurz: die Crème de la Crème der Germanistischen Mediävistik.

Die Sparvorgänge in Basel hätten längst international die Runde gemacht, das Image der Uni sei arg angeschlagen, sagt Rüdiger Schnell.

Sparauftrag und Schelte

Walter Leimgruber, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, ist nicht um seine Aufgabe zu beneiden. Der Spardruck kommt von oben. Gegenüber dem «Regionaljournal Basel» sagt er, er habe keine andere Wahl, als den Sparauftrag umzusetzen. Entlassungen wären noch schlechter für den Ruf der Uni, als eben freie Stellen nicht zu besetzen. Es sei die «beste aller schlechten Massnahmen». Immerhin könne sich die Uni so Zeit verschaffen und sich neu ausrichten, rechtfertigt sich Leimgruber.

«Bis auf die Verlautbarung des Dekanats gegenüber den Medien erhielten wir keine Reaktion auf unser Schreiben bis jetzt», sagt Rüdiger Schnell, der Verfasser des Protestbriefs, zur TagesWoche. Er vermisse bei der Stellungnahme des Dekans das «offensive Element». Konkret: «Es braucht doch jetzt eine Offensive, die darauf hinausläuft, dass man sich mit einer klaren Ansage an die Kantone richtet. Man kann nicht sparen und gleichzeitig so tun, als würde alles weitergehen wie bisher.»

Der Ansehensverlust, den man mit der Nicht-Besetzung der Professur riskiere, sei «bereits immens», so Schnell. Eine Professur könne man «nicht einfach ab- und dann ein paar Jahre später wieder anknipsen. So funktioniert das nicht.»

Erwartung an Fakultät und Rektorat

Was die Universität nun dringend brauche, sei die Debatte um eine Strategie. «Und diese vermag ich nicht zu erkennen», sagt Rüdiger Schnell. Die Umsetzung der Sparvorgaben – das sei besonders bedauerlich – verlaufe derzeit «nach dem Zufallsprinzip». Schnell: «Wird eine Professur zufällig frei, wird sie nicht mehr gleich besetzt. So sieht man der Zertrümmerung von Fachbereichen tatenlos zu.» Eine durchdachte Personal- und Strukturpolitik sehe anders aus.

Vom Dekanat wie auch vom Rektorat erwarte er, «dass es sich nicht nur verteidigt, sondern selbstbewusst vor die Kantone tritt und sagt: Seht, darauf läuft euer Sparprogramm hinaus.»

Nicht zuletzt fordert er die Fakultäten dazu auf, sich offensiv aufzustellen. «Wollen wir Mittelmass oder Leuchttürme sein? Der betroffene Lehrstuhl war über viele Jahrzehnte ein solcher. Nun ist er erloschen», sagt Rüdiger Schnell.

Konversation

    1. Professur und Fach sind nicht dasselbe. Die Frage wäre, wie wichtig Mittelhochdeutsch für das Studium der Germanistik ist. Das ist eine Frage, die auch man nur normativ beantworten kann. Manche mögen sich lieber mit den Ursprüngen der deutschen Sprache und mittelalterlicher Lyrik beschäftigen. Andere bevorzugen vielleicht Gender-Ansätze in der neueren deutschen Literaturwissenschaft.

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    2. 1) Jeder der an der Uni beider Basel Deutsche Philologie (BA/MA) studiert muss Leistungen in der Mediävistik erbringen. Es ist eines von 3 Teilfächern, aus denen dieser Studiengang besteht.

      2) Diesbezüglich müssten wohl rein von den Studentenzahlen her betrachtet, auch zahlreiche andere (auch naturwissenschaftliche) Studiengänge infragestellen. – Solange der Anspruch der Volluniversität besteht, erscheint mir das gegenseitige Ausspielen der einzelnen Fächer aber als nicht sonderlich sinnvoll.

      3) Das Problem sind nicht mal unbedingt die Sparbemühungen, sondern die (in meinen Augen) fehlende transparente Strategie und Planung wie und wo man das ganze umsetzen soll. Momentan geschieht das aus meiner Sicht vor allem dort, wo mit wenig Widerstand zu rechnen ist. Einfach einen Betrag einzusparen macht wenig Sinn. Besser man hätte sich Zeit genommen und ein tatsächliches und realistisches Sparpotenzial vor den Verhandlungen evaluiert.

      Ich hoffe Ihnen damit eine Antwort auf die gestellte Frage gegeben zu haben und wünsche Ihnen einen schönen und sonnigen Mittag. En Guete:)

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    3. Jede angehende Deutschlehrerin / jeder angehende Deutschlehrer muss europaweit Mittelhochdeutsch belegen. Die Germanisten gehören zu den grössten Fachschaften an deutschsprachigen Universitäten. Eine Voll-Universität am Oberrhein darf so ein fundamentales Fach nicht preisgeben.

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  1. Wenn sich diese Uni endlich spezialisieren würde hätte sie dieses Problem nicht. Aber wer auf zuvielen Hochzeiten tanzt….
    Und natürlich lässt sich eine Professur einfach ab- und dann ein paar Jahre später wieder anknipsen.

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  2. Könnte es sinnvoll sein, den Forschungsschwerpunkt umzubauen in einen Lehrstuhl zur Sprachforschung zur Import und Föderung der deutschen Sprache in der Schweiz, speziell durch frühere Einwanderer, speziell im Schaffhausischen und auch im Zürcher Oberland?

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  3. Der Abbau der Uni ist bereits ersichtlich. Man muss sich nur mal die Geowissenschaften ansehen..
    Die Spar- und Abbaupolitik der bürgerlichen Politiker wird der Uni langfristig schaden zufügen.

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    1. @ Krusi:
      Das Volk, das immer gerne zum „Buurezmorge“ geht, braucht keine Universität, sondern Kuhglocken!

      Unibildung könnte da sogar von Nachteil sein, weil man dann die Reden gewisser bekannter Politiker anders verstehen würde… (vielleicht zum Nachteil der Politiker).

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    2. …ist natürlich schon toll, in einem Erdbebengebiet von relevantem Ausmass die Geowissenschaften zusammen zu streichen…
      So etwa, wie im Sommer die Löschhydranten abzustellen, weil sie zuviel Wasser kosten könnten…..

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  4. Ultra-korrektes Gendern in der Sprache von heute und morgen zum Wohle aller Geschlechter und Geschlechterinnen ist doch wohl wichtiger als das Herumkramen in der Vergangenheit!

    Wer sonst als der Leerstuhl für Gender Studies könnte denn die PD-Fachstelle für Gleichstellerei mit wertvollen wissenschaftlichen Input befeuern?

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