Der Grabenkampf um 30 Rappen

Mehr als zwei Drittel der Basler glauben die Baselbieter profitieren zu viel von der Stadt. Ein gerechtfertigtes Ungerechtigkeitsempfinden – oder doch nur ein Gefühl? Eine Glosse.

Die Halbkantone im Zwist: Die TagesWoche fühlt der schlechten Stimmung zwischen Basel-Stadt und Baselland auf den Zahn.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Mehr als zwei Drittel der Basler glauben die Baselbieter profitieren zu viel von der Stadt. Ein gerechtfertigtes Ungerechtigkeitsempfinden – oder doch nur ein Gefühl? Eine Glosse.

«Der Kanton Baselland profitiert übermässig von der Stadt Basel.» So lautete eine von 20 Thesen, anhand derer die TagesWoche und die «bz Basel» herausfinden wollten, wo der Schuh die Bürgerinnen und Bürger von Basel-Stadt drückt.

Laut der repräsentativen Umfrage sind 70 Prozent der Städter dieser Ansicht.

Nur die hohen Krankenkassenprämien ärgern Basels Bürger noch mehr als die angeblich übermässig profitierenden Baselbieter. Alles andere – Sicherheit, Steuern, Ausländer, Parkplatzmangel und so weiter – Pipifax im Vergleich zu dieser schreienden Ungerechtigkeit.

Ungute Gefühle

Etwas ist offenbar faul im Doppelstaate Basel. Das Verhältnis zwischen den beiden Halbkantonen war schon besser. Nur: Sind die unguten Gefühle gerechtfertigt?

Die Frage ist so wenig einfach zu beantworten wie die Erklärung des Sachverhalts.

Zürcher schütteln nur den Kopf

Wer es trotzdem versucht, stösst schnell an seine Grenzen. Etwa, wenn man Stadtzürchern die Situation der Halbkantone zu erklären versucht: «Stellt euch vor, Höngg würde nicht zur Stadt Zürich, ja nicht einmal zum Kanton Zürich gehören.»

(In dem ehemaligen Dörfchen  – Basler kennen Höngg womöglich, weil der Chasperli und Christian Gross von dort kommen –, leben heute über 20’000 Menschen, es ist ein beliebtes Zürcher Wohnquartier).

«Und jetzt», erklärt man weiter, «nehmt Allschwil. Ebenfalls ein ehemaliges Dörfchen, heute über 20’000 Einwohner. Oder Muttenz! Ja, gleich hinter der Muttenzerkurve fängt das an. 17’000 Einwohner. Alles zusammengewachsen, ein Gebiet. Aber ein anderer Kanton! Wie Binningen, Bottmingen, Münchenstein, Birsfelden…  eigentlich ja alles Basel. Stell dir vor, Oerlikon, Schwamendingen, all das wäre gar nicht Zürich…»

Spätestens ab hier wechseln Zürcher Kollegen mit einem gelangweilten «Was-soll-man-dazu-noch-sagen?»-Blick jeweils das Thema.

Die Grenze ist geblieben

Dabei geht es doch hier erst los mit den eigentlichen Problemen! Denn die Landschaft ist faktisch längst nicht mehr überall Landschaft. Und die Stadt hört längst nicht mehr dort auf, wo sie es bei der Kantonstrennung vor bald 200 Jahren tat.

Aber die Grenze ist geblieben.

Grenzenlos wirken dagegen die Ungerechtigkeiten. Beispiel: Ein gutverdienender 40-jähriger Single-Muttenzer, der, wo sonst, in Basel-Stadt sein täglich Brot verdient (er ist einer von 44’724 Baselbietern, die täglich in die Stadt pendeln).

Der Single-Muttenzer muss für sein versteuerbares Einkommen von 100’000 Franken, obwohl er unweit der 14er-Linie wohnt, kaum einen Kilometer vom Joggeli entfernt, 20’871 Franken entrichten. In Basel wären es 27’007 Franken.

So unfair.

Für die günstigste Krankenkasse im Standard-Modell mit niedrigster Franchise bezahlt er monatlich 373.60 Franken – 4483.20 Franken pro Jahr. Für dieselbe Kasse würde er einen Kilometer entfernt 406.40 Franken bezahlen – 4876.80 Franken pro Jahr. Wenn er nach dem Ausgang in der Stadt stolpert und sich einen komplizierten Bruch holt, landet er in einem städtischen Spital – so wie 17’746 andere Notfallpatienten auch (Jahr 2013) – also 37,3 Prozent aller Baselbieter Notfallpatienten.

So unfair.

Sogar sein Abfall kommt ihn weniger teuer zu stehen: Für seine 17-Liter-Kehrichtmarke bezahlt er läppische 90 Rappen/Stück, während sein Arbeitskollege, der fünf Tramstationen weiter entfernt im Gellert wohnt, 1.20 Franken für seine Bebbi-Säcke blecht.

So unfair.

Genauer betrachtet ist es etwas komplizierter

Wie die Goldgräber strömen die Ländler Tag für Tag über die Grenze, holen das Beste aus der Stadt heraus, und geniessen die im Zentrum erwirtschafteten Reichtümer in ihren Vorstadtsiedlungen zu Vorzugskonditionen.

Grenzerfahrungen, hart an der Grenze des Erträglichen für hart arbeitende Städter.

Aber so einfach ist es nicht. Nicht nur deswegen, weil das hier eine Wirtschaftsregion und eine Stadt ist – trotz der Grenze. Basel-Stadt würde ohne die Pendler ja gar nicht funktionieren, könnte gar kein wirtschaftliches, gesellschaftliches und kulturelles Zentrum sein.

Ja, die Krankenkassen sind im Landkanton günstiger und das macht – gefühlt – überhaupt keinen Sinn. Dagegen tun kann man aber auf kantonaler Ebene so gut wie gar nichts. Doch schon bei den Steuern wird die Sachlage etwas komplizierter.

Jo, was jetzt?

100’000 Franken steuerbares Einkommen in Basel-Stadt bedeutet: Der Stadtbewohner hat mehr auf dem Konto als der Muttenzer. Darauf fallen viele herein, die bei Vergleichsdiensten wie Comparis einfach dieselben Beispiel-Summen eingeben: Das steuerbare Einkommen ist nicht dasselbe wie der Nettolohn. Die Abzüge sind beim steuerbaren Einkommen schon miteinberechnet.

Anders gesagt: Ja, der Steuerfuss im Kanton Basel-Stadt mag höher sein als im Kanton Basel-Landschaft, die Abzüge sind es aber auch. So kann zum Beispiel jeder 4000 Franken für Arbeitskosten und 18’000 Franken für Soziales fix abziehen.

Dass Baselland im Vergleich zu Basel-Stadt ein Steuerparadies sei, ist längst ein Märchen – und gut verdienende Singles sind in der Stadt gar besser gestellt. Ein Direktvergleich der TagesWoche zeigte letztes Jahr: Zwar bezahlen Ehepaare mit zwei Kindern auf dem Land weniger Steuern als in der Stadt. Einschliesslich Wohnungsmiete und Kinderbetreuung ist es in der Stadt aber günstiger.

Qualität kostet

Kommt hinzu: Basel bietet etwas fürs Geld. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein junges, und wie man so sagt, dynamisches Paar mit zwei Kindern – und Sie ziehen von Basel nach Muttenz oder sonst in die Nähe der Stadtgrenze.

Sie denken vielleicht: So können Sie unter dem Strich etwas sparen.

Dann stellen Sie plötzlich fest, dass es in Ihrer 17’000-Seelen-Gemeinde nur zwei subventionierte Krippen gibt. Sorry, ausgebucht – bis die Kinder ausziehen. Und für die privaten Krippen reicht der Doppel-Lohn dann doch nicht. Und Sie stellen fest: Die Freiheit ist wegen dieser Grenze alles andere als grenzenlos. Sie können Ihre Kinder nicht einmal so einfach hinter die Demarkationslinie in die Krippe schicken.

Am Ende schauen Sie sehnsüchtig nach Nordwesten, über die Grenze zu den Lichtern der Stadt, in der sich 197’204 Einwohner 88 subventionierte Krippen- und Tagesheime leisten. Rund eine pro 2240 Einwohner. In Muttenz? Eine Kinderkrippe auf 8500.

Aber Sie haben ja noch einen Trost: Die Abfallsäcke kosten 30 Rappen weniger. Wirklich.

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Keine Sorge – es bleibt nicht bei diesem Artikel. Die TagesWoche geht dem verbreiteten Gefühl, der Kanton Basel-Landschaft profitiere übermässig vom Kanton Basel-Stadt, in einer kleinen Serie nach. Morgen erfahren Sie, warum das Komma bei 0,3 Franken ein paar Stellen zu weit hinten gesetzt ist – und das Gefühl vielleicht doch nicht ganz falsch ist. Jedenfalls, wenn es um andere Haushalte geht als den Privathaushalt.

Konversation

  1. Die Wiedervereinigung 1969 und die Fusion 2015 sind zwei verpasste Chancen gewesen, die der Region NWCH das nötige Gewicht in der Eidgenossenschaft zurückgegeben hätten. Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel die Einsicht haben, dass wir diesseits des Juras zusammengehören und am besten noch den Bezirk Dorneck/Thierstein und das Fricktal einbeziehen. Die Schweiz produziert mit den engen Kantonsgrenzen so viele Reibungsverluste und unverständliche Hindernisse, dass das Milizsystem in den nächsten Jahren daran zugrunde geht und nur noch Kleingeister für die verschiedenen Pöstchen gefunden werden. Dabei wird übersehen, dass der „autonome“ Nachvollzug uns schon längst zu Europäern gemacht hat.

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  2. Für mich macht diese „Gegenrechnung“ oder ‚Gefühlstest‘ keinen rechten Sinn. Auch wird mir das zu sehr auf eine personifizierte Neid-Debatte gedrückt: Mann kann die Individualrechnung ja schönrechnen wie man will – in der Stadtkasse bleibt dann grad noch weniger und aus der muss viel mehr gezahlt werden als Subventionen für Kinderkrippen. Der genannte „Speckgürtel“ um Basel-Stadt hängt mächtig an dessen Blutkreislauf.
    Das ist ein Strukturproblem, das laut Umfrage im Bewusstsein vieler Städter ist, die dann die nötigen Einsparungen in den „Zentrumslasten“ erleben dürfen. Das ist politisch – während der Artikel das für meinen Geschmack etwas spöttisch als „ärgern, unfair, ungerecht“ auf die persönliche Empfindung schiebt.

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    1. Guten Tag Herr Heinrich

      Es ist, wie Sie richtig anmerken, so eine Sache mit personifizierten Debatten – und mit Gefühlen erst Recht.

      Wenn Sie ganz bis zu Ende lesen, steht da folgender Satz über unsere kleine Serie, der Sie vielleicht etwas beruhigt, ich wiederhole ihn hier gern nochmal: «Morgen erfahren Sie, warum das Komma bei 0,3 Franken ein paar Stellen zu weit hinten gesetzt ist – und das Gefühl vielleicht doch nicht ganz falsch ist. Jedenfalls, wenn es um andere Haushalte geht als den Privathaushalt.»

      Also bis morgen!
      Freundliche Grüsse
      Gabriel Brönnimann

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  3. Die Situation ist in Zürich auch nicht gross anders. Wenn man nur eine Karte anschaut, würde man nicht drauf kommen, dass Schlieren, Opfikon oder Wallisellen nicht mehr zur Stadt gehören.

    Der Artikel zielt aber etwas am Thema vorbei. Dass die Ausgaben in Basel-Stadt höher sind als in Basel-Land ist ja noch kein Profitieren. Die Antworten zielen wahrscheinlich eher darauf, dass der Kanton BL für viele zu wenig an die Zentrumslasten (Kultur, Universität, Gesundheit, soziale Absicherung) bezahlt. In dem Sinn bin ich gespannt auf den nächsten Artikel. 🙂

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  4. Ein Kanton wäre halt die beste Lösung gewesen. Auch wenn es um politische Entscheide geht, wäre es aus meiner Sicht besser gewesen, man hätte nur ein Zentrum und man könnte auch z.B. in Amel mitbestimmen. Aber schauen wir im Baselland nach vorne. Das heisst: vielleicht ziehe ich einmal nach Basel um.

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