Die Polen beten für den schwulen Priester

Der homosexuelle Geistliche Charamsa stösst mit seinem Coming-out vor allem in seinem Heimatland Polen auf heftige Kritik, auch von liberaler Seite.

Frisch geoutet: An einer Pressekonferenz in Rom gab der polnische Priester Krzystof Charamsa bekannt, schwul zu sein und mit einem Partner zusammenzuleben.

(Bild: ALESSANDRO BIANCHI)

Der homosexuelle Geistliche Krzysztof Charamsa ist nach seinem Coming-out von allen Aufgaben im Vatikan entbunden worden. Die Reaktionen in seinem Heimatland Polen sind erwartungsgemäss scharf, auch von liberaler Seite.

Nirgendwo dürfte Krzysztof Charamsa auf heftigere Kritik stossen als in seinem konservativen Heimatland. Das Coming-out des homosexuellen Geistlichen, der inzwischen von seinen bisherigen Tätigkeiten im Vatikan und bei allen katholischen Institutionen entbunden wurde, ist Teil einer grösseren Debatte.

Die hatte der 43-Jährige vor einer Woche selbst ausgelöst, als er in einem Beitrag in der progressiv-katholischen Wochenzeitung «Tygodnik Powszechny» die polnischen Bischöfe kritisierte. Sie täten nichts gegen die Hasstiraden bekannter Geistlicher gegen Homosexuelle. Seine eigene Homosexualität verschwieg er da noch – und genau dies wird ihm nun vorgehalten.  

«Kirche und Gläubige betrogen»

So haben die zahlreichen Kritiker auf Seiten der Kirche nun leichtes Spiel – sie wählen aber eher mitleidige denn scharfe Worte. Der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz ruft die Gläubigen dazu auf, für Charasma zu beten, damit er «umkehre und zur Einheit der Kirche zurückkehre». Politiker der kirchennahen, nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die vor den Parlamentswahlen vom 25. Oktober in Umfragen deutlich führt, werden gegenüber dem Geistlichen deutlicher: «Er hat sein gesamtes Leben verneint, er hat die Kirche und die Gläubigen betrogen», sagt PiS-Politiker Joachim Brudzinski.

Der aus dem nordpolnischen Gdynia stammende Charamsa lebt und lehrt seit 17 Jahren im Vatikan. Er war bislang Assistenzsekretär der Internationalen Theologischen Kommission und unterrichtete Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Nun sei er bereit, die beruflichen Konsequenzen seines Bekenntnisses zu tragen, so Charamsa. «Mein Coming-out soll ein Appell an die Synode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben», sagte er gegenüber der polnischen Ausgabe des Magazins «Newsweek».  

Dass solche Worte in Polen heftige Reaktionen und eine homophobe Welle der Entrüstung im Netz auslösen, war zu erwarten. Denn in dem katholischen Land ist das Thema Homosexualität schon ausserhalb der Kirche heftig umstritten. Schwule Priester sind da ein noch viel grösseres Tabu als Homosexualität an sich.

Hoffen auf positiven Effekt

Inzwischen gehen jedoch selbst liberale Medien auf vorsichtige Distanz zu Charamsa: zum einem wegen seines zeitlich offenbar gut geplanten Coming-outs kurz vor Erscheinen seines Buches in Polen und Italien, und direkt vor Beginn der Bischofssynode im Vatikan. Die «Gazeta Wyborcza», die ansonsten vehement gegen Homophobie anschreibt, moniert Charamsas «Selbstzufriedenheit». «Als Geistlicher verkündete er Ehrlichkeit, Treue zum gegebenen Wort, das er dann täglich brach – das ist Hypokrisie», schreibt die einflussreiche Tageszeitung.

Charamsas Fall dürfte dennoch auch in Polen zu einer verstärkten Diskussion über homosexuelle Priester sowie die verbreitete Homophobie in Gesellschaft und Kirche führen. Die bekannte Ethikerin und Publizistin Magdalena Sroda hofft auf einen positiven Effekt. «Je mehr Menschen sehen, dass es selbst unter hochrangigen Geistlichen Homosexuelle gibt, desto besser», sagt Sroda. Und der Schwulenaktivist Tomasz Kolodzielczyk glaubt, Charasma könnte womöglich weitere Priester im Land ermuntern, sich zu outen. «Er hat sicher einen möglichen Weg geebnet.»

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