Die Verflechtungen eines Kleinstaates

Der Berner Historiker André Holenstein betrachtet mit seinem Buch «Mitten in Europa» die Geschichte der Schweiz konsequent unter den Gesichtspunkten ihrer Verflechtung und Abgrenzung. Eine symmetrisch ausgewogene Betrachtung ist sie deswegen aber nicht.

Zur Arbeit ins Ausland: Bis ins 19. Jahrhundert wurden Kinder als Spazzocamini zum Kaminfegen verkauft.

Das vorherrschende nationale Geschichtsbild vernachlässigt stets einen Aspekt: jenen der Verflechtung. Hier gibt André Holenstein in seiner Präsentation der Schweizer Geschichte Gegensteuer. Er schreibt, dass sich die Schweiz unzutreffend als ein Land verstehe, «das sich selbst genügt und seit je tapfer den Zumutungen der bedrohlichen Aussenwelt trotzt». An anderer Stelle kritisiert der Autor «isolierte Nabelschau» und «Selbstgefälligkeit», die der Tatsache zu wenig Rechnung trage, dass die eigene Existenz stets im Austausch mit und in Abgrenzung zu anderem steht.

Der Nachweis der enormen Verflechtung fällt Holenstein leicht, weil es diese Verflechtung gibt und er sie bestens kennt. Breiten Raum nehmen die Darlegungen der Migrationsverflechtung (notabene infolge von Personenfreizügigkeit) ein, von den Söldnern über die Zuckerbäcker und Kaminfeger bis zu den Baumeistern. Da erhalten auch die in St. Petersburg wirkenden Basler Mathematiker (Euler, Bernoulli, Hermann, Fuss) ihren verdienten Platz.

Die Weltläufigkeit eines Bergvölkchens

Ergänzt werden diese Ausführungen mit Abschnitten über die kommerziellen und die diplomatischen Verflechtungen. Ein zentraler Gedanke gilt dem «Ressourcenaustausch»: Geld gegen Menschen, Salz gegen Vieh, Käse und Textilien. Dem Autor geht es unter anderem auch darum, das Bild eines «schollenverhafteten» und abseitigen Bergvölkchens zu berichtigen und auf die «Weltläufigkeit» und hohe Anpassungsfähigkeit der Schweizer Bevölkerung hinzuweisen.

Ein eigener Abschnitt ist unvermeidlicherweise der Neutralität gewidmet. Dabei wird einmal mehr die Vorstellung korrigiert, dass diese auf Marignano (1515) zurückgehe. Erneut wird klar, dass die Hauptfunktion der Neutralität darin bestand, die internen Interessen- und Ausrichtungsgegensätze – eben – etwas zu neutralisieren. Deutlich wird aber auch, wie verfehlt die isolationistische Annahme ist, dass Neutralität das Land aus der Welt heraushalte. Vielseitige Verflochtenheit gedeiht, das zeigt Holenstein, gerade wegen der Neutralität.

Wir kennen die Debatte zur Frage, wem die Schweiz in den Jahren 1939 bis 1945 ihr Überleben verdankt. Wir sollten die Eigenverdienste, die diesbezüglich durchaus bestanden, nicht überschätzen und den Anteil der Alliierten (Westen und Osten) nicht vergessen. Bei Holenstein findet sich mit einem eindrücklichen Zitat des liberalen Jenaer Medizinprofessors Lorenz Oken, der 1821/22 Privatdozent in Basel, später Professor und Rektor an der Universität Zürich war, ein indirekter Hinweis, dass es eine analoge Situation schon 1814 gegeben hat:

«Napoleon hat sich zum Herrn der Schweiz aufgeworfen, hat ihr Land weggenommen, hat sie zur Stellung vieler Tausend Soldaten gezwungen, und sie so hin und her gehetzt.» Die anti-napoleonische Allianz habe nun aber auch den Schweizern und Holländern die Freiheit wiedergebracht. Während in Deutschland alles zu den Waffen geeilt sei, um den Weltdespoten zu vernichten, seien die Schweizer müssige Zuschauer geblieben. «Sie wollten ihre Freiheit nicht mit eigenem Blute, sondern mit dem unsrigen erkaufen; sie wollten durch eine faule Neutralität uns unseren Kampf noch schwer machen, um dann die, während ihres Müssiggangs, blutig gebrochenen Früchte lachend mit zu verzehren. Pfui der Schande! Pfui der Schweizer!»

Holenstein bemerkt dazu: «Die still sitzende Schweiz sah sich wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, sich in den grossen Entscheidungen der europäischen Geschichte unsolidarisch verhalten, sich nicht für die Werte der Freiheit und der Menschlichkeit eingesetzt (…) und als Trittbrettfahrerin von den Opfern der Alliierten für die Befreiung des Kontinents profitiert zu haben.»

Verharren auf dem Trittbrett

Der Berner Historiker referiert diesen Vorwurf, ohne ihn explizit zu übernehmen, aber auch ohne ihn zurückzuweisen. Der Gedanke liegt nahe, dass die Schweiz, auch jetzt, da es nicht um Solidarität im Krieg, sondern um Solidarität im Frieden geht, ihren Trittbrettstatus leider noch immer nicht aufgibt.

Holenstein scheut sich nicht vor der grossen Frage, warum es die Schweiz überhaupt gibt. Dabei kommt er zu verschiedenen Feststellungen: In der Zeit der Alten Eidgenossenschaft (vor 1798) seien durch die Aussenverflechtungen innere Absprachen wichtiger geworden und damit sei eine gewisse Kohäsion entstanden. Die Tagsatzung (Vorgängerinstitution des heutigen Ständerats) sei zugleich Treffpunkt der Repräsentanten auswärtiger Mächte gewesen.

Es ist nicht so, dass Praktiker des Internationalismus automatisch Anhänger internationaler Solidarität werden.

Holenstein betont aber auch, es sei nicht das Verdienst des zerstrittenen Landes selber gewesen, dass es um 1815 nicht als einigermassen selbstständiges Gebilde von der politischen Landkarte verschwunden sei. Die Schweiz überlebte als Staat, weil das im Interesse der Mächte war.

Ein wichtiger Aspekt bleibt in diesem Buch ungeklärt: Wie wirkte sich die reale und ausgiebig nachgewiesene Verflechtung auf die Verflochtenen aus? Aus welcher Einstellung wurde sie betrieben und wie wurde die Verflechtungserfahrung mental verarbeitet? Welches Bewusstsein entstand dabei – oder blieb aus? Es ist nämlich nicht so, dass Praktiker des Internationalismus automatisch Anhänger internationaler Solidarität werden.

Im Gegenteil: Manche Eidgenossen wollen ihre kleine Insel, von der aus sie international handeln, soweit irgend möglich aus dem von ihnen mitbespielten weltpolitischen Feld heraushalten. Der Industrielle Christoph Blocher ist dafür ein gutes Beispiel. Oder, um bei einem von Holensteins Paradebeispielen zu bleiben: Das Freiburger Patriziat, das seine grossen Geschäfte mit dem Export von Söldnern insbesondere nach Frankreich machte, blieb selbst sehr gerne ausserhalb des Landes, das es belieferte.

Nationalcharakter als Dynastie-Ersatz

Zu diskutieren ist, wie weit die um 1500 entwickelte Abgrenzungsideologie vom angeblichen Kampf zur Verteidigung der Bauernfreiheit später nachwirkte beziehungsweise von Ideologen der Gegenwart aus politischem Interesse am Leben gehalten wurde und wird. Holenstein spricht von normativen Aufladungen, die ihre Virulenz je nach innen- und aussenpolitischer Problemlage entfalten würden.

Im Zusammenhang mit dem Helvetismus des 18. Jahrhunderts wirft Holenstein die bedenkenswerte Frage auf, ob die Definition des schweizerischen Nationalcharakters «im Gestus einer markanten Grenzziehung gegenüber einem als wesensfremd betrachteten Ausland» damit zu erklären sei, dass der konfessionell, sprachlich und politisch uneinheitlichen Schweiz keine fürstliche Dynastie als gemeinsamer Bezugspunkt zur Verfügung gestanden habe.

Die transnationale Verflochtenheit als «condition d’être» eines Kleinstaats mitten in Europa führte nicht gleichsam folgerichtig zur Einsicht, dass man sich mit der Europäischen Union, die sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet hat, vereinigen soll. Die Wahrnehmung der tatsächlichen Abhängigkeit könnte den illusionären Alleingangswillen sogar noch stärken. Was Holenstein an traditionellen Sonderfallvorstellungen referiert, dürfte bereits aus dieser Abwehr entstanden sein.

Da hilft auch nicht ein ausführlicher Nachweis der Übereinstimmungen zwischen der Schaffung des Bundesstaates und – zeitverschoben – der strukturell sehr ähnlichen EU. Da müssen wir uns vielmehr an die Mahnung des Historikers Herbert Lüthy halten, mit der dieses Buch schliesst: Nämlich die Geschichte nicht als Sammlung von Verhaltensmodellen zu verstehen, sondern als Prozess, in dem wir selbst stehen und an dessen Weitergestaltung wir mitwirken sollten. Dieses Wort stammt allerdings aus den Sechzigerjahren – einer Epoche, wo Erneuerungen freudig begrüsst wurden.


André Holenstein, Mitten in Europa. Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte. Hie+Jetzt 2014. 285 S. 49 Fr.

Konversation

  1. In was für einer Tragik muss ein Land sein, wenn es auf fünfhundert Jahre alte Geschichten zurückgreifen muss, um sich seiner Existenzberechtigung zu vergewissern?
    Persönlich hörte man noch von der romantisierten Zeit der Grenzbesetzung bei den alten Männern….bis man aus den Büchern realisiert, dass damals die meiste Zeit die Grenze nur noch pro forma besetzt war. Der Rest der Truppe arbeitete oder stand im Reduit.
    Isolationismus im persönlichen Bereich gilt heute als Krankheitszeichen.
    …abgesehen von Nikaus von der Flüh.

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