Eine Frau drängt ins Rampenlicht

Die grünliberale Martina Bernasconi hat als bislang einzige Frau unter den Kandidierenden gute Chancen bei den kommenden Basler Regierungsrats-Ersatzwahlen. Wer ist die Frau, mit der die GLP der CVP den Sitz des zurücktretenden Carlo Conti streitig macht? Das Porträt.

Martina Bernasconi, Regierungsratskandidatin, stets fröhlich und verbindlich – was sie aber nicht hindert, auch sehr ehrgeizig zu sein. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Mit der grünliberalen Martina Bernasconi tritt eine Frohnatur zur Basler Regierungsrats-Ersatzwahl an. Die Philosophin war nicht immer so.

Es fällt Martina Bernasconi schwer, einfach nur da zu sein, nicht zu denken, abzustellen. Sie muss stets hinterfragen, über dies und jenes sinnieren. Diesen Drang hat sie schon seit ihrer Kindheit. «Ich stellte mir als kleines Mädchen dauernd irgendwelche Fragen, beispielsweise wieso Menschen und Tiere sterben müssen oder ob eine Blume glücklich sein kann. Immer nachzudenken kann sehr anstrengend sein – ich wünsche mir manchmal, es würde bei mir drin nicht immer so fest und laut denken.»

Die 48-jährige Grossrätin der Grünliberalen machte das Beste daraus und studierte Philosophie. Seit 2002 bietet sie in ihrer Praxis unter anderem philosophische Beratungen an. Ein Job, der sie inzwischen allerdings nur noch zum Teil erfüllt.

Mit ihrer Regierungsratskandidatur für den Sitz des zurücktretenden Gesundheitsdirektors Carlo Conti (CVP) sucht sie nun die Erlösung von dieser beruflichen Existenz. «Philosophie ist eigentlich kein Beruf, sie ist eine Lebenseinstellung – meine Leidenschaft. Rückblickend würde ich dieses Fach deshalb nicht mehr studieren, sondern Jus, wie ich es ursprünglich mit 20 Jahren geplant hatte», sagt Bernasconi.

Gefährliche Konkurrentin

Bernasconi redet viel und gerne. Was sie denkt, sagt sie auch. An Selbstbewusstsein mangelt es der ehemaligen Politikerin der Frauen­liste nicht, sie ist überzeugt von sich, scheint nicht den geringsten Zweifel an ihrer Person zu haben. Dennoch wirkt sie nicht abgehoben, sondern bodenständig und umgänglich.

Mit der Kandidatur der GLP hat der Kronfavorit der CVP für den Regierungssratsitz, Lukas Engelberger, plötzlich eine gefährliche Konkurrenz erhalten (dem SVP-Kandidaten Thomas Egloff werden keine Chancen ­attestiert). Bernasconi hat den Frauenbonus und ist auch bei den Linken beliebt – dessen ist sie sich ­bewusst: «Von den bisher drei Kandidierenden bin ich für die Linke wohl am ehesten wählbar. Das erfüllt mich auch mit Stolz.» Sie habe aufgrund ­ihrer authentischen Persönlichkeit und politischen Gradlinigkeit – nicht nur im Genderbereich – eine hohe Glaubwürdigkeit.

Über ihren CVP-Kontrahenten sagt sie: «Bei Lukas fehlt mir die ­Leidenschaft. Er ist mir zu brav, zu konform, hat wenig Ecken und ­Kanten.» Sie sei unkonventioneller und ein mutigerer Typ. Sie trampe eher mal in ein Fettnäpfchen.

Mag die Aufmerksamkeit

Bernasconi lebt mit ihrem Partner im Neubad. Sie bezeichnet sich als «nicht penibel und nicht moralisierend … Ich bin weder fundamenta­listisch noch idealistisch. Mit mir kann man diskutieren, Argumente können mich überzeugen, auch wenn sie gegen mein ursprüngliches ­Bauchgefühl sind.» 

Aus dem Grossen Rat heisst es, dass die GLP-Kandidatin «eine nette und aufgestellte Person» sei – allerdings kein Schwergewicht. Es fehle ihr an Dossierfestigkeit, und sie sei karrierebewusst. Man merke, dass sie «mehr werden» wolle.

Zweimal versuchte die frühere Mitarbeiterin des Theater Basel in der Dramaturgie den Sprung in die Regierung, zuletzt 2012. Damals unterlag sie parteiintern jedoch klar ihrem Kollegen Emmanuel Ullmann. Nach dem überraschenden Rücktritt von Carlo Conti schlägt nun aber Bernasconis Stunde, ihre Chancen stehen so gut wie noch nie.

Martina Bernasconi macht kein Geheimnis daraus, dass sie es weit bringen möchte und dass sie gerne im Rampenlicht steht. «Ich bin als Mensch gerne erfolgreich. In und für die Öffentlichkeit da zu sein, bedeutet mir viel.» Sie lebe für die Politik, sagt sie. «Das ist nicht nur gut. Mein Partner findet, es sei nicht immer einfach mit mir, da die Politik eine derart zentrale Rolle in meinem Leben spielt.»

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man Bernasconi nach ihrer ­Vergangenheit fragen, nach dem ­Erlebnis, das sie am meisten geprägt hat. Dann sieht man plötzlich eine ­andere Frau vor sich, eine nachdenk­liche. Die Fröhlichkeit verschwindet für eine kurze Zeit. Die 48-Jährige sagt: «Am meisten geprägt hat mich die Heimatlosigkeit – familiär wie auch vom Wohnort her.»

Der unerfüllte Wunsch

Sie sei in Basel, Bern und Luzern gross geworden und habe viele Trennungen erlebt. Ihre Eltern liessen sich scheiden, als sie 12 Jahre alt war. Sie sei freiwillig ins Internat ­gegangen und habe nie die Geborgenheit einer Familie erlebt. «Es fehlte mir Beständigkeit und Geborgenheit. Ich musste mir selber Geborgenheit geben – obwohl ich Eltern und Geschwister hatte.»

Dabei sehnte sie sich nach nichts mehr als nach einer Bilderbuchfamilie – ein Wunsch, der für sie auch später nicht in Erfüllung gehen sollte: «Ich wollte immer Kinder. Aus irgendwelchen Gründen hat es aber nicht geklappt – das war sehr schwierig für mich.»

Heute stimme das Leben für sie jedoch, es fehle ihr nichts mehr, sie sei zufrieden. Bernasconi scheint eine Heimat, eine Art Kompensation, in der politischen Arbeit gefunden zu haben. Und in der Kultur: «Kultur ist etwas Existenzielles für mich. Ich ziehe unglaublich viel Energie daraus.» So könne sie stundenlang Barockmusik hören, danach seien ihre Sorgen weg. «Kultur ist meine Kraftquelle», sagt sie lachend. Da ist sie schon ­wieder, Bernasconis Fröhlichkeit.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 28.02.14

Konversation

Nächster Artikel