Es geht um mehr als ein paar Zapfhähne, an denen man sich besaufen kann

Um die berühmte Pubkultur Grossbritanniens steht es schlecht. Profitgierige Eigentümer treiben erfolgreiche Wirte mit hohen Mieten und teurem Bier in den Bankrott, um danach die Immobilie teuer zu verkaufen. Nicht alle lassen sich das gefallen.

Seit 2012 geschlossen: Aus dem «Chesham Arms» sollte teurer Wohnraum werden. Doch der neue Besitzer hatte nicht mit dem Widerstand der Stammgäste gerechnet. (Bild: flickr)

Seit Jahrhunderten ist der Pub sozialer Mittelpunkt der Briten. Doch um die berühmte Pubkultur steht es schlecht. Profitgierige Eigentümer treiben erfolgreiche Wirte mit hohen Mieten und teurem Bier in den Bankrott, um danach die Immobilie teuer zu verkaufen. Nicht alle lassen sich das gefallen.

James Watson ist ein gefragter Mann. Sein Zuständigkeitsgebiet erstreckt sich über den gesamten Osten Londons – ein riesiges Territorium. Zu dessen Bewältigung kann er auf ein Netzwerk von Informanten zurückgreifen, die ihn über Entwicklungen und Probleme unterrichten. Und die Probleme häufen sich.

James Watson, 35, ist Pub Protection Officer, zu Deutsch: Pub-Schutzbeauftragter. Der kräftg gebaute Mann sitzt hinter einem Pint im «Plough», einem Pub im Londoner Stadtteil Hackney. Ein älteres Ehepaar sitzt am Nebentisch, an der Bar plaudern junge Männer mit hippen Frisuren. Es ist ein Lokal nach Watsons Geschmack: Bier, Essen und Atmosphäre sind gut, und – wichtig – Frauen fühlen sich hier willkommen. «Die Qualität eines Pubs lässt sich an der Sauberkeit der Damentoilette ablesen», sagt Watson und fügt schnell hinzu, dass er diese Qualitätsprüfung nicht selbst vornehme.

Quartiere bangen um ihre Kneipen

In Kneipen ist der Mann zu Hause. Hauptberuflich Ingenieur, arbeitet Watson ehrenamtlich für die Campaign for Real Ale, ein Interessenverband von Enthusiasten traditioneller britischer Ales. Seit er seine Funktion als Pub-Schützer vor drei Jahren angetreten hat, wird er mit Anfragen überhäuft.

Gerade an diesem Morgen wollte jemand wissen, wie der «Green Dragon» in Enfield – «ein hinreissendes Lokal» – zu einem Gemeinschaftsgut erklärt werden könne, um zu verhindern, dass es zu einem Wohnblock umfunktioniert werde. Jeden Tag erhält Watson zehn E-Mails dieser Art, von besorgten Anwohnern und Gastwirten, die ihre Trinkstuben vor dem Untergang bewahren wollen.



Rund 30 Prozent weniger Pubs in England seit 1982.

Rund 30 Prozent weniger Pubs in England seit 1982. (Bild: Screenshot beerandpub.com)

Für viele wird Watsons Rat zu spät kommen. Jede Woche machen in Grossbritannien 29 Pubs den Laden zu. Gab es Anfang der 1980er-Jahre noch 68’000 Public Houses, sind es mittlerweile weniger als 50’000. Tausende Kneipenwirte, sogenannte Publicans, müssen sich jedes Jahr bankrott erklären. Ihre Lokale werden zugenagelt, verkauft – und zu Wohnungen, Wettbüros oder Supermärkten umgebaut. Die sind weitaus rentabler.

Gemeingut für Generationen

Das ist auch der Grund, weshalb Watson heute im «Plough» sitzt. Sein Stammlokal, das «Chesham Arms», ist seit 2012 geschlossen. Ein Bauentwickler hatte es gekauft, um daraus Wohnraum zu schaffen. «Der Unternehmer ist ein rücksichtsloser Mann. Wenn wir Anwohner uns einen Dreck um unser Pub geschert hätten, hätte er die Immobilie mittlerweile verkauft, wäre Millionär geworden und zum nächsten Projekt übergegangen.»

Aber am Tag, als das Pub schloss, stellten Watson und seine Freunde kurzerhand eine Rettungskampagne auf die Beine, bauten Strassenstände auf, schrieben an die Gemeinderegierung, an Parlamentsvertreter, den Premierminister und sogar die Queen. «Das Pub hat den Anwohnern seit 150 Jahren als ein wichtiger Teil ihres sozialen Lebens gedient, und wir wollen es für zukünftige Generationen bewahren.» Die Pläne des Immobilienunternehmers sind fürs erste durchkreuzt worden, und Watson wird wenige Tage nach unserem Gespräch einen weiteren Erfolg feiern: Die Lokalbehörde verbietet dem Bauentwickler, das Gebäude zu Wohnungen umzubauen.

Der Preis für ein Pint hat in neun Jahren um 50 Prozent zugenommen.

Nachdem Dodds aus seinem Pub geschmissen wurde, lebte er drei Jahre lang ohne feste Behausung. Jetzt gehe es ihm wieder gut, aber es sei eine schlimme Erfahrung gewesen – «a fucking horrible intervention in my life». Von den Pubs ist Dodds jedoch nicht losgekommen. Zusammen mit seinen Mitstreitern vom People’s Pub Partnership ist er dabei, ein paar Millionen Pfund zu sammeln, um eine grüne Pubgesellschaft zu gründen. Ihre Lokale sollen ohne fossile Brennstoffe auskommen, die Produkte werden aus nachhaltigen Lieferketten stammen, und die Pubs sollen so umgebaut und renoviert werden, dass sie den Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaft entsprechen und ins jeweilige Wohnquartier passen.

Kampagnen zeigen erste Erfolge

Der Widerstand gegen das Pubsterben nimmt an Fahrt auf – allein in London gibt es Dutzende Kampagnen zur Kneipenrettung. Hilfestellung erhielten sie Ende letzten Jahres vom Parlament: Überraschend stimmten die Abgeordneten für eine Abschaffung der Beer Tie; das heisst, die Publicans werden in Zukunft ihr Bier auf dem offenen Markt kaufen können und sind den willkürlichen Preiserhöhungen der Pub Companies nicht länger ausgeliefert.

Den Kampagnen zur Pubrettung hilft auch, dass in London in den vergangenen Jahren ein Boom der Kleinbrauereien ausgebrochen ist: Gab es vor fünfzehn Jahren gerade mal drei Brauereien in der Grossstadt, sind es heute 80, viele davon winzige Betriebe mit einer Handvoll Angestellten. Das Pint Pale Fire Ale beispielsweise, das James Watson mittlerweile geleert hat, stammt aus der Pressure Drop Brewery: drei Männer, die in einem Bahnbogen in Hackney Craftbeer brauen.

Zurück an die Bar

«Ich kenne Leute, die nie ein anderes menschliches Wesen sehen würden, wenn sie ihr lokales Pub nicht hätten», sagt Pubschutzbeauftrager James Watson.

Bier ist wichtig für Watson, genauso wie Pubs wichtig sind für Grossbritannien. Es geht um mehr als ein paar Zapfhähne, an denen man sich besaufen kann: «Ich kenne Leute, die nie ein anderes menschliches Wesen sehen würden, wenn sie ihr lokales Pub nicht hätten», sagt Watson. Zu wissen, dass um die Ecke ein Pub steht, gebe den Briten ein tiefes Gefühl der Behaglichkeit – «für Weihnachten, Neujahr, oder einen Frühschoppen vor der Hochzeit».

An Heiligabend wird Watson wieder an der Bar im «Chesham Arms» stehen: Ende April wurde bekannt, dass der Bauträger das Gebäude an einen Publican verpachtet hat – das Lokal wird im Sommer wiedereröffnet.

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