Feldzug gegen Links

Einmal mehr steht die Schweiz vor einem Jubiläum, das Rechtspopulisten genüsslich ausschlachten: Der Schweizer Landesstreik von 1918.

November 1918: Ein paar Soldaten sichern den Aeschenplatz.

Vor bald vier Jahren hat in den Medien der Erste Weltkrieg nochmals begonnen, und 2018 wird er nun – wiederum in den Medien – erneut zu Ende gehen. Mit diesem Ende eng verbunden ist der Schweizer Landesstreik vom November 1918, ein gerne rekapituliertes und auch ein Schlüsselthema der Schweizer Geschichte.

Christoph Blocher als Stimme der rechten Schweiz konnte es nicht erwarten, er konnte sich nicht gedulden, bis sich dieses erschütternde Intermezzo gegen Ende des Jahres tatsächlich zum hundertsten Mal jährt. Er beeilte sich, gleich zum Jahresbeginn und gleich zweimal seine «richtige» Sicht der Dinge bekannt zu geben. Einmal in seiner üblichen Neujahrsrede bei Hörnli und Gehacktem sowie einmal in einem seiner Hausblätter, der «Weltwoche» (1/2018).

Zurechtgerückte Geschichten

Diesmal fand der Neujahrsauftritt in Wetzikon statt und galt der Würdigung grosser Zürcher Oberländer. Mit einem analogen Auftritt hatte B. vor drei Jahren auch Basel beglückt.

Der Landesstreik verdient es sicher, Gegenstand unseres Nachdenkens zu sein. Dabei könnte die stets simple Frage im Vordergrund stehen, ob es denn etwas Neues zu sagen beziehungsweise zu entdecken gebe. Dies freilich, ohne Altes dazu bereits zu kennen. Aber auch nur Wiederauffrischung von Altem ist in diesem Fall durchaus angebracht.

Dem tüchtigen Blocher scheint es bereits gelungen zu sein, die Fragestellung zum Jubiläum zu bestimmen: War beim Landesstreik Revolution im Spiel? Steckten die Russen dahinter? Haben Schweizer Linke entscheidend mitgeholfen, dass in Russland die Zeit der Zaren zu Ende ging? Und haben sie im eigenen Land den Bürgerkrieg gesucht? Das alles sind ziemlich alte Fragen, die mit alten Antworten bereits reichlich versehen wurden.

Blocher scheint es bereits wieder gelungen zu sein, die Fragestellung zum Jubiläum zu bestimmen.

Einer etwas naiven, sich als neutral verstehenden Presse konnte der 77-jährige Blocher in den Notizblock diktieren, dass er, der Dr. iur. und Unternehmer, könnte er nochmals studieren, Historiker würde. Das ist aber nicht nötig, weiss er doch auch ohne dieses Studium, wie die Vergangenheit ausgesehen hat – beziehungsweise anzusehen ist.

Nachdem der selbsternannte Amateurhistoriker dargelegt hat, wie es gewesen ist, erhalten jetzt auch Fachhistoriker das Wort und können hinterher bemerken, dass einige seiner Aussagen, wie in der Presse nachzulesen, dilettantisch, fehlerhaft, abstrus ausgefallen seien und dass er in seinen Ausführungen «geschludert» habe.

Eine nicht beanstandete «Schludrigkeit» bestand in der unzutreffenden, aber typischen Behauptung, dass der Erste Weltkrieg auch in der Schweiz «vor allem» unter Intellektuellen viel Begeisterung und Kriegslust entfacht habe. Die gleiche Stossrichtung hatte die spitze Bemerkung, wonach von «linksliberalen Professoren» verharmlosende Deutungen des Landesstreiks zu erwarten seien.

Schludrigkeiten und Ghostwriter

Man könnte aber auch zum Schluss kommen, dass die Ausführungen alles in allem erstaunlich wenig Detailfehler enthielten und der Redner enorm belesen erscheint. Er kann Autoren wie Edgar Bonjour, Werner Lüthi und Walther Hofer zitieren. Die Literaturverweise wie die «Schludrigkeiten» können aber kaum alles geistige Eigenleistungen sein, sondern müssen von Ghostwritern stammen.

Bisher hat sich die Berichterstattung wenig für die Frage interessiert, wie das «breite historische Wissen», das dem Neujahrsredner zugeschrieben wird, in die historisierenden Redetexte kommt. Das geht nicht ohne Zudiener. Der politische Unternehmer hätte nie die Zeit für eigene Vorbereitung, aber er hat stets das Geld zur Finanzierung rückwärtiger Dienste.

Von wem werden diese erbracht? Da könnten einem schon ein paar Namen einfallen. SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Redaktor Peter Keller gibt auf seiner Homepage an, 2002 bis 2008 für Blocher als Redenschreiber tätig gewesen zu sein. Dem Volkstribun müssen aber noch bessere Federn zur Verfügung gestanden haben. Die Nennung solcher Namen bliebe jedoch Spekulation, weil die direkt Beteiligten verständlicherweise kein Interesse daran haben, diese Vorarbeit zu deklarieren.

Einer, der mit Blocher nicht nur den Vornamen teilt und wie er heute nicht mehr im Nationalrat sitzt, hat in derselben «Weltwoche»-Ausgabe seinen Beitrag geleistet: Der Stäfener Christoph Mörgeli versuchte, ausgerichtet auf das Zürcher Hinterland und für das Zürcher Hinterland, den in diesem Hinterland wohnhaft gewesenen General Wille vom Vorwurf reinzuwaschen, er habe mit seinem provozierenden Militäreinsatz den Landesstreik mitzuverantworten gehabt.

Berechtigte Forderungen

Mit der nun vorliegenden, von Blocher aus rechtspolitischer Warte lancierten Themensetzung wird die soziale Dimension des Landesstreiks wenig beleuchtet. Es bleibt zwar nicht unerwähnt, dass es grossen Bevölkerungsgruppen damals nicht gut ging. Kaum bezahlbare Preise für Milch und Mieten hatten die Protestbereitschaft gewaltig erhöht. In Blochers Schilderung ist dies aber kein eigener Tatbestand, sondern nur eine Gegebenheit, die von den Revolutionären gut ausgenützt werden konnte.

Schaut man sich den Forderungskatalog des Landesstreiks an, kann man wenig Revolutionäres entdecken.

Das herrschende Elend dürfte die Sehnsucht nach Veränderung gewiss stark genährt haben. Darüber hinaus erhielt die soziale Unrast sicher auch Auftrieb durch den Jahrestag der Russischen Revolution von 1917 und die revolutionären Bewegungen im benachbarten Deutschland am Ende des Kriegs. Schaut man sich den vom Komitee des Landesstreiks zusammengestellten Forderungskatalog an, kann man aber wenig Revolutionäres und viele Reformpostulate innerhalb des gegebenen politischen Systems entdecken.

Das «Revolutionärste» war die Forderung nach sofortigen Neuwahlen der Eidgenössischen Räte. Diese war aber gerechtfertigt, war doch wenige Wochen zuvor (am 13. Oktober 1918) mit einem eindrücklichen Abstimmungssieg von 66,7 Prozent Ja-Stimmen nach zwei Jahrzehnten und im dritten Anlauf endlich das Proporzwahlrecht angenommen worden. Als gerechtere Ordnung stellte es der Linken eine parlamentarische Repräsentation gemäss ihrer tatsächlichen Stärke in Aussicht. Darum wollte man mit den Wahlen nicht gemäss dem damals geltenden Dreijahres-Turnus bis 1920 warten. Sie wurden denn auch um ein Jahr auf 1919 vorgezogen.

Kampfbereitschaft und Kriegsrhetorik gab es in den stark polarisierten Verhältnissen auf beiden Seiten.

Weitere Forderungen zielten auf die Sicherung der Lebensmittelversorgung
, die Einführung der AHV und des Frauenstimmrechts sowie die Beschränkung der Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden. Im Ansatz eher systemsprengend waren hingegen die Forderungen nach einer allgemeinen Arbeitspflicht, nach Staatsmonopolen für Importe und Exporte
 und nach «Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden». Und es handelte sich um einen politischen und nicht bloss um einen gewöhnlichen Arbeitnehmerstreik, weil es nicht nur um Arbeitsbedingungen ging.

Bei radikalen Kräften bestand in der Tat die Hoffnung, dass es über Zuspitzung der sozialen Konflikte zu einem Bürgerkrieg komme und in diesem Krieg der Kapitalismus überwunden werden könne. Kampfbereitschaft und Kriegsrhetorik gab es jedoch in den stark polarisierten Verhältnissen etwa gleichermassen auf beiden Seiten.

Das Militär schoss weiter, als der Streik vorbei war

Im zum Jahresbeginn servierten Rückblick wird die auf der Seite der Streikenden herrschende Gewaltbereitschaft stark überzeichnet. Die gewalttätigste Aktion kam vonseiten des eingesetzten Militärs: Drei flüchtende Demonstranten wurden in Grenchen von hinten erschossen – am 14. November. Der am 10. November als unbefristeter Protest ausgerufene Streik war zu der Zeit nach knapp vier Tagen bereits abgeblasen. Das bleibt im SVP-Narrativ nicht unerwähnt, die Schüsse werden aber sozusagen entschuldigend «besonders heftigen Ausschreitungen» zugeschrieben.

Christoph Mörgeli wies zutreffend darauf hin, dass mit 1968 ein Wechsel in der Beurteilung des Landesstreiks eingetreten ist. Wie jetzt das 100- hatte schon das 50-Jahr-Gedenken zu einer eingehenderen Beschäftigung mit dem Thema geführt. Damals ging es um eine längst fällige und im Geiste von «1968» leichter vorzunehmende Korrektur des Geschichtsbildes. Sie war vom Sozialdemokraten Willi Gautschi mit einer umfassenden und noch immer gültigen Studie erarbeitet worden («Der Landesstreik 1918»).

Der Landesstreik wurde fortan nicht mehr als «bolschewistischer Putschversuch» gesehen. Das lange dominante Bild von den erfolgreichen Streikunterdrückern hatte ausgedient, nun galt jenes vom aus dem herrschenden Elend geborenen Protest mit stark reformerischen Zügen. Dabei könnten allerdings die durchaus mitschwingenden Revolutionserwartungen unterbewertet worden sein.

Blochers Neujahrsrede ist ein erster Versuch, das 1968 eingerückte Bild des Landesstreiks zugunsten der älteren Deutung zurückzudrängen oder gänzlich zu beseitigen. Wie die politischen Verhältnisse unserer Zeit liegen, wird uns das Gedenkjahr 1918 noch weitere Bemühungen in dieser Richtung bescheren – und sicher auch einige publizistische Gegenaktionen.

Im November 2018 kann man dann Bilanz ziehen und feststellen, wer in diesem Fall im Kampf um die Deutungshoheit bessere Überzeugungsarbeit geleistet hat.

Mehr zum Landesstreik u. a. bei Georg Kreis: «Insel der unsicheren Geborgenheit. Die Schweiz in den Kriegsjahren 1914–1918», Zürich, NZZ-Libro, 2013 (299 S.)

Konversation

  1. Die Demokratie wird heute als hohes Heiligtum bewahrt, im Detail aber ausser Reichweite derer, die sie brauchen könnten.
    Beim Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels kam es zur Revolte ob der verheerend miesen hygienischen Zustände auf der Baustelle. Der Staat antwortete mit Schüssen.
    Auch der Landesstreik galt bei den gesetzteren Herren der Regierung wohl eher als lästiger Zwischenfall, dementsprechend wurde mit Schüssen geantwortet.
    Auch heute bei „hohen Konferenzen“, dem WEF o.ä. endet das demokratische Verständnis des Schweizer Staates erstaunlich früh. Da wird eine ganze Talschaft militärisch aufgerüstet, oder halb Basel zur Belagerungszone umfunktioniert und eine Demo zur US-Botschaft ist plötzlich auch nicht mehr möglich.
    Gut, man kann es als „Ruhe-und-Ordnung-Prinzip“ verstehen, aber gewisse Bevölkerungsteile scheinen manche demokratischen Äusserungen wohl lieber ersatzlos streichen zu wollen. So gibt es Besser-Menschen und Weniger-Gut-Menschen, letztere, wenn sie sich etwas spontaner äussern als von den andern vorgesehen ist. Man kann sich noch an die Ängste der Behörden bezüglich der AKW-Demos erinnern, wo bis heute Demokratie eher widerwillig nur zugelassen wird (und weil die Dinger halt im Betrieb zu unwirtschaftlich, zu unfallanfällig ab einem gewissen Alter und die Entsorgungskosten astronomisch sind).
    Auch bezüglich Flüchtlingen und ärmeren Mitbürgern, sprich Sozialhilfeempfängern hört eine mitmenschliche Rücksichtnahme auf die Schwächeren rasch auf, reisst ein Dorfältester sogar lieber Häuser ab, um ja nicht solche Leute bei sich im Dorf sehen zu müssen oder kürzt man bei Sozialhilfeempfängern immer wieder irgendwelche Minimalbeträge (um stattdessen den grösseren Firmen dann massive Steuererleichterungen zu gewähren).

    Ich würde mir in diesem Lande wünschen, dass jüngere Menschen mit moderneren Gedanken auch mal publiziert werden, statt nur dies alten Leute mit ihren alten Gedanken. Da ist keine Zukunft drin.
    Ob die Schweiz vielleicht auch keine hat?
    Die Zeit der schnuckeligen (aber auch betrügerischen) Kleinstaaten könnte langsam eher vorbei sein – Ausnahme Vatikan.

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    1. «Jüngere Menschen mit modernen Gedanken», Cesna?

      Schmink-Tutorials mit 16-Jährigen? Gelbe Narrenkappen auf der Edison-Birne während man dumme Witze über Tote in «Selbstmord-Wäldern» macht?

      «Die Krake Staat aufhalten, die immer mehr Geld vom Bürger abzieht« (aber die «Krake» darf vorher noch das Medizin-Studium dieser «Zukunft» finanzieren).

      Cesna: Sie sind zu alt. Sie verstehen nicht, wie die «moderne» Ich-AG funktioniert.

      Ich nehme, also bin ich (die Welt schuldet mir das).

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  2. Mein Grossvater war bis zu seinem Tod felsenfest überzeugt und stolz darauf, dass er 1918 als Rekrut mitgeholfen hat, die Schweiz vor dem Sozialismus zu retten.

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  3. Wir sollten bedenken, wie im Sommer 1914 eine beträchtliche Mehrheit des Deutschschweizer Bürgertums mit dem Deutschen Kaiserreich sympathisiert hat. Spittelers „Schweizer Standpunkt“ vom Dezember dieses Jahres mahnt gerade diese herrschende Klasse zur Neutralität!
    General Ulrich Wille verkörperte den preussischen „Korpsgeist“, seine Gefolgsleute Gertsch und vor allem Sonderegger waren Hardliner. Letzterer hat später wie der Sohn Willes mit den Nationalsozialisten geliebäugelt. Vergessen geht auch, wie der Streik der Bankangestellten Zürichs ein erstes Aufflackern des Widerstands gegen die Hungersnot und die prekären Zustände für die Arbeitnehmerschaft war. Ab 1918 war die Schweiz bis tief in die Dreissiger Jahre gespalten: Es gab Bürgerturnvereine, SATUS-TurnerInnen, Arbeitermusiken, Concordias u.v.a.m. Erst die neue Gefahr von aussen mochte die Schweiz wieder zu einen. Die Gefahr sahen zuerst die Sozialdemokraten, dann der BGB-Mann Rudolf Minger, zu spät die Bundesräte Motta (KK) und Pilet-Golaz (FDP).

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