Grossrat will Kinder vom Leistungsdruck befreien

Der Grünliberale David Wüest-Rudin will politisch gegen den Leistungsdruck an Basler Primarschulen vorgehen.

Kinder sollen Freude am Lernen kriegen, Leistungsüberprüfungen im Kindergarten und den unteren Primarschulstufen bewirkten das Gegenteil, findet David Wüest-Rudin. (Bild: Nils Fisch)

Es tut sich etwas in der Basler Bildungspolitik. Nachdem die TagesWoche über Kinder unter Dauerdruck berichtete, schaltet sich der Grossrat David Wüest-Rudin mit einem politischen Vorstoss zum Thema ein.

Nach Protesten von Lehrerverbänden und Primarlehrpersonen gibt es bereits eine Arbeitsgruppe, die die umstrittenen Lernberichte ab dem Kindergarten überdenken soll. Während das Erziehungsdepartement (ED) in dieser Arbeitsgruppe noch mit Lehrerinnen und Lehrern verhandelt, will der Grünliberale Wüest-Rudin jetzt wissen, in welche Richtung die Verhandlungen gehen.

Für Wüest-Rudin ist klar: Kinder müssen im Kindergarten in erster Linie spielen und sich in eine «spielerische Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt» begeben. So würden die Kinder am besten lernen, Lernberichte für die Kleinsten seien «unnötig, ja kontraproduktiv».

Ob das ED diese Einschätzung teile, fragt Wüest-Rudin in seiner schriftlichen Anfrage an die Regierung. Und ob das ED bereit wäre, «die Beurteilung und Fichierung von Sozialverhalten für die gesamte Schulzeit abzuschaffen».

Die Bewertung des Sozialverhaltens gehöre allenfalls in den Nachrichtendienst aber sicher nicht in die Schule, sagt Wüest-Rudin auf Anfrage. «Damit wird die Persönlichkeit eines Kindes auf die Beurteilungsebene gehoben – das ist in dieser umfassenden Form aber nicht die Aufgabe der Schule.»

Kommt schon bald der nächste Vorstoss?

Welchen konkreten Standpunkt das ED bei den Lernberichten vertritt, wollte Volksschulleiter Dieter Baur bei einer Anfrage vor vier Wochen nicht bekannt geben. Konkretes war auch von Erziehungsdirektor Conradin Cramer nicht zu erfahren, der sich in einem sehr allgemeinen Statement gegenüber der TagesWoche äusserte.

Fraglich ist also, ob die Fragen von Wüest-Rudin zum jetzigen Zeitpunkt wirklich beantwortet werden. Falls nicht, überlegt der Grossrat bereits mit einem weiteren Vorstoss ein «politisches Signal» zu setzen.

Dossier Kinder unter Druck

Schon Kindergärtler werden in Basel-Stadt auf Leistung getrimmt. Die heutige Schule stresst Kinder, Eltern und Lehrer.

Alles zum Thema (9)

Konversation

  1. Die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner haben anscheinend vergessen wer die Lernberichte (vielleicht nicht in der jetzigen Form) gewünscht hat? Haben die Pädagogen (Lehrer, Kindergärtner) vergessen das Sie sich, bevor die Lernberichte eingeführt wurden, wenig bis gar nicht zu den Entwürfen geäussert haben (Information von einer Schulleiterin)?

    Wer erzeugt eigentlich wirklich den Druck? Die Lehrer/Kindergärtner oder die Eltern? Der Unterricht hat sich seit der Einführung der Lernberichte NICHT geändert, dies wurde mir von diversen Kindergärtnerinnen und Kindergärtner und Schulleitungen bestätigt.

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  2. Kinder generell befinden sich andauernd in Entwicklungsphasen. Doch diese werden laufend gestört: Moderne Erziehungswissenschafter bringen „neue Einsichten“ unter das Volk. Die Wirtschaft stellt egoistisch ihre Forderungen an die Bildung. Sich über Kinder vergleichende Eltern sorgen für eine hyperaktive Freizeitgestaltung.
    die Hast und die andauernden Aktivitäten stören ebenso andauernd die Prozesse der Reifung. Das Kind und seine harmonische Entwicklung bleibt auf der Strecke.
    Leider ist Heinrich Pestalozzi mit seiner gleichmässigen Förderung von Kopf, Herz und Hand total out. Opfer sind die gehetzten Kinder.

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    1. Keine Kinder und offenbar auch sonst keine Ahnung, sonst würde Herr Buschweiler wissen, dass der Leistungsdruck nichts als unkreative Fehlervermeidungsmaschinen begünstigt, und das ist nicht, was unsere Wirtschaft und schon gar nicht unsere Gesellschaft braucht.

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  3. Und die späteren Arbeitgeber müssen dann mit den heutigen Schülerinnen und Schüler kuscheln, weil anscheinend Leistung nicht mehr gefragt ist. Läck, mich schaudert es über solche Entwicklungen.

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    1. Sie machen einen Denkfehler, den leider in dieser Diskussion viele machen, Herr Buschweiler: Sie setzen Leistung mit Leistungsmessung gleich (der Leiter der staatlichen Volksschulen macht das leider auch, obschon er eigentlich Fachmann sein müsste).

      Leistungsmessung vergleicht Kinder und Jugendliche miteinander, frustriert viele davon (weil alle gerne zu den Besten gehören und demotiviert werden, wenn sie im Vergleich zu den anderen schlechter abschneiden). Und Leistungsmessung verzerrt die Inhalte: Nur was einfach gemessen werden kann, wird noch als wichtig angesehen, das Wichtigste, das in der Bildung geschehen sollte, lässt sich aber meist nicht einfach so messen und vergleichen und fällt damit unter den Tisch. Noten und Kreuzchen führen zu einer Banalisierung der Schulinhalte.

      Demgegenüber kann man wirkliche Leistung fördern, wenn man aufhört, sie zu messen. Dann gibt die Lehrperson jedem einzelnen Kind oder Jugendlichen Rückmeldungen, was seine Leistung angeht, ohne sie mit den Leistungen der anderen zu vergleichen. Die Lehrpersonen können so alle motivieren und fördern, jeden auf seiner Stufe. Und vor allem kann dann von wirklicher Leistung gesprochen werden, da kann ein Schüler oder eine Schülerin auch etwas Originelles leisten, etwas Besonderes, und ist nicht darauf fixiert, genau das zu liefern, was dann gemessen und mit Pünktchen versehen wird.

      Wenn Sie von Berufslehren sprechen, dann zeigt gerade die SOL – Schule für Offenes Lernen (die neun Jahre lang keine Noten und keine Kreuzchen und keine Smilies und keine Gewichtheber verteilt), dass ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler im Berufsleben, gerade in Lehren, sehr beliebt sind, eben weil sie gewohnt sind, das Wesentliche zu erkennen, statt immer nur auf den eigenen Vorteil zu schielen, wie es diejenigen tun, die in der Schule gelernt haben, dass es nur auf Punkte und Noten ankommt, auf welchen Wegen auch immer sie zu diesen gekommen sind.

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    2. Herr Bonjour, ich vermute eher, dass die Lernberichte aus der Industrie kommen. Quasi als Kindervariante des Mitarbeitergesprächs mit Zielvereinbarung. Ist so eine Modeerscheinung, die auch bei Mitarbeitern nicht unbedingt motivierend wirkt, aber schliesslich geht es um die Normalverteilung um die Glockenkurve (es muss immer Schlechte und Gute Schüler geben, sonst stimmt die Kurve nicht).

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