Nachts ruft Selma Emir aus dem Krieg zurück nach Hause

Emir Pitarević* hat Srebrenica knapp überlebt. Vor Ort operierte und verarztete er Verwundete. Nach der Flucht in die Schweiz wagte er drei Jahre nach Kriegsende mit seiner Familie einen Neuanfang in der bosnischen Heimat.

FILE In this Monday March 29, 1993 file photo evacuees from the besieged Muslim enclave of Srebrenica, packed on a truck en route to Tuzla, pass through Tojsici, 56 miles north of Sarajevo. More than 2,300 evacuees left Srebrenica on U.N. trucks for Tuzla. The indictment against Ratko Mladic, who went on trial Wednesday May 16, 2012 at the U.N. war crimes tribunal in the Hague, Netherlands, holds the former Bosnian Serb army commander "individually criminally responsible for planning, instigating, ordering and/or aiding and abetting the crimes charged in this indictment." Mladic is charged with 11 counts of genocide, crimes against humanity and violations of the laws and customs of war. Between July 1995 and November 1995, Mladic participated in the �elimination� of the Bosnian Muslims in the eastern enclave of Srebrenica by killing the men and boys, and forcibly removing the women, young children and some elderly men. Some 7,000 people were killed which is the worst carnage in Europe since World War II.(AP Photo/Michel Euler)

(Bild: MICHEL EULER)

Emir Pitarević* hat Srebrenica knapp überlebt. Vor Ort operierte und verarztete er Verwundete. Nach der Flucht in die Schweiz wagte er drei Jahre nach Kriegsende mit seiner Familie einen Neuanfang in der bosnischen Heimat.

Blick über Sarajevo. Unweit der Hauptstadt haben die Pitarevićs nach dem Krieg einen bosnischen Neuanfang gewagt.

Blick über Sarajevo. Unweit der Hauptstadt haben die Pitarevićs nach dem Krieg einen bosnischen Neuanfang gewagt. (Bild: Simone Krüsi)

Nur etwa 20 Autominuten von Sarajevo entfernt, aber doch bereits ländlich und ruhig gelegen, haben die Pitarevićs* ein neues Leben begonnen. Mutter Selma, Vater Emir und ihre beiden Söhne Denis und Haris, der eine mit Frau und Kind, der andere noch ledig. Die wenigen Häuser rundherum gehören fast ausschliesslich Verwandten, dem Bruder, der Cousine, dem Schwager. Sie alle stammen aus Ostbosnien, aus der Gegend von Srebrenica, sie alle konnten damals vor dem Massaker fliehen.

Schon publiziert und doch noch immer lesenswert: Während der Feiertage bis ins neue Jahr publiziert die TagesWche herausragende Artikel mit dem Vermerk «Best of 2015» nochmals. Wir wünschen gute Unterhaltung.

 

In der neuen Heimat unweit der Hauptstadt lebten vor dem Krieg bosnische Serben, heute wohnt noch ein bosnischer Serbe in der Nachbarschaft, man pflegt ein freundschaftliches Verhältnis. Ansonsten sind alle Nachbarn Bosniaken, Muslime.

Eigentlich wollen die Pitarevićs gar nicht über Ethnien reden – trotz allem, was passiert ist, scheint es Wichtigeres zu geben als die Frage, wer woran glaubt und wer sich wo dazuzählt. Und wenn es doch einmal zu interethnischen Spannungen kommt, dann ist meist die Politika, dann sind die ethnonationalen Parteien schuld, die gerne und gezielt Ängste schüren, um so ihre eigene Vormachtstellung zu sichern – glaubt Vater Emir, glauben viele Bosnier.

Ein «Stöckli» in Bosnien

Die Pitarevićs bauen gerade an ihrem Heim. Seit sie 1998 nach der Rückkehr aus dem Schweizer Exil den ersten Stein gelegt haben, bauen sie um oder an. Wann immer etwas Geld da ist, wird es investiert – in bessere Fenster, in ein zweites Bad, in ein neues Zimmer. Als Sohn Denis vor einigen Jahren heiratete und seine Frau ein Kind erwartete, wurde kurzerhand die Garage zu einer kleinen Wohnung umfunktioniert. Und derzeit entsteht neben dem Ursprungshaus das «Stöckli», wie Mutter Selma lachend erzählt. Dorthin werden die Eltern einst ziehen, damit auch der andere Sohn Platz für eine Familie hat.

Selma ist heute 48 Jahre alt. Sie wirkt frisch, hat rote Wangen, lebendige Augen und eine herzliche Stimme. Rund ums Haus gedeiht ihre «Bauerei». Die Erdbeeren sind bereits rot und reif, die unzähligen Himbeeren werden es bald sein. Die winzigen Äpfel haben den Sommer noch vor sich. Am Hang wachsen einige Quadratmeter Mais, weiter unten liegt ein kleines Kartoffelfeld, daneben verschiedene Gemüsebeete. Auch der Nussbaum hinter dem Haus trägt Früchte – er ist aus einer Baumnuss entstanden, die Selma aus der Schweiz mitbrachte. 1998 war hier Brachland, die Familie startete auf Feld eins. Gewachsen ist mit dem üppigen Garten auch ein neues Zuhause.

Vom Krieg sind kaum noch Spuren zu sehen. Doch über der ländlichen Idylle schwebt eine stille Angst. «Auch wenn wir nun schon fast seit 20 Jahren hier leben, trage ich immer noch die Furcht in mir, dass irgendwann einmal irgendjemand kommt und uns vertreibt. Und wir wieder von vorn beginnen müssen», sagt Vater Emir. Der 52-Jährige wirkt ruhig und gefasst. Sein Blick ist ernst, aber warm und gutmütig. Seine Angst ist 23 Jahre alt.




Es ist Anfang 1992. Die Familie Pitarević wohnt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Srebrenica – nennen wir es Domovina, Heimat. Der eine Sohn ist gerade einmal sechs Monate alt, der andere fünf Jahre. Emir arbeitet als Krankenpfleger im Spital der benachbarten Kleinstadt. In Kroatien herrscht Krieg und auch in Bosnien liegt er in der Luft. Im Frühjahr vergräbt Emir Medikamente und Verbandsmaterial im Garten, für den Ernstfall. Nur wenige Wochen später bricht der Krieg aus. Zu Beginn herrscht Chaos. Frontlinien gibt es keine, Angriffe überall. Die Familie flieht in den Wald, muss alles zurücklassen, das Haus wird völlig zerstört. Eine Welt löst sich auf, über Nacht.

Als die Kampfzonen deutlich werden, findet die Familie Unterschlupf im leer stehenden Haus eines Verwandten. Domovina und die umliegenden Dörfer sind eingeschlossen. «Immerhin mussten wir jetzt keinen direkten Kontakt mit Streitkräften mehr fürchten. Nur vor Granaten und Scharfschützen mussten wir uns weiterhin in Acht nehmen», erinnert sich Mutter Selma. «Wenn der Beschuss losging, rannten wir aus dem Haus, um uns irgendwo zu verstecken, denn einen Schutzkeller gab es nicht. Wir trauten uns in dieser Zeit kaum richtig zu duschen, mussten immer bereit sein, sofort nach draussen zu gehen.»

1993 brachte ein UN-Konvoi Selma mit ihren Kindern von Srebrenica nach Tuzla, von hier aus flohen sie 1995 weiter in die Schweiz. In der drittgrössten Stadt Bosniens leben die verschiedenen Ethnien Bosniens seit jeher friedlich zusammen – auch während des Krieges.

Es ist Juli 1995. Emir ist noch immer in Srebrenica. Der Kontakt mit Selma läuft auch in der Schweiz übers Rote Kreuz. Unter den Bosniern, die sich bereits in der Schweiz befinden, werden eifrig Nachrichten und neueste Informationen ausgetauscht. In Srebrenica spitzt sich die Lage zu. Trotz offiziellem Status einer UN-Schutzzone rücken die bosnisch-serbischen Truppen näher.

Am 11. Juli formiert sich eine Gruppe von etwa 10’000 bis 15’000 Menschen, die aus der bedrohten Schutzzone fliehen wollen. Die Kolonne ist etwa 15 Kilometer lang, an der Spitze und am Schluss mischen sich Einheiten der bosniakischen Armee dazu. Auch Emir, sein Bruder und sein Schwager befinden sich in der Kolonne. Sie alle hoffen, zu Fuss über den Put Spasa, den Rettungsweg, nach Tuzla zu entkommen.



Two Serbian policemen guard a group of Bosnian Muslim men from the Srebrenica enclave that have crossed into Yugoslavia from Bosnia in the Serb town of Uzice,some 250km (155 miles) south of Belgrade Saturday Aug. 5.1995. Several hundred Bosnian Muslim men crossed the Drina river which divides Yugoslavia and Bosnia.(AP PHOTO)

Selbst wer es aus der Enklave Srebrenica raus schaffte, kam nicht immer in die Freiheit: Diese Bosniaken aus Srebrenica passierten die Drina nach Serbien und kamen in serbische Gefangenschaft, das Archivfoto stammt vom 5. August 1995. (Bild: ANONYMOUS)

«Irgendwann war uns klar: Wenn wir bleiben, werden wir das nicht überleben», sagt Emir. Bereits am zweiten Tag aber wird der Treck getrennt: Bei Nova Kasaba kommt es zu einem Artillerie-Angriff durch feindliche Truppen. Nur das erste Drittel kann sich in den Wald retten. Der restliche Teil des Trecks bleibt zurück, wird teilweise gefangen genommen, deportiert und hingerichtet. Wieder andere kommen erst Monate später in Tuzla an.

Eine schier endlose Tafel mit den Opfernamen stellt den Mittelpunkt des Gedenkfriedhofs von Potočari nahe Srebrenica dar.

Erst im Jahr 2014 traut sich die Familie zum ersten Mal wieder nach Domovina. 21 Jahre sind vergangen, seit sie von hier geflohen sind. Von ihrem Haus ist nichts mehr zu sehen. Alles ist verwuchert und zugewachsen. Der Baum, hinter dem sich die Familie zu Beginn des Krieges vor Scharfschützen in Sicherheit brachte, ist nur noch ein Strunk. Beim Graben in der Erde findet Selma ein paar Kacheln aus dem Badezimmer. Links und rechts vom Grundstück sind neue Strassen entstanden. Äusserlich hat sich vieles verändert. «Das Gefühl in mir drin jedoch ist immer dasselbe, wenn ich hier bin», sagt Sohn Denis, als er in Domovina aus dem Auto steigt. «Es ist das Gefühl von Kindheit, von Heimat.»

Wie kann man mit Krieg, mit der Erinnerung umgehen? Wie kann man mit all diesen Bildern weiterleben? Noch heute muss Selma ihren Mann oft wecken, wenn er nachts schreit. Wenn er träumt davon, was einst real war. Sie haben ihr eigenes Ritual. Mit ansteigender Stimme, nicht zu laut, ruft sie ihn wach, holt Emir zurück aus dem Krieg nach Hause.

Noch heute muss Selma ihren Mann oft wecken, wenn er nachts schreit. Wenn er träumt von dem, was einst real war.

Und was gibt man den Kindern weiter? Der jüngste Pitarević, der vierjährige Sohn von Denis und seiner Frau Lejla, soll wissen, was passiert ist, das ist den Eltern wichtig. Aber dennoch wolle sie auch versuchen, den Kreis zu durchbrechen, sagt die Mutter. «Ich rede in seiner Gegenwart nie schlecht über die Serben. Sonst erzählt er das einst seinen eigenen Kindern weiter und so wird sich nie etwas ändern. Und im schlimmsten Fall wiederholen sich gewisse Dinge irgendwann. Ein gemeinsames Leben muss möglich sein.»

Erzählen, was war, aber den Kreislauf irgendwann auch durchbrechen: Denis und Lejla mit ihrem Sohn.

Erzählen, was war, aber den Kreislauf irgendwann auch durchbrechen: Denis und Lejla mit ihrem Sohn.

Die Familie hat das Gestrüpp in Domovina zurückgeschnitten und den Platz freigeräumt. Heute steht auf dem Grundstück ein Wohnwagen, es gibt einen kleinen Vorplatz, ein kleines Waschbecken. «Unser Wochenendhaus», sagt Emir lachend und Selma ergänzt: «Jetzt sind wir wieder froh.» Dauerhaft leben könnten sie hier nicht. Aber ab und zu kommen die Pitarevićs her, verbringen ein paar Stunden in ihrer Urheimat, grillieren vielleicht, geniessen die warme bosnische Sonne, die auf ihr mobiles Zuhause scheint – mit dem sie jederzeit davonfahren könnten.




Leben können und wollen die Pitarevićs hier nicht mehr, aber manchmal atmen sie gerne die Luft des alten Zuhauses. (Bild: Simone Krüsi)


 

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*Alle Namen geändert (zurück zum Text).

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Konversation

  1. Die Menschheit ist so was von scheinheilig. Sie schaut zu, wie in regelmässigen Abständen Massaker an unschuldigen Menschen stattfinden. Um die Toten dann nach Jahren die aus den Massengräber zu buddeln um sie anständig zu begraben.

    99% der Verantwortlichen und der Mörder an diesen Menschen werden nie zur Verantwortung gezogen und leben in Freiheit weiterhin unter uns. Eine Schande!

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