Objektive Aufarbeitung eines emotionalen Themas: Studie über Klybeck-Aktivisten veröffentlicht

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde ein Teil des ehemaligen Migrol-Areals am Basler Hafen polizeilich geräumt. Es war der Höhepunkt einer urbanen Widerstandsbewegung, die von Soziologen der Universität Basel und FHNW kritisch begleitet und analysiert wurde. Die Ergebnisse liegen nun in Form einer Studie vor.

Friedliches Nebeneinander oder schwelender Konflikt? Eine Studie der Uni Basel geht den Ansprüchen und Auseinandersetzungen im Basler Hafenareal auf den Grund.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde ein Teil des ehemaligen Migrol-Areals am Basler Hafen polizeilich geräumt. Es war der Höhepunkt einer urbanen Widerstandsbewegung, die von Soziologen der Universität Basel und FHNW kritisch begleitet und analysiert wurde. Die Ergebnisse liegen nun in Form einer Studie vor.

Es gibt diese Zone in der Topografie Basel-Stadts, die einem roten Tuch gleicht. Daran zerren zwar diverse Parteien. Verantwortung übernehmen will aber dennoch niemand. Die Rede ist natürlich vom Basler Klybeckareal, das in den vergangenen Jahren unzählige Male die Titelseiten der Medien besetzte – und nun erstmals das Cover eines Buches ziert.

Es handelt sich dabei um eine Studie der Universität Basel und dem Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW mit dem Titel: «Urbane Widerständigkeit am Beispiel des Basler Rheinhafen-Areals». Sechs Autorinnen und Autoren unter der Schirmherrschaft des Soziologen Ueli Mäder tragen darin verschiedene Aspekte zusammen, die in ihrer Gesamtheit den Problemfall «Rheinhafen» bilden.

Damit werden die Auseinandersetzungen um den Stadtteil erstmals zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Länger als ein  Jahr haben sich die Verantwortlichen mit allen beteiligten Parteien auseinandergesetzt und über die teilnehmende Beobachtung bis zur quantitativen Umfrage keine Methode ausgelassen, um messbare Resultate zu erzielen.

Neue Erkenntnisse erst auf den zweiten Blick

Herausgekommen ist eine Studie, deren Erkenntnisgewinn nur wenig über das bisher Bekannte hinausreicht. Stück für Stück werden die Proteste nachvollzogen, die durch die Präsentation eines Stadtteils «New Basel» 2011 ihren Lauf nahmen und mit der Räumung eines Teils des besetzten Brache im Juli 2014 zu einem Höhepunkt kamen.

Bei genauerer Betrachtungsweise vermag die Studie den Ereignissen aber durchaus eine neue Dimension zu verleihen, indem sie den urbanen Widerstand auf raumsoziologische Theorien abstützt. Namentlich der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre (1901–1991) und der 2003 verstorbene Basler Soziologe Lucius Burckhardt bilden dafür die Grundlage, beide haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Raumkonzepten für Aufruhr gesorgt.

Freiräume enstehen nicht am Reissbrett der Stadtplanung

Lebendige Städte, so die Prämissen, benötigen Freiräume. Freiräume, deren Koordinaten nicht am Reissbrett der Stadtplaner, sondern durch die spontane Aktion der Bevölkerung bestimmt werden. Und diese Aktion, so Lefebvre, kommt durch die Wahrnehmung zweier Rechte zustande: das «Recht auf Stadt» und das «Recht auf Differenz».

In der Verfassung sucht man nach beiden Rechten vergebens. Beide Rechte wurden aber von der Bevölkerung der Quartiere Klybeck und Kleinhüningen und insbesondere von den Aktivisten rund um den Wagenplatz mit Vehemenz eingefordert, wie die Studie zeigt.

Das Recht auf Stadt beschreibt die Aneignung des urbanen Raumes durch die Bewohner.

Das Recht auf Stadt beschreibt das Verlangen nach Mitbestimmung und Aneignung des urbanen Raumes durch die Bewohnerinnen und Bewohner der Quartiere. Die Entscheidungen und Organisationsvorgänge werden vom Staat weg zu den Menschen und damit in den lokalen Kontext verschoben. Die Menschen bestimmen selbst über den Gebrauchswert ihres Lebensraumes – und entziehen ihn damit dem Besitzanspruch des Staats, der mit seinen Kapitalinteressen vornehmlich den Tauschwert sieht.

Ein Tauschwert, der sich beispielsweise in Form von schicken Bürogebäuden, Hotels und Luxuswohnungen, kurz: dem Projekt Rheinhattan manifestiert. Die Interessengruppe «Klybeckinsel» kämpft dagegen und schreibt sich einen Ausspruch Burckhardts auf die Fahne: «Wir selber bauen unsere Stadt.»

Die Wagenleute beanspruchen ein Recht auf Differenz

Teil der IG Klybeckinsel sind auch die Bewohner des Wagenplatzes, die im Frühjahr 2013 nach einer «unsäglichen Odyssee» (O-Ton Studie) am Hafenareal «gestrandet» waren. Sie gehen einen Schritt weiter, indem sie am Diskurs um die Hafeninsel nicht mit Gegen- oder Alternativprojekten (Rheinhatten versenken, Vogelinsel) partizipieren, sondern physisch Stadtraum besetzen und ihn sich damit gewissermassen aneignen.

Sie beanspruchten ein Recht auf Differenz, ein Leben frei von Einordnungen in Kategorien, die ihnen durch die Gesellschaft oder dem Staat aufgezwungen werden.

Die Reaktion ist bekannt: Die Stadt tolerierte einen Teilaustritt aus der Normalität, bis durch die Erweiterung um «Uferlos» und «Hafenscharte» zu viel Freiraum in Anspruch genommen wurde. Das Experiment wurde beendet, oder: Das Recht auf Differenz wurde rückgebaut.

Objektive Darstellung als Antrieb zur weiteren Auseinandersetzung

Die Studie erschöpft sich allerdings nicht darin, die Deckungsgleichheit der Raum- und Widerstandstheorien mit den Handlungen der Aktivisten aufzuzeigen. Sie enthält überdies eine ganze Reihe von Interviews mit Interessenvertretern aller Parteien und statistischem Material zur Wahrnehmung der Hafen-Stadt. Den urbanen Widerstand rund um das Basler Hafenareal beschreibt sie nicht einfach als Blockade, sondern vielmehr als «soziale Bewegung und damit als Beteiligung an der Diskussion um gesellschaftliche Entwicklung».

Mit ihrer Studie wollen die Autorinnen und Autoren keine Handlungsanleitung liefern, sondern lediglich die «Sichtweisen der verschiedenen Player objektiv darstellen», heisst es in der Zusammenfassung. Aber vielleicht ist es genau diese Objektivität, die in den Diskussionen rund um das Rheinhafen Areal bisher zu kurz kam und die dem weiteren Verlauf der Dinge Auftrieb geben kann.

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Die Studie ist im Seminar für Soziologie (Petersgraben 27, Basel) zum Selbstkostenpreis von 15 Franken erhältlich. Die Autorinnen und Autoren der Studie sind: Reto Bürgin, Aline Schoch, Peter Sutter, Hector Schmassmann, Petra Huser, Nina Schweizer, Ueli Mäder. Der Beschreibungstext auf dem Buchrücken:

(Bild: Screenshot Studie «Urbane Widerständigkeit»)

Konversation

  1. Bilden sie sich Ihre eigene Meinung!

    Die WG Klybeck hat alle ihr zur Verfügung stehenden Dokumente zur Baueingabe der „Messe Basel Nord“ (aka Kulturhallen BACH im Holzpark) aufs Internet gestellt unter

    http://www.klybeckinsel.ch/die-wg-klybeck-rekurriert-gegen-die-baubewilligung-fuer-den-holzpark/

    Darunter auch den sehenswerten Plan mit dem aktuellen Stand des Projekts, auf dem ersichtlich ist, dass so gut wie keine Freiräume oder –flächen übrigbleiben:

    http://www.klybeckinsel.ch/cms2012/wp-content/uploads/2015/06/20150529_Baupublikation_mit_Wagenplatz.jpg

    Martin Brändle
    Klybeckstr. 245
    4057 Basel
    061 631 21 94

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  2. Nichts verletzt einen Sozialromantiker mehr wie die Zerstörung seiner Mythen durch eine wissenschaftliche Beschreibung.

    „Mythen“: Ganz pseudowissenschaftlich hätte ich auch „Narrative“ schreiben können…

    Fast hätte ich geschrieben: „Nichts verletzt einen LINKEN Sozialromantiker mehr…“ – aber nicht doch! Denn bei der Verteidigung ihrer Mythen/Narrative gleichen sich linke Sozialromantiker und agrarische Rechtspopulisten auf’s Haar.

    „Irritierend bei dieser Studie ist das hohe Tempo und die Unmittelbarkeit mit welcher die Soziologen…“ feststellen, dass auch die Märchenprinzessin beim Scheissen stinkt…

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  3. Ach ja?

    Aus Ihrem „kurzen“ Exposee:

    „Das ist zwar interessant und verschafft auch den Aussenstehenden einen Innenblick, gleichzeitig fixiert die Dokumentation eine Bewegung und einen Prozess und friert das Geschehen, quasi zu einem Zeitpunkt X als Tiefkühlprojekt ein.“

    Eine Bewegung und ein Prozess, der sich allein durch eine Dokumentation zu einem Tiefkühlprojekt einfrieren lässt, muss wohl eine äusserst schwache Bewegung und ein äusserst schwacher Prozess sein.

    „…die Protagonisten sind verknurrt reflektierend zurückzublicken (…) und werden damit ihrer Zukunft beraubt.“

    Soso, Protagonisten kann man durch eine Studie „ihrer Zukunft berauben“… Also siegt doch die Feder über das Schwert?

    Wer mit solch schwachen Behauptungen eine Studie „verunglimpft“, den verglimpfe ich doch mit Freude…

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  4. @Roland Bauer

    Verunglimpfungen & Unterstellungen scheinen ihre Spezialität zu sein. Im Nebenfach sind Sie offensichtlich auch ein Stalking-Fachmann.
    Oder haben Sie auch Eigenständiges zu bieten?
    Sei’s drum.

    Wäre ich ein Sozialromantiker, wäre ich ein Träumer und hätte bis anhin nichts Relevantes zustande bekommen. Es gibt aber durchaus handfeste Projekte, an welchen ich namhaft beteiligt gewesen war: Kulturwerkstatt Kaserne/Kaserne Basel, Theater- und Aktionshaus Stückfärberei, Programmzeitung, Theaterhaus Gessnerallee, Theater Roxy und last but not least das Kurhaus Bergün (http://www.kurhausberguen.ch). Als Pragmatiker & Macher weiss ich, wie man Projekte aufgleist, sie realisiert, konsolidiert und nachhaltig & langfristig ausrichtet.

    Mein kurzes Exposee will darauf hinweisen, dass sich um den Patienten «Freiraum» viele Menschen (durchaus ehrenhaft & ernsthaft) gekümmert und sich bemüht haben, dass das soziale Experiment in die Gänge kommt. Auch wissenschaftlich ist die Sache jetzt aufgearbeitet worden. Trotzdem muss ich feststellen, dass das Freiraumprojekt à la mode du chef offensichtlich nicht die Kurve kriegt.

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  5. Ich schätze die Arbeiten des Instituts für Sozialplanung und Stadtentwicklung um den Soziologen Ueli Mäder sehr. Das Buch «Raum und Macht» habe ich mit grossem Interesse gelesen. Daselbst wurden in drei Kapiteln die Klybeck-Thematik bereits umkreist. Irritierend bei dieser Studie ist das hohe Tempo und die Unmittelbarkeit mit welcher die Soziologen auf die Phänomene rund um die Freiraumprojekte, die Aktivitäten der Wagenleute und der Klybeck-Aktivisten reagieren. Sie dokumentieren Zeitgeschehen während und kurz nach dem Entstehen. Das ist zwar interessant und verschafft auch den Aussenstehenden einen Innenblick, gleichzeitig fixiert die Dokumentation eine Bewegung und einen Prozess und friert das Geschehen, quasi zu einem Zeitpunkt X als Tiefkühlprojekt ein. Die Studie zwingt den Prozess zum dokumentarischen Stillstand und wir lesen den Bericht als Zeugnis aus der Vergangenheit. Das Leben im Freiraum an der Uferstrasse hat stattgefunden. Die Studie dokumentiert was geschehen ist und die Protagonisten sind verknurrt reflektierend zurückzublicken. Damit ist das Projekt für die LeserIn bereits passé. Die Wagenleute und ihre Aktivitäten sind als soziologisches Phänomen abgehackt und werden damit ihrer Zukunft beraubt. Es ist vorbei!

    Ähnlich haben damals, beim Zusammenstoss der Aktivisten mit der Polizei, die Medien reagiert. Man war unmittelbar und hart am Geschehen, war Teil der Aktivitäten und hat live über den Putschversuch berichtet, so, dass wir LeserInnen von aussen kaum mehr unterscheiden konnten, was ist die Bewegung & das Ansinnen der Aktivisten und wo fängt die Inszenierung an. Eine Inszenierung, welche die Realität auf den Kopf gestellt hat. Polizei, Politik, Medien, Sympathisanten, Vermittler und Aktivisten waren Teil des Rummels und haben eine Dramaturgie in Gang gehalten, welche nur noch am Rande Teil der Intentionen der Wagenleute darzustellen vermochte. Wo steht die Realität? Wo fängt die Inszenierung an? Simulieren wir Gesellschaft oder sind die Turbulenzen Teil dieser Gesellschaft? Wo fängt die Abbildung an? Und wo die Fiktion?

    Ein analoges Zerrbild entsteht beim Versuch der organisierten und mit Konzepten aller Art unterlegten Freiraum-Planung. Ein Anachronismus. Wer kann den Freiraum in Worte & Zahlen fassen bevor der Freiraum entstehen und das Leben sich entfalten konnte? Behördlicherseits müssen (aus Panik vor offener Anarchie) die Protagonisten ihre Spontanität planen und adäquat inszenieren. Sie müssen die Zukunft vorausdenken und in Worte und Versprechen fassen. Die Zukunft hat deshalb bereits in der planerischen Vergangenheit stattgefunden. Der Rest ist das lieblose Abwickeln von Planungschritten, unter Einhaltung von tausend Vorgaben und vorgegeben Parametern. Das Projekt ist tot, es lebe die Zukunft!
    Die Shiftmode-Leute versuchen den Zirkelschluss. Seit über einem Jahr rennen sie den Anforderungen hinterher und werden diesbezüglich von allen Ämtern & ihren Geldgebern auf Trab gehalten. Es wird nichts werden, weil der geplante Freiraum ein Quatsch ist und definitiv unplanbar bleibt. Die Wagenleute sind weitergekommen, aber in der Zwischenzeit isoliert und stehen in der Ecke, sämtlicher Entwicklungsmöglichkeiten beraubt.

    Im trauten Heim können wir, die AktivistInnen a.D., in Ruhe und bei einem Glas Whisky nachlesen, was die Soziologen der Universität Basel zum Freiraum-Phänomen herausgefunden haben und die Geschehnisse nostalgisch-verbrämt mit unseren Erfahrungen in der Stadtgärtnerei, beim Schlotterbeck, auf dem Bell-Areal, im Werkraum Warteck PP. oder im Theater- und Aktionshaus Stückfärberei, usw. vergleichen. Wir waren alle mal Teil einer «sozialen Bewegung»….Sind wir froh, dass die Studie explizit keine Handlungsanleitung liefert, sonst müssten wir zu guter Letzt nochmals in die Hosen steigen….

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