Profitieren, abkassieren, protegieren

Ein wegen Veruntreuung Verurteilter darf seinen Spitzenposten behalten. Lukrative Aufträge gehen an den Mann einer Messeleiterin, Aussteller werden geschröpft. Die Regierung schaut zu.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Ein wegen Veruntreuung Verurteilter darf seinen Spitzenposten behalten. Lukrative Aufträge gehen an den Mann einer Messeleiterin, Aussteller werden geschröpft. Die Regierung schaut zu.

Die Absage kam prompt. «Leider können wir Sie nicht in Halle 1 unterbringen», antwortete der Verkaufsleiter der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld einem Aussteller. Halle 1, das ist das Flaggschiff der Messe. Die Absage kam, weil der Uhrenfabrikant einen folgenschweren Fehler begangen hatte: Er verzichtete darauf, an der Messe Werbung für gegen hunderttausend Franken zu schalten.

Die Masche hat System. Keiner der von der TagesWoche kontaktierten zahlreichen Uhrenhersteller wollte bei der Messe ein solch teures Werbepaket buchen, denn die Messewerbung gilt in der Branche als hinausgeschleudertes Geld. Doch wer in die Halle 1 will, hat keine Wahl: Wer sich weigert, wird mit einem schlechteren Platz abgestraft, wie auch jener Schweizer Uhrenfabrikant, der bei der Messe nachfragte, wie es seine direkte Konkurrenten in die begehrte Halle 1 geschafft hätten, er aber nicht. Die Antwort: Seine Konkurrenz investiere halt mehr.

Der Fabrikant verstand den Wink. Jetzt schluckt er wie alle anderen die Zuschläge für Werbung über mehrere Zehntausend Franken. Dafür darf er seine Ware jetzt auch in Halle 1 präsentieren. Als Eintrittsgeld wird dafür allein schon ein Eintrag im sogenannten Brand Book für 15 000 Franken fällig. 15 000 Franken pro Marke, versteht sich. Daran haben kleinere und mittlere Hersteller, die oft mehrere Markennamen produzieren, schwer zu beissen. Doch nicht an der Baselworld teilzunehmen, können sie sich noch weniger leisten. Viele machen hier 60 bis 80 Prozent ihres Jahresumsatzes. Damit ist die Messe für viele Uhrenfabrikanten wichtiger als das Weihnachtsgeschäft für Spielwarenläden.

Christian Jecker, Pressesprecher der MCH Group, bestreitet, dass an der Baselworld nur einen guten Platz bekommt, wer Werbepakete kaufe. Entscheidend sei vielmehr die Marktposition der ausstellenden Firmen. Konkret bedeute dies, dass in die Halle 1 die weltweit relevanten Uhren- und Schmuckunternehmen kämen, in Halle 2 die Marken, die in mehreren Ländern tätig seien. Diese Unterteilung bedinge allerdings auch unterschiedliche Werbemassnahmen.

Preisaufschlag von mehr als 300 Prozent

Doch mit den Werbepaketen ist die Messe noch lange nicht satt. Offiziell schlägt die Baselworld nächstes Jahr für die Aussteller um zwanzig Prozent auf. Tatsächlich aber gilt dieser Preisaufschlag nur für die gemietete Standfläche. Zu dieser eigentlichen Grundgebühr kommen noch allerlei weitere Zuschläge. Und dort sind die Aufschläge noch happiger: So verdoppelt sich etwa der Zuschlag für einen Stand in der «Hall of Dreams» auf neu 200 Franken pro Quadratmeter, zusätzlich, versteht sich. Selbst die Decke in dieser Halle kostet extra. Die Messe stellt dafür neu 82 Franken pro Quadratmeter in Rechnung, ein Aufschlag von über 300 Prozent. Dazu kommen weitere Posten, etwa 15 Franken pro Quadratmeter allein für die obligatorische Reinigung. Und neu dürfen die Aussteller nicht einmal mehr selbst ihr Material von der Laderampe zu ihrem Standplatz transportieren. Auch hier kassiert die Veranstalterin exklusiv. Der Wettbewerb spielt nicht.

Die Messe erklärt, dies sei «aus Gründen der Sicherheit und Logistik» nötig, und die Reinigung sei deshalb so teuer, weil der Aufwand dafür an der Baselworld «aussergewöhnlich gross» sei – insbesondere aus Sicherheitsgründen. So werde zum Beispiel das gesamte Reinigungspersonal einer speziellen Überprüfung unterzogen oder jeder Abfallsack einzeln registriert.

Die Preiserhöhungen seien mit den Ausstellern besprochen. Zudem hätten die beiden Basel 90 Millionen Franken in den 430 Millionen Franken teuren Neubau investiert. «Wäre es angesichts der in das Projekt fliessenden Steuergelder richtig, wenn die davon profitierenden Aussteller nichts dazu beitragen müssten?», schreibt die Messe in ihrer Stellungnahme.

Die hohen Zusatzkosten sind längst nicht die einzige Ungereimtheit hinter der glitzernden Kulisse der Baselworld und der MCH Group. Diese veranstaltet in Basel neben der Uhren- und Schmuckmesse auch die Muba, die Art oder die Swissbau. Auffallend häufig beauftragt die Messe das Architekturbüro Dany Waldner. Dieses Büro entwarf nicht nur diverse neue Konzepte für die Swissbau, sondern auch neue Design­konzepte für die Baselworld und übernahm gar das Projektmanagement des 430 Millionen Franken teuren Neubaus der Star-Architekten Herzog & de Meuron. Das ist vor allem deshalb brisant, weil Architekt und Inhaber Dany Waldner und die Leiterin der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, Sylvie Ritter, privat ein Paar sind.

«Solche Informationen sind nicht öffentlich»

Die Messe will nicht verraten, in welchem Umfang das Büro Waldner insgesamt Aufträge ausführen durfte. Auf die Anfrage der TagesWoche nach einer Liste mit Bauprojekten der letzten Jahre antwortete Messesprecher Jecker: «Solche Informationen sind nicht öffentlich.» Waldner habe als Mitarbeiter der Messe Basel mehrere Jahre Bauprojekte betreut, bevor er sich Ende der 1990er-Jahre selbstständig gemacht habe. Seither erhalte er von der Messe Aufträge. Er sei ein ausgewiesener Spezialist im Bau-Management im Messewesen. «Die viel später entstandene Beziehung zwischen Sylvie Ritter und Dany Waldner hat damit nichts zu tun und soll eine weitere Zusammenarbeit nicht verunmöglichen.»

Die MCH Group gehört knapp zur Hälfte der Bevölkerung respektive den Steuerzahlern: Hauptak­tionär ist der Kanton Basel-Stadt mit einem Aktienanteil von 33,5 Prozent. Knapp acht Prozent gehören dem Kanton Baselland. Auch die Stadt und der Kanton Zürich sind Miteigentümer. Insgesamt beträgt der Anteil der öffentlichen Hand 49 Prozent. Und das fehlende eine Prozent zur Hälfte ist entscheidend. Wäre die MCH Group nämlich zur Hälfte im Staatsbesitz, dann müsste sie grössere Aufträge wie der Staat öffentlich ausschreiben. Das verlangt das Submissionsgesetz. Eine Vergabe unter der Hand wäre damit nicht mehr möglich.

Regierungsräte greifen nicht ein

So aber kann die Messe nach ihrem Gusto entscheiden. Im Verwaltungsrat sitzen zwar mit der Finanzdirektorin Eva Herzog und dem Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin gleich zwei Basler Regierungsräte, die Aktien der Bevölkerung verwalten. Doch die Kantonsvertreter kann die Messe schon damit zufriedenstellen, dass sie letztes Jahr 21 Millionen Franken Gewinn vorweisen konnte und nicht wie andere Messen im Ausland Verluste einfährt. Klare Vorgaben oder Leitplanken zu setzen, wertet aber etwa Regierungsrat Christoph Brutschin als verpönten Eingriff ins operative Geschäft. Der Verwaltungsrat ist gespickt mit Exekutivmitgliedern: Für den Kanton Baselland sitzt Regierungsrat Peter Zwick im Verwaltungsrat, für den Kanton Zürich Regierungsrat Ernst Stocker, für die Stadt Zürich Stadtrat Martin Vollenwyder. Als Verwaltungsratspräsident amtet Ueli Vischer, ehemaliger Basler Regierungsrat. Man bleibt unter sich.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es auch nicht, dass der Kanton Basel-Stadt als Hauptaktionär nicht eingriff und seine Entlassung verlangte, als die TagesWoche aufdeckte, dass eine lusche Immobilienfirma, die ein Topmanager der Messe zusammen mit einem Kompagnon betrieb, munter weiter geschäftete – und dies nachdem das Strafgericht die beiden wegen mehrfacher Veruntreuung, Urkundenfälschung und versuchten Betrugs verurteilt hatte. Auch als die TagesWoche eine Woche zuvor über das Partnersystem der Messe berichtete, mit dem die Messe Aussteller der Baselworld quasi zwingt, mit Firmen zusammenzuarbeiten, an deren Umsatz die Messe beteiligt ist, blieb eine Reaktion der Kantonsvertreter aus. Und dies obwohl die Wettbewerbskommission dieses System «als möglicherweise kartellrechtliches Problem» taxiert hatte. Die Wettbewerbshüter wollen allerdings erst aktiv werden, wenn jemand Anzeige erstattet.

Kündigung nach 47 Jahren

Längst im Bau hingegen ist der 430 Millionen Franken teure Neubau von Herzog & de Meuron. Für diesen Bau hatten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der beiden Basel einem Beitrag von insgesamt 90 Millionen Franken zugestimmt. Ohne diesen Neubau sei der Messeplatz Basel gefährdet, hatten die Befürworter argumentiert. Hauptargument: Von der Messe profitiere die gesamte Volkswirtschaft, allen voran die Klein- und Mittelbetriebe KMU. Dabei hatten sich die Regierungen der beiden Basel auf eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel Economics abgestützt: Die Ökonomen berechneten, dass die Messe jedes Jahr eine Wertschöpfung von insgesamt 1,9 Milliarden Franken auslöse. Dies entspreche über 10 000 Arbeitsplätzen.

Doch wie stark die Messe tatsächlich auf das lokale Gewerbe setzt, zeigt sich bei den Gastrobetrieben. Deren Pachtverträge hat die Messe auf Ende 2012 gekündigt. Betroffen sind etwa das Grottino Ticinese, der Stand «Bäcker und Metzger» oder die zwei Bars des Milchverbands. Bisher verpflegten diese die Messe­besucher, ob an der Muba, der Kunstmesse Art oder der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. Die meisten sind seit 1965 dabei. Der Milchverband will die Kündigung denn auch nicht auf sich sitzen lassen und hat diese angefochten. Lenkt die Messe nicht doch noch ein, treffen sich die beiden ehemaligen Geschäftspartner nach 47-jähriger Zusammenarbeit vor den Schranken der Schlichtungsstelle für Mietangelegenheiten.

Hintergrund ist der neu vergebene Auftrag für das Catering auf dem Messe- und Kongressplatz Basel. Diesen hat die Messe neu an die Münchner Cateringfirma Käfer vergeben. Auf der Strecke blieb der Basler Anbieter Berchtold Catering AG, der mehr als zehn Jahre für das Catering zuständig war. «Bei der Konkurrenzpräsentation hat die Firma Käfer am meisten überzeugt und deshalb den Zuschlag erhalten», erklärt Messesprecher Jecker. Inzwischen habe die Cateringfirma in Basel eine Filiale gegründet mit mehreren Dutzend Mitarbeitern aus der Region. Allerdings fehlte offenbar die Zeit, um einen eigenen Briefkasten anzuschaffen: Als Postadresse hat die Käfer Schweiz AG eine c/o-Adresse bei einem Basler Anwaltsbüro ins Handelsregister eintragen lassen.

Einmischen unerwünscht

Die Recherchen der TagesWoche zeigen, dass KMU aus der Region bereits letzten Herbst den Gewerbeverband einschalteten. Sie beklagten, sie würden von der Messe quasi gezwungen, «Partner» zu werden. Sie müssten als Partnerfirmen der Messe dann aber dermassen hohe Provisionen abliefern, dass ihr Geschäft kaum noch rentiere. Der Gewerbeverband reagierte und stellte der Messe kritische Fragen. Konkret ging es um Klagen von Reinigungs­firmen. In ihrer Antwort an Gewerbedirektor Peter Malama liess die Messe keinen Zweifel daran, dass sie sich ihrer Stärke bewusst ist. «Aufgabe des Gewerbeverbandes ist nach unserer Auffassung die Vertretung der Mitgliederfirmen. Vertragsbeziehungen zwischen ihren Mitgliedern und Drittfirmen sind unserer Auffassung nach Angelegenheit der Vertragspartner. Daran wollen wir auch in Zukunft nichts ändern.» Lektion erteilt: Einmischen unerwünscht.

Gegenüber der TagesWoche erklärt die Messe: «Es gibt in der Region Basel kaum ein Gewerbeunternehmen, das nicht direkt oder indirekt von den Aktivitäten auf dem Messe- und Kongressplatz profitiert, viele davon mehr als je zuvor.» Im Übrigen sei die Baselworld, Ausgabe 2013, trotz Preiserhöhungen schon fast wieder ausgebucht. Das mag sein, überrascht auch wenig, denn «kein Uhrenhersteller kann es sich leisten, an der Baselworld zu fehlen», erklärt der Chef einer Schweizer Uhrenmarke gegenüber der TagesWoche. «Für uns gilt: Vogel friss oder stirb. Deshalb sind wir trotz allem auch nächstes Jahr wieder dort.» Nicht mehr dabei sein wird der Milchverband, der Bäcker- und Metzgerverband und die Basler Berchtold Catering AG.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 20.04.12

Konversation

  1. Ich hab all die Artikel, was die Messe betrifft, gelesen, auch das Interview mit Brutschin. Es scheint, dass da mehrheitlich schwammig kolportiert wird. Nichts ist wirklich klar.
    Aber etwas sticht klar hervor. Es geht hier eindeutig nicht mehr um Menschen die hier arbeiten, sondern um die „Ware“ Arbeitskraft.

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  2. Heldenhafter Einsatz für Aussteller, die Uhren ab zehntausend Franken das Stück verkaufen, sowie für dickbetuchte Kunstsammler. Dazu feinste Analysen von schmutziger SVP-Wäsche. Diese Ausgabe der TagesWoche las ich mit wenig Vergnügen.

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  3. Welch sensationelle Enthüllungen lässt der Aufmacher „Baselfilz“ doch erwarten. Ein Bericht über geradezu habsburger’sche Verhältnisse vermutet man – tu felix Messe Basel nube! Und dann? Eine Messeleiterin, die mit einem Architekten eine Beziehung führt, der offenbar bereits lange vor dieser Liebschaft Aufträge von der Messe erhielt und ein Verwaltungsrat der (man ist bei diesen Besitzverhältnissen versucht zu sagen naturgemäss) „mit Exekutivmitgliedern gespickt“ ist. Wie unspektakulär. Und der Rest? Alte Vorwürfe, prosaisch neu verpackt und mit einer Prise Empörung serviert. Besonders befremdend dabei: Die Ausführungen zu den Besitzverhältnissen von 51:49%, welche es der Messe ermöglicht, Aufträge ohne öffentliche Ausschreibungen – pardon, „unter der Hand“ – zu vergeben. Ich bin mir sicher, ein Evo Morales hätte diesem (zwar völlig normalen) Treiben nicht so lange untätig zugeschaut und die Messe „unter staatliche Kontrolle“ gestellt. Dabei wird der ausschlaggebende Grund, namentlich derjenige der Sicherheit, als billige Ausrede abgetan. Als ob nicht gerade die BaselWorld von vor zwei Jahren eindrücklich gezeigt hätte, welch verheerende Folgen das kleinste Sicherheitsleck zeitigen kann. Schliesslich noch die herzzerreissende Geschichte mit den Gastrobetrieben, die die herzlose Messe vor die Türe in den eiskalten Regen des wirtschaftlichen Alltags gestellt hat. Zwar bleiben die Gründe dafür unerwähnt bzw. unbekannt, aber um ein Tränchen über die Wangen der Leserschaft kullern zu lassen reicht es allemal. Zumal man sich dann noch dafür entschieden hat, dem deutschen Käfer beim Einfall in heimische Gefilde Hand zu bieten. Dabei stellt sich auch hier die Frage: War das Angebot der deutschen nicht einfach so gut, dass man – vielleicht gerade im Bewusstsein darüber, dass man zu 49% dem Steuerzahler gehört – einfach nicht nein sagen konnte?

    Es scheint, als habe man sich so in die erste Enthüllungsstory der jungen Tageswoche verliebt, dass man am liebsten täglich darüber Berichten möchte. Dass von Mal zu Mal weniger Fleisch am Knochen ist und man nur noch am unappetitlichen Knorpel knabbert wird dabei übersehen. Natürlich: Offenbar läuft nicht alles bei der Messe sauber und glatt. Klar: Die öffentliche Hand ist mit 49% an der Messe beteiligt und hat ein Interesse daran, was bei so einer Firma vor sich geht – zumal einerseits eine ordentliche Portion Steuergelder in den Neubau geflossen ist, es andererseits aber auch den Basler Haushalt glücklich macht, wenn seitens der Messe etwas ins Kässeli fliesst. Aber die Berichterstattung zu diesem Thema erinnert ein wenig an ein nerviges Phänomen aus der Kindheit; dem kleinen Kind das minutenlang im Hinterhof steht und so lange nach seiner Mutter schreit, bis diese endlich den Fussball hinunterwirft.

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