Tausend Blätter und kein Ende: Die Hysterie um das Lehrmittel «Mille feuilles»

Nirgends ist die Kritik an «Mille feuilles» lauter als in Baselland. Dabei steht auch dort die Mehrheit der Lehrpersonen hinter dem Französischlehrmittel. Was läuft da schief?

Viel Zoff um 1000 Blätter: Die Kritik am Lehrbuch «Mille feuilles» ebbt nicht ab.

Im Baselbiet tobt ein Streit um ein Buch. Er wird geführt von einem wütenden Mathematiklehrer und einer ehemaligen Treuhänderin – Jürg Wiedemann und Monica Gschwind. Diejenigen, die das Buch betrifft, die Französischlehrer, kommen in dem Streit fast gar nicht zu Wort.

Vordergründig geht es um die Frage, ob das Französisch-Lehrbuch «Mille feuilles» für den Unterricht geeignet ist oder nicht. Im Hintergrund schwelt aber ein politischer Machtkonflikt: Wiedemann, der Bildungspolitiker, gegen Gschwind, die Bildungsdirektorin, der Wiedemann einst zur Wahl verhalf.

Der Aufruhr um «Mille feuilles» beginnt nur wenige Wochen nach der ersten Unterrichtsstunde mit dem neuen Lehrmittel. 2011 führten sechs Kantone das neue Fremdsprachenkonzept «Passepartout» ein: Baselland, Basel-Stadt, Bern, Solothurn, Fribourg und Wallis.

Viel Aufwand, wenig Erfolg

Gemäss Passepartout soll Französisch neu bereits ab der dritten Klasse unterrichtet werden. Dafür wurde «Mille feuilles» entwickelt – um die Sprache spielerisch in den Unterricht einzuführen.

Das passte den Lehrpersonen offenbar gar nicht. Die «Berner Zeitung» gibt 2011 einen Lehrer wider, der dem Lehrmittel «schlechte Noten» ausstellt. Die Kritikpunkte waren damals vor sieben Jahren die gleichen wie heute: Zu viel Aufwand und die Kinder lernen kein korrektes Französisch.

Es ist die Art von Kritik, wie sie auch nach anderen Schulreformen zu hören ist. Bei «Mille feuilles» ist aber besonders, dass die Kritik durchgehend von den Medien aufgegriffen wird und sich die Empörung nicht legt.

Landrat will Ausstieg aus «Passepartout»

In keinem anderen Kanton ist die Empörung so gross wie im Baselbiet. Wiedemann und sein bildungspolitisch konservatives Komitee «Starke Schule» weibeln seit Jahren gegen das neue Fremdsprachenkonzept – mit Erfolg.

Der Landrat stimmte Wiedemanns Vorstoss Anfang dieses Jahres zu, aus Passepartout auszusteigen. Die nicht formulierte Initiative besagt unter anderem, dass «Mille feuilles», das Folgelehrmittel «Clin d’Oeil» sowie das Englischbuch «New World» nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Ausgerechnet Wiedemann, der seinen Gegnern schon DDR-Ideologie vorwarf, forderte ein Lehrmittelverbot.

Bildungsdirektorin Gschwind war nach dem Landratsentscheid gefordert. Sie setzte eine Arbeitsgruppe ein, um den Passepartout-Ausstieg zu organisieren. In der Arbeitsgruppe sitzen auch Landrat Wiedemann sowie eine Vertreterin von «Starke Schule».

Wiedemann publiziert vertrauliches Papier

Nun läuft die Arbeitsgruppe nicht in die Richtung, wie es sich Wiedemann vorgestellt hat. Gschwind will nämlich eine Lehrmittelfreiheit, nach welcher der Kanton nur noch einige Lehrmittel empfiehlt – darunter wohl auch «Mille feuilles». Den Schulen und Lehrpersonen soll aber offen gelassen werden, welches sie verwenden. Ein Kompromiss, mit dem wohl die Mehrheit der Arbeitsgruppe leben könnte. Wiedemann nicht.

Wie erzürnt dieser war, zeigt sich wohl daran, dass er ein vertrautliches Dokument publik machte. Das interne Papier aus der Bildungsdirektion wurde in der Passepartout-Arbeitsgruppe herumgereicht, wenig später landete es auf der Website der «Starken Schule» und in Tausenden E-Mail-Postfächern, die die «Starke Schule» in ihrem Verteiler gespeichert hat. Das Papier ist laut Wiedemann der endgültige Beweis, dass «Mille feuilles» und «Clin d’Oeil» «völlig untaugliche Lehrmittel» sind.

Die Bildungsdirektion machte Wiedemann nach der Veröffentlichung darauf aufmerksam, dass das Papier vertraulich sei, worauf es Wiedemann wieder von der Website nahm. Wenige Tage später landete es jedoch in der «Basler Zeitung» mit der Überschrift «Vernichtende Kritik an ‹Mille feuilles›».

Falsch verstandenes Resultat

Das Lehrmittel falle in fast allen Belangen bei den Lehrpersonen durch, schrieb die BaZ. Was die Zeitung aber nur am Rand erwähnte: Das interne Papier war keine Umfrage, sondern das Ergebnis aus Hearings, bei denen sich die Lehrpersonen zum umstrittenen Lehrmittels äussern konnten.

Der Französischlehrer Renato Angst, der die Hearings als Moderator begleitete, sagt: «Wenn man eine Plattform erhält, sich zu äussern, liegt es in der Natur der Sache, dass eher Schwächen genannt werden.» Die Französisch-Lehrpersonen der Primarschule Reinach hätten sich zum Beispiel zusammen gesetzt und gezielt Kritikpunkte gesammelt, wie man das Lehrmittel verbessern könnte. Von einer Umfrage unter den Lehrpersonen sei nie die Rede gewesen.

Was die Lehrpersonen wirklich vom umstrittenen Lehrmittel halten, darauf gibt es hingegen klare Hinweise. Die Primarlehrerkonferenz befragte knapp 1000 Primarlehrpersonen aus dem ganzen Kanton zu einem Verbot von «Mille feuilles»: Nur 16 Prozent der Befragten waren für ein Verbot und 59 Prozent dagegen. Der Rest beantwortete die Frage nicht.

In einer Petition fordert die Konferenz deshalb, dass «Mille feuilles» weiterhin verwendet wird. Sämtliche 40 Delegierten entschieden am Treffen der Konferenz einstimmig, die Petition zu unterschreiben.

Grosse Zustimmung in der Stadt

Die «vernichtende Kritik» an «Mille feuilles» – war es ein Skandal, der nur in den Augen von Wiedemann einer war? Vieles deutet darauf hin.

Die Hysterie blieb aber nicht ohne Folgen: Wiedemann droht mittlerweile mit einer neuen Initiative zur Umsetzung des Lehrmittelverbots – einer Durchsetzungsinitiative gegen «Mille feuilles». Und in Basel-Stadt reichte die GLP-Grossrätin Katja Christ einen Vorstoss ein, der auf die «vernichtende Kritik» in der BaZ Bezug nimmt.

Dabei ist die Zustimmung zu «Mille feuilles» unter den Lehrpersonen im Stadtkanton noch grösser als auf dem Land. Die Kantonale Schulkonferenz, die staatliche Vertretung der Lehrpersonen, befragte die Lehrerinnen und Lehrer 2017 nach ihrer Zufriedenheit mit Passepartout und «Mille feuilles». Dabei kam heraus: Der allergrösste Teil der Lehrpersonen – rund 80 Prozent – «unterrichtet gerne mit den obligatorischen Lehrmitteln», also auch mit «Mille feuilles».

Intern diskutieren, statt politisieren

Jean-Michel Héritier von der freiwilligen Schulsynode, der zweiten Lehrervertretung in Basel-Stadt, räumt ein, dass es berechtigte Kritikpunkte an «Mille feuilles» gebe. Diese würden sehr ernst genommen und hätten dazu geführt, dass das Lehrmittel laufend angepasst werde.

Warum ist das Lehrmittel in der Öffentlichkeit überhaupt umstritten, wenn die Mehrheit der Lehrpersonen dahinter steht? «Die Reformgegner werden als Meinungsmacher in Baselland sehr stark wahrgenommen», vermutet Héritier.

«Den ‹Mille feuilles›-Gegnern geht es häufig nur darum, zu polarisieren, was das Klima grundlegend vergiftet.»

Christine Koch, Primarlehrerin und ehemalige Landrätin

Christine Koch, ehemalige SP-Landrätin und Primarlehrerin, findet es ebenfalls erstaunlich, «dass die Kritik an ‹Mille feuilles› in der öffentlichen Diskussion so wahnsinnig viel Platz einnimmt». Ausserdem meint sie: «Die Primarlehrpersonen wollen konstruktive Lösungen suchen, von der anderen Seite, namentlich vom Komitee ‹Starke Schule›, sehe ich diese Intention nicht.» Den «Mille feuilles»-Gegnern gehe es häufig nur darum, zu polarisieren, was das Klima grundlegend vergifte.

Eigentlich müsste die Frage, welches Lehrmittel geeignet sei und welches nicht, eher intern diskutiert werden – in der Bildungsdirektion, im Bildungsrat, an den Schulen. Dort müsse man Lösungen suchen und nicht über politische Diskussionen, sagt Koch.

Wiedemann und Gschwinds Verhältnis ist zerrüttet

Der Landrat – das ergab ein kürzlich beantworteter Vorstoss – debattiert rund 20 Prozent seiner Zeit über Bildung. Häufig im Zentrum der Schulpolitik steht: Jürg Wiedemann.

Sein Komitee gibt in der Bildungspolitik den Ton an. Dadurch beeinflusste er die Wahl von Monica Gschwind vor dreieinhalb Jahren entscheidend mit. Ob er sie bei den Wahlen im kommenden Frühjahr wieder unterstützt, ist fraglich. Denn das Verhältnis zu Gschwind ist offenbar zerrüttet.

«Ich habe mit der ‹Starken Schule› keinen Vertrag», sagte Gschwind kürzlich in einem Interview mit der «bz Basel» auf die Frage, ob ihr Verhältnis zu Wiedemann abgekühlt sei. De facto ist die Auseinandersetzung der erste grössere Streit zwischen den beiden.

Gerne hätte die TagesWoche auch von Landrat Jürg Wiedemann und dem Komitee «Starke Schule» gewusst, wie sie den Streit und das Verhältnis zu Gschwind bewerten. Zwei E-Mail-Anfragen sowie zahlreiche Anrufe blieben jedoch unbeantwortet.

So prägt das Komitee «Starke Schule» die Bildungspolitik

https://tageswoche.ch/gesellschaft/wiedemanns-schuelerinnen-treiben-die-baselbieter-bildungspolitik-vor-sich-her/

Konversation

  1. Schule ist in erster Linie was Lehrpersonen bieten – oder auch nicht. Schulmaterial ist da eher zweitrangig!

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  2. Es ist nichts Neues, dass ein Lehrmittel Anhänger und Gegner hat. Nur hat man damit bisher immer einen pragmatischen Umgang gepflegt: Wer mit einem Lehrmittel nichts anfangen konnte, hat es im Unterricht schlicht nicht verwendet, und niemand hat sich darüber aufgeregt. Nicht selten sind ganze Schulhausbestände von obligatorischen Lehrmitteln ungenutzt in den Materiallagern der Schulen verrottet. Entscheidend war am Schluss immer, ob die Kinder die Lernziele erreicht hatten.

    Das ist mit den neuen Fremdsprachenlehrmitteln plötzlich anders geworden: Zum ersten Mal überhaupt wurde in unserem Land auch von Schulleitungen massiver Druck auf Lehrpersonen ausgeübt, sich ohne Wenn und Aber der neue Didaktik zu unterwerfen – wer sich weigerte, dem drohte (und droht noch heute) der Entzug der Lehrberechtigung.

    Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade in Baselland, das auch 1833 schon gezeigt hat, dass man sich nicht alles gefallen lässt, der Widerstand gegen diese autoritäre Bevormundung besonders gross ist. Dass im Zuge von Passepartout sämtliche früheren Fremdsprachenlehrmittel für untauglich und verboten erklärt wurden, entspricht einem Totalitarismus, wie man ihn historisch beispielsweise an der chinesischen Kulturrevolution studieren kann, den sich freiheitsliebende Menschen aber schlicht nicht bieten lassen dürfen. Es wäre selbst dann abzulehnen, wenn tatsächlich eine Mehrheit der damit unterrichtenden Lehrpersonen an diesen Lehrmitteln Gefallen fände (was weiterhin bestenfalls Spekulation ist).

    Was wir daher dringend brauchen, ist eine Ent-Dogmatisierung. Wer mit Mille feuilles unterrichten möchte, soll dies tun, aber wer dies nicht will, soll die Möglichkeit erhalten, andere Lehrmittel zu verwenden. Fremdsprachenunterricht hatte immer schon vier Ziele: Verstehen, sprechen, lesen und schreiben. Am Erreichen dieser Ziele ist jeder Fremdsprachenunterricht zu messen, und nicht daran, welche Lehrmittel zum Einsatz kommen. Wer hingegen die Passepartout-Lehrmittel weiterhin für alternativlos erklärt, spielt letztlich den Initiativen, die deren Verbot fordern, direkt in die Hände.

    Apropos: Ich selbst habe in den 1980er-Jahren Französisch gelernt, und zwar ausschliesslich in der Schule. Und obwohl das nun etliche Jahrzehnte her ist, ich nicht sonderlich sprachbegabt bin (innerhalb meiner Schulklasse war ich immer einer der schwächeren Französischschüler) und ich seither nie im französischsprachigen Raum gelebt habe, konnte ich letzte Woche feststellen, dass ich mich im französischen Jura ausgezeichnet mit den Einheimischen unterhalten konnte, obwohl mein Französischunterricht, glaubt man den Passepartout-Jüngern, ja damals katastrophal gewesen sein *muss*. Allerdings hatte ich im 6. Schuljahr 6 Lektionen Französisch pro Woche, und zumindest bis ins 9. Schuljahr ging es mit einer ähnlich hohen Intensität weiter. Vielleicht war dieses „Steinzeit-Rezept“ (das in Osteuropa übrigens mit grossem Erfolg auch heute noch praktiziert wird) ja vielleicht sogar erfolgreicher als die heutige Frühfremd-Methode mit 2-3 Wochenlektionen, verteilt auf 6 Jahre.

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    1. Es wird – zumindest im Kanton Baselland – so rasch als möglich zu mehr Lehrmittelfreiheit kommen. Momentan gibt es ab der 3. Klasse noch kein Französischlehrmittel neben Mille feuilles. Es sind aber welche in Planung bzw. werden auf 3. und 4. Klasse erweitert. Sobald alles evaluiert wurde, kann es auf die Lehrmittelliste des Kantons.
      So viel ich weiss, wurde eben die Liste für die obligatorischen Deutschlehrmittel erweitert, auch hier soll die Lehrperson freier entscheiden können.

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  3. Im Halbkanton Basel-Landschaft ist die Opposition zu Mille Feuilles angefacht und vorangetrieben von einem selbsternannten und ganz offensichtlich unterbeschäftigten links-grünen Polemiker aus Birsfelden. Es ist immer wieder ergötzend, mit welchem Unsinn sich man südlich des Bruderholzes beschäftigt.

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  4. Liebe Leserinnen und Leser, liebe Politiker
    An den Sekundarschulen im Kanton Basel-Landschaft ist die Stimmung klar. Auch Umfragen des LVBs zeigen, dass die Lehrmittel auf der Sekundarstufe nur mit extremen Ergänzungen seitens der Lehrpersonen brauchbar sind. Speziell auf den niedrigeren Anspruchsniveaus (Niveau A) sind die Lehrmittel absolut unbrauchbar und überfordern die Schülerinnen und Schüler.
    Ein Beispiel hierzu: Schülerinnen und Schüler mit authentischen Texten zu konfrontieren, nur damit sie auf das „korrekte L1 Englisch“ vorbereitet werden, ist ein völlig falscher und für Schülerinnen und Schüler frustrierender und überfordernder Ansatz. Ich erkläre es mal in anderen Worten:
    Stellen Sie sich vor sie haben keine Tenniserfahrung. Sie bekommen einen Tennisschläger in die Hand, Raphael Nadal (als Analogie zu einem authentischen Text) gegenüber und dieser hat die Aufgabe mit 200km/h auf Sie zu servieren, wie auch während des Spiels keine Rücksicht auf Ihr Level zu nehmen. Spätestens nach dem dritten Match in dem Sie keinen Ball treffen, haben Sie keine Lust mehr auf Tennis und sind frustriert. – scheiss Sport (Englisch/Französisch) –
    Zuerst muss man den Kindern zeigen wie man einen Schläger korrekt hält, dann ein paar Ballgewöhnungsspiele, anschliessend schaut man sich die Technik einer Vorhand, einer Backhand oder eines Aufschlags genau an, übt, übt, übt und spielt dann einen Match gegen jemanden der gleich stark ist. Dies macht Spass und kann dem Kind ein Erfolgserlebnis verschaffen. Das Selbe gilt fürs Sprachenlernen. Zuerst sollte die Grundstruktur aufgebaut und Erfolgserlebnisse geschaffen werden und erst dann kann man sich an etwas schwierigere Texte wenden.
    Sofern Bedarf kann ich auch gerne Zitate von einem Buch, publiziert von Oxford namens „Extensive reading“, nennen, welches klar darstellt weshalb authentisches Lesen auf dem Level der Schülerinnen und Schüler keinen Sinn macht. Dies wäre nur ein Buch von vielen, welche der Philosophie von PPT widersprechen.

    Liebe Politiker hört auf die Lehrpersonen.
    Wir sind die, die mit dem Material das uns vor die Nase gesetzt wird arbeiten müssen. Wir wissen was für unsere Schülerinnen und Schüler gut ist, nicht jemand der in einem Bürostuhl sitzt, irgendwelche Didaktikbücher liest und fern der Praxis wohnt. Weshalb sollten wir nicht entscheiden mit welchen Lehrmitteln wir arbeiten, dies sollte zu unseren Schülerinnen und Schülern passen aber auch zu unserer Lehrerpersönlichkeit.

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    1. Für die kleineren Tippfehler entschuldige ich mich aber das Schreiben vom Handy aus erweist sich immer als etwas schwieriger. 😉 Speziell bei solchen Wälzern.

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    2. Ihren Kommentar finde ich gut, regt er doch zum Austausch und zur Diskussion an.
      Vielleicht bin ich als Primarlehrer weniger kritisch oder unreflektierter als Sie, aber ich sehe das bei uns noch nicht so tragisch bzw. ich finde, unsere SchülerInnen haben vor allem strategisch eine gute Basis, um sich auch in der Sek weiterhin mit den Fremdsprachen erfolgreich zu befassen. Einige meiner KollegInnen sind sehr kritisch, einige Eltern – vor allem dank der „anderen“ Basler Zeitung – ebenso.
      In der Primar sind die SchülerInnen ebenfalls überfordert, wenn ich ihnen das Heft nur hinlege und sage: „bearbeitet activité c!“ Wenn ich mir aber die Mühe mache, den Einstieg zu erklären und Fragen zu beantworten, können die meisten damit arbeiten. Natürlich, wir sind „eine Schule für alle“ und es gibt – wie in anderen Fächern auch – Kinder, die mit vielen Inhalten überfordert sind.
      Um bei Ihrem Bild vom Tennis zu bleiben: Ich schaue mit einem Kind nicht zuerst Tennismatches von Anfängern, sondern gehe auch an die Swiss Indoors. Das inspiriert und motiviert, auch einen solchen Service machen zu können.
      Die Kinder verstehen dank ihrer erlernten Strategien auch Texte, die über ihrem Niveau sind. Nicht Wort für Wort, aber global. Das werden sie im ganzen Leben anwenden können.
      Beim Schreiben fängt es ja parallel schön gemächlich mit Anfängertraining, also Zwei- und Dreiwortsätzchen an, hier ist der Aufbau ok. Ebenso beim Sprechen.
      Ich ging meine in die Sek übergetretenen SchülerInnen (Niveau E) in einer Französisch-Lektion besuchen und sie kamen gleich gut draus oder auch nicht wie bei mir. Die Aufträge und das Thema (futuristische Erfindungen) waren stufengerecht. Einen so grossen Knick, wie Sie ihn beschreiben, habe ich nicht bemerkt. Ich werde jedoch mit unseren Sek-LehrerInnen wieder in Verbindung treten, da ich den Austausch sinnvoll finde.

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  5. Besten Dank für den nicht reisserischen Artikel.
    Viele meiner SchülerInnen haben sich bis Ende 6. Klasse trotz oder dank Mille feuilles die erforderlichen Kompetenzen gemäss Lehrplan angeeignet.
    Den Wortschatz habe ich etwas angepasst, die Grammatik komprimiert bearbeitet. Dazu viel Musik aus der frankophonen Pop-Welt. Dabei darf ich Hefte und Übungen von überallher einbauen.
    Viele Kinder kommen gern ins Franzi, einige weniger. Viele kommen gut zurecht, andere weniger. Wie überall. Ich erkenne keinen Unterschied zu anderen Fächern mit unbestrittenen Lehrmitteln.
    In den strategischen Kompetenzen sowie beim Wissen über frankophone Teile der Schweiz und der Welt beurteile ich die SchülerInnen als sehr gut ein.
    Herr Wiedemann und sein Komitee verstehen es gut, plakativ zu hetzen und auch in guten Ansätzen etwas bösartiges zu finden. Es stört mich, dass er in der aktuellen Arbeitsgruppe auch seine Parolen verkünden darf, er ist echt omnipräsent; natürlich braucht es hier aber von allen Lagern Mitglieder.
    Frau Laur und Herr Wahl von der BaZ scheinen ihm hörig zu sein und repetieren seine Predigten gebetsmühlenartig und sehr unreflektiert sowie einseitig recherchiert.
    Die Zufriedenheit meiner KollegInnen über das Lehrmittel entspricht der im Artikel beschriebenen. Auch das Zahlenbuch mögen ja nicht alle.
    Die angestrebte Lehrmittelfreiheit begrüsse ich, sofern passende Lehrmittel ab der 3. Klasse gefunden werden.

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  6. Um es einmal klar und deutlich zu formulieren: Herr Wiedemann und sein Komitee vertreten Sekundarlehrpersonen, die nichts Neues wollen. Ein Leben lang mit den immer gleichen Vorbereitungen Schule zu halten, ist aber heute endgültig vorbei und hat absolut nichts damit zu tun, Kinder und Jugendliche auf das Leben in einer digitalisierten Welt vorzubereiten. Wir konnten noch von älteren Geschwistern oder Kollegen die absolvierten Prüfungen einsehen und so dann selber gut abschneiden. Wer heute noch derart unterrichtet, sollte schleunigst in Pension gehen. Solche Kolleginnen und Kollegen leisten unseren Kindern eine Bärendienst und sind – mit Verlaub – bequeme Säcke.

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  7. Klare Worte von Frau Martinez. Da kann man/frau nur hoffen, dass sich die Betreffenden darauf besinnen, auf wessen Kosten diese hahnebüchende Rechthaberei geht. Wer ein hohes Salär aus Steuergeldern bezieht sollte bezüglich Sozialkompetenz etwas mehr zu bieten haben. Und wo ist das politische Echo? In anderen Bereichen hagelt es viel schneller klare Statements nach Rücktritt. In diesem Fall wäre es meines Erachtens mehr als nötig!

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  8. Eine gute und zutreffende Analyse. Hinzufügen könnte man, dass neben der starken Schule mit dem LVB (und speziell deren „Experte“ Philipp Loretz, er wird auch hier in Kürze kommentieren) ein weiterer Player die Diskussion politisiert und in die Öffentlichkeit trägt.

    Auffallend auch, dass es sich bei den Protagonisten in grosser Mehrheit um Sekundar- und Gymnasiallehrer/innen handelt – die am meisten betroffenen Primarlehrer/innen, die schon selbst Erfahrungen sammeln konnten, sind offensichtlich relativ zufrieden.

    Rückblickend müssen die Initianten der neuen Lehrmittel sich sicher fragen, ob mit der Art der Verordnung „alles neu“, „alles viel besser“ und das ganze von oben herab „top down“ der Widerstand einer Minderheit nicht vorprogrammiert war. Dass dieser Ansatz in der Schweiz – insbesondere bei Lehrer/innen – nicht nur auf Gegenliebe stösst hätte den Verantwortlichen klar sein müssen.

    Umgekehrt erinnert sich wohl noch jeder an seine eigene frühfranzösisch Zeit: Anwenden konnte niemand etwas, man konnte bestenfalls einige Vokablen auswendig… Leider stimmt das für viele auch noch Ende der obligatorischen Schulzeit. Das hier Veränderungen dringend notwendig waren, ist eigentlich offensichtlich.

    Die Kritik an den Detailfehlern der neuen Lehrmittel ist zum Teil sicher berechtigt – aber auch bei den vorherigen Lehrmitteln, haben erfahrene Sprachlehrer/innen jeweils ganze Seiten ausgelassen und durch eigenes Material ersetzt, weil sie es für ungeeignet oder fehlerhaft hielten. Ein perfektes Lehrmittel gibt es wohl nicht. Deswegen braucht es ja auch gut ausgebildete Lehrer/innen. Diese sind eben nicht einfach nur Vorleser/innen eines Lehrmittels.

    Dass die „starke Schule“ und Teile des LVBs sich geweigert haben, diesen Konflikt in den entsprechenden Fachgremien der Lehrerschaft auszutragen (wo sie ihn wohl verloren hätten, wie die aktuellen Zahlen zeigen) und ihn stattdessen politisiert haben, und dadurch einer Bildungsabbauerin zur Wahl verholfen haben, müsste eigentlich den Rücktritt sämtlicher Verantwortungsträger zur Folge haben.
    Ein neues Sprachlehrmittel ist wahrlich eines der kleinesten Probleme(wenn es denn überhaupt eines ist), dass das Bildungssystem BL aktuell hat. Die Bildungsabbauer lachen sich ins Fäustchen, dass die angeblichen Bldungsvertreter (und die Medien) ihre Energie auf diesem Nebenschauplatz verbrauchen.

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    1. Es ist einfach so, dass Jürg Wiedemann ein stockkonservatives Verständnis von Schule hat. Und darüberhinaus ist er leider mit einem schon fast religiösen Sendungsbewustsein gesegnet. Da ist jeder Diskussionsversuch schlicht verlorene Zeit. Und ja, ich kenne ihn persönlich.

      Betreffend Anwendung der Sprachkenntnisse: Sogar mit einer Matur im Sack können die meisten kaum ein paar französische Sätze radebrechen. Da hilft aber kein noch so gutes Lehrmittel: Raus auf die Strasse und reden, reden, reden, anders geht es nicht.

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  9. Ich hatte den Klett und auch nach der Schule konnte ich kein „Bälleli Angge“ im Laden in der Romandie oder Frankreich kaufen.
    Ich habe wirklich Französisch im Militär in Bière gelernt….

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    1. Es wäre in diesem Zusammenhang lehrreicher ein Austauschprogramm für Schüler zu gestalten als den 9-jährigen Schulmodus beizubehalten. Doch wahrscheinlich passt die den Schulgebenden am wenigsten, denn dann müssten sie etwas ausserhalb der Schule tun was mit sozialen Fähigkeiten zu tun hat – eine Sache welche bei Lehrern noch oft auf Schwierigkeiten stösst!

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