Thomas Kesslers unheimlicher Einfluss auf die «bz Basel»

Der frühere Stadtentwickler Thomas Kessler ist Beirat der «bz Basel». Als solcher verschickt er massenhaft Inputs und Kritiken an einzelne Redaktoren. Auch die Strategie des Blattes will der FDP-Politiker neu bestimmen. Ist das vertretbar?

Thomas Kessler will für die FDP in den Nationalrat – und nebenbei die «bz Basel» umbauen.

Peter Wanner, Verleger des Aargauer Medienkonzerns AZ Medien, hat gerne starke Männer um sich. Er umgibt sich mit einer Korona von Einflüsterern und Beratern. So heisst es in seinem Umfeld. Manche steigen in seiner Gunst, manche sinken. Manche versuchen, auf Kosten anderer vorwärtszukommen.

Wanner holt sich vor allem dann Rat, wenn er selber nicht weiterweiss. In Basel beispielsweise. Da kämpft Wanner seit 2012 mit einer Stadtausgabe der «Basellandschaftlichen Zeitung» um Leser und Inserenten. Doch für Wanner ist die «bz Basel» trotz ordentlichem Geschäftsgang ein Sorgenkind geblieben. Mal ist sie in seinen Augen politisch falsch positioniert, mal inhaltlich, mal kommerziell.

Weiterhelfen soll Wanner seit Jahren ein Berater in wechselnder Besetzung. Erst durfte der Basler Öko-Unternehmer Daniel Wiener bei ihm seine Vorstellungen einspeisen. Zeitweise liess sich Wanner auch vom früheren FCB-Präsidenten Bernhard Heusler Ratschläge erteilen. Jetzt hat er einen Narren an Thomas Kessler gefressen.

Was diesem nicht ungelegen kommt. Denn Kessler ist ein Mann, der das Publikum braucht. Als er noch Basler Stadtentwickler war, funkte er auf allen Kanälen, sprach über Migration, das Asylwesen und Ladenöffnungszeiten. Kein Problem, für das Kessler keine Lösung parat hatte. Jedenfalls so lange, bis ihm der damalige Regierungspräsident Guy Morin den Apparat abdrehte und ihn mit kolportiert zwei Jahreslöhnen Abfindung aus dem Amt hievte.

Kessler bombardiert die Redaktion mit Ratschlägen

Seither hat Kessler neue Aufgaben gefunden. Er berät Kommunen und staatliche Gremien in Sicherheits- und Integrationsfragen. Er will für die Basler FDP in den Nationalrat. Und er fungiert als publizistischer Beirat für die «bz Basel».

Nun ist Kessler kein Beirat, der sich damit begnügt, drei, vier Mal im Jahr für teures Geld seine Gewissheiten zum Besten zu geben. Er mischt sich ins Tagesgeschäft ein. Von Ende Januar, als er zum Leiter des Beirats erkoren wurde, bis Juni verschickte Kessler praktisch täglich eine Blattkritik an die Redaktion. Zu den Empfängern zählten, wie Kessler bestätigt, Chefredaktor David Sieber, sein Stellvertreter sowie der Redaktor des jeweils von ihm kritisierten Artikels.

Man stelle sich die Aufregung vor, hätte Christoph Blocher dies bei der «Basler Zeitung» so gehandhabt.

In den Posteingängen der Redaktoren stauten sich Kesslers Einschätzungen. Dazu kamen ebenfalls beinahe täglich verfasste Anregungen und Storyideen, oft nach Mitternacht verschickt. Kessler fungierte beinahe ein halbes Jahr lang als Schattenchefredaktor, sodass es der Redaktion bald zu viel wurde. «Ich arbeite manchmal eben auch spätabends», sagt Kessler. Er habe aber Verständnis für die bestehende Betriebskultur «und die Anregungen des Beirats dann jeweils zeitig gebündelt».

«Seit Bestehen des Publizistischen Beirats ist die Zeitung deutlich besser geworden», sagt Peter Wanner.

AZ-Verleger Wanner lobt den Aktivismus seines Beirats ausdrücklich: «Für die Redaktion war das etwas ungewohnt, geschadet hats aber nicht. Im Gegenteil: Seit Bestehen des Publizistischen Beirats ist die Zeitung deutlich besser geworden.» Und Kessler fügt an: «Die Professionalität der Journalisten war damit nie infrage gestellt – im Gegenteil. Die Unabhängigkeit der Redaktion ist zentral.»

Das nimmt die Redaktion freilich anders wahr. Besonders gerne äussert sich Kessler nämlich zu Fragen der Stadtentwicklung, dazu kritisiert er regelmässig seinen früheren Arbeitgeber, die Basler Regierung. Dinge halt, die Thomas Kessler beschäftigen, als ehemaliger Kantonsangestellter, vor allem aber als FDP-Nationalratskandidat.

Einmal drückte er sein Unverständnis darüber aus, dass die «bz Basel» eine Demonstration von Basler Kurden zu den Zuständen in der Türkei nicht abdeckte. Das war für ihn besonders ärgerlich. Denn: Thomas Kessler hielt an dieser Demo einen Vortrag.

Mehr Innovation, Forschung, Wirtschaft

Seit Juni landen nun sämtliche Wortmeldungen Kesslers gebündelt zunächst bei Chefredaktor David Sieber, der dann entscheidet, was damit passieren soll. «Und das nur zu Bürozeiten», wie Kessler erklärt. Sieber selber will sich nur zurückhaltend zum Einfluss Kesslers auf sein Blatt äussern:

«Die beiden Beiräte Thomas Kessler und Beat Oberlin haben auf Wunsch der Redaktion über mehrere Wochen eine schriftliche Blattkritik gemacht, meistens in Form eines Vergleichs mit der BaZ. Darüber hinaus liefert Kessler Inputs. Die Redaktion ist völlig frei, diese aufzunehmen oder eben auch nicht.»

Seit er von Sieber im Tagesgeschäft zurückgebunden wurde, hat sich die Rolle Thomas Kesslers verändert. Sie ist indes nicht kleiner geworden – ganz im Gegenteil. Kessler erklärt das so: Die Rolle des Beirats habe sich mit den Veränderungen auf dem Medienplatz Basel weiterentwickelt. Man beschäftige sich vermehrt auch mit strategischen Fragen: «Die Rolle Basels in der Schweiz mit der Forschung, Universität, Wirtschaft, Kultur und Innovation ist ein Thema.»

AZ-Verleger Wanner bestätigt den geplanten Umbau der Basler Aussenstelle: «Diese Themen sind tatsächlich noch untergewichtet im Blatt. Es geht auch um die Wahrnehmung Basels in der übrigen Schweiz. Da besteht Handlungsbedarf.» Welchen Einfluss die Neuausrichtung auf die Besetzung der Redaktion oder die tägliche Publizistik haben wird, bleibt unklar. Ebenfalls, welche Leserschaft sich dafür interessieren würde.

Die nächste Strategiesitzung soll bereits Mitte September stattfinden. Dann setzt sich Kessler mit den weiteren Beiräten – Ex-Banker Beat Oberlin, AZ-Verleger Peter Wanner, CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter sowie Ex-SP-Grossrätin Dominique König – an den Tisch. Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie sich die «bz Basel» angesichts der Übernahme der «Basler Zeitung» durch Tamedia weiterentwickelt.

Kessler spricht von einer «intensiven Begleitung durch den Beirat». «Das geht nicht ein bisschen nebenbei.» Nicht eingebunden in den Strategieprozess ist die Chefredaktion der «bz Basel».

Doppelrolle nicht deklariert

Thomas Kessler kann daran nichts Problematisches erkennen. Auch wenn er selber aktiver Politiker mit grossen Ambitionen ist. Regelmässig kommt er in dieser Rolle auch in der «bz Basel» zu Wort. Kaum einmal wird dabei deklariert, dass Kessler Beirat ist. Auch nicht, als das Blatt ausführlich über das neue Parteiprogramm der FDP Basel-Stadt berichtete und dabei insbesondere Kesslers ewigen Wunsch nach einer Drogenliberalisierung hervorhob. Dazu schreibt er eine regelmässige Kolumne im Blatt.

Mitte Oktober wird die Basler FDP entscheiden, ob sie mit Kessler als Spitzenkandidat in den Wahlkampf um den Nationalrat geht. Die Kandidatur gilt mittlerweile als Formsache. Dann wird der Mann, der so gerne spricht, noch mehr Aufmerksamkeit benötigen. Für die Redaktion der «bz Basel» sind das keine guten Aussichten, zumal Kessler als Beirat nicht kürzertreten will.

Auch das ist mit Peter Wanner so abgesprochen. Kessler soll unbedingt Beirat bleiben. «Ich halte ihn für eine aussergewöhnlich spannende und anregende Persönlichkeit», sagt der AZ-Verleger. Am Redaktionssitz der «bz Basel» dürfte das wie eine Drohung klingen.

Konversation

  1. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der Herr Kessler für die Drogenliberalisierung, ist mit der Presse in einem Boot, und will für die FDP politisieren. Da wäre er doch bei der SP besser aufgehoben, zumal er doch als ehemaliger Stadtentwickler beste Verbindungen zu dieser Partei hat. Die FDP ist zwar liberal, aber es geht nicht um Drogen sondern um Wirtschaft.

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  2. Die BZ Basel macht kaum Lesespass, es ist in der Themenaufteilung klar: es ist eine Mittellandzeitung, welche ein bisschen aus Basel berichtet, um Reichweite zu gewinnen. Aber wirkliches Interesse an Basel ist nicht wirklich vorhanden.

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  3. Auch in bin eine Umsteiger von der Blocherzeitung. Damals aus psychohygienischen Gründen.
    Nach Erhalt der letzten Aborechnung für die BZ-Basel, habe ich mich jedoch mit der Frage befasst ob ich beim Lesen der BZ wirklich mehr erfahre, als bereits im 20-Minutenblättchen steht. Ich habe nichts relevantes gefunden.
    Was Kessler anbelangt bleibt nur festzustellen, dass für wahre „Profis“ eben die Partei, die ihnen auf Pferd geholfen hat, keine Rolle spielt. Hauptsache es geht voran – dahin wo Ruhm und Ehre zur Verteilung kommen und ein bisschen Pinkepinke (für’s Alter im Rustico). Skrupel stehen da nur im Weg, man muss ja in die Zukunft schauen.

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  4. Die bz ist eine brav und überraschungsfrei gemachte Zeitung mit einer bürgerlich-links-konservativ ausgewogenen Ausrichtung. Aufwirbelnd frischer Wind würde der bz gut tun. Thomas Kessler scheint dafür allzu berechenbar.

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  5. Hallo Pietro und Ernst
    Das mit dem Probeabo der bz könnt Ihr Euch sparen, diese Zeitung ist nämlich so etwas von schlecht und wird von Monat zu Monat schlechter. Normalerweise gibt es gerademal 1,5 Seiten Basel, dazu 3 Seiten Basel-Land. Der Herr Wanner hat damals die grosse Chance verpasst, als die BaZ blocherisch geworden ist. Es gab dann nämlich sehr viele Ex-BaZ-AbonewnntInnen, welche die bz zum Schnuppertarif abonnierten. Sie war tatsächlich lesenswert. Aber offenbat war die Chefredaktion politisch nicht genehm und wurde ausgetauscht. Auch wurde die Lokalredaktion immer mehr ausgedünnt, Resultat: ein erbärmliches Blättchen, welches sich bestimmt nicht gegen die neue, vielleicht auch alte BaZ mit oder ohne Tamedia durchsetzen wird. Schade irgendwie…
    Und dass der Thomas Kessler als Ex-Grüner nun antritt, um dem grünen Bündnis den Nationalratssitz streitig zu machen. ist nur noch peinlich!!! Wie mies muss es der FDP gehen??

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    1. Hallo, Herr Pfeiffer,

      „dass der Thomas Kessler als Ex-Grüner nun antritt, um dem grünen Bündnis den Nationalratssitz streitig zu machen. ist nur noch peinlich!“

      Woher wissen sie denn, dass das grüne Bündnis (naja – viel Rot, wenig Grün) in der Ausmarchung verlieren könnte und keine andere Partei?

      Und wieso sollte das peinlich sein? Verpflichtet denn die ehemalige Zugehörigkeit zu den Grünen zur Nibelungentreue? Ich wusste gar nicht, dass jene Seite der Parteienlandschaft in solchen Kategorien denkt… Sachen gibt’s… tztztz…

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    2. Was die BZ Basel betrifft: leider nur zu wahr. Auch ich hatte nach der Blocher-Übernahme der BaZ zur BZ Basel gewechselt und war anfangs angenehm überrascht. Nach dem Rauswurf des Chefredakteurs wurde leider alles anders. Inzwischen habe ich das Blatt nicht mehr abonniert und lese Zeitungen nur noch online, wenn auch mit diversen Pay-Abos. So auch die TaWo.
      Ad Kessler: Wer so eitel ist zu glauben, dass er besserwisserisch zu allem seinen Senf dazugeben muss, der wählt halt jede mögliche Plattform. Zu bedauern sind vor allem diejenigen, die ihm diese Plattform bieten.

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  6. Die Frage ist berechtigt. Was steckt dahinter? Nutzen die Bürgerlichen die Gunst der Stunde, um aus der bz die neue BaZ zu machen? Dass der umtriebige Herr Kessler nun offiziell zur FDP geht und sich für den NR aufstellen lässt, kann man ihm nicht verübeln. So ein Rausschmiss hinterlässt auch bei einem noch so selbstbewussten Menschen Spuren.

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  7. Die bz im Aufwind, bald verdoppeln sich die Abos. Endlich ein Nationalrat der weiss wie man Probleme löst. Auch für Herr Kessler gilt: Gefeiert und gefeuert sind sehr nahe. Die Spezies der selbst nach Beweihräucherung suchenden stirbt nie aus.

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  8. Klingt interessant. Die Situation im Medienplatz Basel hat ja nun mal viel Verbesserungspotenzial nach oben.
    Ich werd‘ mir wohl doch ein Probe-Abo der „bz“ zukommen lassen. Danke für die Anregung, Herr Beck!

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