Viele Basler Türken fürchten sich vor Erdogan

Türken und Kurden in Basel sind vom Machtkonflikt in der Türkei eingeschüchtert. Viele haben ihre Ferien im Heimatland abgesagt.

Viele Türken und Kurden trauen sich auch in Basel nicht mehr, gegen die Regierung Erdogan auf die Strasse zu gehen. Hier eine Kundgebung von Kurden im Herbst 2015.

(Bild: Yen Duong)

Türken und Kurden in Basel sind vom Machtkonflikt in der Türkei eingeschüchtert. Viele haben ihre Ferien im Heimatland abgesagt.

Seine Kollegin habe die Ferien in der Türkei kurzfristig umgebucht, erzählt Ozan Topal, der Wirt vom Hotel Restaurant Reinacherhof in Reinach BL, der es wegen eines Tweets mit der türkischen Justiz zu tun bekam (zum Porträt von Ozan Topal). Aus zwei Wochen Antalya wurden nun zwei Wochen Mallorca. 1000 Franken habe die Kollegin fürs Umbuchen bezahlen müssen.

Auch der Basler SP-Grossrat Mustafa Atici sagt, dass einige seiner Freunde den Türkei-Urlaub abgesagt hätten. «Die Situation in der Türkei ist momentan unübersichtlich. Viele Türken und Kurden trauen sich nicht, in ihr Heimatland zu reisen», so Atici. 

Manche befürchten, sie könnten in der Türkei festgehalten werden – wegen Kritik am Regime. Atici sagt: «Eine These ist, dass Erdogan versucht, im Zuge des Ausnahmezustands alle kritischen Stimmen mundtot zu machen.»

Facebook-Post fordert zu Denunziation auf

Dass konservative Kreise innerhalb der türkischen Community versuchten, immer mehr Einfluss auf Türken und Kurden in Basel zu nehmen, beobachtet Atici seit Jahren. Insbesondere seit vor vier Jahren das Wahlrecht für türkische Bürger im Ausland eingeführt worden ist. «Seit den Wahlen im vergangenen Herbst wurde ich auf sozialen Medien als dezidierter Kritiker des Regimes mehrfach persönlich beschimpft», sagt Atici.

Derya Sahin, Richterin am Basler Strafgericht, erzählt, Erdogan-Befürworter machten auf sozialen Medien mobil. «AKP-Anhänger werden in einem Facebook-Post aufgefordert, Regime-Kritiker zu denunzieren», so die Baslerin mit türkischen Wurzeln.

Neue Stufe der Verfolgung

Bei ihr würden sich fast täglich Freunde und Bekannte melden, die eingeschüchtert seien. Sie werde zum Beispiel gefragt, ob es dem türkischen Staat überhaupt möglich sei, gegen Türken in der Schweiz vorzugehen. Auf der Strasse zu demonstrieren trauten sich viele ebenfalls nicht mehr, so Sahin. Dabei sei klar, dass die Türkei nur sehr schwer gegen Personen in der Schweiz vorgehen könnte.

Anders bei der Einreise in die Türkei. Gerade sei ein Mann, der in Frankreich wohnt, bei der Einreise in sein Heimatland verhaftet worden. Das berichtet eine türkische Zeitung. Grund: Der Mann soll auf Facebook Kritik am Regime geäussert haben.

Sahin: «Nach dem Putschversuch hat die Verfolgung von Regime-Kritikern auch ausserhalb der Türkei eine neue Stufe erreicht.»

Konversation

  1. hiermit fordere ich eine offizielle stellungnahme seitens der basler regierung – oder noch viel besser: seitens des bundes.
    ==
    in der schweiz ist eine kritische haltung zum staat und dessen repräsentantInnen explizit erlaubt und rechtlich gesichert. die meinungsfreiheit bleibt jederzeit garantiert.
    wer in der schweiz unbescholtene mitbewohner beim türkischen staat bzw. bei den entsprechenden diensten und deren zuträgern diesbezüglich denunziert, macht sich strafbar und wird ggf. heimgeschafft.
    die schweiz verurteilt jegliche zivile spitzelei.
    ==

    meine solidarität mit den fortschrittlichen türken- & kurden-communities in basel!

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    1. Kann ich voll unterstützen.
      Es ist absurd, dass in vielen europäischen Staaten (zum Glück ist da die Schweiz eine Ausnahme) die PKK als Terrororganisation gilt, die AKP aber noch legal ist.

      Langfristig gesehen wird der AKP-Staatsterrorismus und die mit der fehlenden Gewaltenteilung einhergehende Korruption die Türkei weit mehr ruinieren als jeder Akt der PKK.
      Gut möglich, dass in 10-20 Jahren Ostanatolien nicht mehr zur Türkei gehört.
      Womit – geografisch gesehen – Erdogan für die Türkei, was Adolf für das Deutschland von 1939 ist…

      Leider ist Wegsehen seit den 1930er-Jahren eine europäische Kernkompetenz.
      Bedenkt man, dass die Türkei die grösste Armee Europas hat, ist es nachvollziehbar.
      Mal sehen, wie viel zu spät wir eingreifen werden…
      Beim letzten Mal hat der unbedingte Friedenswille ca. 40 Mio. Europäern das Leben gekostet.

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  2. Die Türkei beherbergt sehr viele Flüchtlinge aus Syrien und vielen anderen Staaten. Nun da die Türkei immer mehr zu einem Unrechtsstaat mutiert und nun immer mehr unrechtmässig im Gefängnis landen oder vielleicht sogar gefoltert werden, muss damit gerechnet werden, dass früher oder später bei uns auch Flüchtlinge türkischer Herkunft bei uns auftauchen.

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  3. Herr Willi,
    Ich erwarte weder von Frau Arslan noch von anderen türkischstämmigen PolitikerInnen übertriebene Reaktionen.
    Das Problem bei den türkischstämmigen PolitikerInnen ist, dass sie einen Teil ihrer Familie in Erdogistan haben – und sich die Racheaktionen gegen diese wenden werden.
    Wer will schon seinen Lieblingsonkel oder seine Lieblingscousine arbeitslos machen?

    Es wäre an den nicht-türkischen PolitikerInnen der Schweiz, für die Menschenrechte und den Säkularismus einzustehen.
    Abgesehen davon, dass diese unter Erdogan nie wieder in Izmir oder Antalya Ferien machen können, halten sich die Rachemöglichkeiten Erdogans in überschaubaren Grenzen.

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    1. @Lälli
      Herr Tanner schreibt ja auch nicht von Frau Arslan, sondern von ihr nahe stehenden, in der Türkei lebenden.

      Trotzdem, @Herr Tanner, wenn nicht türkischstämmigen PolitikerInnen, vielleicht mit „nicht“ übertriebenen Reaktionen, wer dann?
      Ich gehe davon aus, dass türkischstämmigen PolitikerInnen, von eben solchen WählerInen gewählt wiurde.
      Was Sie hier fordern ist doch irgendwie ein Witz entspricht aber dem herrschenden und vor allem gelebten Politiker Bild.

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