670 Millionen für die Beseitigung des Zufalls

Pep Guardiola ist als Trainer von Manchester City dabei, einen Kulturkampf im englischen Fussball zu gewinnen. In der Meisterschaft sind sie bereits enteilt, und gegen den FC Basel werden die Citizens den nächsten Anlauf fortsetzen, mit dem Geld aus den Emiraten die Champions League zu gewinnen.

Pep Guardiola: Bekommt von Manchester City jeden Wunsch erfüllt, um das grosse Ziel zu erreichen – den Gewinn der Champions League. (Bild: Reuters/Carl Recine)

Seit seiner Ankunft als Trainer bei Manchester City im Sommer 2016 hat Pep Guardiola gar nicht erst versucht, sein Vorhaben zu verbergen, sich mit den Gepflogenheiten des englischen Fussballs anlegen zu wollen. Was die typische Spielweise auf der Insel ausmacht, zeichnet keine Partie besser nach als das Duell der beiden notorischen Abstiegskandidaten Swansea City und Crystal Palace vor knapp einem Jahr.

Beim 5:4 wechselte die Führung insgesamt viermal zwischen den Teams, bis Swansea in der Nachspielzeit mit zwei Treffern der Sieg gelang. Neben den neun Toren, von denen acht nach Standards fielen, gab es noch 30 Torschüsse, 16 Ecken, 36 Fouls und 8 gelbe Karten. Zu keinem Zeitpunkt liess sich die Begegnung von einer Mannschaft kontrollieren, der Ball sprang hin und her wie in einem Flipperkasten.

Im Gegensatz dazu steht Guardiola auf eine Spielweise, bei der alles mit allem ineinandergreifen soll. In der Vorbereitung auf diese Saison ist es ihm gelungen, bei den Citizens aus dem Sammelsurium an Einzelspielern ein Team abzumischen, das kaum mehr auszurechnen ist. Die Formationen und das Personal variieren ohne Leistungsabfall. Selbst im mit grosser Neugier erwarteten Gipfeltreffen am vergangenen Sonntag gegen Stadtrivale Manchester United liess der katalanische Trainerguru beim 2:1-Sieg zeitweise ohne Stürmer und nur mit einem gelernten Innenverteidiger agieren.

Im Gegensatz zu seinen früheren Stationen (Barcelona, FC Bayern) erlaubt Guardiola seinen Spielern neben Flachpässen als Hilfsmittel mittlerweile ebenso hohe Pässe und Dribblings, um sich vom eigenen Strafraum aus vor das andere Tor zu kombinieren, sowie Distanzschüsse – nur der Zufall darf eben nie beteiligt sein.

Offen für Guardiolas Lehre

Guardiola kommt zugute, dass sein Vorgänger Manuel Pellegrini in seiner dreijährigen Amtszeit darauf vertraute, die Profis würden mit ihren individuellen Fähigkeiten schon für Erfolg sorgen, was dem Klub immerhin die Meisterschaft 2014 bescherte. Nun öffnen sich die Spieler für Guardiolas Lehre. Anfängliches Misstrauen der besten Profis, die ihre Freiheit auf dem Platz bedroht sahen, wich der Erkenntnis, dass Guardiola in der Lage ist, auch ihnen etwas zu erklären, was sie zuvor noch nie erklärt bekamen.

Offensichtlich wird das an der Weiterentwicklung von Kevin de Bruyne zum universell einsetzbaren Profi. Seine Anzahl an Balleroberungen und Vorlagen im zentral offensiven Mittelfeld machen ihn zu einem der wertvollsten Akteure auf der Welt.

Nach einer mässigen Debütsaison ohne Titel, in der Citys Spieler noch nicht mithalten konnten mit den Fähigkeiten ihres Coaches, sieht es jetzt danach aus, dass Guardiola den Kulturkampf auf der Insel gewinnen wird. Ungeschlagen und mit nun 14 Erfolgen hintereinander führt Manchester City die englische Liga an.

Schachtar Donezk macht’s vor – wie man Manchester auskontert:

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Ein weiterer Sieg am Mittwoch beim Gastspiel in Swansea bedeutet, dass der neureiche Klub die eingestellte Bestmarke des Arsenal FC aus dem Jahr 2002 überbieten würde. Der Vorsprung auf den Tabellen-Zweiten United beträgt schon vor Hinrundenende elf Punkte. Nach aktueller Lage scheint City eher die gesamte Saison ohne Niederlage zu bleiben, als dass noch ein Verein aus dem Verfolgerfeld aufschliesst.

Pflichtschuldige Respektsbekundung für Basel

In der Champions League überstanden die Citizens ohne Probleme eine nicht ganz einfache Vorrundengruppe. Im Frühjahr trifft City deshalb in der nächsten Runde erstmals in einem Pflichtspiel auf den FC Basel. Pflichtschuldig warnt Sportdirektor Txiki Begiristain nun: «Wir müssen Basel respektieren und vorsichtig sein.» Aber wirklich ums Weiterkommen gegen den Schweizer Serienmeister fürchtet sich natürlich keiner im Nordwesten Englands.

Das Starensemble von Manchester City, hinten von links: Ederson, Yaya Touré, Kyle Walker, Eliaquim Mangala, Danilo, Nicolás Otamendi. Vorne von links: Sergio Agüero, Ilkay Gündogan, Kevin de Bruyne, Raheem Sterlin, Bernardo Silva. Und da sind Könner wie Leroy Sané, David Silva, Gabriel Jesus oder Fernandinho noch gar nicht dabei.

Die Königsklasse, die es den Machern im Club so angetan hat, meinte es allerdings bisher nie gut mit Manchester City. Sportlich schaffte man es erst ein Mal ins Halbfinale. Im Vorjahr sorgten sechs Gegentore in 180 Minuten in den beiden Duellen mit der AS Monaco dafür, dass Guardiola in seiner Trainerkarriere (21 Titel in sieben Jahren) zum ersten Mal in den Achtelfinals scheiterte.

Die 670-Millionen-Euro-Offensive

Auf sein Drängen wurde der Kader seit Sommer 2015 für rund 670 Millionen Euro restauriert, zunächst eher die Offensive für 380 Millionen Euro (Kevin De Bruyne, Raheem Sterling, Leroy Sané, Gabriel Jesus, Ilkay Gündogan und andere), danach die Abwehr für weitere 290 Millionen Euro (Nicolás Otamendi, Fabian Delph, John Stones, Claudio Bravo, Benjamin Mendy, Kyle Walker, Bernardo Silva, Ederson, Danilo und andere).

Insgesamt hat City unter der Scheich Mansour gehörenden Abu Dhabi United Group seit der Übernahme im Jahr 2008 etwa 1,45 Milliarden Euro an Ablöse für 75 Spieler ausgegeben. Motivation für diesen Transferirrsinn ist vor allem die Jagd nach einer Trophäe aus Sterlingsilber zugrunde, die 73,5 Zentimeter hoch und 8,5 Kilogramm schwer ist. Doch ManCity kann sich den Henkelpokal für den Gewinn der Champions League eben nicht locker kaufen, man muss ihn sich sportlich verdienen. Das ist die Schwierigkeit.

30’000 Euro für ein Dinner, Wein und einen Blick durchs Fenster

Neben der Entwicklung auf dem Spielfeld treibt Manchester City parallel die eigene Kommerzialisierung voran. Zu Saisonbeginn hat der Verein einen neu erbauten Spielertunnel mit einer halbdurchlässigen Glasfront präsentiert. Die Idee kommt aus dem US-Sport und findet sich jetzt erstmals im europäischen Fussball. Hier gilt der Kabinentrakt ebenso wie die Umkleide bislang als Heiligtum. Doch bei City können Karteninhaber des neu gegründeten «Tunnel Club» jetzt die Spieler beim Gang aus der Kabine auf den Platz beobachten.

Spektakelmaschine Manchester City – hier mit David Silva im Heimspiel gegen West Ham United Anfang Dezember.

Das teuerste Logenpaket, der sogenannte Zwölfsitzer im «Very Very Important People Tunnel Club», kostet für ein einziges Ligaspiel bis zu 30’000 Euro. Enthalten ist dann neben der taktischen Einweisung in Guardiolas Tagespläne auch ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinprobe und Sommelier, ein Concierge, der sich um die Anreise und Unterbringung kümmert, ein Besuch der City-Akademie, der Zugang zum Spielfeld – und eine Frage-Antwort-Runde mit Brian Kidd, einem der Guardiola-Assistenten. Nur selbst mitspielen dürfen Abnehmer des Pakets noch nicht.

Der Erfolg wird entscheiden, inwieweit die Menschen in Manchester bereit sind, die Internationalisierung ihres Klubs zu goutieren. Mit dem aktuellen Kader ist Manchester City in jedem Fall zum Siegen verdammt. Egal gegen welchen Gegner, egal in welchem Wettbewerb.

Manchester City trifft im Achtelfinal der Champions League auf den FC Basel, am 13. Februar 2018 im St.-Jakob-Park und am 7. März im Rückspiel in Manchester.

https://tageswoche.ch/sport/der-fcb-lernt-seinen-gegner-kennen/

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