Der FCB muss sich im Augenblick mit sehr wenig zufrieden geben

Viel hat nicht gefehlt, und der FC Basel wäre auch bei Aufsteiger Xamax gestrauchelt. Alex Frei krempelt eine Mannschaft um, die beim 1:1 in Neuenburg noch nicht die Wende am Horizont erkennen lässt. Aber der Interimstrainer glaubt an das Gute – auch für das Rückspiel am Mittwoch gegen Paok Saloniki.

Plötzlich findet sich Alex Frei also in der Coachingzone der Maladière wieder. Das hätte er sich Mitte der Woche noch nicht träumen lassen, und es hat sich gut getroffen, dass seine Frau mit den Kindern in die Walliser Berge gefahren ist. So kann Frei beim FC Basel vorübergehend den am lebhaftesten verhandelten Trainerstuhl im Schweizer Fussball übernehmen.

In Neuenburg tut er das während der Partie nicht anders wie als Trainer der U18-Junioren des FCB: Er rudert mit den Armen, wenn seine Mannschaft den Ball verliert, er klatscht, wenn ihr eine gute Aktion gelingt, er biegt und spannt seinen Körper, wenn einer in gute Abschlussposition kommt, er fuchtelt mit den Händen, wenn ihm etwas nicht passt oder er formt mit ihnen einen Trichter vor dem kaugummikauenden Mund, um seine Botschaft auf dem Feld verständlich zu machen.

Es sei eben schon etwas anderes als bei einem Juniorenspiel, beschreibt Frei das «besondere Ereignis» seines Super-League-Debüts als Trainer: «Es hat ein paar mehr Zuschauer.» Es sind 12’000, um genau zu sein, die im ausverkauften Stadion sind. Sie sind da, um die Rückkehr von Xamax nach sechs Jahren in der höchsten Liga mitzuerleben, sie sind auch gekommen, um ihrem verstorbenen Ehrenpräsidenten Gilbert Facchinetti mit einer Schweigeminute zu gedenken. Einen Mann, den selbst die Fans des FCB mit einem Transparent («Monsieur Xamax – mit Körper und Geister für den Fussball») würdigen.

Viele Menschen, darunter so zahlreiche Journalisten wie selten an einem nationalen Match, sind auch gekommen, um zu sehen, ob der FC Basel Tritt fasst nach einer Woche, die zu den heftigsten in seinen ständig bewegten Zeiten der letzten Jahre gehört. Der Klub hat am Donnerstag die Reissleine gezogen, Trainer Raphael Wicky entlassen und Alex Frei als Interimscoach präsentiert.

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«Wenn man glaubt, dass ich das plusminus hinbekomme in nächster Zeit», sagt Frei, «dann mache ich das gerne, weil der FCB der Verein meines Herzens ist.» Plusminus – das ist eine angemessene Wertung des Spiels in Neuenburg, ein 1:1, das beide Seiten als verdient empfinden können. Für den FCB ist das Remis nach der Startspielniederlage daheim gegen St. Gallen allerdings zu wenig, um am Horizont schon die Wende ausmachen zu können. «Ein gruusiger 1:0-Sieg», sagt Frei deshalb, «hätte uns ungemein geholfen.»

Frei hat nicht viel Zeit, sich und die Mannschaft auf dieses Spiel einzustellen. Ein Training am Freitagnachmittag, danach die Fahrt an den Neuenburgersee. Er krempelt die Mannschaft um, bringt zwei Stürmer im 4-4-2-System, schiebt Fabian Frei ins Mittelfeld vor, lässt Eder Balanta, dem Kunstrasen nicht gut bekommt, ebenso auf der Bank wie den Ziehsohn Valentin Stocker und Dimitri Oberlin lässt der Trainer ganz zu Hause. «Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen aufgestellt», sagt Frei.

Dem Fünf-Millionen-Transfer Oberlin, vergangenen Mittwoch in Thessaloniki einmal mehr auffällig mit einer ungenügenden Leistung, hat Frei gesagt, was er von ihm erwartet, und macht klar: «Einzelinteressen interessieren nicht. Es zählt nur der Klub.»

Okafors Tor reicht nur für Wenig

Frei setzt den jungen Eray Cümart (20) in der zentralen Verteidigung ein und auf dem linken Flügel den noch jüngeren Noah Okafor (18), der sich bei seinem Startelfdebüt mit dem Tor zum 0:1 bedankt. Frei kennt Okafor bestens, er hat vergangenen Herbst noch in der U18 gespielt, mit der Frei Schweizer Meister geworden ist und der Ausbildner schwärmt: «Er ist ein Talent mit unglaublichem Potenzial.»

Okafors Tor in der 64. Minute, das Endprodukt des besten Basler Angriffs über sechs Stationen (Riveros, Wolfswinkel, Bua, Ajeti, Zuffi), reicht jedoch nicht zum ersten Saisonsieg, weil Blas Riveros bei seiner Kernaufgabe versagt und Raphael Nuzzolo, diesem grandiosen Routinier der Xamaxiens, vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich ermöglicht.

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Es ist eine Phase, in der der FCB ein zweites Tor durch Luca Zuffi verpasst hat und in der Marco Streller den Eindruck gewinnt: «Wir waren nach 70 Minuten kaputt. Es stimmt mich nachdenklich, warum wir physisch nicht so auf der Höhe sind.» Das kann als Kritik an Raphael Wicky ausgelegt werden, will Streller aber nicht so verstanden wissen, und Alex Frei liegt es sowieso fern, einen Kollegen zu kritisieren, zumal er Wicky sehr schätzt.

Fakt ist: Schon hinkt der angeschlagene, nach Form und Verfassung ringende FCB der Konkurrenz fünf Punkte hinterher, aber Alex Frei gibt sich mit dem Wenig zufrieden, auch, weil Jonas Omlin in der Schlussphase zweimal grossartig reagierend noch Schlimmeres verhindert.

«Ich sehe das Unentschieden als Erfolgserlebnis, weil der FCB seit fünf Spielen nicht mehr gewonnen hat und mal wieder in Führung gegangen ist», sagt Frei, «das stimmt mich auch für den Mittwoch zuversichtlich. Das 1:2 gegen Paok noch umzubiegen wird nicht einfach. Es geht darum, die Spieler zu stärken. In schwierigen Phasen muss man den inneren Schweinehund überwinden, muss man Leidenschaft zeigen, doppelt so viel säckeln wie der Gegner, um das Glück auf seine Seite zu zwingen.»

Freis Pläne

Lange wird es Alex Frei im Fanionteam nicht machen. Der Mann, der in seiner Spielerkarriere einen so unnachahmlichen Torriecher besass, hat andere Pläne. Nämlich erst einmal das Trainerdiplom zu erwerben, dass ihm rein formal überhaupt erlaubt, in der Super League eine Mannschaft zu betreuen.

In einer Übergangsphase darf Frei, der vor zwei Wochen 39 Jahre alt geworden ist, derjenige sein, der die Gesamtverantwortung übernimmt. Zur Seite hat ihm der Klub einerseits U16-Trainer Romain Villiger («Er weiss, wie ich ticke und was ich im Training will») sowie das Urgestein Marco Schällibaum gestellt.

Wie er, so besitzt das nötige Papier übrigens auch Co-Trainer Thomas Häberli. Der hat im Sommer das attraktive Angebot ausgeschlagen, beim FC Luzern Chefcoach zu werden, auch, weil er noch enger mit Raphael Wicky arbeiten sollte. Damals sagte Häberli: «Ich habe gerade erst beim FC Basel einen neuen Vertrag bis 2020 unterschrieben, ich kann meinem langjährigen Arbeitgeber jetzt nicht einfach davonlaufen.» Man könnte das loyal nennen. Gibt es auch nicht mehr sehr oft im Business.

Die nächste Aufgabe ist für den FC Basel am Mittwoch, 1. August, (20 Uhr) das Rückspiel in der Champions- League-Qualifikation gegen Paok Saloniki (Hinspiel: 1:2)

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