Einzig der Flug nach Hause ist bei diesem FCB von grosser Klasse

Der FC Basel muss eine der bedeutsamsten Niederlagen der letzten Jahre verarbeiten. Sie gründet in den vielen Umbrüchen der letzten Wochen. Auch Trainer Marcel Koller hält diese für problematisch.

Erklärungsnot beim FC Basel: Ricky van Wolfswinkel, Fabian Frei, Eray Cömert und Albian Ajeti (von links) stehen vor den nach Zypern mitgereisten Fans, die eine Mannschaft mit wenig Biss und Ideen, mit ungenügender Körpersprache und ohne ausreichenden Willen erlebt haben.

Die weisse Farbe von Fabian Freis Sportkleidung passt irgendwie gar nicht, denn vielmehr als unschuldig geht der Basler Captain in Sack und Asche. Frei steht in der Interviewzone des GSP-Stadions in Nikosia und spricht mit ruhiger Stimme überlegte Worte, mit denen er die Geschehnisse erklärt. Dieses blamable Ausscheiden aus dem Europacup gegen ein Team von Apollon Limassol, das für den FC Basel auch an einem schlechten Tag in Reichweite liegen sollte.

«Das ist eine der schlimmsten Niederlagen, die ich miterlebt habe. Es ist schwer, diese Enttäuschung in Worte zu fassen. Ich fühle eine Leere. Wir wissen, dass wir versagt haben.»

Der FC Basel verliert das Rückspiel 0:1 und scheitert nach dem 3:2-Sieg im St.-Jakob-Park wegen der weniger erzielten Auswärtstore an Limassol aus der zypriotischen Liga. Dessen Trainer Sofronis Avgousti setzte im Rückspiel auf eine Startelf, in der neun von elf Spielern über 30 Jahre alt waren. Diese Erfahrung kam den Zyprioten zugute, oder wie Frei es ausdrückt: «Wir brauchen keine Ausreden zu suchen, auch nicht, dass der Gegner dreckig gespielt hat.»

Gegen Ende der Partie spielten die Zyprioten auf Zeit, auch mit unlauteren Mitteln, die zum Ärgernis aller zu diesem Sport dazugehören. Nach jedem Foulspiel lagen die Spieler von Limassol lange auf dem Rasen und liessen so Sekunde um Sekunde verstreichen. Aber statt sich deswegen noch vehementer gegen die Niederlage zu stemmen, standen die Basler mehrheitlich teilnahmslos herum. Die Ernüchterung war komplett, sagt Frei:

«In der Kabine war es sehr, sehr lange ruhig. Jeder ist niedergeschlagen. Jetzt sind Spieler wie ich gefragt. Wir müssen den Jungen helfen und jenen, die hadern. Alles zu hinterfragen ist sicherlich der falsche Weg. Aber es ist auch klar: Das war heute einfach schlecht.»

Der Wille zum Erfolg war an diesem warmen Sommerabend kaum erkennbar, Ideen waren in der Offensive selten zu sehen und die Körpersprache vieler Spieler war mangelhaft. Das mag auch mit der fehlenden Erfahrung zu tun haben. In Nikosia spielte mit Noah Okafor ein 18-Jähriger auf dem Flügel, Trainer Marcel Koller vertraute ihm statt beispielsweise Kevin Bua, der immerhin Erfahrung aus zehn Europacup-Einsätzen hat.

Auch Dimitri Oberlin wäre zur Verfügung gestanden. Der mag nicht in der besten fussballerischen Verfassung seines Lebens sein, aber mit seiner Schnelligkeit hätte er vielleicht etwas ausrichten können gegen ein Team, dessen Startaufstellung ein Durchschnittsalter von 30,7 Jahren aufwies.

18-jährig und ins kalte Wasser der europäischen Wettbewerbe geworfen: Noah Okafor (rechts) erlebt bei seinem ersten Europacup-Einsatz eine der schlimmsten Niederlagen des FC Basel der letzten Jahre.

Nicht mal mehr auf die Bank schaffte es Aldo Kalulu. Der Franzose war aus dem Berater-Portfolio der Degen-Brüder als schneller Spieler verpflichtet worden, als einer, der mit seiner Technik und Agilität den Unterschied machen sollte. Statt seiner sass Afimico Pululu auf der Bank, der zu jener Gruppe junger Spieler gehört, von der die Verantwortlichen Anfang der Saison nicht wussten, zu was sie fähig sein würden.

Pululu war unter Trainer Raphael Wicky nicht mehr zum Zug gekommen und stand in dieser Saison in der Super League bisher gerade mal ein Dutzend Minuten im Einsatz. Vielleicht war er selbst überrascht, dass er es war, der in der letzten Viertelstunde für den Unterschied gegen Limassol hätte sorgen sollen. Überrascht deshalb, weil er zu den Spielern gehört, die in den ersten zwölf Partien der Saison nicht mehr wussten, woran sie sind.

Diese Unsicherheit rührt auch von den mannigfachen Wechseln an der Seitenlinie her, von dieser hausgemachten Inkonstanz. Bereits drei Trainer standen in dieser Saison in der Verantwortung, und sogar Koller selbst sagt: «Das war für die Spieler sicher nicht einfach zu verarbeiten.»

Auch Marcel Koller hadert. Im achten Spiel als Trainer des FC Basel verliert er zum ersten Mal – es ist eine Niederlage mit grosser Bedeutung für den Verein. 

Im Nachhinein ist es unklar, warum die sportliche Leitung zwischen Hin- und Rückspiel in der zweiten Runde der Champions-League-Qualifikation Wicky entliess. Obwohl er sich eingehend mit dem Gegner auseinandergesetzt hatte, musste er U18-Trainer Alex Frei Platz machen. Unter dessen Leitung ging der FCB im Rückspiel gegen Paok Saloniki 0:3 unter, es war der erste grosse Tiefpunkt der Saison 2018/19. Dann kam Koller und das Team hat sich gefangen. Jedenfalls, was die Resultate betrifft. Gegessen war die Sache damit nicht, sagt Frei:

«Wir haben immer gesagt, dass jetzt nicht alles wieder gut ist, nur weil wir sechs Siege aneinandergereiht haben. Denn die Auftritte waren nicht so überzeugend.»

Die sechs Siege in den ersten sechs Spielen unter Koller haben zwischenzeitlich Ruhe in den Verein gebracht. Aber sie haben auch die Schwierigkeiten verdeckt wie ein schöner Teppich einen Boden, der Pflege benötigt.

Auch die Zusammenstellung des Kaders stösst an ihre Grenzen, wenn Stammspieler nicht zur Verfügung stehen. Dem FCB fehlt ein Rechtsverteidiger, der den Ausfall des bisher wenig überzeugenden Silvan Widmer kompensieren würden. Dem FCB fehlt nach der Verletzung von Marek Suchy ein Mann mit Erfahrung in der Innenverteidigung, denn die Ersatzverpflichtung Carlos Zambrano soll vom Trainerstaff erst in der Nationalmannschaftspause den letzten Schliff verpasst bekommen.

Noch nicht bereit: Carlos Zambrano (vorne links) sitzt zusammen mit Blas Riveros auf der Bank. Ins Kader haben es die beiden Südamerikaner nicht geschafft.

Und dem FCB fehlt ein Stürmer. Denn wenn Koller Albian Ajeti eine Pause gönnen will, dann ist Ricky van Wolfswinkel sein erster Ersatz. Doch der Holländer machte seine Sache unter Koller auf dem rechten Flügel so gut, dass er in der Sturmspitze schon fast ein unnötig gespielter Trumpf ist.

Eine Variante, die Lücke in der Spitze zu schliessen, wäre Tomi Juric gewesen. Laut «Blick» hat der Stürmer den Medizincheck in Basel absolviert – und kommt für einen Transfer doch nicht mehr infrage. Sportdirektor Marco Streller bleiben wenige Stunden, das Transferfenster schliesst am 31. August um Mitternacht.

Das Transfergeschäft ist ein Grund, warum Streller nicht in Zypern war. Ebenfalls nicht zugegen war Bernhard Burgener. Der Präsident und Besitzer des FCB ist bei den Auswärtsspielen meistens nicht dabei, da er als vielbeschäftigter Geschäftsmann terminlich auch anders eingespannt ist. Und so reiste der FCB ohne Präsident und ohne Sportdirektor nach Zypern, ohne einen Verwaltungsrat, dafür mit Roland Heri, dem operativen Leiter.

Für Heri und die Vereinsführung geht es in den kommenden Wochen an die Aufarbeitung der Geschehnisse. Und an die Planung der Super League und des Schweizer Cups, der beiden Wettbewerbe, mit denen sich die Basler bis im Sommer 2019 begnügen müssen.

Fabian Frei sagt dazu:

«Das ist Neuland für alle. Man hat sich in Basel daran gewöhnt, dass man international dabei ist. Für uns als Mannschaft ist die Situation schwer, für die Fans auch und für die Verantwortlichen ist es ebenfalls etwas Neues. Aber ich gehe davon aus und bin überzeugt, dass jetzt nicht das Chaos ausbricht. Sondern dass man alles genau analysiert und die richtigen Leute die richtigen Konsequenzen ziehen. Denn eines ist klar: Was in den letzten zehn, fünfzehn Jahren aufgebaut worden ist, wird nicht wegen zwei Spielen komplett hinterfragt.»

Was in den letzten zehn, fünfzehn Jahren aufgebaut worden ist, hat jedoch durchaus Schaden genommen. Die «Marke FC Basel», wie Bernhard Burgener seinen Besitz gerne nennt, muss verkraften, dass sie erstmals seit 15 Jahren nicht in einer Gruppenphase steht. Den Spielern fehlt das Schaufenster für nächste Karriereschritte und der FCB verpasst Einnahmen in tiefer zweistelliger Millionenhöhe, denn auch die Europa League ist finanziell lukrativ geworden.

Während die Young Boys ohne Verlustpunkte an der Tabellenspitze der Super League stehen und sich auf Champions-League-Abende gegen Juventus Turin, Manchester United und den FC Valencia freuen dürfen, bereitet der FCB das Spiel vom Sonntag gegen den FC Thun vor und zwei Wochen später die Cup-Partie gegen den FC Echallens.

Der FC Basel kehrt den europäischen Wettbewerben den Rücken.

Diese Namen sind die neuen Realitäten im Basler Fussball, der dort angekommen ist, wo viele Schweizer Vereine die vergangenen Jahre verbracht haben: auf den Rasen der Schweiz. Ohne Reisen ins Ausland, ohne die Hymnen der europäischen Wettbewerbe, ohne Pressekonferenzen mit «Key-Players», wie die Uefa es nennt, ohne Musik auf Kopfhörern, irgendwo in den Wartehallen europäischer Flughäfen.

Und so verkommt es zur Ironie dieser Geschichte des Scheiterns, dass das Charter-Flugzeug für die vorerst letzte europäische Reise mangels Alternativen ein luxuriöses ist. Nie in den letzten Jahren hatte der FC Basel eine Maschine gemietet, in der alle auf einem gediegenen Ledersitz der ersten Klasse sassen.

Auf diesen Sitzen fliegt der FCB am Freitagnachmittag nach Hause. In Gedanken werden alle beim Scheitern sein. Und vorne, in Reihe zwei, hinter seinen zwei Assistenten sitzend, wird sich Marcel Koller möglicherweise ein Spiel des FC Thun anschauen. Die Arbeit geht dem Trainer nicht aus. Sie beginnt jetzt.

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Konversation

  1. Wenn Herr Burgener als Präsident Wichtigeres als die Unterstützung des FC Basel kennt, muss er dringend zurücktreten und dem Verein die „Marke“ und das AG-Vermögen zurückgeben (Gigu Oeri hat es damals an einen in Zukunft zum Engagement bereiten Präsidenten vermacht!).

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