Gibt es einen gefährlicheren Verteidiger als Michael Lang?

Sein Tor gegen Manchester United hat seinen Bekanntheitsgrad schlagartig vergrössert, und nun legt Michael Lang Spiel um Spiel Tor für Tor nach. Erklären lässt sich eine solche Serie nicht einfach. Der Spieler führt auf Überzeugung aufbauendes Selbstvertrauen ins Feld, und sein Trainer meint lapidar: «An mir liegt es nicht!» 

Ein Tor gibt Selbstvertrauen, das nächste noch mehr und so weiter: Michael Lang, der Mann der Stunde beim FC Basel. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Wer kann sich noch an Graham Alexander erinnern? Die Verteidigerikone, geboren im englischen Coventry und 104-facher Nationalspieler für Schottland? Es dauerte, bis er 2009 im zarten Alter von 38 Jahren im Trikot des Burnley FC sein Debüt in der Premier League gab. Bis dahin hatte er sich bei Scunthorpe United, Luton Town und Preston North End aber schon den Ruf eines soliden, parkettsicheren rechten Aussenverteidigers erworben. Und treffsicher war er obendrein.

Als Alexander im Jahr 2012 41-jährig seine Karriere bei Preston im Nordwesten Englands beendete, standen 977 Spiele und 130 Tore zu Buche. Ein erheblicher Teil davon waren Elfmeter, weshalb er den Titel «spot kick king» trug. Und seither taucht Alexander hier und da in Rankings der torgefährlichsten Verteidiger auf.

Elfmeterkönig: Der Rechtsverteidiger Graham Alexander trifft im September 2009 für den Burnley FC in der Premier League.

Die Argentinier Daniel Passarella, Fernando Hierro oder Laurent Blanc, allesamt kopfballgewaltige Innenverteidiger, dürfen dort nie fehlen. Paul Breitner und Roberto Carlos, die Linksverteidiger, natürlich auch nicht. Und der bekannteste rechte Verteidiger der Gegenwart ist zweifellos der Brasilianer Dani Alves. Der 34-Jährige in Diensten von Paris St-Germain steht bei 712 Spielen mit 48 Toren und 178 Torvorbereitungen.

Gemessen an dieser und an Graham Alexanders Quote ist Michael Lang auf einem guten Weg mit seinen 42 Toren, die er in 326 Wettbewerbspartien für den FC St. Gallen, die Grasshoppers und seit 2015 für den FC Basel erzielt hat. Der Doppelpack am Mittwoch im Schweizer Cup gegen Luzern verziert nun Langs hundertsten Einsatz im rotblauen Trikot jubiläumsgerecht, und das Siegtor gegen Manchester United in der Vorwoche hat ihn auf der ganzen Welt bekannt gemacht.

So ein vielbeachteter Moment schiebt einen Fussballprofi über Nacht im Schaufenster des internationalen Fussballs zu den Auslagen weiter vorne. Beim FC Basel darf man sich darauf einrichten, dass demnächst aus dem Ausland vielleicht jenes Angebot für Lang auf den Tisch flattert, das es im Sommer noch nicht gegeben hatte. Jedenfalls nicht in der Form, wofür Lang in Basel alles hätte stehen und liegen lassen. 

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«Ein Zwischenschritt zu einem kleineren Verein bringt mir nichts», hat er erst unlängst im Interview mit der TagesWoche betont, «aufgrund meiner Situation beim FCB waren die Angebote einfach nicht gut genug, und ich war am 31. August nicht am Boden zerstört, dass es keinen Wechsel gegeben hat.»

Die rekordverdächtige Serie

Auf sich aufmerksam gemacht hat Lang ja nicht erst mit seinem aktuellen Lauf. Auf elf Skorerpunkte (sieben Tore, vier Vorlagen) kam er in seinem ersten Basler Jahr, vergangene Saison waren es stolze 16 Punkte mit neun Toren und sieben Vorbereitungen.

Aber noch nie hat er so von sich reden gemacht wie im November 2017. Sechs Tore in vier Spielen – über eine solche Serie gibt kein statistischer Aussenverteidiger-Vergleich Auskunft, aber sie klingt rekordverdächtig.

Der Moment, der den Bekanntheitsgrad von Michael Lang (ganz links) noch einmal schlagartig verändert: Nach seinem Siegtor gegen Manchester United begraben ihn ausgelassene FCB-Spieler und Sportchef Marco Streller unter einer zusammenbrechenden Werbebande.

Dabei musste Michael Lang eine Durststrecke durchmachen. Erst am 27. September löste er den Knoten. Sein erster Saisontreffer zum 1:0 gegen Benfica war die Ouvertüre zu einer rauschenden Champions-League-Nacht des FC Basel. Nun kommen weitere sechs Lang-Tore innert zwölf Tagen dazu, schöne Tore, wichtige Treffer, die der Mannschaft in drei Wettbewerben Fortschritte gebracht haben.

«Am Anfang der Saison sind solche Bälle nicht reingegangen oder an den Pfosten», sagt Raphael Wicky und ist froh darüber, «dass Michael Lang nun diese Phase hat und der Mannschaft hilft – hinten wie vorne». 

Wicky: «An mir liegt es nicht!»

Erklären kann auch der Trainer des FC Basel das Phänomen Lang nicht. «An mir liegt es nicht», sagt Wicky schmunzelnd, «ich als Trainer mache das Gleiche mit ihm wie zuvor auch.» Langs Rolle auf dem Feld hat sich auch im Vergleich mit den ersten beiden Jahren in Basel unter Urs Fischer nicht verändert. Er geniesst im unter Wicky immer öfter praktizierten System mit dem Dreierabwehrblock höchstens noch mehr offensive Freiheiten. Dann wird aus dem Aussenverteidiger eigentlich ein rechter Mittelfeldspieler, oder fast ein Flügelstürmer.

«Das ist nicht abhängig vom System», sagt Wicky, «sondern von der Raumaufteilung. Wer geht vor? Wer sichert ab? Wie organisieren wir uns, um die defensive Absicherung zu gewährleisten?» Den zentralen Mittelfeldspielern – Luca Zuffi oder Taulant Xhaka, Geoffroy Serey Dié oder Alexander Fransson – kommt dabei genauso Bedeutung bei wie den Innenverteidigern. Und mit dreien in hinterster Linie lässt sich der gewünschte und geforderte Vorwärtsdrang der Aussenverteidiger besser regulieren als mit zweien.

Der junge Abwehrkollege Manuel Akanji hat nach dem Cupmatch am Mittwoch auch über das Tormonster Lang nachgedacht: «Wenn ich es erklären könnte, würde ich es genauso machen. Er ist im richtigen Moment vorne, genauso wie er im richtigen Moment hinten ist. Er macht momentan einfach das Richtige, und es ist ja überhaupt nicht so, dass ich in der Abwehr seinen Job machen muss.»

Wobei: Es gibt da diesen Gegentreffer gegen Luzern, bei dem Michael Lang einen Schuss unhaltbar für Goalie Mirko Salvi mit der Hacke abfälscht. «Das sieht natürlich dumm aus, das hätte ich besser verteidigen können, war aber auch ein bisschen Pech», sagt Lang selbstkritisch.

Die Sache mit der Überzeugung und dem Selbstvertrauen

Aber vorne fallen ihm die Bälle nun reihenweise mit einer Selbstverständlichkeit erst vor die Füsse oder auf den Kopf und von dort ins Tor, die im Fussball nur schwer zu erklären ist. «Es ist ein Vorteil unserer Mannschaft, dass viele Spieler Tore erzielen können», sagt Lang, «da sind schnelle, gefährliche Spieler vorne – und so ist es für mich möglich, auch immer wieder nach vorne in den Sechzehner zu stossen.»

In der Tat hat sich da im Laufe des zweiten Saisonviertel etwas verschoben. Nach der neunten Runde war noch Ricky van Wolfswinkel für mehr als die Hälfte der FCB-Tore verantwortlich. Nun fehlt der Goalgetter nach seinem Mittelfussbruch im Spiel gegen Benfica, und in der Zwischenzeit verteilen sich 45 FCB-Tore auf 14 Spieler.

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«Der positive Lauf lässt sich meistens besser erklären als der negative», sagt Michael Lang, «jeder Sportler weiss, dass manchmal sehr wenig fehlt.» Das Quäntchen Glück und Selbstverständnis, um die Dinge ins Positive zu wenden. Lang schildert das anhand seines ersten Tores am Mittwoch: «Das hat mit Selbstvertrauen zu tun, das ist der entscheidende Faktor. Und mit Überzeugung. Der Überzeugung, den Weg in den Strafraum zu machen, der Glaube daran, dass der Ball dann auch kommt.»

Qualität braucht es dann auch noch, um die Tore zu erzielen. Und dann wirkt es bei Michael Lang derzeit so, als ob Spieler und Ball eine magnetische Wirkung entfalten.

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