Oligarchen und ein unsterblicher Wolfswinkel – was den FC Basel in Arnheim erwartet

Seit acht Jahren wird Vitesse Arnheim von osteuropäischen Machthabern mit Verbindungen nach London gesteuert. Und Ricky van Wolfswinkel kehrt mit dem FC Basel an den Ursprungsort seiner Karriere zurück, wo er sich in den Geschichtsbüchern verewigt hat. 

Es klingt wie eine Verheissung in diesen Tagen: ein Stadion mit Kühlung. In der Tat besitzt das GelreDome-Stadion in Arnheim, wo der FC Basel um die Teilnahme an der Europa League spielt, ein Klimasystem. Das kommt in der Multifunktionsarena allerdings nur bei geschlossenem Dach zum Einsatz. Und das wird kaum der Fall sein am Donnerstag beim Europacup-Spiel von Vitesse gegen den FCB. Auch wenn für den Abend Regen vorhergesagt ist.

Wie heiss es dann zu und her gehen wird, ist eine andere Frage. Die Niederlande befinden sich noch mitten in den Schulferien, mit mindestens 10’000 Zuschauern wird trotzdem gerechnet. Das entspricht der Zahl der Saisonkarten sowie dem Besucherinteresse vor einer Woche, als sich Vitesse gegen die Rumänen aus Viitorul mit 3:1 durchsetzen konnte (Hinspiel 2:2).

Das GelreDome-Stadion ist seit seiner Eröffnung 1998 so etwas wie Segen und Fluch für Vitesse: Damals gefeiert mit seinem 800 Tonnen schweren, schliessbaren Dach und der Rasenfläche in einer 40 Zentimeter tiefen Wanne, (die sich innert fünf Stunden raus an die frische Luft bewegen lässt), war es Vorbild für die weitaus grössere Arena auf Schalke.

Der Link zu Abramovich

Als Vitesse in Geldnot geriet, sprang – nicht zum ersten Mal – die öffentliche Hand ein. Inzwischen gehört der GelreDome, der nach dem Herzogtum Geldern benannt ist, einer Bank in Amsterdam.

Bei Konzerten wie demnächst von Justin Timberlake oder der unvermeidlichen Helene Fischer fasst die Arena 40’000 Menschen. Für Fussballspiele wurde die Kapazität von 34’000 auf knapp 22’000 verknappt. Weil leere Sitze ein störendes Bild abgeben, sind die obersten Reihen mit dunklen Planen abgedeckt. Bei den Ligaspielen von Vitesse ist der Zuschauerschnitt in den letzten sechs Jahren stetig gesunken von knapp 19’000 auf unter 15’000.

Der GelreDome in Arnheim: Für Fussballspiele wurde die Kapazität der Mehrzweckarena auf knapp 22’000 Zuschauer verknappt.

Finanzielle Engpässe kennt Vitesse nicht mehr, seit es als erster niederländischer Profiklub in ausländische Besitzerhand überging. 2010 übernahm der Ex-Profi und frühere georgische Verbandspräsident Merad Jordania – wie es heisst mit Hilfe von Roman Abramovich, dem Besitzer des Chelsea FC.

Reger Spielerstrom zwischen London und Arnheim

Fortan herrschte jedenfalls ein reger Austausch von Spielern zwischen London und Arnheim. Jüngste Beispiele sind der 19-jährige Wunderoffensivmann Mason Mount, der als Leihspieler vergangene Saison 13 Tore und 10 Assists zum sechsten Platz von Vitesse und damit der Qualifikation zur Europa League beisteuerte.

Mount ist wie auch der 22-jährige Innenverteidiger Matt Miazga zurück bei Chelsea, dafür wurden zwei andere Spieler zum Farmteam am Niederrhein rübergeschoben: Zum einen der portugiesische Goalie-Routinier Eduardo (35), der bei Chelsea in den vergangenen zwei Jahren keinen einzigen Match gemacht hat, in Arnheim jedoch sofort die beiden Stammtorhüter verdrängte.

Der neue Trainer von Vitesse und sein Torjäger: Der Russe Leonid Slutski (links) und sein slowenischer Skorer Tim Matavz nach dem Sieg gegen Viitorul.

Dazu kommt der gross gewachsene Innnverteidiger Jake Clarke-Slater (20), der gegen Viitorul den ersten Treffer vorbereitete für den umworbenen Torjäger Tim Matavz. Der 29-jährige Slowene traf letzte Saison 17 Mal.

Russische Besitzer, russischer Trainer

Auch wenn in der jüngsten Startelf noch sieben Spieler standen, die vor drei Monaten den Playoff-Final zur Europacup-Teilnahme gegen Utrecht gewonnen haben, präsentiert sich Vitesse mit einigen Neuerungen. Neun Spieler sind gegangen, zwölf neu hinzugekommen, darunter der dänische Innenverteidiger Rasmus Thelander vom Schweizer Cupsieger FC Zürich.

An der Linie dirigiert mit Leonid Slutski ein Russe als neuer Trainer, was man als folgerichtig ansehen könnte. Denn vom Georgier Jordania übernahm 2013 der unter anderem im Ölgeschäft tätige russische Milliardär Aleksandr Tsjigirinski 99 Prozent des Aktienpakets der 1984 vom Verein abgetrennten Profisektion, der «Stichting Betaald Voetbal».

Seit diesem Frühjahr ist der aus Odessa stammende Ukrainer Valery Oyf, der sein Geld mit Goldminen verdient, Mehrheitseigner. Er sitzt seit zwei Jahren im Aufsichtsrat des Vereins, der wiederum vom deutsch-russischen Unternehmensberater Yevgeny Merkel präsidiert wird.

Allen gemeinsam sind die Verbindungen, die ihnen zu Roman Abramovich nachgesagt werden, und in der Eredivisie ist es kein Geheimnis, dass Vitesse regelmässig zum Rapport in London erscheint. Insgesamt, so wird in der Szene geschätzt, operiert Vitesse mit einem Budget von rund 30 Millionen Euro für den Profibetrieb.

Der 47-jährige Slutski, der 2009 den ZSKA Moskau erstmals in die Champions League führte und 2015 russischer Nationaltrainer wurde, ist seit 2009 der zehnte Coach von Vitesse. Damit liegt die Halbwertszeit eines Vitesse-Trainers noch unter jener des FC Basel, wo Marcel Koller im gleichen Zeitraum der achte ist.

Van Wolfswinkels Tore fürs Geschichtsbuch

Vitesse, ein Jahr vor dem FC Basel gegründet, hat keine grossen Erfolge vorzuweisen, schon gar keinen Meistertitel. Deshalb verbindet sich sehr viel mit dem 30. April 2017 und dem Namen Ricky van Wolfswinkel. Der schoss Vitesse damals mit seinen beiden späten Toren gegen Alkmaar im Endspiel von Rotterdam erstmals zum Pokalsieger.

https://tageswoche.ch/sport/ricky-van-wolfswinkel-aufleben-in-neue-rolle/

Anschliessend war Wolfswinkel für rund vier Millionen Franken der sogenannte Königstransfer des neuen FCB-Sportdirektors Marco Streller. Nach einem komplizierten ersten Jahr in Basel mit einem Mittelfussbruch und einem schweren Stand in einem von Unruhen geprägten Klub kehrt Wolfswinkel nun für einen Abend zu seinem Stammverein heim, bei dem er einen Platz in den Annalen auf ewig sicher hat.

«Total anderer Gegner als Paok»

Wolfswinkel kommt mit breiterer Brust als auch schon zurück in den GelreDome, nachdem er am Samstag bei Marcel Kollers Trainerdebüt den vierten Treffer zum 4:2-Sieg beigesteuert hat. Er hat seinen Basler Teamkollegen erzählt von dem speziellen Stadion in Arnheim, und er sagt über seine ehemalige Mannschaft: «Vitesse spielt eher technisch als physisch. Es ist ein total anderer Gegner als Paok Thessaloniki.»

https://tageswoche.ch/form/interview/ricky-van-wolfswinkel-ich-will-immer-ehrlich-sein/

Ein paar Hinweise deuten bereits auf Slutskis Einfluss hin. Im Hinspiel der zweiten Qualifikationsrunde liess er die Mannschaft, welche die letzte Saison unter dem aus Surinam stammenden Henk Fraser fast ausschliesslich mit drei Stürmern aufgelaufen war, in einem 4-2-3-1-Raster spielen und holte ein wertvolles 2:2-Auswärtsremis.

Im Rückspiel vor eigenem Publikum kehrte er dann zu dem in der holländischen Fussball-DNA verankerten 4-3-3-System zurück. Was die Mannschaft – mit vier neuen Spielern im Vergleich zur Vorsaison in der Startelf – in ein souveränes 3:1 ummünzte.

International auf Rang 176

Erfolgserlebnisse auf der europäischen Ebene waren Vitesse bisher selten beschieden. Im Uefa-Cup erreichte man drei Mal die dritte Runde, wo gegen Sporting Lissabon (1990/91), Real Madrid (1992/93) und Liverpool (2002/03) Endstation war. In der Europa League kam Vitesse nie über die Qualifikation hinaus, ehe sie vergangenes Jahr als Cupsieger direkt qualifiziert wurde. In einer Gruppe mit Lazio Rom, Nizza und Zulte Waregem aus Belgien resultierte allerdings nur ein Sieg (1:0 gegen Nizza) im bedeutungslosen letzten Spiel.

Aus dieser bescheidenen Historie resultiert Platz 176 im Ranking der Uefa, wo der FC Basel auf Platz 18 geführt wird. Aber wahrscheinlich spielt das in der gegenwärtigen Situation keine ausschlaggebende Rolle.

Das Hinspiel  der dritten Qualifikationsrunde zur Europa League zwischen Vitesse Arnheim und dem FC Basel findet an diesem Donnerstag (20 Uhr) in Arnheim statt. Am 16. August folgt das Rückspiel (20 Uhr, St.-Jakob-Park). Teleclub zeigt beide Spiele, das erste im Bezahlbereich und das Rückspiel auf seinem frei empfangbaren Kanal Teleclub Zoom.

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