Tomas Vaclik in Sevilla: Ein Torhüter mit Sternchen

Im Sommer hat der Sevilla FC dem FC Basel Goalie Tomas Vaclik abgekauft. Nun steht der Verein auf dem ersten Tabellenplatz. Dank Vaclik, der in Andalusien in höchsten Tönen gelobt wird. Und auch dank einer Kapriolen schlagenden Primera Divisiòn.

Neue Wahlheimat Sevilla: Tomas Vaclik mit seiner Frau Martina Vaclikova und Töchterchen Nicole Vaclikova auf der Plaza de España.

Den Abend, an dem womöglich etwas Grosses begann, erlebte Tomas Vaclik im Ausnahmezustand. Am Tag zuvor war seine Tochter vom Balkon des ersten Stockwerks gefallen. Der tschechische Nationaltorwart brachte sie in die Notaufnahme und machte die ganze Nacht kein Auge zu. Sein Trainer wollte ihm freigeben. Doch als beruhigende Nachrichten aus der Klinik kamen, entschied sich Vaclik zu spielen.

Er zeigte eine Weltklasseleistung. Die ganze Mannschaft war Weltklasse. Sevilla schlug Real Madrid mit 3:0.

Zwei Wochen ist das her. Heute grüsst das Team von Trainer Pablo Machín nach vier Siegen am Stück von der Tabellenspitze der stärksten Fussball-Liga der Welt. In Machíns 3-5-2-System spielt Sevilla schnellen, effizienten Powerfussball. Wo das Publikum nach drei torlosen Spielen zum Saisonauftakt noch gepfiffen und den Rücktritt des Präsidenten gefordert hatte, herrscht seit dem Sieg am Sonntag gegen Celta Vigo (2:1) die pure Euphorie.

Sinnbild des neuen Sevilla

Vaclik hat daran erheblichen Anteil. Weil von den zwei rotierenden Torhütern Sergio Rico und David Soria keiner überzeugen konnte, entschied sich Sevilla für einen Schnitt auf der seit Jahren debattierten Position. Beide Goalies wurden abgegeben, dafür der 29-jährige Tscheche für sieben Millionen Euro beim FC Basel ausgelöst. 16 Mal stand er seither zwischen den Gestängen und hat jede Debatte verstummen lassen. «Otro partidazo», wieder eine Riesenleistung, konstatiert die Presse nur noch routiniert, Woche für Woche.

«Er ist ein Fussballer mit Sternchen, mit seiner Qualität und seinem Einsatz hat er uns alle für sich gewonnen», sagte Sportdirektor Joaquín Caparros in jener Nacht des Madrid-Spiels, während Vaclik von seinen Teamkollegen eine Standing Ovation in der Umkleidekabine erhielt und Trainer Machín ihn zum Sinnbild des neuen Sevilla erklärte: «Ihr wisst alle das von Tomas, er hat eine furchtbare Nacht hinter sich – und hier ist er.»

Grosser Abend: Tomas Vacliks Hand zuckt heraus – er hält auch diesen Schuss von Gareth Bale, und der Sevilla FC schlägt Real Madrid am 26. September mit 3:0.

Zuletzt stand Sevilla zu diesem Zeitpunkt in der Saison 1945/1946 ganz vorn. Es war das Jahr der bis heute einzigen Meisterschaft des fünfmaligen Europa-League-Champions. Kann sich die Geschichte wiederholen?

Unmöglich, so lange es Real Madrid und den FC Barcelona gibt, hätte man üblicherweise dagegengehalten. Warum nicht?, ist man jetzt geneigt zu sagen. Durch so manche europäische Liga weht in diesem Herbst ein frischer Wind. In Deutschland ist der FC Bayern Tabellensechster, und in Schottland trägt sich geradezu Unglaubliches zu, wo die Glasgower Klubs Celtic und Rangers – seit 1985 gab es keinen anderen Meister – nur Dritter respektive Sechster sind.

Und auch in Spanien gibt es also revolutionäre Umtriebe. Zusammen haben Real (ein Punkt aus den letzten drei Spielen) und Barça (drei aus den letzten vier) seit sieben Partien nicht mehr gewonnen.

Nach dem Handbuch für Underdogs

Aussenseiterfussball triumphiert, das war schon bei der WM so. Kompakt stehen und in ausgesuchten Phasen der Partie durch schnelles Umschalten mutig das Momentum nutzen – es gibt ein klares Underdog-Handbuch, das etwa Deportivo Alavés am Samstag beim 1:0 gegen Madrid buchstabengetreu auf den Platz brachte.

Technisch und taktisch ist in Spanien fast jeder Erstligist auf dem entsprechenden Niveau. Weitere Faktoren lassen hoffen, dass es sich bei der neuen Ausgeglichenheit nicht nur um die Laune eines Spätsommers handelt: Gestiegene Fernsehgelder und die Einführung der Zentralvermarktung ermöglichen der Mittel- und Unterklasse bessere Budgets. Derweil Barça und Madrid ihre bisherige Dampfwalzenstärke verlieren.

Die Katalanen, in den letzten zehn Jahre sieben Mal Meister, haben die Champions League zur Priorität ausgerufen. Diesen Anspruch untermauerte Barça unter der Woche mit einem rauschenden Sieg bei Tottenham (4:2). Der Kater folgte in Gestalt müder Beine am Sonntagabend beim 1:1 in Valencia. Besonders Veteranen, wie der in grotesker Form vom Fehlerteufel besessene Abwehrchef Gerard Piqué und der klobige Mittelstürmer Luis Suárez, scheinen den Dreitagesrhythmus nicht mehr gut wegzustecken. Und nicht mal Messi, Torschütze in Valencia, kann jedes Spiel allein gewinnen.

Die Post-Ronaldo-Depression in Madrid

Zumindest ist er noch da. In Madrid hingegen übertrifft die Post-Ronaldo-Depression selbst die apokalyptischsten Vorhersagen. «El Ausente» (den Abwesenden) nennt ihn der Leitartikler der klubnahen Sportzeitung «As» bloss noch. Er illustriert damit nicht nur die Nostalgie, sondern ironisiert auch die Kommunikationsstrategie des Vereins nach dem Verlust des epochalen Goalgetters und dauerambitionierten Inspirators. Diese erinnerte tatsächlich etwas an die klassischen Worte eines Verkehrspolizisten zu Passanten nach einer Massenkarambolage: «Gehen Sie weiter, es ist nichts passiert.»

Fünf Mal blieb Tomas Vaclik im Tor von Sevilla in den Europacup-Spielen ohne Gegentor, ehe es in Krasnodar eine 1:2-Niederlage setzte.

Aber das ist es halt doch. Etwa vier Spiele wettbewerbsübergreifend ohne Tor – das gab es zuletzt 1985. War anfangs auch noch Pech dabei, ist die Mannschaft mittlerweile so derangiert, dass sie bei Alavés nicht mal mehr Torchancen herausspielte.

Die Hauptschuld trägt wohl die Vereinsführung, die im Sommer lieber das Geld für einen 575 Millionen Euro teuren Umbau des Estadio Santiago Bernabéu hortete, als halbwegs adäquaten Ersatz für Ronaldo und seine 450 Tore in 438 Spielen zu beschaffen. Die Sturmreihe Bale, Benzema und Asensio fällt in Krisenzeiten nur dadurch auf, dass sie nicht auffällt. Ihr Phlegma ist längst notorisch. Bale liess sich zuletzt gar zwei Mal freiwillig auswechseln, ohne dass die Klubärzte irgendeine Blessur feststellten.

Vacliks nächste Bewährungsprobe: Barcelona

Weil der neue Trainer Julen Lopetegui schon jetzt alle klassischen Ausreden aufgebraucht hat – am Wochenende beklagte er ausufernd Verletzungssorgen –, gilt sein Kredit allenfalls noch bis zum Clásico am übernächsten Spieltag in Barcelona. Nach der Länderspielpause muss als erstes Sevilla dort hin.

Für den Tabellenführer und Tomas Vaclik wird es die bisher grösste Probe ihrer vielversprechenden Beziehung.

Das Leistungsprofil von Tomas Vaclik und die Tabelle der Primera Divisiòn

https://tageswoche.ch/sport/der-fcb-verliert-seinen-goalie-und-im-vergleich-zu-yb-jede-menge-erfahrung/

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